Interview / Archiv /

Güldner: Nicht Hals über Kopf aus der Atomenergie aussteigen

Deutsches Atomforum fordert Ausstieg mit Augenmaß

Ralf Güldner im Gespräch mit Nadine Lindner

Wann werden alle Atomkraftwerke abgeschaltet sein.
Wann werden alle Atomkraftwerke abgeschaltet sein. (Frank Grotelüschen)

"Deutschland als wichtigstes Industrieland in Europa darf nicht zu einem Stressfaktor für das europäische Stromnetz werden", sagt der Präsidenten des Atomforums Ralf Güldner. Bis 2025 werde man mit Sicherheit die Kernenergie brauchen, sonst sei eine sichere Stromversorgung gefährdet.

Silvia Engels: Gestern hat die Reaktorsicherheitskommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Das Gremium hatte nach der Atomkatastrophe von Fukushima noch einmal den Sicherheitsstand deutscher Atomkraftwerke zu überprüfen. Dabei wurde beanstandet, dass kein AKW in Deutschland gegen den Absturz eines größeren Verkehrsflugzeuges tatsächlich gefeit ist. – Über den Bericht sprach meine Kollegin Nadine Lindner gestern mit Ralf Güldner, dem Präsidenten des Deutschen Atomforums. Das ist der Interessensverband der Atomindustrie. Wie geht er mit dem Ergebnis um?

Ralf Güldner: Man hat hier sogenannte Sicherheitslevels eingezogen, wobei das niedrigste Level war ja schon Erfüllen aller Anforderungen, die wir haben, und die Level zwei und drei waren ja dann schon so aufgebaut, dass die jetzt gültigen Anforderungen übererfüllt oder deutlich übererfüllt werden, und jetzt wird darüber gesprochen, dass keine Anlage das Level drei erreicht hat. Ich meine, wenn wir irgendwo in den Kriterien zwischen den Leveln zwei und drei sind, dann heißt das doch auch schon, dass wir deutliche Auslegungsreserven gegenüber dem, was rein rechtlich bisher gefordert war, in unseren Anlagen haben.

Nadine Lindner: Die Aussage des Berichts ist ja relativ zwiespältig. Da heißt es, die deutschen Reaktoren sind insgesamt relativ sicher, aber keiner von ihnen erfüllt den höchsten Sicherheitsstandard. Das ist ja sehr schwammig, zumal sich ja auch Bundesminister Röttgen dafür eine gewisse Wegweisung für seine Ausstiegsszenarien erhofft.

Güldner: Na ja, Herr Röttgen hat aber, glaube ich, die Ergebnisse in einem Zitat zusammengefasst, indem er gesagt hat, die Ergebnisse dieser Untersuchungen bedeuten nicht, dass wir jetzt Hals über Kopf aus der Kernenergie aussteigen müssen.

Lindner: Ja. Aber er hält ja trotzdem an dem Ausstiegswillen fest.

Güldner: Ja! Wir haben auch schon mit dem Energiekonzept der Bundesregierung, wie es 2010 veröffentlicht wurde, einen gesellschaftlichen Konsens erreicht, dass wir die Nutzung der Kernenergie in Deutschland mit dem Abschalten der jetzt im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke beenden wollen. Damals ist ein etwas längerer Zeithorizont aufgespannt worden, der sicherlich vernünftig war, wenn man betrachtet, was wir denn bei dem Umstieg an Umorganisation der Energieversorgung hier erreichen müssen, wenn wir auf Erneuerbare umsteigen wollen. Wir brauchen entsprechende Leitungssysteme, wir brauchen Speichersysteme, wir müssen die gesamte Energieversorgung auf neue Beine stellen, und da hat man mit diesem Energiekonzept 2010 einen etwas längeren Fahrplan hier aufgebaut.

Jetzt wird man auch unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Reaktorsicherheitskommission, auch unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Ethikkommission, die wir Ende des Monats sehen wollen, und dann hoffentlich auch nach dem, was Frau Merkel gesagt hat, nämlich ein Ausstieg mit Augenmaß, den Fahrplan festlegen und entscheiden, wie lange wollen wir wie viele Anlagen in Deutschland noch nutzen, wie können wir das machen, ohne dass wir unsere Volkswirtschaft gefährden, unsere sichere Stromversorgung gefährden, ohne dass wir unsere Klimaschutzziele aufgeben müssen und ohne, dass wir gegebenenfalls Ärger mit unseren europäischen Nachbarn kriegen.

Lindner: Welches Jahr ist denn Ihr persönliches Ausstiegsszenario?

Güldner: Das ist so einfach nicht zu definieren, welches Jahr man als, sagen wir mal, Ende der Nutzung der Kernenergie in Deutschland anstreben sollte. Es hängt davon ab, wie viel Geld wollen wir wie schnell in den Umbau der Energieversorgungsstruktur, der Stromversorgungsstruktur investieren, wer kann diese Investitionen leisten, wie schnell gehen Genehmigungsverfahren zum Beispiel für Tausende Kilometer von Überlandleitungen, wie intensiv wollen wir an unseren Zielen im Klimaschutz festhalten. Und wenn man diese Randbedingungen sich so alle anschaut, habe ich so das Gefühl, dass wir, ohne nicht andere Ziele unserer Gesellschaft aufgeben zu wollen, bis 2025 mit Sicherheit die Kernenergie brauchen werden.

Lindner: In einem Interview auf unserem Sender kurz nach der Laufzeitverlängerung vergangenen Herbst haben Sie gesagt: "Uns ist es noch nicht gelungen, der kompletten Bevölkerung die positiven Seiten der Atomkraft darzustellen". Nach so einem Ereignis wie in Fukushima, ist das nicht vollkommen unmöglich geworden, weil das Wort Restrisiko jetzt eine ganz andere Bedeutung bekommen hat?

Güldner: Ich glaube, wir haben in Deutschland zu aufgeregt reagiert und haben in der öffentlichen Diskussion uns sehr stark fokussiert auf die Risiken der Kernenergie. Wir haben es nicht in dem Kontext gemacht, was bedeutet das für Energieversorgungssysteme. Hier ist man in anderen Ländern anders vorgegangen, auch auf der europäischen Ebene anders vorgegangen. Dieser europäische Stresstest wird jetzt sehr sorgfältig geplant und am 9. Dezember soll das im Ministerrat, sollen die Ergebnisse diskutiert werden. Hier hat man sich viel mehr Zeit genommen, hat auch nicht vorfristig Anlagen schon stillgelegt, wie wir das mit dem Moratorium gemacht haben. Also wir sind hier ein ganzes Stück nach vorne geprescht.

Ich möchte auch noch darauf hinweisen, dass wir nach heutiger Erkenntnislage die Ereignisse in Fukushima nicht im Restrisiko sehen würden, sondern hier sind Naturereignisse eingetreten, die nach der Philosophie der Auslegung kerntechnischer Anlagen in Deutschland Gegenstand der Auslegung gewesen wären.

Lindner: Das müssen Sie mir jetzt noch mal erklären.

Güldner: Nun, ein Tsunami, wie er dort aufgetreten ist, sieht für unsere europäischen Augen als ein sehr extrem seltenes und unwahrscheinliches Ereignis aus. Wenn Sie das auswerten, wie häufig Tsunamis an japanischen Küsten auftreffen, auch Tsunamis dieser Größenordnung, dann sind wir hier in dem Bereich, wo wir Anlagen gegen derartige Naturereignisse auslegen würden. Wir haben ganz klar die Vorgaben, dass wir gegen ein Hochwasser auslegen, das alle 10.000 Jahre stattfinden kann.

Lindner: Aber es geht ja auch um terroristische Angriffe, und die sind ja nicht zu kalkulieren, oder auch die Verkettung von Ereignissen.

Güldner: Ja. Wir haben jetzt über Naturereignisse gesprochen und mit dem Erdbeben und dem Tsunami haben wir durchaus eine Verkettung gehabt. Wir werden mit Sicherheit im Rahmen der weiteren Analysen auch schauen, welche Verkettung von Naturereignissen kann es geben, die wir hier berücksichtigen müssen. Ich weiß zum Beispiel, dass in den skandinavischen Anlagen das Thema extreme Kälte und damit Vereisung der Ost- beziehungsweise Nordsee hier jetzt noch mal neu betrachtet wird.

Lindner: Herr Güldner, am 6. Juni soll die politische Entscheidung darüber getroffen werden, wie es mit der Atomkraft in Deutschland weitergeht. Was ist denn Ihre Vermutung?

Güldner: Es ist, glaube ich, nicht schwer vorauszusagen, dass wir bei den Laufzeiten, wie sie im Herbst vergangenen Jahres in die Gesetzgebung eingeflossen sind, nicht bleiben, sondern dass wir die Laufzeiten wieder verkürzen werden. Frage ist: Gehen wir auf das Niveau zurück, was in der Vereinbarung des Jahres 2001 mit der damaligen rot-grünen Bundesregierung gemacht wurde, oder gibt es irgendetwas dazwischen, welche Randbedingungen wird es geben, können wir weiterhin Strommengen von älteren Anlagen auf neuere übertragen. Noch mal: Wir würden uns wünschen, wenn man nicht alles gleich in Stein meißelt, sondern sagt, wir wollen entlang des Weges uns anschauen, was haben wir erreicht bei dem Aufbau einer Stromversorgung mit erneuerbaren Energien, um nicht in die Situation zu kommen, dass wir als wichtigstes Industrieland in Europa zu einem Stressfaktor für das europäische Stromnetz werden.

Engels: Nadine Lindner im Gespräch mit Ralf Güldner, dem Präsidenten des Atomforums.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Interview

Ukraine-Krise"Eine Dezentralisierung würde reichen"

Ein Mann mit einer Ukraine-Flagge wartet vor dem Parlament in Kiew.

Gegen eine Föderalisierung der Ukraine, so wie es Russlands Präsident Putin fordert, spreche nicht sehr viel, sagte Kyryl Savin, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew, im Deutschlandfunk. Doch aus einem Einheitsstaat eine Föderation zu machen, sei unnatürlich. Aus Sicht der Kiewer Regierung wäre eine Dezentralisierung ein möglicher Kompromiss.

Nürburgring-Prozess"Nach Deubel-Urteil geht künftig die Angst um"

Prof. Jürgen Falter, Politikwissenschaftler, Universität Mainz

Der ehemalige Finanzminister von Rheinland-Pfalz, Ingolf Deubel, habe "ohne Zweifel das Gute" gewollt, wenngleich am Ende "das Schlechte herausgekommen" sei, sagte der Politikwissenschaftler Jürgen Falter im DLF. Künftig würden Politiker wohl weniger mutig an Projekte herangehen.

Situation in der Ukraine"Russland schürt den Konflikt ganz maßgeblich"

Gunther Krichbaum (CDU), Vorsitzender des Europaausschusses im Bundestag

In der Ukraine tobe mehr ein Propagandakrieg als ein Bürgerkrieg, sagte der CDU-Politiker Gunther Krichbaum im DLF. Es gebe viele widersprüchliche Nachrichten, die Lage sei bizarr, berichtete er nach einem Besuch in der Stadt Donezk. Dennoch sei für ihn klar, Russland befeuere die Proteste.

 

Interview der Woche

Konflikte in EuropaSchulz: Europäische Strukturen haben den Krieg gebannt

Martin Schulz gestikuliert, während er spricht.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat sich trotz der zunehmenden Eskalation in der Ostukraine für diplomatische Lösungen ausgesprochen. Man müsse jetzt verstärkt nach gemeinsamen Interessen zwischen dem Westen und Russland suchen, sagte er im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

IntegrationÖzoğuz möchte Nachbesserungen beim Doppelpass

Profilfoto von Aydan Özoğuz

Es handele sich bei der Staatsangehörigkeit um ein sehr emotionales Thema, sagte Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, im DLF. Der Doppelpass-Kompromiss der Großen Koalition sei deshalb ein großer und wichtiger Schritt. Die SPD-Politikerin setzt sich aber weiterhin für eine komplette Abschaffung der Optionspflicht ein.

Krim-Krise"Ich kann die EU nicht freisprechen"

Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker

Für den Spitzenkandidaten der Konservativen für die Europawahl, Jean-Claude Juncker, ist die EU mitverantwortlich für die Krise in der Ukraine. Brüssel habe Kiew im vergangenen Winter nicht genug Finanzhilfen angeboten, kritisierte der ehemalige luxemburgische Premier im Interview der Woche des Deutschlandfunks.