Forschung aktuell / Archiv /

 

Haare lassen für die Forschung

Leipziger Wissenschaftler züchten Pigmentzellen aus dem Haarfollikel

Von Marieke Degen

Aus Haaren gewonnene Stammzellen könnten für eine schonendere Behandlung von Vitiligo (der sogenannten Weißfleckenkrankheit) genutzt werden.  (AP)
Aus Haaren gewonnene Stammzellen könnten für eine schonendere Behandlung von Vitiligo (der sogenannten Weißfleckenkrankheit) genutzt werden. (AP)

Wer sich ein Haar ausreißt, hat am unteren Ende vielleicht schon einmal eine kleine, helle Verdickung bemerkt. Dieser Teil der äußeren Haarwurzelscheide enthält Stammzellen – ein Glücksfall für die Medizin. Denn so kommen Forscher ganz leicht an die begehrten Zellen heran. Und das öffnet möglicherweise den Weg für schonendere Behandlungen.

Wenn Vuk Savkovic neue Stammzellen braucht, muss er nur seine Pinzette zücken. Seine Quellen sitzen direkt neben ihm im Labor.

"Wir haben etwas, was wir Probandenpool nennen - das sind eigentlich meine Kollegen, die mir regelmäßig erlauben, ihre Haare zu zupfen."

Vuk Savkovic forscht am Translationszentrum für Regenerative Medizin an der Uni Leipzig.

"Wenn man ein Haar zupft, kommt auch die Haarwurzel mit dem guten Teil der äußeren Haarwurzelscheide mit heraus."

Die äußere Haarwurzelscheide enthält Stammzellen. Eigentlich, um die Kopfhaut zu erneuern. Im Labor lassen sich diese Stammzellen in verschiedene Hautzellen verwandeln, zum Beispiel in Pigmentzellen, die sogenannten Melanozyten. Und genau die braucht Vuk Savkovic. Er will damit eine Krankheit behandeln, die zwar nicht lebensbedrohlich ist, aber viel Leid verursacht: Vitiligo. Eine Krankheit, bei der die Pigmentzellen in der Haut zerstört werden.

"Die Patienten entwickeln weiße Flecken auf verschiedenen Stellen des Körpers oder Gesichts oder von den Händen. Sonnenbrände passieren dann sehr leicht an diesen Stellen, weil Melanin ein natürlicher Schutz für die Haut ist."

Viel schlimmer sind die psychischen Folgen.

"Viele Vitiligo-Patienten entwickeln chronische Depressionen, ziehen sich zurück. Die Leute fühlen sich sehr auffällig mit diesen weißen Flecken."

Die Patienten können die weißen Stellen überschminken. Oder die Haut darum herum ausbleichen, damit die Flecken nicht mehr so auffallen. Um die Hautstellen wirklich zu heilen, bleibt nur eines: Pigmentzellen von einer Stelle des Körpers auf die weißen Stellen zu transplantieren.

"Da gibt es Behandlungen, die schon schön geklappt haben, von verschiedenen Gruppen und Kliniken durchgeführt, aber für all diese Behandlungen muss man ein Stück Haut von irgendwo anders vom Körper ausschneiden. Und das sind bis zu sechs Quadratzentimeter. Das haben die Patienten ungern. Sie verursachen eine Wunde am Anfang an einer anderen Stelle an dem Körper."

Vuk Savkovic und seine Kollegen arbeiten an einer eleganteren Lösung: Sie wollen Stammzellen aus den Haarwurzeln der Patienten gewinnen und sie im Labor zu Pigmentzellen heranzüchten.

"Damit müssen wir nicht invasiv anfangen, sondern wir zupfen ein paar Haare und davon entwickeln wir Melanozyten in vier Wochen und nach vier Wochen sind sie bereit zur Transplantation."

Mit ihren eigenen Haarfollikeln hat das schon gut funktioniert. Die Forscher haben die Pigmentzellen auch schon in Mäuse transplantiert.

"Bei der Sicherheitsstudie haben wir extra eine sehr große Menge an Melanozyten eingebracht, um zu sehen, ob sie einen Tumor verursachen. Wir freuen uns, dass wir nachgewiesen haben, dass diese Zellen harmlos sind, sie verursachen keine Tumore und diese große Menge sichert eigentlich, dass wir nicht falsch sind, wenn wir eine kleinere Menge eingeben."

Das Prinzip ist nicht ganz neu. Eine Leipziger Biotech-Firma stellt aus Haarfollikel-Stammzellen kleine Hautscheiben her, sogenannte epidermale Disks, kurz Epidex, mit denen Wunden besser verheilen. Sie kommen schon seit längerem in der Leipziger Uniklinik zum Einsatz. Für Vitiligo-Patienten haben Vuk Savkovic und seine Kollegen diese Disks jetzt einfach weiterentwickelt.

"Als eine Verbesserung von Epidex haben wir unsere Zellen, die Melanozyten, in diese epidermalen Disks eingebaut, so dass wir dann pigmentierte epidermale Disks haben. Und damit sind sie nicht mehr nur für eine schöner aussehende Wundheilung geeignet, sondern auch für die Depigmentationsbehandlungen."

Bis diese pigmentierten Hautscheiben tatsächlich bei Patienten eingesetzt werden können, wird es aber noch dauern. Als nächstes sind weitere Tierversuche geplant.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Forschung Aktuell

ParkinsontherapieStromschläge fürs Gehirn

Der verbesserte Hirnschrittmacher, mit dem das rheinische Forschungszentrum Jülich am Wettbewerb um den Deutschen Zukunftspreis 2006 teilnimmt (undatiertes Handout). Anders als herkömmliche Geräte sprechen die eingepflanzten Elektroden im Gehirn Nervenzellenverbände nicht mit einem konstanten Dauerreiz an. Sie traktieren das Gewebe vielmehr im unregelmäßigen Rhythmus an mehreren Punkten. Dadurch soll nicht nur das Zucken der Parkinson-Patienten wirksamer unterdrückt werden, langfristig erhoffen sich die Forscher auch, dass die Nervenzellen durch die neue Technik "lernen", wieder normal zu funktionieren. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)

Schon lange implantieren Mediziner Parkinsonpatienten Elektrodendrähte ins Gehirn. Die Stromimpulse der Elektroden können das für diese Krankheit typische Zittern unterdrücken und das Leben der Betroffenen erleichtern. Jetzt erproben Ärzte die Methode auch bei anderen Patienten – mit unerwartet positiven Wirkungen.

Pflanzenschutz Gen-Tricks gegen den Kartoffelkäfer

Mit Sonnenantrieb um die Welt Solarflieger "Solar Impulse" startet seine große Reise