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StartseiteThemen der WocheHandeln statt jammern23.06.2012

Handeln statt jammern

Trotz unerfüllter Erwartungen nach dem "Rio+20"-Gipfel sollen die Länder sich weiter für Klima- und Artenschutz engagieren

"Rio+20" - eine Enttäuschung? Ja, für den, der die UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung nur als Umweltgipfel sah. Denn das einzig jetzt schon fassbare Ergebnis ist die Aufwertung des UN-Umweltprogramms. Und - ein kleiner Sieg für die Europäer: Die von ihnen geförderte Idee der Green Economy - das Ressourcen-schonende Wirtschaften - hat Eingang gefunden als ein nachhaltiger Entwicklungspfad von vielen Möglichen.

Von Jule Reimer, Deutschlandfunk

Internationale Staatschefs posieren für das Familienbild auf der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung Rio+20 (picture alliance / dpa /)
Internationale Staatschefs posieren für das Familienbild auf der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung Rio+20 (picture alliance / dpa /)

Ansonsten schöne Worte, lange Bank. Die auch für die Industriestaaten beschlossenen globalen Nachhaltigkeitsziele sind noch Hülse ohne Inhalt. Zudem verschoben auf nach 2015, das gilt auch für den allseits als notwendig anerkannten Schutz der Fischbestände und der Ozeane, also jenen Teil der Weltmeere, der nicht unter die Hoheit einzelner Staaten fällt.

Was ist falsch gelaufen in Rio? Ganz einfach: Es gibt ein Missverständnis - die Konferenz war kein reiner Umweltgipfel. Es ging genauso um Armutsbekämpfung. Und wer das Abschlussdokument gut liest, wird dazu einiges darin finden. Das lag im Interesse der Gastgeber, aber auch im Interesse manch anderen Schwellenlandes. Denn in Demokratien müssen Wähler bedient werden, und in aufstrebenden Staaten wie Brasilien und Indien gibt es noch Millionen Menschen, die bitterarm sind - trotz des rasanten Wirtschaftswachstums.

Dennoch spiegelt das Abschlussdokument einen gravierenden Denkfehler wider. Das Ergebnis von "Rio+20" ignoriert die Grenzen des Planeten. Dabei warnten auf dem Megatreffen genug Wissenschaftler eindringlich davor, dass wir die Ökosysteme bei einem Weiter so an ihre Kipppunkte bringen. Weinbau in Großbritannien mag zu den angenehmeren Folgen der Klimaerwärmung gehören, Dürre in Brandenburg schon nicht mehr. Und wenn die durch den Regenwald beförderte Wolkenbildung über der Amazonasregion abreißt, weil das Klima zu warm, die Abholzung zu drastisch wird, verwandelt sich ganz Südamerika in eine Savanne. Sind aber die Ökosysteme erst einmal umgekippt, sind auch die Erfolge der Armutsbekämpfung wieder verloren.

Doch die klassischen Wirtschaftsinteressen waren in Rio stärker. Die Ozeane: Lagerstätten begehrter Rohstoffe. Globale Nachhaltigkeitsziele: unerwünschte Zielmarken für begrenztes Wachstum. Der Mangel an Einsicht ist nicht erstaunlich. Einen schwer beladenen Tanker mit Schlagseite umzulenken, ist eine Herkulesaufgabe.

Anleger und Börsen sind fixiert auf unzulängliche Werte wie das Bruttoinlandsprodukt. Vernünftigerweise müssten auf dem Tanker manche ihren Platz wechseln, um das Schiff wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und zwar die, die für die Schlagseite sorgten. Doch die Schlauchboote auf der erhobenen Seite des Tankers sind neu, unbekannt, keiner weiß, wie robust sie sein werden. Die Boote auf der Schlagseite sind schwerfällig und von alter vertrauter Bauart - nur dass sie leck sind, das will keiner so richtig hören. Was also tun?

Rio ist nicht zuletzt das Symbol für den schwindenden Einfluss Europas in der neuen, zunehmend multipolaren Welt. Auch deshalb tun die Europäer gut daran, trotz Euro-Krise zusammenzuhalten und sich für Klima- und Artenschutz zu engagieren. Denn sie sind weiter Vorbild für viele, ärmere Entwicklungsländer. Die Idee einer wahrhaften Green Economy weltweit zu propagieren ist ein guter Ansatz. Er wird sich aber nur durchsetzen, wenn die Europäer die ärmeren Staaten nicht nur als Absatzmarkt für ihre Umwelttechnologien, sondern auch als Partner auf Augenhöhe behandeln. Im 21. Jahrhundert sind nämlich Kooperation und der Wettbewerb der Ideen gefragt statt aggressivem Machtkampf um die Märkte.

Bei allem Versagen: "Rio+20" stößt auch Prozesse an. Weil sich nur wenige lumpen lassen wollten, starteten in diesen Tagen im Schatten des Zuckerhuts viele Einzelstaaten eigene Initiativen - für erneuerbare Energien, zugunsten des Meeresschutzes. Und ohne die UN-Konferenz wäre das verheerende neue brasilianische Waldgesetz schon längst verabschiedet.

Die Vorgängerkonferenz - "Rio+10" - 2002 unter anderem Namen im südafrikanischen Johannesburg abgehalten - endete übrigens ähnlich frustrierend mit kleinsten gemeinsamem Nenner. Die Europäische Union - angeführt von Deutschland - und weitere Staaten sagten damals: Jetzt erst recht! Sie gaben den Startschuss für eine weltweite Initiative zugunsten von Sonnen- und Windenergie - heute sind die Erneuerbaren eine feste Größe auf dem Strommarkt. Genau so ist es recht: Handeln statt jammern. Trotz berechtigter Enttäuschung.

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