Montag, 11.12.2017
StartseiteFirmenporträtBashar Idilbi und sein Startup "Technamation" 12.05.2017

Häuser und Wände aus AbfallBashar Idilbi und sein Startup "Technamation"

Viele Menschen mit ausländischen Wurzeln arbeiten als Selbstständige und schaffen Arbeitsplätze. Der Syrer Bashar Idilbi hat die Firma "Technamation Technical Europe" gegründet. Das Unternehmen stellt aus geschredderten Getränkeverpackungen und ähnlichen Verbundmaterialien Gartenmöbel und Bodenbeläge für den Außenbereich her.

Von Leila Knüppel

Der Syrer Bashar Idilbi von der Technamation Technical Europe GmbH in Guben zeigt ein kleines Modellhaus aus seinem patentierten Zellulose-Kunststoff-Verbundmaterial.  (picture alliance / Patrick Pleul / dpa-Zentralbild / ZB)
Bashar Idilbi mit seinem "Haus aus Müll" (picture alliance / Patrick Pleul / dpa-Zentralbild / ZB)
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Rostige Pipelines ziehen sich kilometerweit über das ehemalige Gelände der "Gubener Chemiefaserwerke". Auf bröckelnden Wandreliefs lassen Arbeiter ihre Betonmuskeln spielen, erinnern daran, dass hier zu DDR-Zeiten der größte Arbeitgeber des Ortes ansässig war.

Hier spielt die Geschichte von Bashar Idilbi aus Syrien und seiner Frau Patricia, die in Kolumbien geboren wurde. Sie handelt davon, wie leicht etwas zusammenbrechen kann - und wie schwer es ist, etwas aufzubauen. Das alte Industriegelände in Guben, im äußersten Osten Deutschlands, scheint da genau die richtige Kulisse.

Haus aus Abfall 

Patricia Luegas-Idilbi führt ihren Besuch in eine der zahllosen abbruchreifen Industriehallen. Hier sind die Idilbis vor acht Jahren mit ihrer Firma "Technamation Technical Europe" eingezogen. Sie öffnet die Tür zu einer Art kleinem Gartenhüttchen, ein neues Mini-Gebäude, das mitten in der Fabrikhalle steht und stellt einen Heizstrahler an.

Auf dem Tisch stehen halbausgetrunkene Kaffeetassen, die Hinterlassenschaften eines Kunden, und ein Schälchen mit grauem Granulat. Die Erfindung von Bashar Idilbi, Patricias Mann.

WPC, Wood Plastic Composites, haben sie es getauft. Holz-Plastik-Gemisch. Es besteht zum Großteil aus Abfall, aus gebrauchten Milch- und Saftpackungen. Verbundstoffe, die sich bisher nur schwer recyceln lassen. Bashar Idilbi erklärt auf Englisch: "80 Prozent Papier, recyceltes Papier. Dazu kommen zehn bis 20 Prozent eines bestimmten Plastikstoffs und ein bestimmter Kleber."

Und dann ließe sich aus dem Up-Cycling-Material so ziemlich alles bauen. Idilbi zeigt auf die Wände des Häuschens, in dem er sitzt. Auf die Tür, den Boden, die Stühle. Alles aus dem Material, das er erfunden hat. Ein Haus - gebaut aus Müll, erzählt Idilbi, der Erfinder: "Es lässt sich immer wieder und wieder recyceln. Es ist überall auf der Welt verfügbar, günstig - und etwas für jeden."

Interessierte Kundschaft aus aller Welt

Der 59-jährige Syrer spricht Englisch, gemischt mit einigen Worten Deutsch. Weiß er mal nicht weiter, springt seine Frau ein. Sie präsentiert den potenziellen Kunden auch die Erfindungen. Kurz: Sie übernimmt meist das Reden, er das Tüfteln.

Sie greift sich ein Stückchen Bodenbelag: einen bräunlichen Klotz mit Rillen. Streicht liebevoll darüber, als wäre es ein ganz besonderer Schatz und meint auf Englisch: "Ich liebe es. Es sieht so wunderschön aus."

Der Syrer Bashar Idilbi von der Technamation Technical Europe GmbH in Guben zeigt eine Platte aus seinem patentierten Zellulose-Kunststoff-Verbundmaterial (picture alliance / Patrick Pleul)Bashar Idilbi stellt aus selbstentwickeltem Granulat Profile für Bodenbeläge, Wandpaneelen etc. her (picture alliance / Patrick Pleul)

Bisher stellt "Technamation" nur solche Muster her, hat gerade einmal drei Mitarbeiter. Doch im kommenden Jahr soll es mit dem regulären Betrieb losgehen. 30 Tonnen täglich möchten sie dann produzieren und mindestens 20 neue Mitarbeiter einstellen. Viele potenzielle Kunden würden bei ihnen jedenfalls zurzeit anklopfen, berichtet Patricia Luengas-Idilbi auf Deutsch:

"Kunden aus Israel, Italien, Spanien, Russland. Skandinavier, überall. Saudi-Arabien, Katar, Kuwait sind sehr interessiert für ihre Swimmingpools, Häuser. Aber unser Hauptziel, das sind Häuser wie hier. Das ist ein Prototyp, und zwar für Dritte-Welt-Länder oder Katastropheneinsatz. Wir haben jetzt schon eine Vorbestellung. Ich hoffe, dass wir diese Verträge dieses Jahr unterzeichnen können."

Erfinder von klein auf

Bashar Idilbi stemmt sich aus seinem Müll-Sessel hoch. Mit schleppendem Schritt führt er seinen Besuch durch die Fabrikhalle: ein paar Maschinen, ein paar Ballen klein geschnittener Tetrapacks und Säcke voll fertigem Granulat. Noch sieht alles sehr übersichtlich aus.

Alle Geräte hier habe er selbst gebaut, erzählt der Ingenieur und lässt eine der Maschinen an: Schon immer habe er getüftelt. In einem Sichtfenster ist zu sehen, wie sich Getränkepackungsschnipsel zu feinem Staub wandeln. Idilbi erfindet, seit er ein junger Mann war, berichtet er: "Meine erste Maschine war eine, die Gitarrensaiten herstellt, die habe ich als 18-Jähriger entwickelt, dann für Schmuck, Kunststoff, dann Papier."

Nach Deutschland sei er vor mehr als 30 Jahren gekommen. Lange bevor Syrien zum Synonym für Krieg und Leid wurde. Weil Deutschland für seine Technologie berühmt sei. Ideale Bedingungen für seine Entwicklungen, so hoffte der Maschineningenieur damals.

2002 gründete Idilbi gemeinsam mit seiner Frau "Technamation", zum Beginn mit Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen, 2009 zog er nach Guben. Weshalb? Idilbil ist offen: "Der Grund nach Guben zu kommen, war die Wirtschaftsförderung: Um Maschinen zu kaufen zum Beispiel, bekommt man hier 35 Prozent als Fördergeld."

Neubeginn bei Null

Er drückt den Aus-Knopf an seiner Papier-Mühle und fährt fort: "Vor etwa sieben Jahren habe ich versucht, einen Produktionsstandort in Syrien aufzubauen, für dieses Material. Ich habe über fünf Millionen in Syrien investiert. Und der Krieg hat alles zerstört. Und ohne meine Frau hätte ich hier nicht neu angefangen. Sie hat gesagt: 'Beginne hier zumindest mit kleinen Maschinen.' Das habe ich hier in Guben gemacht. Ich habe damals wirklich alles verloren - und habe wieder bei Null angefangen."

Mittlerweile habe er hier in Guben mehr als eine Million Euro investiert, erzählt er. Seine Frau blickt vom Computerbildschirm auf: "Schau, ich glaube, wir haben einen Preis gewonnen!" Idilbis Frau ruft aus dem Büro, ganz begeistert: Möglicherweise hätten "Technamation" den Industriepreis 2017 gewonnen. Gemeinsam beugen sie sich über den altersschwachen Computer.

Sieger sind sie nicht. Aber sie seien auf die Bestenliste gekommen, heißt es in den Schreiben. Idilbi scheint sich über die Anerkennung nicht so recht zu freuen. Gerade eben hat er noch von seinen Maschinen geschwärmt, vom "Zeitalter des Papiers".

Nun wirkt er müde. 59 ist er - ein Alter, in dem andere die Jahre bis zur Pensionierung zählen. Die Firma der Idilbis steckt noch immer in den Kinderschuhen. Patricia Luengas-Idilbi ist realistisch: "Wenn man etwas komplett Neues macht, von Null an, braucht es viel Zeit. Es ist schwer, kostet viel Geld, ist eine unglaublich Anstrengung, man arbeitet, arbeitet, arbeitet. Und am Ende weiß man nicht: Wird es ein Erfolg oder nicht?"

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