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StartseiteEuropa heute"Grüße zur Jahreszeit" statt "Fröhliche Weihnachten"13.12.2006

"Grüße zur Jahreszeit" statt "Fröhliche Weihnachten"

Weihnachten im multikulturellen Großbritannien

In Großbritannien sind in Zeiten der politischen Korrektheit angesichts des nahenden Weihnachtsfests immer mehr Unternehmen bemüht, bloß keinen muslimischen oder buddhistischen Mitarbeiter vor den Kopf zu stoßen - deswegen darf christlicher Adventsschmuck an kaum einem Arbeitsplatz mehr aufgestellt werden. Das und die gesamte Diskussion ruft nun Protest auch bei britischen Kirchenmännern hervor. Über Advent und Christschmuck im vermeintlichen Multi-Kulti-Großbritannien berichtet Ruth Rach.

Das Verschicken von Weihnachtskarten galt  als "urbritisches" Ritual.  (AP Archiv)
Das Verschicken von Weihnachtskarten galt als "urbritisches" Ritual. (AP Archiv)

Zwar handelt es sich eigentlich um eine deutsche Sitte, die Prinz Albert, Köngin Viktorias Gatte im 19 Jahrhundert in Großbritannien einführte, dennoch gilt das Verschicken von Weihnachtskarten inzwischen als "urbritisches" Ritual. Doch Premierminister Tony Blair hat andere Vorstellungen. Auf seiner offiziellen Weihnachtskarten ist lediglich "Seasons Greetings" zu lesen . Wortwörtlich: "Grüße zur Jahreszeit." Jede Anspielung auf das christliche Fest wird vermieden.

Wir leben in einem christlichen Land, aber jetzt dürfen wir den Leuten nicht einmal mehr "Fröhlichen Weihnachten" wünschen, nur damit wir unsere Minderheiten nicht beleidigen, wettert ein Moderator in einer BBC Sendung mit Hörerbeteiligung.

Und wird schnurstracks in seine Grenzen gewiesen...

"Wenn wir schon in einer multikulturellen Gesellschaft leben, dann will ich als Muslime eine "Fröhliches Zuckerfest"-Karte bekommen und genau wie Ihr Christen ein paar Tage frei haben."

Daraufhin geht einer erbosten Hörerin der Hut hoch.

"Aber wir sind doch in England, und wenn dir das nicht passt, da geh dahin wo man dir deine Zuckerfest-Karten schickt. Und überhaupt ist Religion Blodsinn."

Christliche Traditionen seien schon seit geraumer Zeit am Aussterben, klagen die Briten. Auf der Weihnachtsbriefmarke sei das christliche Motiv verschwunden. Im vergangenen Jahr führten nur 44 Prozent der englischen Schulen Krippenspiele auf, in einem Drittel der Schulen ertönte kein einziges Weihnachtslied.

"Kultureller Selbstmord", kommentiert die Times online. "Politische Korrektheit, durchgedreht," schimpft der Bischof von Rochester Michael Nazir Ali:

"Wir wollen ein Christfest mit Christus im Mittelpunkt. Und wenn andere Aspekte hinzukommen, wie Einkaufen und so weiter, dann sei's drum."

Apropos andere Aspekte: Eine Weihnachtsradition hat sich auch in dieses Jahr ungebrochen gehalten: Die Office Party - die Weihnachtsfeier im Büro also, und die hat seit jeher wenig mit "Stille Nacht" zu tun.

"Die Leute gehen aus, nehmen ihre Lieblingssubstanzen zu sich oder trinken bis zur Bewusstlosigkeit. Als nächstes wachen sie daheim auf, und können sich an nichts mehr erinnern."

Wenig verwunderlich, kommentiert Paul Auerbach, Exilamerikaner und Wahlbrite die festlichen Bräuche auf der Insel:

"Die Briten behandeln Weihnachten seit jeher als vorchristliches Winterfest. Die Tage sind extrem kurz, das Wetter ist extrem miserabel - also feiert man eine Riesenparty, um sich ein bisschen aufzumuntern."

Auch in nicht-christlichen Wohngegenden wird Weihnachten keineswegs ignoriert. In Southall, Westlondon wohnen so viele Sikhs, Hindus und Muslime, dass der Stadtteil in "Kleinindien" umgetauft wurde.

Natürlich feiern wir Weihnachten, sagt Baldev Dhokal, ein Sikh. Seine Kinder schmücken den Weihnachtsbaum, bekommen Geschenke, und freuen sich auf den - vegetarischen - Weihnachtsbraten.

Je mehr Feste, desto besser, sagt auch Farouk, ein MoslemX: Er steht in einem Kaufhaus in Southall und sucht sich Dutzende von Weihnachtskarten aus. Viele mit christlichen Botschaften.

"Das ist doch verrückt, ich hab keine Problem damit jemand frohe Weihnachten oder ein frohes Zuckerfest zu wünschen. Wir können doch zusammen feiern auch wenn wir verschiedene Dinge glauben."

Wir feiern Diwali, das Zuckerfest und natürlich Weihnachten, unterstreicht auch Karim, Manager des Pubs "Glassy Junction": Dort sind die meisten Stammkunden Nicht-Christen.

"Wir schmücken den Pub, stellen den Baum auf, verteilen Geschenke - ist doch logisch: schließlich leben wir in England. "

Nur der Weihnachtsbraten geht im Glassy Junction in eine etwas andere Geschmacksrichtung. Statt Roast beef gibt es

"curries..curries, curries"

und auf die traditionelle Ansprache der Köngin wird ebenfalls verzichtet. Erfahrungsgemäß schauen sich die Gäste am ersten Weihnachtsfeiertag lieber Cricket, Fußball, oder einen guten Boxkampf an. Und das tun die christlichen Briten garantiert auch, oder?

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