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StartseiteCorsoFacebook-Chat mit Anne Frank 24.05.2018

Hackathon zum HolocaustFacebook-Chat mit Anne Frank

Wie kann man die Erinnerung an den Holocaust am Leben halten, wenn die Überlebenden nach und nach sterben? Damit haben sich über 100 Software-Entwickler aus der Tel Aviver Start-up-Szene auseinandergesetzt - und 36 Stunden am Stück innovative, digitale Lösungen programmiert.

Von Sophie von der Tann

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Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)
Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941 - die Hacker in Tel Aviv haben ihre Geschichte digital lebendig gemacht (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)
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Liat Govrins Großvater hat den Holocaust überlebt. An seine Eltern hat er keine Erinnerung - kein einziges Foto gibt es von ihnen. "Als wir darüber sprachen hat er zu mir gesagt: Er hat alles, was er braucht. Aber da ist eine Sache, die er sich sehr wünscht - er möchte wissen, wie sein Vater und seine Mutter aussahen. Er kann sich nicht mehr daran erinnern. Es hat uns sehr traurig gemacht, das zu hören."

Aus der Trauer ist eine Idee gewachsen. Liat Govrin und ihr Brude Idan Meir treten damit beim Holocaust Hackathon in Tel Aviv an. Hackathon - das heißt in einem 36 Stunden Marathon ohne Unterbrechung zu hacken, also zu programmieren. Das Ziel: digitale Lösungen, um die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren. Am Ende ernennt eine Jury die Sieger, es winken Geldpreise. Idan Meir weiß, wie er den Wunsch seines Großvaters erfüllen will: "Am Ende dieses Hackathons werden wir ein System haben, dass es jedem überall erlaubt, ein Bild von einem seiner Familienmitglieder aus der Zeit des Holocaust hochzuladen. Das System durchsucht dann Archive, um mehr Bilder von dieser spezifischen Person zu finden."

Virtuelle Tour durchs Warschauer Ghetto

Die Idee: Mithilfe einer Technologie soll die neue Plattform das Gesicht auf einem Foto erkennen können. Mit diesen Informationen soll das System dann weitere Bilder von der Person ausfindig machen. Je mehr Menschen Fotos hochladen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Plattform Fotos findet.

Idan Meir: "Wir können sogar jetzt noch ein Foto von unserem Großvater machen und die Technologie kann anhand dessen Kindheitsbilder von ihm erkennen."

Aber jetzt ist gerade mal Stunde zwei des 36-stündigen Hackathons - und sie sind nicht die einzigen, die den Preis gewinnen wollen. An den großen, runden Tischen im Konferenzraum wird diskutiert und programmiert. Mordechai Schaap entwickelt zum Beispiel eine virtuelle Tour durchs Warschauer Ghetto: "Wir gehen an Orte, aber wir gehen auch durch die Zeit. Die Tour führt durchs Ghetto, von 1935, dann 1941, dann 1943. Sie zeigt den Aufstand im Ghetto und Deportationen." Mithilfe von Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen will er auch die Zeit vor dem Holocaust wieder greifbar machen.

Eben noch Projekt, schon eine Firma

Auch Tohar Nachmann will eine Geschichte wieder lebendig machen - und zwar die von Anne Frank: "Wie du sehen kannst, hat sie die Message gesehen und tippt gerade." Tohar chattet mit Anne Frank. Basierend auf Anne Franks Tagebüchern hat sie ein virtuelles Facebook-Profil von ihr erstellt und einen Bot programmiert - das heißt, eine Software die automatisch auf Fragen antwortet.

Tohar Nachmann: "Sie erzählt mir, dass sie in Amsterdam lebt, aber in Frankfurt geboren wurde. Als sie vier Jahre alt war, musste sie Deutschland mit ihrer Familie verlassen, weil die Nazis an die Macht kamen und anfingen, Juden zu verfolgen."

Eifrig wird getippt, zum Schlafen kommt in dieser Nacht kaum einer. Nach 36 Stunden endlich: die Preisverleihung. Nachdem die Gruppen ihre Ergebnisse präsentiert haben, wird die Spannung immer größer. Im Finale sind: Die Fotoplattform und die virtuelle Tour durch das Warschauer Ghetto. Und der Gewinner ist: Memento - Mordechais Idee für Virtual-Reality-Touren durch Warschau. Der Preis: Ein Scheck über 10.000 Shekel, etwa 2400 Euro.

Mordechai Schaap: "Ich sage das mit etwas Jiddisch, wie wir es auf Jiddisch nennen. Vor einer Stunde war es noch ein Projekt, jetzt ist es eine Firma."

Die Organisatoren hoffen, dass aus den Ideen viele Startups entstehen. Aber erst einmal: ausschlafen.

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