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StartseiteKultur heuteProtest und Standing Ovations 15.05.2018

Halbzeit in Cannes Protest und Standing Ovations

Sieben Jahre lang war der dänische Regisseur Lars von Trier von den Filmfestspielen in Cannes verbannt, nachdem er dort Sympathien mit Adolf Hitler geäußert hatte. Nun ist er zurück. Bei der Premiere seines jüngsten Films sollen etwa hundert Zuschauer den Saal aus Protest verlassen haben.

Maja Ellmenreich im Gespräch mit Michael Köhler

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Lars von Trier posiert in Cannes (picture alliance / MAXPPP / Frédéric Dugit)
Lars von Trier zurück in Cannes (picture alliance / MAXPPP / Frédéric Dugit)
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Michael Köhler: Ein neuer Von-Trier-Skandal?

Maja Ellmenreich: Ganz soweit würde ich nicht gehen. Aber natürlich wieder ein Lars-von-Trier-Film, der polarisiert. Er zeigt nämlich detaillierteste Gewaltszenen – fast ausschlieβlich Gewalt gegen Frauen und Kinder, die dieser Serienkiller namens Jack nach und nach umbringt - auf barbarische Art und Weise. Bilder und Szenen, die durchaus ausreichen, um den Saal zu verlassen. Zum anderen legt von Trier seinen Protagonisten krude Aussagen in den Mund über die Bedeutung und die Definition von Kunst – Kunst als Synonym für gravierende Weltveränderungen - das umfasst auch die Gräueltaten des 20. Jahrhunderts. Dazu dann aber wieder auch jede Menge nahezu philosophische Kommentare über die Gesellschaft und ihre Veranlagung, die Augen zu verschlieβen. In erster Linie aber ist "The House that Jack built" das Psychogramm eines Serienmörders, eines Mannes, der seine eigene Empathielosigkeit reflektiert und offensichtlich nur dann etwas empfindet, wenn er quält und tötet. Ein Film, der übrigens – mit gutem Grund – nicht im offiziellen Wettbewerb läuft, sondern auβer Konkurrenz. Das mag ganz pragmatische Gründe haben. Das könnte man aber auch als Vorsichtsmaßnahme der Festivalleitung deuten, nach dieser siebenjährigen Zwangspause.

Spike Lee kritisiert Trump

Köhler: Im Wettbewerb aber gab's ja gestern Abend auch eine Premiere, die groβe Aufmerksamkeit auf sich zog: US-Regisseur Spike Lee hat die wahre Geschichte des schwarzen Polizisten Ron Stallworth verfilmt, dem es gelungen ist, Mitglied im KuKluxKlan zu werden. Das Ganze spielte sich in den 1970ern ab. Dennoch ein Kommentar auf die Verhältnisse heute in den USA?

Ellmenreich: Ja, der Adressat heißt eindeutig Donald Trump. Mal abgesehen davon, dass der Satz "America first", der ja schon in Vor-Trump-Zeiten existierte, immer wieder aufs Korn genommen wird. Trump ist am Ende des Films in Wort und Ton zu sehen – und zwar mit seinen Reaktionen auf die Gewalt damals bei der Rassistenkundgebung in Charlottesville im vergangenen August. Diese Ereignisse hatten erst nach den Dreharbeiten stattgefunden, so hat es Spike Lee heute erklärt, doch er habe nicht umhin gekonnt, diese Bilder zu zeigen und diesen überdeutlichen Bogen zu schlagen. Da hat Lee doch immer einen sehr pädagogischen Ansatz, der – so finde ich – gar nicht nötig wäre, weil er die Eigenleistung seiner Zuschauer unterschätzt.

Also, die gesamten gut zwei Stunden Film von Spike Lee sind Teil der "Black Lifes Matter"-Bewegung unserer Tage, der alltägliche Rassismus, die weiße Polizeigewalt, auch der Antisemitismus – alles das, was eben noch nicht Geschichte ist. Zuvor ist der Film schlichtweg ein Stück große Hollywood-Unterhaltung mit prima Schauspielerin wie Adam Driver und John David Washington - übrigens der Sohn von Denzel Washington -, auch einem Gastauftritt von dem über 90jährigen Harry Belafonte, mit einem über weite Strecken komödienhaften Ton, mit der Überzeichnung seiner Charaktere, mit leider auch dem Griff in die eine oder andere Klischeekiste. Und mit der Hollywood-typischen Zweigleisigkeit von Pathos und Witz. Doch alles in allem ist "Blackkklansman" ein mitreißendes, packendes und sehr, sehr mehrheitsfähiges Stück Zeitgeschichte auf der Kinoleinwand. Aber nicht die Arbeit eines Autorenfilmers, sondern eher Geschichtsunterricht mit einem Popcorn-Beigeschmack.

"Eine ganz besondere Familie"

Köhler: Am Samstag wollten Sie sich hier in der Sendung noch zu keinem Favoriten hinreißen lassen. Inzwischen aber ist über die Hälfte der Wettbewerbsfilme in Cannes gezeigt worden: Gibt es inzwischen einen auf Ihrer persönlichen Filmliste?

Ellmenreich: Ja, den gibt es. Er stammt von dem Japaner Hirokazu Koreeda, einem Cannes-Stammgast und der Film heißt "Shoplifters", also Ladendiebe. Denn mit Ladendiebstählen verdient die Familie, um die eshier geht, einen Großteil ihres Lebensunterhalts. Auch die Kinder lernen die Feinheiten des gekonnten Klaus. Und wenn man es genau nimmt, sind auch diese Kinder geklaut. Denn diese Familie – sie besteht aus einer Groβmutter, drei Erwachsenen und eben zwei Kindern – ihre Mitglieder sind nicht miteinander blutsverwandt, sondern vom Schicksal zusammengewürfelt. Juristisch müsste man sagen, die Kinder seien gekidnappt worden; in der Logik des Filmes aber gehören sie einfach zusammen. Sie sind Wahlverwandte. Koreeda nimmt sich also mal wieder eine Familie vor – das ist ein Markenzeichen – und dieses Mal ist es eben eine ganz besondere Familie. Und so wie die Mitglieder im Supermarkt sehr frei mit dem umgehen, was wir als "Eigentum" bezeichnen, so führen uns die Protagonisten dieses Filmes auch eine andere Lesart des Begriffes "Zugehörigkeit" vor. Wer ist zum Beispiel mein Vater? Der, der mich gezeugt hat? Oder der, der mir beibringt, zu leben, zu lieben, eine Gemeinschaft zu bilden? Diese Fragen werden in Filmen ja immer wieder gestellt; hier wird die Antwort in einem – sagen wir – moralisch ungewöhnlichen Rahmen gegeben.

Köhler: Wie macht Koreeda das?

Ellmenreich: Koreeda lässt uns dieser Familie ganz nah kommen – eine Art Kammerspiel dreht er in der kleinen kompakten Hütte, wo es keine Privatsphäre gibt, wo alle eng aufeinander wohnen und doch – weil Groß und Klein sich mit tiefem Respekt und liebevollem Humor begegnen – miteinander klarkommen. Man wird als Zuschauer quasi eingemeindet; und so akzeptiert man auch den Wertekanon. Das ist wirklich beachtlich: Erst als sich die Behörden einschalten und die Verhältnisse beim rechtlich korrekten Namen nennen, da wird einem die vermeintliche Schieflage wieder klar. Der Film ist kein Plädoyer für Kindesraub oder Ladendiebstahl, sondern für den großzügigen und auch unkonventionellen Umgang mit dem Konzept Familie.

Weiblicher Blick auf den Krieg

Köhler: Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit stehen in diesem Cannes-Jahrgang ja sicher besonders unter Beobachtung, im ersten Festivaljahrgang seit Beginn der #MeToo-Debatte. Hat der Wettbewerb da bisher interessante Sichtweisen geliefert?

Vielleicht zuerst mal die interessant-ärgerliche Variante? Mit Spannung erwartet worden war Eva Hussons Film "Töchter der Sonne". Der Film einer Regisseurin über ein weibliches Batallion kurdischer Kämpferinnen, die ihre vom IS belagerte Heimatstadt zurückerobern wollen. Da war man gespannt gewesen auf einen weiblichen Blick auf den Krieg, hat aber ein Übermaβ an Klischees bekommen: Frauen kämpfen nur mit einem Sinn dahinter, nur für einen "guten Zweck", Frauen sind immer Mütter, wissen es sich auch im härtesten Kampfgebiet "schön zu machen", halten sich nämlich einen kleinen gelben Vogel in der sonst so grauen und düsteren Kriegszone. Leider eine komplette Enttäuschung – "Les filles du soleil" von Eva Husson. 

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