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StartseiteDeutschland heute"Einfach ein Vertrauensvorschuss"18.09.2014

Grundeinkommen"Einfach ein Vertrauensvorschuss"

Michael Bohmeyer kämpft für das bedingungslose Grundeinkommen. Er gründete einen Verein, sammelte Geld über Crowdfunding - und will ab sofort jeden Monat einer Person 1.000 Euro zur Verfügung stellen. Im DLF sagte er, mit ein bisschen Willen sei das Grundeinkommen auch politisch machbar.

Michael Bohmeyer im Gespräch mit Sabine Demmer

Michael Bohmeyer steht in Berlin in einem Hauseingang. Er schlägt ein Grundeinkommen für alle Bürger vor. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Der Berliner Michael Bohmeyer schlägt ein Grundeinkommen für alle Bürger vor. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Sabine Demmer: Die Piratenpartei will es, die Partei Die Linke diskutiert es und ein Verein aus Berlin probiert es jetzt einfach aus: das bedingungslose Grundeinkommen. Die Idee dahinter: Jeder bekommt eine zum Leben ausreichende Summe und damit soll er machen können, was er will. Der 29-jährige Berliner Michael Bohmeyer gründete einen Verein und sammelte Geld, und nun möchte er 1.000 Euro monatlich an eine Person überweisen, die erst mal nichts weiter tun muss, als Glück zu haben, denn das Experiment soll heute Abend verlost werden. Herr Bohmeyer, kann man sich da noch bewerben?

Michael Bohmeyer: Nein, bewerben kann man sich nicht. Aber es sind schon 1.000 Euro des fünften Grundeinkommens zusammen, Tendenz stark steigend, und ich glaube, in wenigen Wochen oder Monaten werden wir einfach weitere Grundeinkommen auslosen, übrigens einfach auch danach noch weiter. Es wird immer wieder GrundeinkommensempfängerInnen geben, die einfach mal schnuppern können, wie sich das anfühlt.

Demmer: Was musste man denn tun, um an der Verlosung teilzunehmen?

Bohmeyer: Man musste relativ wenig tun. Man musste sich nur anmelden auf einer Online-Community, auf mein-grundeinkommen.de, kurz angeben, was man mit Grundeinkommen tun würde - das kann alles sein -, und dann hat man einfach teilgenommen. Ab da ist es dann wirklich bedingungslos und wird einfach ein Jahr lang ausgezahlt.

Vorhaben öffentlich einsehbar

Demmer: Und was haben die Leute gesagt, die sich bei Ihnen beworben haben? Warum brauchen sie das Geld, fürs Nichtstun, auf der Couch abhängen einfach, oder?

Bohmeyer: Das kann man öffentlich einsehen auf mein-grundeinkommen.de. Ich habe ehrlich gesagt nicht geschafft, alles zu lesen. Außerdem sind es über 50.000 Vorhaben, die die Menschen haben. Die sind aber gruppiert nach dem, was die Leute am häufigsten wollen. Ganz oben ist da momentan, sie würden besser konsumieren; mehr Bio- und Regionalprodukte ist da ganz oben. Und dann ist das Wichtigste eigentlich weniger gestresst weiterarbeiten, sich weiterbilden, eine Firma gründen, das Studium finanzieren und solche Sachen.

"Weit über 90 Prozent sagen, natürlich würde ich weiterarbeiten"

Demmer: Das heißt, die Leute möchten das Geld bekommen, um zu ihrer Arbeit das einfach noch frei ausgeben zu können? Oder wollen sie dann aufhören zu arbeiten? Das kann man ja von tausend Euro nicht wirklich, oder?

Bohmeyer: Es würde mit Grundeinkommen höchst wahrscheinlich fast niemand aufhören zu arbeiten. Es gibt repräsentative Umfragen. Weit über 90 Prozent sagen, natürlich würde ich weiterarbeiten, denn Arbeit ist so viel mehr als nur Broterwerb. Arbeit ist Identifikation, man hat dort seine Kontakte, man hat da Verantwortung. Jeder der das mal probiert hat weiß: Es ist gar nicht so leicht, dauerhaft nichts zu machen, nicht zu arbeiten.

Demmer: Kann es denn sinnvoll sein, jemandem Geld fürs Nichtstun zu schenken? Sie haben zwar gerade gesagt, es wird unwahrscheinlich sein, dass jemand einfach nichts tut. Aber das könnte er ja eigentlich machen. Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen? Was steckt dahinter, purer Altruismus?

Bohmeyer: Nein, das ist nicht purer Altruismus, sondern das ist einfach den Menschen zugewandt. Jeder kennt das von sich selbst. Wenn ich das Gefühl habe, ich mache etwas, weil mir jemand vertraut, ich mache es freiwillig und ich kann auch jederzeit Nein dazu sagen, dann macht es mir viel mehr Spaß. Dann kann ich mich darin verlieren und viel bessere Arbeitsergebnisse erzeugen. Und genau das ist Grundeinkommen großgedacht. Statt immer mit dem Zeigefinger hinter Menschen zu stehen und sie zu bestrafen und für bestimmte Tätigkeiten bedingungsvoll zu belohnen, ist Grundeinkommen einfach ein Vertrauensvorschuss, der sagt, Du bist ein Mensch, Du willst zur Gesellschaft beitragen, wir vertrauen Dir, dass Du weißt, was gut für Dich ist, und das wird im großen Mittel auch für die Gesellschaft gut sein. Ich weiß, dass das sehr schwer ist, sich vorzustellen, weil alles in unserer Welt an Bedingungen geknüpft ist.

Demmer: Absolut!

Bohmeyer: Aber das ist ja gerade das Schöne und das Moderne daran, und deswegen ist es auch so fortschrittlich und deswegen haben wir übrigens auch von allen Parteien, von allen Lagern Konzepte in der Schublade für ein bedingungsloses Grundkommen. Und wenn wir jetzt auch noch anfangen, uns selbst und den anderen dieses Geld zu gönnen, dann könnte es viel schneller gehen als wir denken.

"Viele Studien beweisen, Grundeinkommen ist finanzierbar"

Demmer: Ich versuche, mich da jetzt noch weiter reinzudenken, und frage mich: Wer etwas verteilen will, der muss ja auch etwas zu verteilen haben. Sie haben Ihr Geld jetzt über Crowdfunding gesammelt. Die Piratenpartei beispielsweise fordert, generell das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Das Geld bekommt der Staat ja durch die Steuer und vor allen Dingen über Lohnsteuer. Würden die Menschen nicht mehr arbeiten und nur noch das tun, was sie gerne tun möchten, wie könnte diese Idee denn dann überhaupt finanziert werden?

Bohmeyer: Da würde ich jetzt gleich wieder einhaken und sagen, warum sollten Menschen nicht arbeiten. Bleiben wir doch mal bei uns selbst. Würden wir selbst weiterarbeiten? Vielleicht würden irgendwelche Menschen nicht mehr weiterarbeiten, die heute wahnsinnig schlecht bezahlt sind und die Jobs nur machen, weil sie müssen. Okay, dann müssen diese Jobs entweder besser bezahlt werden, oder sie müssen automatisiert werden, oder die Arbeit muss anders verteilt werden. Das fände ich übrigens total in Ordnung.

Dann gibt es völlig unterschiedliche Konzepte zur Finanzierung. Das reicht von der Konsumsteuer über eine etwas höhere Einkommenssteuer. Da gibt es verschiedenste Modelle, da möchte ich mich gar nicht festlegen. Viele Studien beweisen, Grundeinkommen ist finanzierbar. Übrigens auch von Parteien wie der CDU wird das gesagt - das ist dann ein etwas kleineres Grundeinkommen von sechs bis 800 Euro -, wenn wir einfach nur den Einkommenssteuersatz aus Kohls Zeiten zurückheben würden, und das scheint mir doch im Rahmen des irgendwie Möglichen zu liegen, wenn wir es denn gesellschaftlich wollen, und dafür möchte ich kämpfen.

Demmer: Herr Bohmeyer, wir werden das Projekt weiter verfolgen, gerne in spätestens einem Jahr noch mal mit Ihnen sprechen und nachfragen, was aus der Idee geworden ist. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Bohmeyer: Ich danke auch! Einen schönen Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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