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StartseiteDeutschland heute1.900 Stiche auf den Kopf18.08.2017

Haartransplantation1.900 Stiche auf den Kopf

Jürgen Klopp, Christian Lindner und John Travolta haben Haar-Transplantation hinter sich. Von der Veranlagung zum lichter werdenden Kopf sind etwa 15 Millionen Deutsche betroffen. Obwohl Krankenkassen nur selten zahlen, gehört diese Schönheits-OP zu den Top 5. Beobachtungen in der Bonner Moser-Klinik.

Von Stephanie Gebert

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(Heiner Kiesel )
Haartransplantation - die Operation ist eine Strapaze. (Heiner Kiesel )
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"Das hier ist noch ein Bereich, den wir zusätzlich noch auffüllen. Das heißt: Haupttransplantationsgebiet ist der Hinterkopf. Aber das hier hat Priorität Nummer 1. Damit fang ich an."

Doktor Hans-Jürgen Rabe malt mit blauem Stift Kringel auf den Schädel von Carsten Ziegler. Sein Patient hockt auf einem Stuhl vor ihm, den Kopf gebeugt. Die gemalten Partien umranden kahle Stellen – sowohl auf seiner Stirn als auch auf dem oberen Hinterkopf. Dort trägt Carsten Ziegler eine kleine kahle Tonsur – etwa so groß wie der Boden eines Kaffeebechers. Der 48-Jährige leidet, wie mehr als die Hälfte der deutschen Männer, an genetisch bedingtem Haarausfall. Er wird vom Arzt über die Methode der anstehenden Haar-Transplantation aufgeklärt. Dabei wird ein ein Zentimeter langer Hautstreifen vom Hinterkopf heraus geschnitten. Anschließend kann jede einzelne Haarwurzel aus diesem Streifen entnommen und an anderer Stelle eingepflanzt werden.

"Geheimratsrecken mit Haaren gefüllt"

Carsten Ziegler ist ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und sportlichem Dress. Der Saarbrücker betreibt eine Kampfsportschule und wirkt erwartungsvoll und entspannt. Das mag daran liegen, dass Ziegler zum zweiten Mal zur OP kommt. Beim ersten Mal hat ihm Doktor Rabe bereits die Geheimratsrecken mit Haaren gefüllt und Ziegler war mit dem Ergebnis zufrieden. Er will jünger und attraktiver wirken und erinnert sich an den Moment, in dem er sich für den Eingriff entschieden hat:

"Das ist glaub ich dadurch entstanden, dass ich ungebräunt meinen Kopf mit wenig Haar im Spiegel sah und dachte: Oh, wie siehst du denn aus? Das war so der eigentliche Impuls um zu sagen: Das kann man verbessern, das kann man ändern."

Injektion von Kochsalzlösung mit Adrenalin in kahle Kopfstellen
Jetzt liegt Patient Ziegler mit dem Rücken auf dem OP-Tisch. Er ist örtlich betäubt. An seinem Kopfende zieht Chirurg Rabe eine Spritze auf und injiziert eine Kochsalzlösung mit Adrenalin in die kahlen Stellen am Kopf, sodass dort Beulen entstehen:

"Das sind ganz viele Depots, die ich hier Spritze und durch Einspritzen der Flüssigkeit vergrößere ich die Oberfläche, sodass wir feiner nebeneinander einsetzen können und ich verhindere dadurch starke Blutungen. Sie sehen, das verfärbt sich weiß, das heißt, die Durchblutung geht zurück, überall wo ich gespritzt habe."

Vier Schwestern arbeiten parallel an Mikroskopen

Mit im Operationssaal sitzen vier Schwestern jeweils an Mikroskopen. Sie bearbeiten den entnommenen Hautstreifen von Ziegler. Das heißt: Jedes einzelne Haar wird mit dem Skalpell herausgeschnitten und in einer Petri-Schale mit Flüssigkeit bereitgestellt. Währenddessen nimmt der Chirurg sich eine dünne Nadel und stich damit in die kahlen Hautstellen auf Zieglers Kopf:

"Und jetzt mache ich die sogenannten Slits, das heißt, die Tunnel und das blutet immer auch ein bisschen. Und jetzt gehe ich auch ein bisschen strahlenförmig nach innen, damit wir nicht irgendwo viele Haare haben und dann wieder aufgelockerte Strukturen, sondern es soll ja ein fließender Übergang sein. Und wenn Sie jetzt ganz genau hingucken, sehen Sie: Da fehlt aber noch was. Und da ... Und da ...."

Jedes Haar wird einzeln eingesetzt

Insgesamt wird Doktor Hans-Jürgen Rabe an diesem Nachmittag 1.900 Mal auf den Kopf seines Patienten einstechen. Neben ihm füllt sich der Mülleimer mit Mullbinden, die der Arzt verwendet, um das Blut abzutupfen. Nach etwa zwei Stunden hat er genügend Tunnel gestochen und die einzelnen Haare werden eingesetzt. Dafür verabschiedet sich der Chirurg und Schwester Nadine nimmt seinen Platz am Kopfende des OP-Tisches ein.

Sie säubert die operierten Stellen mit einer Kochsalzlösung, schnappt sich eine Pinzette und holt die einzelnen Haare, die sie Grafts nennt, aus der Petrischalen, um sie sich auf den linken Zeigefinger zu legen:

"Jetzt greife ich mit der Pinzette so ein Graft, da muss ich aufpassen, dass ich die Wurzel nicht zerquetsche dabei. Und dann schiebe ich das Graft mit der Pinzette einfach so. und diese Schlitze sind so wahnsinnig klein, dass ich auch nur ein Graft hier reinbekomme. Das ist richtig Millimeterarbeit und das dann circa 1.800, 1.900 Mal."

Sechs Stunden Behandlung für 6.000 Euro

Sechs Stunden wird die Prozedur insgesamt dauern, in der die Schwester Haarwurzeln in die Hauttunnel schiebt. Kostenpunkt: Etwa sechstausend Euro. Noch kann Carsten Ziegler über das Ergebnis nicht viel sagen: Erst in einem halben Jahr wird sich zeigen, wie viele der Haare wirklich angewachsen sind und weiter sprießen. Der selbstständige Sportlehrer hat sich erst mal eine Woche Urlaub genommen, um den geschwollen Kopf zu schonen. Aber verstecken will er sich nicht.

"Ich finde es einfach sehr kindisch, darüber nicht sprechen zu wollen. Das sind einfach Probleme, die da sind, die man heute lösen kann. Und ich bin auch sehr stolz darauf, mich dafür entschieden zu habe. Und wer sich darüber aufregen sollte, über die klassische Chirurgie, der kann das gerne tun, aber nicht bei mir."

 

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