Dienstag, 23.01.2018
StartseiteSpielweisenMitten ins Herz03.01.2018

Händel-ArienMitten ins Herz

Franco Fagioli hat einige Händel-Arien-Hits für sein neues Album aufgenommen - ein Risiko, sind sie doch allzu bekannt. Doch der persönliche, emotionale Zugang des Countertenors fasziniert und lässt über kleine Ungenauigkeiten hinwegsehen: ergreifend!

Von Bjørn Woll

Der Countertenor Franco Fagioli (Stephan Boehme / Deutsche Grammophon)
Der Countertenor Franco Fagioli (Stephan Boehme / Deutsche Grammophon)

Selbst vor Populärem schreckt Franco Fagioli auf seinem Händel-Album nicht zurück, wie etwa vor "Ombra mai fu" – einem der leider abgedroschensten Hits aus Händels Opern-Traumfabrik. Doch dieser Einwand verpufft schnell, wenn diese Arien so hinreißend gesungen werden wie hier. Zum Beispiel das anrührende "Ch‘io parta" des Arsace aus "Partenope", eine der wenigen Rollen auf der Platte, die der Countertenor noch nicht auf der Bühne gesungen hat. Mit elegischen Koloraturen zielt er mitten ins Herz seiner Zuhörer.

Musik: "Ch‘io parta" aus "Partenope"

Ausgewählt hat Franco Fagioli die Arien allein nach ihrem "Gänsehaut-Faktor", wie er selbst sagt. Und tatsächlich verursachen die Aufnahmen gleich reihenweise Gänsehaut:  Immer wieder gibt es Momente von berückender Schönheit, vor allem in den getragenen Stücken: Wenn Fagioli zum Beispiel dem Liebesschmerz Arsaces mit einem kleinen vokalen Seufzer Ausdruck verleiht. Mit einfachen stimmlichen Mitteln erreicht der Countertenor große Eindringlichkeit, weil er so rein und pur musiziert. Mit zurückgenommener, fast ätherischer Stimme gelingen ihm hier Töne von bewegender Seelentiefe.

Musik: "Ch‘io parta" (Dacapo) aus "Partenope"

Franco Fagioli kann jedoch nicht nur hinreißend seufzen und schmachten, er mag auch den athletischen Aspekt in Händels Musik. Wer den Sänger einmal im Konzert erlebt hat, weiß, mit welcher Lust er sich auch in die virtuosen Arien wirft, die Händel für die schnellsten Sängerkehlen seiner Zeit geschrieben hat. Bei Fagioli bleibt jedoch manchmal die Genauigkeit auf der Strecke - was vor allem dem für einen Countertenor doch ungewöhnlich großen Volumen der Stimme geschuldet ist. Dafür lockt er mit einem honigwarmen Timbre, das immer wieder an Cecilia Bartoli erinnert. Und auch in der leicht nervösen Art, durch die Tonkaskaden zu tanzen, gibt es durchaus Parallelen zur berühmten Kollegin. Gut zu hören zum Beispiel in Ariodantes Arie "Dopo notte atra e funesta".

Musik: "Dopo notte atra e funestra" aus "Ariodante"

Was an Franco Fagioli außerdem fasziniert, ist die außergewöhnlich tiefe Lage, in die er mit seinem Countertenor vordringt. Darin unterscheidet er sich von fast allen seinen Kollegen, dem ätherischen Philippe Jarrousky ebenso wie dem kristallklaren Valer Sabadus. Immer wieder steigt er hinab ins Bariton-Register, was seiner Stimme eine aufregend virile Note verleiht. Und die bringt ein dramatische Potential mit sich, das einem Countertenor nicht zwangsläufig zu Gebote steht. Doch gerade das verlangt Händel nicht selten von seinen Sängern, etwa in Serses wutschäumendem "Crude furie". Schmalbrüstigere Countertenöre sind hieran schon grandios gescheitert, Franco Fagioli jedoch stürzt sich mit Vehemenz und explosiver Attacke in diese Tour de force.

Musik: "Crude furie degl‘orridi abissi" aus "Serse"

Keine Frage: Franco Fagioli beherrscht seine Sänger-Grammatik. Auch wenn nicht jeder Triller auf dem Album vollendet ausgeformt ist und er hier und da etwas unsauber durch die Koloraturen segelt. Es geht ihm auch gar nicht so sehr um Stimmtechnik - selbst in Interviews spricht er darüber nur ungern. Für ihn ist sie nur Mittel zum Zweck: Er möchte mit seinem Gesang Menschen unterhalten und berühren. Und das gelingt ihm immer wieder: auf der Bühne und auf dieser CD. Die Vielzahl an Farben und Emotionen, die Franco Fagioli in Händels Arien findet, machen dieses Album zu einem Hörgenuss - und das, obwohl man viele der Stücke schon so gut zu kennen glaubt. Entscheidend ist dabei der persönliche Zugriff des Sängers. Aber auch - das sei hier nicht verschwiegen - das so dezente wie einfühlsame Ensemble Il Pomo d‘Oro mit seiner Konzertmeisterin Zefira Valova.

Händel Arias
Franco Fagioli, Countertenor
Il Pomo d'Oro (Zefira Valova)
Deutsche Grammophon (LC 0173)
2894797541

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