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StartseiteHintergrundGute Nerven sind Bedingung07.03.2006

Gute Nerven sind Bedingung

Die Erfolgsgeschichte deutscher Unternehmen in China

" Meine Damen, meine Herren, herzlich willkommen hier im German Centre Shanghai - wie Sie sehen, ein German Centre, was noch relativ neu ist… "

Von Kerstin Lohse

Rund 8.000 Deutsche leben inzwischen im Großraum Shanghai.  (AP)
Rund 8.000 Deutsche leben inzwischen im Großraum Shanghai. (AP)

Begrüßung im German Centre Shanghai. Hausherr Christian Sommer führt eine Delegation von Magdeburger Unternehmern aus der Bauwirtschaft durch den Neubau in der Zhangjiang-Industriezone. Ohne Umschweife warnt er sie davor, sich von Chinas gigantischen Wachstumszahlen blenden zu lassen.

" Es ist ja schön, wenn man weiß, dass alles vorangeht. Nur die Frage ist doch für Sie, wo ist da die Chance, dass Sie etwas tun können. Es hilft ja nicht, wenn Sie sagen, dass es acht, neun oder zehn Prozent Wirtschaftswachstum gibt. Wo bleibt für Sie etwas hängen, wo haben Sie Möglichkeiten, hier einzusteigen! "

Christian Sommer leitet seit dem 1. August das German Centre Shanghai. Der gebürtige Kieler, der mit großem Erfolg sechs Jahre lang das Deutsche Haus in Peking führte, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Rund 30.000 Quadratmeter Bürofläche und 47 Service-Appartements gilt es in den nächsten Monaten zu vermieten. Der 41-Jährige bezeichnet sich selbst als den "Hausmeister von Shanghai". Doch dies beschreibt seine Aufgabe nur unzureichend. Sommer soll Mittelständlern aus Europa nicht nur Büroräume zur Verfügung stellen, sondern sie auch durch die chinesische Bürokratie lotsen, indem er wichtige Kontakte herstellt, auf Änderungen in den rechtlichen Rahmenbedingungen hinweist und bei der Personalsuche behilflich ist.

Rund 8.000 Deutsche leben inzwischen im Großraum Shanghai. Mehr als in jeder anderen Stadt Asiens. Derzeit drängen besonders mittelständische Zulieferer nach, die von Großunternehmen wie Siemens, Volkswagen oder Thyssen-Krupp aufgefordert wurden, ihnen zu folgen. Christian Sommer lebt seit knapp zehn Jahren in China. Er weiß inzwischen, worauf es ankommt. Bestehen könne nur, wer verstehe, mit der hektischen Umgebung umzugehen , sagt der 41-Jährige.

" Leute, die schwer kommunizieren können, weil sie in starren Rastern denken, werden es hier sehr schwer haben. Weil man permanent an der Grenze der Überforderung landet, weil diese Raster hier zusammenbrechen werden. Also die Belastungsfähigkeit, spontan zu reagieren, hektisches Umfeld ertragen zu können, das muss gegeben sein - und trotzdem nicht die Zuversicht zu verlieren, die Dinge regeln zu können, auch wenn man in dem Moment die Lösung nicht weiß. "

Warum braucht man gerade in China so starke Nerven? Was sind die Tücken des chinesischen Marktes? Und was entscheidet letztlich über den Erfolg oder Misserfolg deutscher Unternehmen im Reich der Mitte?

Es war einer der großen Jubeltage in den deutsch-chinesischen Beziehungen: Mit buntem Konfetti aus goldenen Kanonen und Löwentanz wurde Ende September im ostchinesischen Nanjing der neue Verbundstandort der BASF eingeweiht. Die BASF und der chinesische Chemieriese Sinopec hätten Industriegeschichte geschrieben. Dieser Satz war bei der Einweihung des Prestigeprojektes immer wieder zu hören. Rund 2,3 Milliarden Euro haben die Ludwigshafener und der chinesische Joint-Venture-Partner investiert. Damit handelte es sich um die größte Auslandsinvestition der BASF und zugleich der deutschen Wirtschaft überhaupt. Bis zum Jahr 2010 will die BASF zehn Prozent ihres Umsatzes in der Volksrepublik erwirtschaften. Das Unternehmen profitiert von Chinas enormem Bedarf an hochwertigen Chemieprodukten und Kunststoffen.

Doch wird der chinesische Joint-Venture-Partner Sinopec der BASF auch in Zukunft noch die Treue halten? Als beide Seiten 1996 eine erste Absichtserklärung zum Bau einer gemeinsamen Ethylen-Anlage unterzeichneten, gehörten sie zu den Pionieren auf dem chinesischen Chemiemarkt. Heute sind ihnen Wettbewerber aus den USA, Großbritannien und auch China dicht auf den Fersen. Auch das ehemalige Staatsunternehmen Sinopec hat sich seit seinem Börsengang an internationalen Finanzplätzen vor vier Jahren zu einem ernstzunehmenden Mitbewerber gemausert.

Seit gut 15 Jahren investieren Unternehmen wie Siemens, Volkswagen, Bayer, die BASF und Thyssen-Krupp in China, bauen Produktionsstätten auf, schulen Mitarbeiter und übertragen Technologie an ihre Joint-Venture-Partner. Inzwischen ist Deutschland der größte europäische Investor in China, wenngleich weit abgeschlagen hinter Hongkong, den USA oder Taiwan. Die deutschen Direktinvestitionen belaufen sich mittlerweile auf rund zehn Milliarden US-Dollar. Bis zum Jahr 2010, so schätzen viele Beobachter, werden sich diese Zahlen verdoppeln. Lohnt sich das - wird immer wieder gefragt. Die viel zitierte Antwort von Heinrich von Pierer, Aufsichtsratschef von Siemens und bekennendem China-Fan, lautet: das Risiko, nicht dabei zu sein ist größer als das, in China auf die Nase zu fallen.
Gerhard Mairhofer gehörte zu den ersten, die für ein deutsches Unternehmen nach China gingen. Seit mehr als 16 Jahren lebt er im Reich der Mitte. Von Thyssen-Krupp erhielt er 1998 die Aufgabe, auf einer grünen Wiese außerhalb von Shanghai ein Stahlwerk zu errichten. Shanghai Krupp-Stainless heißt das Joint-Venture mit dem chinesischen Stahlriesen Baosteel. Die Deutschen halten 60 Prozent der Anteile, die Chinesen 40 Prozent. Ein Verhältnis, wie Peking es heute nicht mehr genehmigen würde. Gerade die Stahlindustrie gilt inzwischen als äußerst sensibel. Doch damals ahnte man weder in Deutschland noch in China, wie schnell sich Chinas Hunger nach Stahl, Öl und Eisenerzen entwickeln würde. Das Stahlwerk wurde zu einem der größten Prestigeprojekte der deutsch-chinesischen Beziehungen. Als das erste Blech vom Band rollte, war der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder höchstpersönlich dabei. Doch politische Flankierung hilft nicht immer: Unlängst machten die Shanghaier Stadtväter Mairhofer einen Strich durch die Rechnung. Ausgerechnet dort, wo die zweite Ausbaustufe umgesetzt werden sollte, plant die Stadt Shanghai nun das Expo-Gelände für die Weltausstellung 2010. Noch ist keine endgültige Entscheidung gefallen. Die Investoren würden immer wieder vertröstet, sagt der 51-jährige Manager.

" Das ist natürlich eine Entwicklung, die in der Form nicht vorhersehbar war. Wir sind auf dem Gelände, auf dem die Kaltwalzwerke heute stehen, gestartet, in der Hoffnung, da ein integriertes Werk aufzustellen inklusive Stahlerzeugung. Die Stadt hat während unserer Bauzeit die Stadtplanung geändert im Zuge der Expo und hat uns dann mitgeteilt, dass der Bau eines Stahlwerks auf dem Gelände nicht angebracht wäre. Das hat uns natürlich vor eine neue Situation gestellt, die heißt, in Zukunft zwei Standorte zu haben. Das ist ein etwas - ich würde mal sagen - bitterer Beigeschmack zu der ganzen Unterstützung und zur ganzen Begleitung, die wir hatten. "


Chinas Stahlbranche kennt nur Extreme. Bis vor kurzem sorgten Engpässe für Spitzenpreise auf den Weltmärkten. Nun drohen trotz staatlich verordneter Abbremsungspolitik enorme Überkapazitäten. Was das für die Planung der Deutschen heißt? Flexibilität, sagt Mairhofer.

" China ist ein Land der ganz schnellen Entscheidungen, und wir müssen uns hier einfach anpassen. Nach Möglichkeiten schauen, und wenn sich die Möglichkeit bietet, sofort entscheiden. Und das wäre heute zu früh zu sagen, wie das Werk im Endausbau aussehen wird. "

Über Renditeerwartungen will Mairhofer nicht sprechen. Wie kaum ein deutscher Manager übrigens. Nur eines sagt er: Seit 2004 schreibe das Gemeinschaftsunternehmen schwarze Zahlen.

Vermutlich in keinem anderen Land der Welt wird momentan so viel und so hoch gebaut wie in China. Allein in Shanghai sind in den vergangenen Jahren rund 10.000 Hochhäuser entstanden. Gebäude, in denen meist Fahrstühle internationaler Hersteller eingesetzt werden. Um seine Kunden aus der Kran- und Aufzugindustrie auch in China beliefern zu können, wagte der Spezialdrahtseilhersteller Pfeifer Drako aus Memmingen unlängst den Sprung nach China. Nur wenn man seinen Auftraggebern folge, könne man den Standort Deutschland erhalten, sagt Geschäftsführer Christian Kotschmar.

" Es klingt eigenartig, wir wollen hier produzieren, um unsere Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Wir haben mit Seilen aus Deutschland hier preislich keine Chance mehr, wenn die Anforderungen nicht ganz hoch sind. Ein Aufzugseil aus europäischer Produktion, bis es hier liegt, kostet das Vier- bis Sechsfache von einem chinesischen Seil. Wenn wir die internationalen Kunden verloren haben, dann verlieren wir sie auch in Europa - und können in Deutschland immer stärker auf qualitativ hochwertige Produkte gehen. Das ist die letzte Chance vom Fertigungsstandort Deutschland. . "

Die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen haben sich mit atemberaubendem Tempo zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Das Handelsvolumen erreichte im vergangenen Jahr knapp 60 Milliarden Euro. Vor rund 30 Jahren exportierten deutsche Unternehmen gerade mal Waren für 270 Millionen Euro, heute sind es knapp siebzig Mal mehr. Im vergangenen Jahr kam es jedoch zu einer Schieflage in der Handelsbilanz. So importieren deutsche Unternehmen wesentlich mehr Waren aus China, als sie dorthin liefern. Während die Einfuhren weiter ansteigen, sanken die Exporte im vergangenen Jahr um knapp fünf Prozent. Zu den Gründen zählen das wachsende Know-how im Inland, aber auch die gedämpfte Nachfrage im Zuge der staatlichen Abbremsungspolitik sowie die wachsende Zahl deutscher Produktionsstätten vor Ort.

Dennoch: Egal ob Weltkonzern oder Familienbetrieb, kaum ein deutsches Unternehmen hat wohl noch nicht daran gedacht, sich in China nach neuen Märkten umzusehen. Steffi Schmitt von der Bundesagentur für Außenwirtschaft warnt vor zu großen Erwartungen.

" Es gibt z.B. in China 18.000 Krankenhäuser. Das hört sich wahnsinnig viel an, aber wirklich finanzkräftig sind nur ungefähr 900 der so genannten dritten Stufe, das ist die oberste Stufe der chinesischen Krankenhäuser. Ein anderes Beispiel wäre der Kfz-Markt. Es werden in China knapp 90.000 Busse hergestellt, die mehr als 20 Plätze haben. Aber wirklich interessant für deutsche Zulieferfirmen sind nur die Busse, die mehr als 600.000 Renminbi, das sind etwa 60.000 Euro, kosten. Davon werden aber nur 1.500 Stück hergestellt im Jahr. Und so relativiert sich dann der Markt doch ganz schnell. "

Die promovierte Ökonomin rät Neuankömmlingen dringend, China ernstzunehmen, genügend Zeit für die Vorbereitung einzuplanen und auf gutes Personal zu setzen.

" Man kann nur auf den chinesischen Markt gehen, wenn es einem auf anderen Märkten gutgeht. Wenn man den chinesischen Markt als den Strohhalm sieht, um sich aus einer schlechten wirtschaftlichen Lage herauszuziehen, dann ist der chinesische Markt mit Sicherheit nicht das richtige. Das zweite ist, man muss das China-Geschäft wirklich wichtig nehmen. Das muss Chefsache sein, das kann man nicht so nebenbei betreiben, sich dann mal in den Flieger setzen, nach China fahren, unterwegs die Unterlagen studieren, dafür ist der chinesische Markt zu kompliziert, dafür sind die chinesischen Verhandlungspartner zu gut vorbereitet, und dann kann man eigentlich wirklich nur auf die Nase fallen. Man muss sich also immer gut vorbereiten und auch alle Informationsquellen in Deutschland nutzen. Das nächste ist, dass man wirklich gute Mitarbeiter vor Ort braucht, einerseits deutsche und andererseits chinesische Mitarbeiter. Was die deutschen Mitarbeiter angeht, da habe ich oft den Eindruck, dass Mittelständler sich ausgerechnet denjenigen raussuchen, der zufällig Zeit hat und Lust hat, nach China zu gehen, und nicht den erfahrenen, langjährigen Mitarbeiter, der dann vielleicht sagt, ja, ich hab’ Familie und ich habe gerade ein Haus gebaut, und ich kann jetzt nicht nach China fahren. Aber mit der dritten Wahl an Mitarbeitern kommt man hier in China nicht weit. "

Falsche Personalpolitik gilt als einer der Hauptgründe, warum der einstige Marktführer Volkswagen in den vergangenen vier Jahren so massive Umsatzrückgänge verzeichnete. Vor mehr als 20 Jahren begannen die Wolfsburger in Shanghai mit der Autoproduktion und investierten seitdem Milliarden in den Aufbau zusätzlicher Standorte. Bis China der Welthandelsorganisation beitrat, besaß Volkswagen einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent, mittlerweile sank dieser auf unter 18 Prozent. Mehr noch: Kürzlich musste VW seine Spitzenposition auf dem wohl am härtesten umkämpften Automarkt der Welt an General Motors abtreten. Volkswagen schweigt dazu und sucht nach einer Neuausrichtung seiner China-Strategie. Selbst für alte Hasen scheint China kein einfacher Markt zu sein. In der Automobilindustrie macht sich seither Katerstimmung breit. Die deutschen Luxuswagenhersteller BMW und Audi verbreiten dennoch Optimismus. Audi-Vorstandsmitglied Ralph Weyler schwärmt von zweistelligen Wachstumsraten.

" Man kann sagen, der chinesische Markt entwickelt sich stürmisch weiter. Es kommen neue Anbieter, viele, viele Modelle auf den Markt, der Wettbewerb wird immer härter - und letzten Endes setzt sich Qualität und in unserem Fall Premiumqualität durch. Wir glauben weiterhin, dass der Markt sich überproportional entwickeln wird. "

In Europa und den USA wächst unterdessen die Angst vor Billigautos made in China, die eines Tages den Weltmarkt überschwemmen. Nicht selten mit Modellen, die ausländischen Typen verblüffend ähnlich sehen. Die GM-Tochter Daewoo klagte unlängst gegen Plagiate aus der Produktion des staatlichen chinesischen Automobilherstellers Chery. Der hatte zwei komplette Autos kopiert, den Chevrolet Spark und den Matiz, beides Modelle, die in China produziert und verkauft werden. Produktpiraterie ist in China inzwischen in fast allen Branchen zu einem der größten Probleme geworden. Gefälscht werde so ziemlich alles, was Erfolg verspricht, sagt Steffi Schmitt von der Bundesagentur für Außenwirtschaft.

" Betroffen sind eigentlich alle Branchen, egal ob das Kfz-Firmen sind, ob das Medizinfirmen sind, ob das Nahrungsmittelhersteller sind. Das können Produkte sein, die komplett gefälscht sind, aber genauso aussehen, wie das Original zunächst mal, das können Produkte sein, die gestreckt werden, d.h. ursprünglich gab es ein Originalprodukt, und auf einmal hat man statt einer Bohrmaschine zwei, und jeweils in Teilen mit Originalen. Und dann ist es natürlich immer schwierig festzustellen, wenn Schäden auftreten, ist jetzt der Originalhersteller schuld, oder ist es die Fälscherfirma, und das muss man dem Kunden dann auch erklären können. Für viele Unternehmen ist es dann besonders tragisch, wenn die Produkte nicht nur hier in China verkauft werden, sondern auch exportiert werden, und dann irgendwann mal auch auf dem deutschen Markt auftauchen. "

Die Hamburger Architekten Gerkan, Marg&Partner unterhalten weltweit drei Auslandsbüros, davon zwei in China. Dies sagt viel aus über die Verschiebung der Aktivitäten deutscher Architekten. GMP gilt als rekordverdächtig: An mehr als 30 Projekten in ganz China sind die Hamburger beteiligt. Und fast jeden Monat kommt ein weiteres hinzu. Die Bandbreite der Aufträge reicht von der Deutschen Schule in Peking, über Messehallen und Hotels hin zu Opernhäusern und Theatern, Kirchen und einer ganzen Hafenstadt. Immer stärker konzentrieren sich die Aktivitäten auf Shanghai und die Nachbarprovinzen. Der 71-jährige Meinhard von Gerkan beschreibt sein Engagement in China als berufliche Wiedergeburt. Hier gingen die Projekte so zügig voran, wie er es in Deutschland schon lange nicht mehr erlebt habe.

" Hier sind die Entscheidungswege ganz kurz, und der Weg von der ersten Konzeption bis zur Realisierung zur Fertigstellung ist unglaublich kurz, und deswegen ist natürlich das persönliche Erfolgserlebnis besonders überragend, wenn ich das vergleiche mit dem Leerter Bahnhof, an dem wir inzwischen neun Jahre planen und bauen. "

Chinas rasante Wirtschaftsentwicklung, die Sehnsucht nach einer grundlegenden Modernisierung der Großstädte und vor allem die Austragung der Olympischen Spiele 2008 lassen keine Zeit für Ermüdungserscheinungen. Das wohl spektakulärste Unterfangen der Hamburger ist die hochmoderne Hafenstadt Luchao nicht weit vom neuen Shanghaier Tiefseehafen. Eine komplette Neugründung wie einst Brasilia oder Canberra. Im Mittelpunkt der Entwürfe für die 800.000-Einwohner-Stadt steht ein riesiger See, der der Hamburger Alster nachempfunden wurde. Seit zwei Jahren wird gebaut. In diesem Jahr sollen bereits die ersten einziehen.

Auch im Finanzsektor wächst das Interesse an China. Im Zuge des Beitritts zur WTO muss Peking den Markt für ausländische Investoren öffnen. Die Regierung weiß, dass sie internationales Kapital und Fachwissen braucht. Aus Angst, von internationalen Kreditinstituten überrannt zu werden, hat sie bisher allerdings nur halbherzige Reformen in Angriff genommen. Auf Seiten ausländischer Investoren stehen Beteiligungen an chinesischen Banken hoch im Kurs. Auch die Allianz will auf diese Weise ein Stück vom schnellstwachsenden Privatkundenmarkt der Welt abbekommen. Gemeinsam mit American Express und Goldman Sachs will der deutsche Finanzkonzern sich mit insgesamt zehn Prozent an der größten chinesischen Geschäftsbank beteiligen, der Industrial and Commercial Bank of China, kurz ICBC.

Rund 3.000 deutsche Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren in China angesiedelt. Sie alle träumen vom Markt der Zukunft und jährlichen Wachstumsraten zwischen acht und neun Prozent. Dafür sind sie auch bereit, Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen. Doch ist die Volksrepublik wirklich auf Wachstum abonniert? Analysten und Sozialwissenschaftler warnen eindringlich vor den Gefahren sozialer Proteste, politischer Instabilität, kriegerischen Auseinandersetzungen mit Taiwan, Energiekrisen und den Folgen schwerer Umweltkatastrophen. Auf Rückschläge allerdings sind die wenigsten Investoren vorbereitet. Der deutsche Diplomat, Wolfgang Röhr, beobachtet die Volksrepublik seit Jahrzehnten. Er ist zuversichtlich, dass sich Chinas Wirtschaftwachstum auf absehbare Zeit nahezu ungebremst fortsetzen wird.

" In China sind alle wirtschaftlichen Anzeichen so, dass man für die nächsten Jahre mit substanziellem Wachstum rechnen kann. "

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