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StartseiteBüchermarktHandfester Roman09.02.2005

Handfester Roman

José Sáramago: "Der Doppelgänger"

<em> Die Geschichte vom menschlichen Doppelgänger ist uralt und geht eigentlich auf einen Mythos zurück, den über die Geburt des Herkules. Alkmene - damals Amphitryons Frau - war das Objekt von Jupiters fleischlichem Verlangen. Dieser nahm die Gestalt des Ehemanns an, der. gerade in den Krieg zog. Jupiter tauchte bei ihr auf, gerade so als wäre er der Ehemann, und aus dieser Verbindung ist dann Herkules hervorgegangen. Amphitryon ist gleichsam der erste Mythos über den Doppelgänger. Seither wird dieses Thema in der Literatur immer wieder aufgegriffen, etwa von Dostojewski, Tirso de Molina, Molière, Kleist. Dann war ich an der Reihe. Nicht, dass ich mir vorgenommen hätte, ich werde jetzt ein Buch über den Doppelgänger schreiben; nein, so funktioniert das bei mir nicht; mir fallen urplötzlich bestimmte Dinge ein oder auf. Bei dem Roman "Der Doppelgänger" ging es mir um die Frage: Wer ist der Andere? Paul Ricaeur hat gesagt, der Andere ist wie ich und ist berechtigt, ich zu sagen. Das sagt sich so leicht, nur bleibt der Andere für uns weiterhin ein Rätsel. Ist es nicht wie bei zwei Inseln, die sich hin und wieder zwar annähern, berühren, letztlich jedoch Inseln bleiben? Man kann sich auch fragen, ob wir überhaupt mit jemand leben könnten, der haargenau wie wir wäre. Die Idee zu diesem Roman hatte ich zuhause beim Rasieren, als dieser Andere sich bemerkbar machte. Wenngleich ich mich schon x-mal rasiert habe, ohne mir vorgestellt zu haben, dass da jemand sein könnte, der genau wie ich wäre. Damals wurde überall viel über das Klonen geredet und vielleicht hat mich das ja indirekt beeinflusst. </em>

Von Margrit Klingler-Clavijo

José Sáramago: "Der Doppelgänger" (Rowohlt Verlag)
José Sáramago: "Der Doppelgänger" (Rowohlt Verlag)

So beschreibt José Saramago die Anfänge seines Romans "Der Doppelgänger", der keineswegs ein subversives Traktat über die Einzigartigkeit des Menschen und die Bedrohung durch einen völlig identischen Doppelgänger ist, was man nach seinen Ausführungen vermuten könnte, sondern ein handfester Roman im erfolgreich erprobten Grundmuster früherer Werke wie beispielsweise DAS TODESJAHR DES RICARDO REIS oder der Roman ALLE NAMEN. Dieses Grundmuster ist denkbar einfach: Ein alleinlebender, eher introvertierter Portugiese mittleren Alters lebt sein ziemlich ereignisloses, scheinbar geordnetes Leben, bis ihn - und das ist dann das Thema des jeweiligen Romans - ein Ereignis aus seinem gewohnten Alltag reißt, wodurch sein Leben einen völlig unvorhergesehenen Verlauf nimmt.

Dies gilt auch für Tertuliano Máximo Affonso, die Hauptfigur von "Der Doppelgänger". Er ist Geschichtslehrer, hat eine Freundin namens Maria da Paz, mit der er sich nicht sonderlich gut versteht. Da er zu Depressionen neigt, leiht er sich auf Anraten eines Kollegen ein paar Videos aus, um sich aufzuheitern und auf andere Gedanken zu kommen. Während er sich verschiedene Produkte der Unterhaltungsindustrie, sprich Videofilme wie "Ein Mann wie jeder andere" oder "Sag mir, wer du bist" anschaut, entdeckt er, dass in einem dieser Videofilme der Portier eines Nachtclubs haargenau wie er aussieht. Hat er etwa einen Doppelgänger? Diese Frage beunruhigt den Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Affonso, der sich alsbald auf die Suche nach seinem Doppelgänger begibt, methodisch und akribisch wie ein gewissenhafter Detektiv, doch innerlich zutiefst erschüttert und verunsichert. Detailversessen will er alles, ja lückenlos alles über seinen Doppelgänger in Erfahrung bringen: Der Schauspieler heißt Antonio Claro ist mit Helena verheiratet, sieht ihm zum Verwechseln ähnlich; hat den gleichen Leberfleck, die gleiche Frisur, Größe, etc.

Daraus hätte auch eine witzige Komödie mit allerlei Slapstickeffekten werden können. Bei Saramago wird daraus eine obsessive, verstörende Identitätssuche. Sie liest sich spannend wie ein Krimi, weil der portugiesische Nobelpreisträger die komplexen Fragen der menschlichen Existenz wunderbar mit banalen Alltagsbeschreibungen zu verquicken vermag, so dass wir Leser laut auflachen angesichts all der absurden Abgründe, die sich vor diesem in seiner menschlichen Einzigartigkeit durch den Doppelgänger bedrohten Geschichtslehrer auftun. Wird man den Doppelgänger je wieder los? Nicht zu Lebzeiten. Erst im Tod wird die verlorene Einzigartigkeit wiederhergestellt werden, was - ich zitiere - wie der Schauspieler dem Geschichtslehrer erklärt, so ablaufen wird:

Was ist das für ein Gedanke, Der Gedanke, dass, wenn wir so gleich sind, wie wir heute feststellen mussten, die Logik der Gleichheit, die uns zu vereinen scheint, auch festlegt, dass Sie vor mir sterben müssen, nämlich genau einunddreißig Minuten vor mir, einunddreißig Minuten lang wird das Duplikat den Platz des Originals einnehmen, wird selbst Original sein.

Auf der iberischen Halbinsel und in Lateinamerika ist im Frühjahr bereits Saramagos neuestes Werk der ENSAIO SOBRE A LUCIDEZ , der Aufsatz über die Hellsichtigkeit, erschienen. Wie er selbst sagt, ein hochpolitisches Werk, das er als Anregung versteht, die Demokratien westlichen Zuschnitts kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Um die Krise der Demokratie zu überwinden, können wir nur erwarten, dass die Demokratie tatsächlich eine Demokratie ist. Wir haben derzeit keine Demokratie. Wie können wir weiterhin etwas Demokratie nennen, wo die Bürger, Sie und ich, die Leute da draußen, nur die Regierung absetzen und durch eine andere ersetzen können? Sonst nichts. Dabei wissen wir alle sehr wohl, dass die reale Macht, sprich die Wirtschaftsmacht, viel höher angesiedelt ist. Eine Demokratie, die kein Instrumentarium hat, das ihr erlaubte, den Missbrauch der Wirtschaftsmacht zu verhindern und zu kontrollieren. Wie kann eine Macht, die über unsere Leben entscheidet, nach ihren und nicht nach unseren Interessen. Wer regiert denn da eigentlich? Ich sage manchmal etwas provokativ, dass die Regierungen zu den Polizeikommissaren der Wirtschafsmacht wurden, darum geht es doch. Wenn wir also nach wie vor das, was faktisch eine Plutokratie ist, Demokratie nennen. Es ist ja auch so, dass immer dann, wenn Europa oder die USA diese Demokratie exportieren wollen, d.h. in irgendeinem anderen Land errichten wollen, diese Demokratie, die man angeblich dort errichten will, gerade diese Demokratie und keine andere ist. Ich bin natürlich nicht so naiv, dass ich denke, die Demokratie sollte, obgleich ich das denke, dass die Demokratie das sein sollte, was die Griechen sagten - obwohl ich nicht so naiv bin, anzunehmen, dass das tatsächlich geschehen wird. Die Griechen sagten ja, die Demokratie sei die Herrschaft des Volkes für das Volk und durch das Volk. Nur wissen wir ja längst, dass das völlig utopisch ist. Allerdings können wir nicht weiter leben mit diesem ständigen Diskurs über die Demokratie; dabei wird heutzutage über alles Mögliche diskutiert, nur nicht über die Demokratie, als ob sie unumgänglich wäre; als ob die Demokratie nur so beschaffen sein könnte. Ich dagegen sage: Das ist keine Demokratie. Der Bürger und Wähler kann heute nur eine Regierung abwählen und durch eine neue ersetzen. Wir wissen doch, dass der Internationale Währungsfonds in der ganzen Welt einen entscheidenden Einfluss hat. Ist der Internationale Währungsfonds demokratisch? Wir brauchen neue Konzepte.

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