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StartseiteBüchermarktVon Nacktheit, Selbstzensur und Opferumkehr15.03.2017

HasskommentareVon Nacktheit, Selbstzensur und Opferumkehr

In Österreich stehen zwei Schriftsteller im Mittelpunkt eines Skandals: Autorin Stefanie Sargnagel wurde wegen eines satirischen Textes so heftig angefeindet, dass sich der Verfassungsschutz eingeschaltet hat. Ihr Gegenspieler Thomas Glavinic sieht sich wiederum als Opfer einer Kampagne.

Von Stefan Mesch

Ein Porträt der Netz-Autorin Stefanie Sargnagel (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Opfer oder Täterin? Schriftstellerin Stefanie Sargnagel (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
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Thomas Glavinic, einer der erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller der Gegenwart, geht gerichtlich gegen private Sex- und Nacktfotos vor, die ihn und seine Freundin zeigen. Unbekannte haben das pikante Material auf Twitter und mehreren Sex-Portalen geteilt. Am 10. März schreibt der 45-jährige Glavinic auf Facebook, sein Computer "wurde gehackt". Unter seinem Beitrag verwies er selbst via öffentlichem Link auf die Bilder.

"Das alles steht in zeitlichem und inhaltlichen Zusammenhang", so Glavinic, mit der 31-jährigen Autorin Stefanie Sprengnagel. Glavinic moniert, dass Sprengnagel "noch nicht unter gesellschaftlicher Quarantäne steht": Wirft er ihr vor, die Fotos gestohlen, ins Netz gestellt, geteilt zu haben?

"Jemand hat mir vor zwei Wochen einen Link mit pornografischen Bilder [sic] von Thomas Glavinic geschickt und der Aufforderung diese zu verbreiten", antwortet Sprengnagel (Anmerkung der Redaktion: der Künstlername ist Stefanie Sargnagel) auf Twitter: "Ich habe schon von vielen Wiener Frauen gehört, dass sie ungefragt von solchen Fotos 'beglückt' wurden, direkt von ihm. Deshalb ist meine Vermutung, das Fakeprofil, dass [sic] mir diesen Link schickte, war er selbst mit der Erwartung, ich würde sie verbreiten."

Glavinic verdächtigt Sprengnagel öffentlich eines Verbrechens: "Revenge Porn" – das ungebetene Veröffentlichen intimer Fotos. Im Gegenzug vermutet Sprengnagel öffentlich, Glavinic habe ihr eine Falle stellen wollen – die sie, nach ihrer Behauptung, umging: "Ich habe das selbstverständlich nicht gemacht. Ich wollte das nicht mal sehen. Mich interessieren die Fotos Nüsse."

Ein Hin und Her, das im Kulturbetrieb vor allem als Wiener Posse belächelt wird, ein Nebenkriegsschauplatz. Denn seit dem 8. März ist Sprengnagel Opfer einer verstörenden, viel breiter diskutierten Hasskampagne, angestoßen durch die österreichische "Kronenzeitung": 

Hunderte Mail- und Kommentarschreiber werfen der Autorin vor, Tiere zu quälen; man droht mit Vergewaltigung und Mord – weil sie in einem satirischen Reisetagebuch, veröffentlicht unter ihrem Künstlernamen Stefanie Sargnagel, schrieb, eine befreundete Veganerin habe in Marokko "eine Babykatze zur Seite getreten mit der Behauptung, sie habe Tollwut."

Der Autor als Körper

Thomas Glavinic hat keine Kontrolle darüber, wer die privaten Fotos weiter sieht: Er sucht Hilfe bei Rechtsberatern. Stefanie Sprengnagel kämpft mit einer Flut frauenfeindlicher, oft sexualisierter Drohungen: Der Verfassungsschutz ermittelt. In beiden Fällen wäre es dumm, die Schuld vor allem darin zu suchen, wie leicht im Netz Wut, Hass, Nacktheit immer neue Runden drehen können.

Soll Glavinic vor jedem Foto abwägen, was wäre, falls jemand den Computer hackt? Und soll Sprengnagel ihre Literatur so formulieren, dass eine gehässige Boulevardzeitung keinen Satz aufbauschen, skandalisieren, aus dem Kontext reißen kann? Wer ihm nahe legt, sich nicht beim Sex zu fotografieren, oder ihr, ihren oft klugen Sarkasmus zu drosseln, betreibt "Victim Blaming" – schiebt die Verantwortung auf die Opfer.

 Der Schriftsteller Thomas Glavinic auf dem Blauen Sofa der Leipziger Buchmesse (Deutschlandradio / Margarete Hucht)Opfer einer "Revenge Porn"-Aktion? Schriftsteller Thomas Glavinic (Deutschlandradio / Margarete Hucht)


Ich lese Sprengnagel am liebsten auf Facebook, in ihren derben literarischen Updates übers Kiffen, Trinken, Eine-unangenehme-Frau-Sein und Den-Angepassten-auf-den-Schlips-Treten: Mut zum Menschenhass!

"Ich hatte noch immer keine Abtreibung, doch ich wünschte, ich hätte", twitterte die US-Feministin Lena Dunham ("Girls") im Dezember. "Ich glaub ich setz' die Pille ab, nur damit ich noch ein paar mal abtreiben kann, bevor Hitler Bundespräsident wird", postete Sargnagel schon im Mai – aus Angst, dass FPÖ-Kandidat Norbert Hofer die Wahl gewinnt. "Was für eine plumpe Art, Tabus zu brechen", denke ich nach solchen Sätzen. Doch dann: "Moment. Wie absurd, dass so vieles bis heute tabuisiert bleibt!"

Wer darf sprechen, und warum? Wenn Sprengnagel nervt und verstört, wenn Thomas Glavinic einen Lamborghini zu Schrott fährt, breitbeinig auf Barhockern hängt, sich auf Instagram das Brusthaar kraulen lässt, weiten die zwei unsere Vorstellung davon, wie Intellektuelle klingen, aussehen, sich zeigen dürfen. Zwei laute, angreifbare coole Säue – die mit Mut und Schwung auch Privates in öffentliche Debatten werfen, immer wieder. Dafür: Respekt!

"Katzen retten, Frauen treten"

Trotz vieler Gemeinsamkeiten nennt Glavinic die jüngere Kollegin "talentfreie Krawallnudel" und "sprechenden Rollmops" – denn Sprengnagel hält Glavinic für einen Chauvi und Apologet der Reaktionären: "In den letzten Monaten gibt es immer mehr seltsame Verbindungen zu rechten Szenen. Seine Postings werden z.B. von vielen Menschen der identitären Bewegung geteilt."

Als Zeichen gegen Männerbünde und Sexismus gründete sie eine feministische Burschenschaft für Frauen, "Hysteria". Im letzten Sommer verteilten Hysteria-Aktivistinnen bei einer Glavinic-Lesung ein Flugblatt: "Thomas ist ein Mann, der gerne teilt", unter anderem "Fotos von seinem Schwanz" und "seine Sympathie für Rechte".

Damit "zurück geteilt" werden kann, war Glavinics private Telefonnummer angegeben. Ein Machtmittel, das im Netz besonders gegen engagierte Frauen angewandt wird: "Doxing" – das Teilen von Kontaktdaten, damit Opfer Belästigungen und Besuche fürchten müssen. So, wie auch die "Krone" dazu einlud, Sprengnagel zu besuchen – in ihrer Klagenfurter Stadtschreiberwohnung. 

Ein gleichwertiges Hin und Her? Nein. In "American Bitch", der bisher besten Episode von "Girls", zeigt Lena Dunham, wie eine junge Bloggerin ihr Idol trifft: einen Autor über 40. Sie fasste Sex- und Sexismusgerüchte über ihn zusammen, öffentlich. Der Autor will sich verteidigen. Oder sie tadeln? Sich rächen? Oder ein Mentor sein? 30 atemlose Minuten sprechen Mann und "Mädchen" über Machtgefälle, Grauzonen und die Frage, ob er nach unten tritt. Und sie unfaire Vorwürfe streut. 

Stefanie Sprengnagel wird seit Tagen bedroht – ein süffisanter Text in Österreichs größter Zeitung genügte: traurig erwartbare Beiß- und Hassreflexe. "Rape Culture" ist der Überbegriff für sexuelle Drohungen und Druckmittel, mit denen Frauen klein gehalten werden. "Katzen retten, Frauen treten", fasst Lisa Mayr zusammen. Ein Kabarett-Duo twittert: "Ein österreichisches Wochenende als Kurzfilm: Mehrere Männer schlagen eine Frau. Im Hintergrund verteilt einer Fotos von seinem Glied. Ende." 

Sexting? Dick Pics? Nackt-Proteste?

Dass Glavinic Exhibitionismus oder Selbstinszenierung vorgeworfen wird, liegt auch an einem Nacktfoto von 2015: Damals ärgerte sich der Autor in seinem privaten Profil darüber, wie schnell Facebook alle sexuellen Inhalte löscht – und zeigte sich nackt, aus "Protest". Nach ein paar Stunden war der Schnappschuss gesperrt. Ein impulsives Bild. Für mich: mutig, charmant und nichts, das Glavinics Glaubwürdigkeit schmälern darf. Dass er sich freiwillig nackt zeigte, gibt keinem Gegner die Erlaubnis, heute weitere Fotos von ihm zu teilen.

Doch diese Grenze verläuft auch zwischen "Sexting" und unerwünschten "Dick Pics": Viele Paare und Singles schicken Nacktbilder hin und her. Doch viele Frauen mit öffentlichen Profilen finden immer wieder Penis-Fotos in allen Mailboxen – übergriffig und ungefragt.  

Sargnagel ist Opfer der "Krone". Zeitgleich will sich Thomas Glavinic als Opfer Stefanie Sargnagels verstanden wissen. Dass Glavinic unerwünschte Fotos an Frauen verschickt, müssten Sprengnagel und die "Hysteria" leicht beweisen können. Glavinic dagegen scheint bisher nicht beweisen zu wollen, dass seine privaten Fotos tatsächlich von Sargnagel oder Helfern gestohlen, ins Netz gestellt, geteilt wurden. Er wirft allein den Vorwurf in den öffentlichen Raum, dass diese Bilder "in Zusammenhang" mit Sprengnagel stehen.

Die Ebene des reinen Literaturskandals hat diese Geschichte längst verlassen. Wegen der öffentlichen Drohungen gegen Stefanie Sprengnagel ermittelt inzwischen sogar der österreichische Verfassungsschutz.

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