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StartseiteDeutschland heuteWenn tippen tötet30.06.2016

Handy im StraßenverkehrWenn tippen tötet

Ein kurzer Blick aufs Display, noch schnell eine Nachricht: Smartphones werden zunehmend zur Gefahr im Straßenverkehr. Vor allem in Nordrhein-Westfalen steigt die Zahl der Unfälle durch Ablenkung am Steuer. Die Polizei setzt dort deswegen auf verstärkte Kontrollen und Prävention.

Von Sina Fröhndrich

Blick von der Rückbank auf den Fahrer eines Autos, der ein Mobiltelefon in der rechten Hand hat. (dpa - Sami Halinen)
Jeder zehnte Unfall ist inzwischen auf das Handy zurückzuführen. (dpa - Sami Halinen)
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"Bevor wir jetzt anfangen alle Handys aus..."

Ein Gymnasium in Köln. In der abgedunkelten Aula sitzen um die 100 Schüler. Klassenstufe 11. Altersdurchschnitt 17 Jahre. Fahranfänger, die lernen sollen, wie sie sich richtig im Straßenverkehr verhalten.

Polizistin Natalie Kohn beginnt mit ein paar Unfallfotos und zeigt ein Auto, das in einen LKW hineingefahren ist. Unfallursache: Smartphoneablenkung.

"Was meint Ihr denn, wer aus so einem Auto wieder rauskommt? Keiner. Zumindest nicht lebend."

Für Natalie Kohn und ihre Polizeikollegen in NRW ist das Smartphone im Auto seit längerer Zeit ein Schwerpunktthema. Im vergangenen Jahr wurden fast 360.000 Autofahrer mit dem Smartphone in der Hand erwischt, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Hier nehmen die Zahlen anders als im bundesweiten Trend zu, erklärt das Innenministerium in Düsseldorf.

NRW-Minister Jäger fordert Anpassung der Straßenverkehrsordnung

Minister Ralf Jäger fordert deswegen: Die Straßenverkehrsordnung müsse angepasst werden – es gehe nicht mehr um Autotelefone, wie im Text erwähnt, sondern auch um Tablets. Und fraglich ist auch: Darf das Smartphone im Start-Stopp-Modus benutzt werden? Weil sich auf gesetzlicher Eben nichts ändert, setzt die Polizei in NRW auf Prävention, wie mit dem Crashkurs.

"Hallo zusammen, mein Name ist Caroline Bollig, ich bin Mutter von zwei Töchtern, die eine ist 31 Jahre alt, die andere 27 Jahre alt..." 

Die Töchter von Caroline Bollig sind 2003 nachts im Auto unterwegs. Die ältere, gerade 18 Jahre alt, ist Fahranfängerin. Sie tippt eine Nachricht auf ihrem Handy. Für einen kurzen Moment ist sie abgelenkt und bemerkt nicht, dass ein Reh auf die Straße rennt. Sie weicht aus und fährt gegen einen Baum. Beide Mädchen überleben. Die Jüngere, Catrin, muss mehrmals am Kopf operiert werden. Heute verfolgt sie den Auftritt ihrer Mutter aus der ersten Reihe – lächelnd wippt sie mit den Beinen.

"Wie ihr seht, ist Catrin heute ne absolute Grinsebacke. Sie ist ein ganz glücklicher und zufriedener Mensch. Sie hat kein Kurzzeitgedächtnis mehr, alles was sie erlebt, vergisst sie wieder. Wenn wir gleich ins Auto steigen, hat sie nach fünf Minuten vergessen, wo wir waren."

Caroline Bollig holt ihre Tochter auf die Bühne. Die 27-Jährige steht grinsend vor den Jugendlichen. Ihre Mutter reicht ihr einen Zettel, den sie vorlesen soll.

"Wir haben zuhause was aufgeschrieben, das wird sie euch jetzt vorlesen. 'Ich wünsche Euch vom ganzen Herzen viel Glück und Gesundheit für das weitere Leben. (...)Eure Catrin Bollig.'"

"Finger weg vom Smartphone während des Fahrens."

Appelliert Polizistin Natalie Kohn an die Jugendlichen.

Kurzer Blick aufs Handy kann tödlich enden

"Ich weiß, ich hab mich schon ganz oft mit Jugendlichen unterhalten, und alle sagte, nee ich kann das, guck mal ich kann das, doppelhändig. Nein es geht eben nicht, ab und zu müsst ihr runtergucken. Und mal ehrlich, was ist so wichtig, als dass es jetzt gerade geschrieben werden muss? Ja, Schatz ich dich auch...keine Gründe um mit dem Leben zu spielen."

"Piep, so jetzt kommt ein silbergrauer Ford Fiesta, Fahrer hält das Handy halb hoch, rechte Hand und tippt..."

Eine Smartphonekontrolle in Köln Mülheim. Hauptkommissar Markus Buckan macht solche Einsätze häufiger. Eine Notwendigkeit, sagt er. Wer bei 50 km/h zwei Sekunden lang auf das Smartphone schaut, ist 30 Meter im Blindflug unterwegs, sagt der Polizist.

"Und das ist schon recht natürlich klar, wenn man 30 Meter nicht schauen kann, was vor einem los ist, kann man nicht reagieren und kann man nicht agieren, so können immer wieder Verkehrsunfälle passieren."

Einige Smartphonedelikte landen vor Gericht

Immer wieder ziehen Buckan und seine Kollegen an diesem Vormittag Smartphonesünder aus dem Verkehr. Einige geben sich reumütig, das ist nicht immer so, sagt der Hauptkommissar. Es gibt Smartphonedelikte, die landen auch vor Gericht.

"Es gibt immer wieder Leute die vor Gericht sagen, nein ich hatte gar kein Handy in der Hand, ich hatte ein Diktiergerät in der Hand, ein Rasierapparat, alles mögliche an elektronischen Geräten, das wird vorgebracht. Warum sollte er nicht vor Ort schon sagen, ihr habt mich erwischt, ist aber keines. Dann hätten wir das vor Ort schon entschärft. Da kann sich jeder seinen Teil denken."

In anderen Prozessen gaben Beklagte zu Protokoll, dass sie sich mit dem Smartphone nur am Ohr kratzen wollten.

Polizist Markus Buckan hat einen alten Mercedes rausgezogen. Der Fahrer, Ende 20, hat während der Fahrt eine Nachricht verschickt.

"Ich hatte das Handy in der Hand und hab gerade ne Nachricht geschrieben an meine Freundin, wir haben ein bisschen Probleme – deswegen, ist nie ein Grund, aber hätte ich lieber parken sollen und dann schreiben sollen."

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