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StartseiteThemen der WocheGünter Grass und seine Vergangenheit12.08.2006

Günter Grass und seine Vergangenheit

Günther Grass hat in seinem Leben sehr viel Glück gehabt. Er hat, wie wir durch sein Bekenntnis seit gestern wissen, als jugendliches Mitglied der Waffen-SS in der Endphase des Zweiten Weltkriegs zwei lebensgefährliche Spähtrupp-Aktionen mit knapper Not überlebt.

Von Peter Lange

Der Schriftsteller Günter Grass (AP)
Der Schriftsteller Günter Grass (AP)

Im 79. Lebensjahr hat der Literaturnobelpreisträger nun diesen Teil seiner Biografie offengelegt, wobei er in dem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als Erstes auf die Schwierigkeiten hinweist, die gerade Literaten mit der Biographie haben. Es könnte so gewesen sein, aber die Erinnerung geht nach Jahrzehnten oft eigene Wege. Sie verselbständigt sich.

Auch wenn nun viele sagen werden: Das kommt alles zu spät! Es ehrt Grass, dass er nun darauf zu sprechen kommt. Der Mann hat sich mit seinem literarischen Schaffen um das demokratische Deutschland verdient gemacht. Die "Blechtrommel" ist und war ein Schlüsselroman für das Verständnis jener Mechanismen, die dazu führten, dass sich ein zivilisiertes europäisches Volk einem verbrecherischen Regime auslieferte. Er hat die Häutungsprozesse der Republik aktiv begleitet; er war in der alten Bundesrepublik der Prototyp des Schriftstellers, der sich in die Politik einmischt. Er hat sich eine Position als moralische Instanz erarbeitet, die sicher manchen auf die Nerven viel. Und er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass auch er als Jugendlicher der Nazi-Propaganda bis zuletzt geglaubt hat. Sein Eingeständnis, dass es nicht die Wehrmacht war, zu der er eingezogen worden ist, sondern die Waffen-SS, wird an seinem Nimbus vorerst wenig ändern.

Dabei hat er ein weiteres Mal Glück gehabt, denn er profitiert ein wenig von der Gnade des späten Bekenntnisses. Vor 20 Jahren hätte eine Nachricht wie "Grass war in der Waffen-SS" vermutlich hohe Wellen geschlagen. Aber die Aufarbeitung der jüngeren deutschen Zeitgeschichte ist fortgeschritten. Die Historiker, die sich heute darüber hermachen, sind schon die Enkel von Tätern, Opfern und Mitläufern. Die zeitliche Distanz erhöht immer das Differenzierungsvermögen. Und so ist es heute bis in die liberale und linke Öffentlichkeit hinein fast schon Konsens, daß man – wie etwa der Historiker Hannes Heer – durchaus unterscheiden kann und darf zwischen den ermordeten Opfern des NS-Regimes und den Leidtragenden, jenen jungen Burschen vom Schlage Grass, die seinerzeit verheizt worden sind.

Wir wissen von Pastoren und Priestern, dass alte Männer, die ihre fürchterlichen Kriegserlebnisse zeitlebens tief in sich vergraben haben, in den letzten Minuten des Sterbens, wenn sie die Kontrolle darüber verlieren, von diesen Erinnerungen gepeinigt werden. Günter Grass ist auch hier durchaus glücklicher dran. Er verfügt als Schriftsteller über das Instrumentarium, sich von seiner inneren Last gewissermaßen kontrolliert zu befreien.

Grass hat überdies Glück gehabt, dass es ihm überlassen blieb, dieses Faktum "Mitglied der Waffen-SS" offenzulegen. Die Folgen wären andere, wenn Dritte mit dieser Tatsache an die Öffentlichkeit gegangen wären und ihm nur geblieben wäre, dies reumütig zu bestätigen. Auch dafür gibt es genügend Referenzfälle.

Nun kennen wir die Gesetze der Mediengesellschaft: Ab Montag – denn am Wochenende sind Kulturredaktionen nicht besetzt – werden die Archive von Zeitungen und Rundfunkanstalten bevölkert. Die Fragen, die es zu beantworten gilt: Ist Grass jemals gefragt worden, ob er in der SS war? Und hat er diese Frage mit Nein beantwortet? Dann hätte er damals gelogen. Hat er sich jemals öffentlich zum moralischen Scharfrichter über Angehörige der Waffen-SS aufgeschwungen? Im Lichte dessen, was man jetzt weiß, wäre das – gelinde gesagt – fragwürdig. Oder: Wie hat sich Grass in der ganzen Stasi-Problematik positioniert? Hat er seinerzeit zum Beispiel Verständnis bekundet für die Erinnerungslücken von Inoffiziellen Mitarbeitern, für ihre Probleme mit Wahrheit und Wahrhaftigkeit? Oder hat er sie vollmundig verurteilt?

Es sind nicht die paar Monate in der Waffen-SS, die Grass in Schwierigkeiten bringen können, es könnte die Art und Weise sein, wie er damit umgegangen ist. Falls sich nämlich herausstellen sollte, dass auch für ihn der Satz von Gustav Heinemann gilt: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte immer beachten, dass drei Finger auf ihn zurückzeigen.

All diese Gedanken werden sich Grass und besonders sein Verlag auch gemacht haben und zu dem Schluss gekommen sein, dass das Risiko kalkulierbar ist. Und damit kommen wir zu einem etwas unerfreulichen Schlussaspekt der Geschichte: Sie verschafft einer angesehenen Zeitung einen wohlgesetzten Scoop und dem Verlag eine kostenlose Promotions-Kampagne. Dass sich Günter Grass dafür hergegeben hat, ist schade.

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