Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteCampus & KarriereSchreiben statt Tippen - gut fürs Hirn10.11.2017

Handschrift Schreiben statt Tippen - gut fürs Hirn

Sie ist ein Dauerbrenner: die Diskussion um die Zukunft der Handschrift im digitalen Zeitalter. Doch das Schreiben mit der Hand fördert die kognitive Entwicklung, so der Tenor einer aktuellen Tagung an der TU Darmstadt. Tippen und mit der Hand schreiben müssen sich im Schulaltag aber auch nicht ausschließen.

Von Ludger Fittkau

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In der Dorfschule in Görzig nahe Beeskow schreibt ein Mädchen im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft. (ure alliance / dpa)
Mit einer leserlichen Handschrift haben immer mehr Kinder Probleme (ure alliance / dpa)
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Rückgang der Handschrift "Eine Spezialform der Feinmotorik"

Die Verteidiger des Schreibens mit der Hand im Bildungswesen argumentieren bei der Tagung in der TU Darmstadt mit neuen Erkenntnissen der Neurowissenschaften. Aktuelle Studien hätten gezeigt, dass das Handschreiben Verknüpfungen und Prozesse im Gehirn auslöst, die es beim Tippen auf einer Computertastatur nicht gibt. Marianela Diaz Meyer, Ergonomie-Expertin und Leiterin des Schreibmotorik-Instituts in Heroldsberg bei Nürnberg:

"Ja, das ist ein wichtiges Thema in der Neurowissenschaft. Es wird ganz aktiv untersucht, wie die Gehirnaktivitäten dann laufen. Dabei wurde herausgefunden in einer Metaanalyse in 2013, dass 12 Gehirnareale beim Handschreiben aktiviert werden. Und beim Handschreiben werden auch Spuren im Gehirn abgelegt und die können abgerufen werden, wenn die Kinder zum Beispiel die Buchstaben wiedererkennen sollen, aber auch bei Erwachsenen, wenn sie sich etwas merken sollen oder wenn sie etwas verarbeiten."

Handschreiben auf dem Tablet

Das Schreiben mit der Hand und die Benutzung etwa eines Tablet-Computers müssen in Zukunft allerdings kein Widerspruch mehr bleiben. Das ist das Thema mehrerer Vorträge der Darmstädter Tagung. Denn zunehmend werden Techniken entwickelt, die es erlauben, das mit der Hand Geschriebene  unmittelbar im Computer zu Druckbuchstaben zu verarbeiten. Dr. Christian Marquardt, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des  fränkischen Schreibmotorik-Institutes:

"Jetzt haben wir eben neue Medien wie Tablets oder sogar autarke Stifte, wo in dem Stift selber digitalisiert wird und diese Information wird dann ausgewertet."

Analoge und digitale Welt im Schreibunterricht verbinden

Also Schreiben auf dem Touchscreen oder mit einem Stift, der einen Chip eingebaut hat und die Handschrift in Druckbuchstaben übersetzt: Wo solche neuen Kombinationstechniken noch nicht zur Verfügung stehen, kann eine klare Aufteilung der Arbeit zwischen mit der Hand Geschriebenem und Tippen auf der Computertastatur sinnvoll sein. Vor allem in der Schule. Djoke Mulder, die ehemalige Direktorin einer Grundschule in der niederländischen  Provinz Friesland berichtet in Darmstadt davon, wie man an ihrer Schule das Beste aus der digitalen sowie der analogen Welt im Schreibunterricht verbindet:

"Wir haben eine Leitlinie, die Tablet-Computer nur anderthalb Stunden täglich zu benutzen und inhaltlich vor allem für die Themen, bei denen es Sinn macht - etwa, um direkt Arbeitsergebnisse zu überprüfen. Dann können die Kinder die Computer für ihr jeweiliges Level benutzen. Und für andere Übungen werden Handschreiben und Buchlektüre wie an jeder anderen Schule eingesetzt. So haben wir das Beste aus zwei Welten."

Häufige Probleme mit leserlicher Handschrift

Damit aber diese beiden Welten wirklich kombiniert werden können, müssen die Kinder erst einmal die Handschrift so gut erlernen, dass die später auch leserlich ist. Das Handschreiben ist auch wichtig für die Entwicklung der Feinmotorik, so der Tenor der Tagungsteilnehmer in Darmstadt. In der Schulpraxis zeigen sich dabei große Probleme, so Marianela Diaz Meyer vom Schreibmotorik -Institut:

"2015 haben wir eine repräsentative deutschlandweite Umfrage gemeinsam mit dem Deutschen Lehrerverband gemacht und wir haben herausgefunden, dass jedes dritte Mädchen und jeder zweite Junge Probleme mit dem Handschreiben haben. Und das war nicht nur in der Grundschule, sondern auch bei Kindern in den weiterführenden Schulen. Und wir sagen, dass bis zum 16. Lebensjahr die Kinder die Schrift automatisieren können."

Bessere Erinnerung durch analoges Schreiben

Doch brauchen Jugendliche und junge Erwachsene dann später das Handschreiben überhaupt noch? Selbst an der Universität spielt das Schreiben mit der Hand noch eine gewisse Rolle, etwa bei Exzerpten aus Büchern oder bei Vorlesungs-Mitschriften. Professor Ralph Bruder, Arbeitswissenschaftler an der TU Darmstadt:

"Ob es in der Prüfung analog oder digital ist, ist eine Frage. Aber die Mitschriften beispielsweise in Vorlesungen, da halte ich sehr viel von, die noch analog zu machen. Denn was wir alle wissen, ist, dass sich Dinge noch besser erinnern lassen, wenn ich sie mitgeschrieben habe, als wenn ich sie eintippe."

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