Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteWissenschaft im BrennpunktGrunzen, Tröten, Trällern19.12.2010

Grunzen, Tröten, Trällern

Manuskript zur Sendung

Ein Jahr lang braucht eine junge Nachtigall, bis sie den komplizierten Gesang ihres Vaters gelernt hat. Als Nestling kann sie zunächst nur brabbeln. Auch Elefantenkinder müssen die tieffrequenten, arttypischen Laute ihrer Herde erst mühsam lernen, vermuten Forscher. Doch sie schaffen es, und verfolgen damit eine ähnliche Strategie wie Menschenkinder.

Von Jenny von Sperber

Tiere, hier Eisbärenbaby Knut, können sich auf viele Weisen verständlich machen, doch haben sie auch eine Sprache?  (AP Archiv)
Tiere, hier Eisbärenbaby Knut, können sich auf viele Weisen verständlich machen, doch haben sie auch eine Sprache? (AP Archiv)

"Wir haben jetzt hier drei Elefanten. Das ganz links, die mit den großen Stoßzähnen, das ist die Tonga, die Leitkuh bei uns in der Gruppe. Dann haben wir die Mongu die ist 2003 geboren worden, die Tochter von der Tonga. Und dann haben wir noch die Trumbo."

"Freitag früh im Zoo da ist ja viel los!"

"Na ja es kommen viele Lieferanten, die Elefanten haben auch frische Äste bekommen mit den LKW. Ja, da ist natürlich einiges los. Und jetzt horchen wir mal, ob die Elefanten auch was sagen, ob sie sich untereinander verständigen. So genau kann man es ja nie sagen, weil es gibt auch Laute die sind sehr tieffrequent, die sind für uns Menschen dann sehr schwierig zu hören."

Rumbles nennt man die tieffrequenten Töne, mit denen Elefanten in freier Wildbahn über riesige Distanzen hinweg miteinander Kontakt aufnehmen: Eine Elefantenherde viele Kilometer weiter könnte Tonga und Mongu gut hören.

"Teilweise wenn man nah genug dran ist hört man sie ein bisschen auch, weil da noch Schallanteile auch im hörbaren Bereich dabei sind, die wir Menschen wahrnehmen können."

"Das heißt es könnte sein, dass die sich jetzt grad unterhalten und wir hören es gar nicht?"

"Naja unterhalten! Es könnte sein, dass mal der eine oder andere Laut kommt. Vor allen Dingen vielleicht vom Muttertier dem Jungtier gegenüber, aber obwohl es jetzt so ist: Wenn sie jetzt wirklich die Äste im Mund haben und kauen, dass dann an und für sich auch nicht mit vollem Mund gesprochen wird."

Dr. Angela Stöger-Horvath steht an der Elefanten-Außenanlage im Tiergarten Schönbrunn und hebt ihr großes wuscheliges Richtmikrofon über das Geländer. Mit Hilfe des Computers kann sie später das gesamte Lautspektrum hörbar und sichtbar machen. Angela Stöger-Horvath hat schon Hunderte von Stunden geduldig in Gesellschaft von Elefanten verbracht - im Zoo und in Afrika in freier Wildbahn. Jetzt ist sie dabei, eine Art Elefanten-Wörterbuch zu erstellen.

"Elefanten trompeten, das kennen, glaub’ ich, die meisten, dass die mit dem Rüssel produziert werden die Laute. Dann vor allem die Jungtiere haben bellartige Laute, die schreien auch, das nennt man Roar, das ist ein richtiges Brüllen fast, wenn sie Angst haben oder in Stressituationen sind. Ganz, ganz kleine Elefanten machen so grunzartige Laute, kurz nachdem sie auf die Welt gekommen sind. So für zwei, drei, vier Wochen, das hört dann wieder auf. Und dann eben bei adulten Elefanten zu 90 Prozent diese Infraschalllaute. Also in Afrika die Tiere sind eigentlich ständig am Rumblen. Also diese tieffrequenten Infraschalllaute. Die müssen halt ständig die Gruppe koordinieren, die Jungtiere zusammenhalten und die marschieren sehr viel, um Futterstellen und Wasser zu finden. Da gibt’s viel zu reden."

Bestimmte Laute ganz konkreten Inhalten zuordnen, das ist ihr bisher noch nicht gelungen. Klar ist aber: Die Lautäußerungen der Elefanten sind wichtig für das enge soziale Zusammenleben der Tiere. Besonders redefreudig sind übrigens auch bei den Elefanten die Weibchen, denn die leben in größeren sozialen Gruppen. Es geht also um Kommunikation. Bleibt die Frage: Ist das Trompeten, das Grunzen und Rumblen deswegen schon eine "Sprache"?

"Als Kind habe ich immer davon geträumt, die Sprache von Tieren zu lernen. Ich wollte mit Schimpansen oder Delphinen sprechen können."

Auch der amerikanische Professor für Kognitionsbiologie, Tecumseh Fitch von der Universität Wien, untersucht seit Jahrzehnten die Lautäußerungen von Tieren.

"Wir hatten früher eine Katze, die irgendwann plötzlich verschwunden ist. Damals war sie noch eine große, dicke, gesunde Katze. Aber als sie dann zurückkam, zu unserem Haus raufgelaufen kam, da war sie total abgemagert, fast verhungert. Ihre Krallen waren komplett abgenutzt, die Füße blutig. Ich bin mir sicher, die Katze wußte, was mit ihr passiert war. Aber wir werden das nie erfahren. Und genau das ist es: Wir würden alle gerne mit unseren Tieren sprechen können, um ihre Geschichten zu hören."

Ob Katzen oder Hunde, Elefanten oder Wale: Die meisten Tiere äußern sich akustisch und in vielen Fällen sind ihre Lautäußerungen weitaus komplexer als man lange dachte. Beim Menschen wird die Sprache in unterschiedliche Komponenten eingeteilt: Aussprache zum Beispiel, oder Zeichen. Diese mit Bedeutung beladen. Auch Satzbau und Grammatik gehören dazu. Und natürlich als Grundvoraussetzung: Kognition, das Denken an sich. Tecumseh Fitch:

"Ich glaube, dass unsere Fähigkeit, Sinngehalt durch Sprache auszudrücken, darauf beruht, dass wir überhaupt Gedanken haben. Im Grunde darauf, dass wir in einer kognitiven Welt leben, also Gefühle, Gedanken, Wünsche und Meinungen haben und uns dessen bewusst sind. Alle Daten, die wir bisher über das Denken von Tieren haben, zeigen deutlich, dass auch sie eine ziemlich hochentwickelte Kognition haben. Und damit meine ich Hunde und Katzen, genauso wie Schimpansen, Papageien oder Raben."

Die kognitiven Voraussetzungen für Sprache haben sehr viele Tiere. Doch während Menschen Gedanken und Ideen aussprechen, tut dies ein Affe nicht - egal wie lange man versucht, es ihm beizubringen. Ein gutes Beispiel dafür ist der berühmte Bonobo-Affe Kanzi, der in einer amerikanischen Forschungsstation für Menschenaffen in Iowa lebt. Fitch:

"Kanzi kann mit Gesten oder über eine Tastatur mit Hunderten von Symbolen ziemlich hochentwickelte Konversation betreiben. Er kann auch ziemlich gut gesprochenes Englisch verstehen. Aber seine Fähigkeit Englisch zu sprechen ist praktisch gleich Null."

Lange Zeit glaubte man, die Fähigkeit zu sprechen liege in den einzigartigen anatomischen Voraussetzungen des Menschen begründet: in seinem gesenkten Kehlkopf. Den haben Menschenaffen nämlich nicht. Während der letzten Jahre aber entdeckten Tecumseh Fitch und seine Kollegen immer mehr Tiere mit gesenktem Kehlkopf.

"Die ersten Arten, die wir entdeckt haben, waren Rotwild und Damwild. Heute wissen wir, dass Großkatzen wie Löwen, Tiger und Jaguare oder mongolische Gazellen und Koalas – also ziemlich viele Arten, die sich unabhängig von uns entwickelten – auch einen gesenkten Kehlkopf besitzen."

Das Sonderbare daran: Keines dieser Tiere kann sprechen wie der Mensch. Die Sprache kann also nicht der Grund dafür sein, dass Hirsche oder Löwen einen dauerhaft gesenkten Kehlkopf entwickelt haben. Fitch vermutet, dass sie vielmehr größer klingen wollten, als sie eigentlich sind, und demonstriert den Effekt:

"Wenn ich so: 'Hallo' sage, mit zurückgezogenen Lippen, oder so: 'Hallo' mit vorgeschobenen Lippen, dann verändere ich die Formantfrequenz über meinen Vokaltrakt. Und tatsächlich sind genau diese Frequenzen ein Hinweis auf Körpergröße."

Während der Pubertät senkt sich der Kehlkopf bei männlichen Individuen noch einmal, beim Menschen genauso wie beim Rotwild. Ein weiteres Indiz, so Fitch:

"Ich halte es für sehr plausibel, dass sich der Kehlkopf von frühen Hominiden irgendwann nach der Trennung von Mensch und Schimpanse - also während der letzten sechs Millionen Jahre - dass er sich ursprünglich aus den gleichen Gründen senkte wie bei Koalas und Löwen: Nämlich um einen Eindruck von Größe zu vermitteln. Und erst später in der Evolution, als es die Sprache schon zu einem gewissen Grad gab, kam diese Anpassung der menschlichen Sprache zugute."

Ebenso wie der gesenkte Kehlkopf könnten auch andere Bedingungen von Sprache ursprünglich anderen evolutionären Zwecken gedient haben. Der Mensch hätte sich demnach irgendwann seiner sowieso vorhandenen Fertigkeiten bedient und daraus eine Sprache entwickelt. Könnte es sein, dass sich ähnliches auch bei Tieren abgespielt hat? Tatsache ist, dass es Tiere gibt, die Worte aussprechen können. Da ist zum Beispiel der Seehund Hover aus Amerika, der bei einem Fischerehepaar großgeworden ist:

"Hey, hey, hey! Come over here!"

Hover kann "Hey! Come over here” sagen: "Komm mal hier rüber!"

"Hey, come over here! Ha ha ha!"

Hover kann Englisch. Aber spricht Hover eine Sprache? Tecumseh Fitch:

"Wir haben keinerlei Beweis dafür, dass Hover irgendeine Vorstellung von Substantiven, Verben oder von Bedeutung hat. Er wiederholt einfach gehörte Laute. Er hätte ebenso gut lernen können, eine Melodie zu pfeifen oder irgendwelchen Quatsch wie Iniminimjuuur. Für Hover waren das nichts als komplizierte Töne."

Hover hat zwar eine akzeptable Aussprache, aber ihm fehlt eine andere wichtige Komponente, die Sprache ausmacht: Die Semantik. Hovers Englisch hat keine Bedeutung. Es besteht keine Verbindung zwischen seinen Worten und seinen Gedanken oder Intentionen.

"Hey, hey, hey! Come over here!"

Zurück zum Elefantengehege, wo Angela Stöger-Horvath noch immer geduldig ihr Mikrophon auf die drei kauenden Riesen richtet.

"Ja wenn sie fressen, dann reden sie nicht!"

Trotzdem ist sie jederzeit auf eine Überraschung gefasst.

"Elefanten lassen sich immer wieder neue Laute einfallen. Vor allem im Zoo ist das häufig. Wenn aus irgendeinem Grund Langeweile aufkommt, habe ich das jetzt schon häufiger gesehen, dass die sozusagen lustige Laute machen. Die Jungtiere zum Beispiel die bewusst die Luft so aus dem Rüssel rauspressen und den Rüssel winden und so Laute erzeugen, mit denen sie wirklich spielen und schauen: Was kriegt man da noch raus, je mehr man den Rüssel windet?! Oder eben Knattergeräusche, die auf unterschiedlichste Art und Weise produziert werden."

Die größte Überraschung erlebte die Bioakustikerin, als sie mit ihrem Mikrofon im Zoo von Basel auf der Lauer lag, in Hörweite eines großen Afrikanischen Elefantenbullen. Der begann nämlich plötzlich zu tschirpen, wie es eigentlich nur Asiatische Elefanten tun.

"Da war ich sehr überrascht. Aber dann haben wir nachgeforscht und erfahren, dass der mit Asiatischen Elefanten gelebt hat und deshalb diese Laute produziert. Aber im ersten Moment hab’ ich gedacht: Hallo?"

Eine spannende Entdeckung, denn sie zeigt: Auch Elefanten kennen Dialekte. Und sie können andere Elefantenarten imitieren! Die Fähigkeit zu imitieren interessiert die Forscher deswegen so sehr, weil die meisten Lautäußerungen Tieren angeboren sind. Stöger:

"Also Jungtiere kombinieren sehr viele Laute, was man bei Adulten eher weniger feststellen kann. Sie hängen die Laute einfach aneinander, wenn sie aufgeregt sind. Das kommt nur bei Jungtieren vor – Tatsache ist, dass sie flexibler sind in ihrem Repertoire und das ist auch etwas, was für vokale Lerner typisch ist."

Zwar kommen Elefantenbabies mit dem größten Teil ihres Repertoires schon zur Welt, es könnte aber sein, dass sie gewisse herden- oder familientypische Rumbles erst später lernen. Interessant ist vor allem die Frage, warum sie das können. Was befähigt Elefanten zum Imitieren von Lauten? Und welchen Vorteil ziehen sie daraus? Gibt es gar Gemeinsamkeiten mit dem Menschen? Stöger:

"Ein Aspekt, der gerade in Diskussion steht, dass wir in Gruppen zusammen leben, aber uns dann doch wieder auftrennen. Wir müssen uns wiedererkennen, das ist für uns wichtig. Wir erkennen sofort, wenn einer aus einem anderen Bundesland kommt . Das ist bei Elefanten auch so. Die erkennen auch sofort, ob das ein Tier ist, das aus der Nähe ist oder aus einer komplett anderen Region kommt. Das ist bei Elefanten sehr wichtig und das ist bei uns auch wichtig, dass wir erkennen: Kommt der aus unserer Region oder ist der von irgendwo anders her. Und das ist etwas, was wir mit den Elefanten gemeinsam haben, dieses fließende Sozialsystem. Man trifft sich, man geht auseinander, man muss sich erkennen auch anhand der Laute."

In der Innenanlage des Tiergartens stehen seit kurzem zwei neue Elefanten. Sie sind aus Wuppertal. Die Bioakustikerin möchte dokumentieren, wie sich die Lautäußerungen der Wuppertaler möglicherweise an die der drei Wiener Elefanten angleichen werden, sobald sie sich die Anlage teilen und eine gemeinsame Gruppe bilden. Wenn es darum geht, sogenannte vokale Lerner im Tierreich zu finden, dann sind die vielleicht erstaunlichsten Wale, Delfine und Vögel. Denn sie imitieren nicht nur, was sie hören, sie können aus dem Gelernten auch ihren ganz eigenen Gesang entwickeln. Und der wiederum transportiert wichtige Informationen zu ihren Artgenossen. Tecumseh Fitch ist besonders beeindruckt von den Fähigkeiten der Singvögel, die erst in den letzten Jahren entdeckt wurden:

"Singvögel können alle Männchen um sie rum anhand des Gesangs erkennen. Sie wissen: Ah, das ist John und das da ist Fred und das ist Bob. Und der Gesang dahinten, den kenn ich nicht, das ist ein Fremder, den werd ich jetzt verjagen. Das ist etwas sehr Seltenes bei den Tieren. Wir wissen zwar, dass Menschen das können, aber es gibt keine Menschenaffen, die Laute von ihrer Umgebung lernen und selbst reproduzieren. Menschen sind also einzigartig unter den Primaten, aber es gibt mindestens drei Vogelgruppen, die das können: Singvögel, Kolibris und Papageien."

Mit den Singvögeln beschäftigt sich auch Dr. Henrik Brumm vom Max Planck Institut für Ornithologie in Seewiesen. Das Institut liegt mitten in grüner oberbayerischer Landschaft, ein gutes Stück hinter dem Starnberger See. Die Gebäude sind umrundet von Wald und Wiesen und hinter ihnen glitzert ein kleiner See in der Sonne, auf dem der Verhaltensforscher Konrad Lorenz seine berühmten Gänse großzog. Damals hatte die Wissenschaft gerade erst entdeckt, dass Vögel ihren Gesang erst lernen. Wie kompliziert das aber ist, ahnte man nicht, erzählt Dr. Henrik Brumm:

"Das ist teilweise ein sehr langwieriger Prozess, genauso wie das Sprechenlernen beim Menschen. Und hier bei unseren einheimischen Vögeln zieht sich das ein Jahr hin. Also die Tiere schlüpfen, und die hören dann im Nest den Gesang ihrer Artgenossen, vor allem den Gesang ihrer Väter. Und das merken die sich. Und dann mehrere Wochen oder sogar Monate später fangen sie selber an zu singen. Aber sie können das nicht von einem Tag auf den anderen, die sind nicht perfekt, sondern wie Menschenkinder auch fangen die Vögel erstmal an zu brabbeln. Und produzieren so einen Jugendgesang. Und auch das ist ein Prozess von vielen Wochen bis hin zu Monaten, bis die soweit sind, dass sich aus diesem Jugendgesang der Adultgesang herauskristallisiert."

Eine ganz besonders bemerkenswerte Leistung vollbringt die Nachtigall. Bis zu 200 verschiedene Strophen hat ein Nachtigallmännchen in seinem Gesangsrepertoire. Und jede dieser Strophen besteht aus vielen Hundert verschiedenen Noten. Und noch etwas macht den Vogelgesang kompliziert: die Lautproduktion. Brumm:

"Die Vögel haben keine Stimmbänder am Kehlkopf, sondern die haben ein anderes Organ, die sogenannte Syrinx, die funktional ähnlich aufgebaut ist wie der menschliche Kehlkopf. Statt der Stimmbänder schwingt bei den Vögeln eine elastische Membran in der Syrinx, und die Syrinx ist ein bisschen komplizierter aufgebaut als der menschliche Kehlkopf. Die Syrinx hat nämlich zwei Seiten und die können unabhängig voneinander angesteuert werden. Das heißt die Vögel können gleichzeitig zwei verschiedene Töne produzieren, was wir Menschen nicht können. Die können auch zwischen den Seiten hin- und herschalten. Und das führt dazu, dass die Vögel eben solche extrem komplexen Lautäußerungen hervorbringen können, die kein anderes Tier hervorbringen kann."

Henrik Brumm hat ein Nachtigallmännchen beim Lernen seines schwierigen Gesangs begleitet und die einzelnen Entwicklungsstufen aufgezeichnet. Die ersten Versuche klangen so. Im Alter von 40 Wochen kristallisierte sich langsam eine Art Gesang heraus. Und schließlich sang das Tier perfekt nach dem Vorbild seines Vaters, dem es als Nestling gut zugehört hatte. Bei der Nachtigall spielt die richtige Reihenfolge der Strophenteile eine ganz wichtige Rolle. Vertauscht man sie und spielt sie den Tieren dann vor, so erkennen sie die Melodie nicht unbedingt als Nachtigallengesang wieder. Man könnte also sagen, der Gesang folgt einem bestimmten Aufbau. Könnte man vielleicht sogar sagen: einer Art Satzbau? Das würde bedeuten, der Gesang der Singvögel erfüllte ein weiteres wichtiges Kriterium von Sprache: die Syntax. Auch hier stellt sich wieder die Frage, warum sich der Vogelgesang und der schwierige Lernprozess so entwickelt haben: Welche Vorteile hat ein Vogel davon, fehlerfrei, kompliziert und ausdauernd zu trällern? Henrik Brumm:

"Was ganz wichtig ist: Wie gut sind die Tiere ernährt? In was für einer Kondition sind die Tiere? Grundlage vom Gesangslernen ist das Gedächtnis, weil die Tiere sich diese ganzen Lautmusterfolgen alle merken müssen. Das Gehirn verbraucht sehr viel Energie. Das heißt je schlechter es ernährt ist desto größer sind auch die Defizite in der Gehirnentwicklung. Und das schlägt sich dann auch später im Gesang nieder."

Der beste Sänger ist also vermutlich auch der stärkste und somit der attraktivste für Singvogelweibchen. Brumm:

"Tiere, die besser singen, werden von den Weibchen bevorzugt, darin kommt die sexuelle Selektion ins Spiel. Und diese Tiere geben ihre Gene bevorzugt weiter. Die, die für Weibchen unattraktiv sind, die vermehren sich nicht."

Mit Hilfe eines Experiments wollten Brumm und seine Kollegen klären, ob auch die Lautstärke des Gesangs eine Rolle bei der Wahl der Weibchen spielt. Schon auf der Kellertreppe des Institutsgebäudes klingt einem das Gezwitscher der Versuchstiere ins Ohr.

"Wir haben Weibchen getestet und sie im Experiment gefragt, was sie möchten: lauten oder leisen Gesang. Oder gar keinen."

Per Tastendruck konnten sich die Zebrafinkenweibchen selbst lauten oder leisen Gesang vorspielen. Die Weibchen wählten täglich bis zu 100 Mal den lauten Gesang. Lauter Gesang scheint also ebenso attraktiv zu sein wie komplizierter Gesang. Bleibt die Frage, ob sich die lauten Sänger tatsächlich auch besser fortpflanzen. Die Testweibchen durften unter allen 61 verfügbaren Männchen frei wählen. Brumm:

"Zum Beispiel das Tier da oben, von dem wissen wir, dass es besonders laut singen kann und sind jetzt sehr gespannt, ob dieses Männchen, das besonders laut singt, auch mehr Nachkommen hat, mehr Erfolg hatte bei den Weibchen."

Mittlerweile sind die Nachkommen geschlüpft und es stehen eine ganze Menge Vaterschaftstests an. Einfach die Eier in den verschiedenen Nestern der Zebrafinkenpaare zählen reicht nicht, denn bei Zebrafinken kann man sich nie ganz sicher sein, ob die brütenden Männchen auch die leiblichen Väter der Nestlinge sind. Noch sind die Vaterschaftstests nicht abgeschlossen, aber die Vermutung liegt nahe: Durch besonders lautes und komplexes Singen können sich die Zebrafinken als gesunde Vögel präsentieren und viele Nachkommen zeugen. Ähnlich wie der gesenkte Kehlkopf hätte sich auch das Imitieren von kompliziertem und lautem Gesang nicht entwickelt, um Sprache zu ermöglichen, sondern diente ursprünglich anderen Zwecken. Nämlich der Partnerwahl. Der Blick auf die Lautäußerungen der Tiere hat sich in den letzten Jahren verändert. Anstatt das Grunzen, Trällern und Trompeten weiter am hochentwickelten Sprachvermögen des Menschen zu messen, versuchen Forscher sich den Tieren unvoreingenommen zu nähern und immer wieder werden sie dabei überrascht. Gleichzeitig helfen die neuen Befunde, die menschliche Sprachentwicklung besser zu verstehen. Noch einmal der Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch:

"Für mich ist der wichtigste Punkt der: Es ist nicht, so wie man lange Zeit dachte, dass eine einzige Erklärung dazu führte, dass die Sprache entstand. Man sagte zum Beispiel: Werkzeugbau führte dazu, dass die Sprache entstand. Oder die Jagd. Der Mensch musste die Jagd koordinieren. So einfach kann es nicht gewesen sein."

Alle neuesten Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass es ganz unabhängige Entwicklungen waren, die schließlich zur menschlichen Sprache führten. Und jede dieser Entwicklungen lässt sich irgendwo im Tierreich finden: Die Aussprache bei Hover, dem Seehund. Verständnis für die Bedeutung von Zeichen bei Kanzi, dem Bonobo-Affen. Eine Art von Satzbau und individuelles Lernen bei den Singvögeln. Bleibt nur noch die Frage, ob es neben Homo sapiens auch Tiere gibt, die all diese Sprachbausteine kombinieren? Lange lehnte die Wissenschaft diese Vermutung strikt ab. Die Grenze zur menschlichen Sprache schien klar: Tierlaute vermittelten nur Informationen über den inneren Gemütszustand der Tiere, nicht über äußere Fakten wie etwa die Leistung einer Energiesparlampe oder über Quantenphysik. Fitch:

"Ein Hund, der winselt zum Beispiel. Sagen wir mal er ist in einem Auto eingeschlossen und macht huuhuuuu. So. Jeder kann hören: Dieser Hund ist wahrscheinlich unglücklich, er will irgendwas, er ist nicht aggressiv, sondern eher unterwürfig. Wohingegen ich auch sofort hören kann, wenn der Hund plötzlich so grrrggghghrrrr macht, dass er jetzt schlechte Laune hat und mich vielleicht beißt."

Doch nun wackelt auch diese These. Seit einigen Jahren liefern Forscher erstaunliche Belege dafür, dass Tiere sehr wohl konkrete Informationen über ihre Umwelt weitergeben können: Kleine Affen, die der Biologe Klaus Zuberbühler von der Universität St. Andrews in Schottland untersucht hat, warnen zum Beispiel mit zwei Alarmrufen vor Feinden. Nähert sich ein Leopard, rufen sie. Nähert sich hingegen ein Adler, rufen sie so. Könnte man also sagen: Die Weißnasenmeerkatzen haben zwei abstrakte Wörter für Leopard und für Affe entwickelt. Fitch argumentiert dagegen:

"Von den meisten Arten wissen wir, dass ihre Alarmrufe angeboren sind. Das steckt in denen drin, genauso wie es in einem menschlichen Baby drinsteckt zu weinen. Dem Baby muss ja auch keiner beibringen, wie man weint."

Trotzdem können diese Äffchen etwas ganz Besonderes: Sie können ihre wenigen angeborenen Laute kombinieren und dadurch neue Bedeutungen schaffen. Eine Kombination der eben gehörten Alarmrufe wird angestimmt, wenn sich die Gruppe weiterbewegt. Ist das eine Art Satzbau, also Syntax? Sind diese Rufe ein Schritt in Richtung echter Sprache? Vielleicht ein kleiner. Dagegen spricht lediglich, dass die Äffchen auch dann noch fleißig weiter ihre Alarmrufe brüllen, wenn sich längst alle in Sicherheit gebracht haben und es demnach gar keinen Grund mehr für den Lärm gibt. Tiere kommunizieren sehr viel komplexer, als wir bisher geglaubt haben. Und wichtige Teile der menschlichen Sprache sind im Tierreich wiederzufinden. Alle Komponenten gemeinsam jedoch – also Aussprache oder Zeichen und die Verknüpfung der Worte mit Bedeutung und Satzbau, das wurde bisher im Tierreich nicht entdeckt. Hinzu kommt, dass Menschen Sprache nicht nur für die Informationsübermittlung, sondern auch als unerlässliches Werkzeug für das Denken einsetzen. Tecumseh Fitch:

"Ich würde sagen, Sprache ist ein System, das freie Äußerungen einer unbeschränkten Vielfalt an Gedanken ermöglicht. Diese Definition ist an sich nicht auf Menschen beschränkt. Im Prinzip könnten wir schon morgen ein Tier finden, das das kann."

Aber das ist doch eher unwahrscheinlich, selbst unter den talentierten Singvögeln, findet auch der Ornithologe Henrik Brumm:

"Das würde ja bedeuten: die Vögel denken in Gesang. Und die haben eine Auseinandersetzung mit der Umwelt in Form von Gesang. Das ist sehr unwahrscheinlich. Nichtsdestotrotz sind Kommunikationsformen der Tiere extrem komplex und viel weniger eingeschränkt als man das immer gedacht hat."

Muss Tecumseh Fitch seinen Kindheitstraum also begraben? Tiere hätten viel zu erzählen, allzu gerne hätte er sich mit ihnen unterhalten: mit seiner ausgehungerten Katze, die mit blutenden Pfoten nach Hause kam, oder mit den Zugvögeln auf ihren langen Reisen. Und so träumt der Tiersprachenexperte weiter:

"Vielleicht werden wir in 100 Jahren sprechende Hunde machen können. Ich glaube nicht, dass das so abwegig ist. Mit Hilfe der Neurowissenschaft und Genetik wird es tatsächlich denkbar, Tiere genetisch so zu modifizieren, dass sie auch per Sprache kommunizieren. Ich weiß allerdings nicht, ob das gut oder schlecht ist. Wer weiß, was sie uns sagen würden? Vielleicht würden sie nur immer wieder: 'Gib mir was zu fressen!' sagen."

Angela Stöger-Horvath im Wiener Zoo ist jedenfalls ganz froh, dass ihre Elefanten keine echte Sprache sprechen und ihre Gedanken nicht sprachlich ausdrücken können. Besonders dann, wenn sie schlechte Laune haben...

"Wenn Elefanten ein bisschen bösartig sind und sich Steine mitnehmen ins Innengehege, um die dann nach Steinen zu schmeißen. Ist mir auch schon passiert bei einem Elefantenbullen, der sich gezielt Steine von der Außenanlage geholt hat und sich die dann immer näher geholt hat und dann haben die Pfleger gesagt: Jetzt muss man aufpassen, jetzt schmeißt er die dann. Ha, ha!"

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