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StartseiteInformation und MusikGeschichten, die am Leben halten08.10.2017

Haitis LiteraturszeneGeschichten, die am Leben halten

Rebellisch, engagiert und schillernd vielfältig ist die Literaturszene in Haiti. Eine ganze Generation junger Autoren setzt sich mit dem schwierigen Erbe der Kolonialzeit auseinander - und mit der Frage nach der eigenen Identität. Dazu gehört auch die eigene Sprache: das haitianische Kreol.

Von Cornelius Wüllenkemper

Portrait der haitianischen Schriftstellerin Kettly Mars. (Geschätztes Aufnahmedatum 2012) (imago / Leemage)
Kultur und Literatur zu pflegen - eine wichtige Aufgabe, so die haitianische Schriftstellerin Kettly Mars (imago / Leemage)
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In "Yanvalou", einer nach dem Erdbeben von 2010 entstandenen Kultur- und Theaterbar, führt der haitianische Dramatiker Guy Régis sein neues Stück "Reconstructions" auf. Eine schreiend komische Parodie auf die Unfähigkeit der haitianischen Regierung, die internationalen Hilfsgelder zum Wohle der Bevölkerung einzusetzen. Bis auf die überfüllte Veranda drängen sich die Zuschauer und sehen gebannt der nationalen Komödie zu. Gerade in einem Land, das nicht über einen einzigen regulären Theatersaal verfügt, hat das Theater eine wichtige soziale Bedeutung. Mit seinem Kollektiv NOUS spielt Guy Régis auf den Straßen Haitis und auf den Bühnen der großen Festivals in Frankreich und in Belgien. Seit einigen Jahren leitet der 43-Jährige zudem Haitis wichtigstes Theaterfestival "4 Chemins".

"Das Festival '4 Chemins' ist eine Theater-Plattform für bürgerschaftliches Engagement. In diesem Jahr wird es um die Misshandlung von Kindern in Haiti gehen. Haiti ist eines der härtesten und ungerechtesten Länder der Welt. Als Künstler kann man vor solchen Problemen nicht die Augen verschließen, wir haben die Pflicht, unsere Kunst wie eine Waffe gegen das Übel einzusetzen. Haiti ist ein Land, in dem Theater und Bücher noch Revolutionen auslösen können."

Traumwelten halten am Leben

Zur Legende wurde der Theatermann Guy Régis schon 2003, als eine seiner Aufführungen in einer Bauruine in Port-au-Prince sich zur ersten Massendemonstration gegen den damaligen Präsidenten Bertrand Aristide entwickelte. Fiktionale Traumwelten spielen im haitianischen Bewusstsein und Alltag seit jeher eine zentrale Rolle, meint Kettly Mars, eine von Haitis international beachteten Autorinnen.

"Wir Autoren ernähren uns vom Mangel, von unseren Bedürfnissen und unseren Träumen. Daraus entstehen unsere Geschichten. Das hält uns am Leben. Ich empfinde es als Aufgabe, in dem Augenblick, in dem nichts zu funktionieren scheint, die Kultur und Literatur zu pflegen. Sie sind das Lebendigste, was wir haben in diesem Land."

Das Kreol stiftet Identität

Ihr nächster Roman über eine Familie im Griff eines Voodoo-Engels erscheint auf Französisch, wie die meisten Werke haitianischer Autoren. Die Rechte für die kreolische Fassung ihres Buches hat sich Kettly Mars gesichert. Zunehmend gewinnt das Kreol, ein bis heute oft als minderwertig erachtetes Sprachengemisch, an Bedeutung als Identitätsanker. Die 2014 gegründete "Académie Créole" etwa fungiert erstmals als Hüter einheitlicher Sprachregeln, betont Kettly Mars.

"Solange wir uns nicht von diesen alten Komplexen befreien, dass das Kreol eine minderwertige Sprache sei, solange sind wir selbst minderwertig. Das gilt für die Sprache, aber auch für unsere kreolische Kultur, für unsere Identität. Man kann nicht verleugnen, was man selbst ist. Ich liebe die französische Sprache. Aber ich bin Kreolin!"

Seit Haitis Unabhängigkeit 1804 regiert im kollektiven Bewusstsein der Stolz auf den Sieg gegen Napoleons Truppen und die tiefe Scham darüber, dass Haiti als Staat gescheitert und als Gesellschaft tief gespalten ist. Eine ganze Generation junger Autoren setzt sich mit dem schwierigen Erbe zwischen Sklavenzeit, Unabhängigkeit und der blutigen Diktatur des Duvalier-Clans literarisch auseinander. Der preisgekrönte Dichter Coutechev Aupant etwa, der auf Kreol und auf Französisch schreibt, plädiert für ein neues haitianisches Selbstbewusstsein.

Die eigene Geschichte aufschreiben

"Die Ur-Bevölkerungen der Kolonialstaaten haben ihre Identität entdeckt, als sie anfingen, eigene Literatur zu schaffen. Dort beginnt der Blick auf das, was die eigene Gemeinschaft ausmacht, die eigene Identität. Und um das zu erreichen, müssen wir unsere eigenen Geschichten aufschreiben, die Mythen, die uns ausmachen. Das ist der Sockel, auf dem wir das Land und die Demokratie aufbauen können. Und es ist die Antwort auf die Frage, wer wir sind."

Jede Naturkatastrophe, die auf Haiti niedergeht, jede neue Regierungskrise scheint die haitianische Kreativszene nur weiter anzuspornen. Bis Mitte Oktober soll die seit 13 Jahren im Land stationierte Stabilisierungs-Mission der Vereinten Nationen abziehen. Was das für Haitis politische und gesellschaftliche Zukunft bedeutet, ist umstritten. Fest steht, dass Haitis Autorinnen und Autoren weiter daran arbeiten werden, den tief verankerten Traum von Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren.

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