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StartseiteKommentare und Themen der WocheKeine Patentrezepte, bitte!31.07.2017

Hamburger AttentatKeine Patentrezepte, bitte!

Ferndiagnosen der Parlamentarier aus den Sommerurlaubsorten zum Fall des mutmaßlich islamistischen Messerstechers von Hamburg-Barmbek seien Fehl am Platz, kommentiert Falk Steiner im Dlf. Die Wortmeldungen häuften sich, obwohl noch allzu viele Fragen ungeklärt seien. Mehr Zurückhaltung sei wünschenswert.

Von Falk Steiner

Eine Frau legt in Hamburg-Barmbek vor dem Supermarkt, in dem ein Mann einen Menschen mit einem Messer getötet hat, Blumen nieder.  ( Bodo Marks/dpa)
Hamburger Gedenken des Opfers beim Attentat im Stadtteil Barmbek ( Bodo Marks/dpa)
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Keine zwei Monate mehr sind es bis zur Bundestagswahl, und eines ist gewiss: Egal, was passiert, die Ruhe, erst einmal zu analysieren, was passiert ist, ob etwas falsch gemacht wurde, dass man nach menschlichem Ermessen hätte besser machen können, die fehlt. Dass aus den Sommerurlaubsorten die Parlamentarier Ferndiagnosen zum Fall des mutmaßlich islamistischen Messerstechers von Barmbek stellen und schon klar beurteilen zu können meinen, welche Gesetzesänderung, welche Einstufungspraxis, welche Maßnahmen konkret geholfen hätten, das ist nicht gut.

Dabei geht vieles bunt durcheinander. Ja, der Messerstecher von Barmbek war den Sicherheitsbehörden bekannt. Er wurde dem islamistischen Spektrum zugerechnet. Aber viele Fragen sind noch ungeklärt, während sich die Wortmeldungen häufen.

Gab es ein Versagen der Hamburger Sicherheitsbehörden? Hat man die Gefährlichkeit des Mannes unterschätzt? Hätte man ihn in Haft nehmen können, vielleicht auch müssen? Oder ist all das retrospektiv falsch gewesen, aber vorher nicht abzusehen gewesen?

Was hätten die Behörden wirklich tun können?

Die Bundesanwaltschaft hat am Nachmittag das Ermittlungsverfahren übernommen - ein radikal-islamischer Hintergrund liege nahe. Der Attentäter habe sich wohl selbst radikalisiert und sich gerade einmal zwei Tage vor der Ausführung der Tat für eine entsprechende Lebensweise entschieden. Und den Entschluss, als Märtyrer bei einem Attentat sterben zu wollen, den habe er wohl am Tattag selbst gefasst - und sich im Supermarkt eines Messers bedient.

Da ist die Hauptfrage: Was hätten die Behörden wirklich tun können? Hätten sie eine Chance gehabt, den schnellen Radikalisierungskurs erst zu bemerken, verbunden mit der Feststellung, dass aus einem jungen Mann mit kruden Interessen einer wird, von dem eine mögliche Gefahr für diese Gesellschaft ausgeht? Die Antwort lautet, sollten sich die von der Bundesanwaltschaft vorgebrachten Annahmen bewahrheiten: wohl kaum.

Kleine, verlorene Figuren des Weltgeschehens

Das kann nicht beruhigend wirken und man kann sich sicher sein, dass es auch jetzt wieder Menschen geben wird, die hierfür Patentrezepte entwickeln, die in diesem konkreten Einzelfall etwas bewirkt hätten. Bis es zu einem neuen Vorfall kommt, einem, für den diese Rezepte dann wieder nicht gepasst hätten. Dann kommen wieder neue Patentrezepte.

Es gibt wahrscheinlich nur einen Weg, derartige Radikalisierungen einzudämmen: mit klarer Kante gegen alle Vorzugehen, die religiöse Ideologien vertreten und verbreiten – denn es ist auffällig, dass es eben nicht die brandstiftenden Prediger des Hasses sind, sondern kleine, verlorene Figuren des Weltgeschehens ihre Hoffnung auf ein gutes Leben im Jenseits durch Böses im Diesseits suchen. Dafür braucht es vor allem eine Gruppe: Muslime, die ihren Glaubensbrüdern klar machen, dass Gewalt kein Weg ins Paradies ist - sondern entweder ins Gefängnis oder auf den Friedhof.

Falk Steiner (Deutschlandradio / Bettina Straub)Falk Steiner (Deutschlandradio / Bettina Straub)Falk Steiner arbeitet seit 2013 im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio. Als Korrespondent bearbeitet er dort vor allem Themen der Digital- und der Sicherheitspolitik im weiteren Sinne. Zuvor arbeitete er als Freier Journalist unter anderem für Zeitungen, Magazine, Radiosender und digitale Medien sowie zwei Jahre beim Bundesverband der Verbraucherzentralen zum digitalen Wandel aus Verbrauchersicht. Zuvor war er bei einer Berliner Agentur und bei Zeit Online in Hamburg tätig. Studiert hat er Politikwissenschaft in Bonn und Berlin.

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