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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Ruqias tödlicher Kampf auf Facebook"14.05.2018

Hala Kodmani"Ruqias tödlicher Kampf auf Facebook"

Ruqia Hassan lebte in Rakka und postete unter Pseudonym gegen Assad und das Terrornetzwerk Islamischer Staat. Dann wurde sie ermordet. Die syrisch-französische Journalistin Hala Kodmani hat das Lebensumfeld von Ruqia recherchiert. Entstanden ist ein wertvolles Zeugnis über den Aufstand in Syrien.

Von Susanne El Khafif

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Das Buchcover von Hala Kodmani: "Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen". Im Hintergrund die Flagge der ISIS-Dschihadisten auf einer Kirche in Rakka. (dtv / AFP Mohammed Abdul Aziz)
Das Cover von Hala Kodmanis Buch "Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen". Im Hintergrund die Flagge der IS-Dschihadisten auf einer Kirche in Rakka. (dtv / AFP Mohammed Abdul Aziz)
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Das Buch von Hala Kodmani ist keines, das man nach dem Lesen einfach zur Seite legt. Es bewegt und löst etwas aus: Respekt, Mitgefühl und Trauer – Trauer um eine junge Frau, deren Leben viel zu früh zu Ende ging.

"19. Juli 2015. Ich bin in Rakka und habe Todesdrohungen erhalten."

... so Ruqia Hassan auf Facebook. Es wird einer ihrer letzten Posts sein. Kurz darauf wird sie – gerade erst 30 Jahre alt – ermordet. Von Schergen der Terror-Organisation 'Islamischer Staat'. Der 'IS' – auf Arabisch "Daesch".

"Wenn der Daesch mich festnimmt und tötet, werde ich endlich Frieden finden. [...] Das ist immer noch besser als die unglaubliche Demütigung, unter der Herrschaft des Daesch leben zu müssen."

Hala Kodmani, namhafte Journalistin der französischen Tageszeitung 'Libération', erfährt aus der syrischen Presse vom Tod der jungen Frau aus Rakka. Kodmani, bewegt von deren tragischem Schicksal, recherchiert Ruqias Lebensumfeld, vollzieht nach, was sie auf Facebook hinterlassen hat. Nach umfangreicher Recherche schreibt Hala Kodmani Ruqias Geschichte auf, wobei sie die Original-Facebook-Einträge in den eigenen Text integriert. Sie lässt so die junge Frau wieder lebendig werden, lässt durch ihre Augen blicken, lässt sie beschreiben, was einst in Rakka geschah.

"20. März 2012. Freunde, ich schwöre euch, dass Rakka sich zum Schlachtfeld gewandelt hat. Die Armee überschwemmt die Stadt, an jeder Kreuzung Sandsackbarrieren, gekrönt von Maschinengewehren, die sich auf die Passanten richten."

Feld den Dschihadisten überlassen

Ruqia Hassan - für die Autorin ist sie eigentlich eine ganz normale junge Frau, sie stammt aus einfachen Verhältnissen, studiert Philosophie, wird Lehrerin. Doch der Aufstand gegen Assad verändert ihr Leben, Ruqia erhebt ihre Stimme – gegen Unrecht und Unterdrückung, für die Freiheit.

Ruqia postet unter Pseudonym. Sie verurteilt die Sicherheitskräfte Assads; sie jubelt, als die Rebellen Rakka einnehmen und ihre Träume wahr zu werden scheinen; sie ist außer sich, als ihre demokratischen Freunde den Dschihadisten das Feld überlassen, sich die braven Bürger Rakkas den neuen Verhältnissen anpassen. Doch die "Männer in Schwarz" schaffen für die Bürger Ordnung, bringen Wasser und Strom, dann eine Tyrannei.

"24. Juli 2014. Auf dem Al-Naim-Platz werden abgeschlagene Köpfe ausgestellt! Zum ersten Mal erlebe ich mit, dass die 'Ungläubigen' enthauptet und entstellt werden. Haben wir den Koran falsch verstanden, oder sind unsere Quälgeister alles, nur keine Muslime?"

Ein Jahr später: Das Internet soll abgeschaltet werden, Ruqias letzter Trost, die einzige Verbindung zur Außenwelt. In der großen Gefängniszelle Rakka wird das letzte Fenster zugeschlagen. Ruqia fühlt die Ohnmacht, ist verzweifelt. Die Gräuel des "IS" haben weiter zugenommen, von oben fallen Bomben:

"6. Juli 2015. Mein Gott, Flucht heißt Demütigung und Erschöpfung, das Bleiben aber ist die Hölle. Wohin sollen wir nur?"

Dann ist da nur noch Angst ...

"9. Juli 2015. Neue Bomben bei Luftangriffen. Das Ende der Welt scheint gekommen. Die Sirenen der Krankenwagen klingen aus allen Richtungen. Lieber Gott beschütze uns."

Am Ende Stille. Ruqia gibt es nicht mehr – sie wird verraten, als angebliche "Spionin" enttarnt und hingerichtet. Durch Salven aus einem Maschinengewehr.

Den Idealen treu geblieben

Mit der "Auferstehung" von Ruqia Hassan ist der Journalistin Hala Kodmani ein ganz besonderes Buch gelungen.

Überzeugend zeichnet die Autorin das Portrait einer jungen Frau, die - besonderen Umständen ausgesetzt - eine tiefgreifende Wandlung vollzieht: Aus dem einfachen Mädchen Ruqia wird eine selbstbewusste, rebellische junge Frau, die das Leben liebt, es voll und ganz ausschöpfen will – doch Ruqia will sich und ihren Idealen treu bleiben, auch wenn es den Tod bedeutet.

Überzeugend ist auch die Entscheidung der Autorin, ihre Heldin zur Co-Autorin des Buches zu machen: Hala Kodmani macht damit einen Perspektiv-Wechsel möglich, kann zu "Innen-Ansichten" verhelfen, die selten und überaus authentisch sind: Über die Zustände in Rakka, über die Mechanismen, die wirkten und zu einem weiteren Schreckens-Regime führten.

In der Fülle der Literatur, die es heute über den "IS" und den Aufstand in Syrien gibt, ist Kodmanis Buch ein wertvolles Zeugnis, ein wichtiger Beitrag zur Dokumentation von Zeitgeschichte - ein Buch, das ergreift, das wegen seiner Bildhaftigkeit und emotionalen Tiefe ein breites Publikum ansprechen kann – das auch für den Unterricht an Schulen von besonderem Wert wäre.

"Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen" – Hala Kodmanis Buch ist keines, das man nach dem Lesen einfach zur Seite legt. Denn ähnlich wie Anne Frank lässt auch Ruqia Hassan nicht mehr los, lässt auch sie die eine wichtige Frage stellen: Was, wenn man selbst in Rakka gewesen wäre und all dem Schrecken ausgesetzt – was hätte man wohl selbst getan?

Hala Kodmani: "Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen. Ruqias tödlicher Kampf auf Facebook"
dtv, 144 Seiten, 14,90 Euro.

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