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Hauen und Stechen

Travis Tygart stellt sich auf eine harte Auseinandersetzung mit Lance Armstrong ein

von Jürgen Kalwa

Eine Urinprobe wird auf Dopingmittel getestet.
Eine Urinprobe wird auf Dopingmittel getestet. (AP)

Der Chef der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada), Travis Tygart, hat die Anklage gegen Lance Armstrong auf den Weg gebracht. Der Anwalt des siebenfachen Tour-de-France-Gewinners Armstrong attackiert nun Tygarts Arbeit als "unethisch und illegal”.

Wenn Lance Armstrong auf einen Schlag und ganz schnell ein großes Publikum erreichen will, schickt er gerne ein paar Zeilen via Twitter in die Welt hinaus. Dort folgen ihm inzwischen über 3 Millionen Internet-Nutzer. Die konnten auf diese Weise im Januar des letzten Jahres seine Reaktion auf einen Bericht in einer auflagenstarken amerikanischen Zeitschrift erfahren: "Großartig zu erfahren, dass Usada einige der Behauptungen von Sports Illustrated untersucht”, schrieb er. "Ich freue mich darauf, mich bestätigt zu sehen.”

Er freute sich. Doch vermutlich viel zu früh. Denn seit knapp zwei Wochen hat er schriftlich, was diese Usada – also die amerikanische Antidopingagentur – herausgefunden hat und was sie tatsächlich bestätigt: Den lange gehegten Verdacht, dass der Radrennfahrer Lance Armstrong seine Erfolge nicht mit sauberen Mitteln errungen hat.

Mitverantwortlich für diese Feststellung ist dieser Mann:

""My name is Travis Tygart. And I am the Chief Executive Officer of the United States Anti Doping Agency or Usada.”"

Travis Tygart, der Geschäftsführer der amerikanischen Anti-Dopingagentur, bei einem seiner Auftritte im Kongress in Washington:

"Doping”, so sagt Tygart, "hat einen zerstörerischen Effekt auf die Kernwerte des Sports. Doping im Profisport schadet uns allen.”

Den Schaden hat er bei einer seiner Aussagen in Washington 2009 sogar mit Zahlen belegt. Sie zeigen, dass jemand wie Tygart ein moderner Don Quichotte ist und einen Kampf gegen Windmühlenflügel führt. Anabolika und Testosteron in sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln kann man in den USA an jeder Straßenecke kaufen. Schätzungen besagen, dass zehn Prozent des Gesamtmarktes dieser Produkte verbotene Mittel enthalten. Ein Geschäft von mehreren hundert Millionen Dollar pro Jahr.

""Es ist einfach für einen High-School-Sportler oder jemanden am College, in einen Laden zu gehen oder ins Internet und die vielversprechenden Etiketten mit Behauptungen wie "legal” oder "Naturprodukt” zu erwerben.”"

Tygart, studierter Philosoph und approbierter Jurist, versteht sich nicht einfach bloß als Polizist, der gut versteckte Radarfallen aufbaut, um möglichst viele Missetäter zu fangen. Er ist jemand, der Wert darauf legt, Spitzensportlern zu helfen. Das unterstrich er vor ein paar Wochen in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk, als es um die umstrittenen Behandlungsmethoden des Düsseldorfer Schmerzspezialisten Dr. Peter Wehling ging. Wehling ist Anlaufstation für eine Reihe von berühmten amerikanischen Athleten geworden.

""Wenn ein Athlet anruft und sagt, ‘das ist meine Krankheit, hier sind meine medizinischen Unterlagen, hier ist die Behandlung, die mein Arzt vorschlägt’, dem helfen wir, wenn er wissen möchte, was erlaubt ist oder ob er eine Ausnahmegenehmigung braucht.”"

Eine solche Offerte zur Zusammenarbeit gilt für Sportler, die mit offenen Karten spielen. Für Doper, die erwischt werden, hat Tygart nicht halb soviel Verständnis. Als im letzten Jahr die Nachrichten aus Spanien zur Handhabe des Contador-Dopingfalls über den Atlantik schallten, machte er seine Haltung klar. Man solle keine Angst haben, "unsere Helden zu Fall zu bringen”, sagte er.

Seit der Gründung der Agentur im Jahr 2000 hat sie fast 400 Fälle abgewickelt, von denen ein knappes Viertel von einem internen Prüfungsverfahren vorab als nicht hinreichend belegt kassiert wurde. In 58 Fällen legten die betroffenen Sportler Einspruch ein. Aber nur zwei gewannen.

Um dieses Risiko im Fall Armstrong zu minimieren, hat die Usada einen ganzen Aktenberg aufgetürmt und Zeugenaussagen und Unterlagen zusammengetragen. Die Details allerdings wurden dem Hauptbeschuldigten, seinem ehemaligen Sportlichen Direktor Johan Bruyneel, drei verdächtigen Ärzten und einem Masseur nicht mitgeteilt.

In einem 18seitigen Brief an die Usada und das Gremium, das über die formale Aufnahme des Verfahrens entscheiden soll, ließ der Anwalt des Texaners am Freitag kein Haar an der Rechtmäßigkeit der Causa. Die Anti-Doping-Agentur würde ihre eigenen Regeln missachten, da sie seinem Mandanten zu diesem frühen Zeitpunkt keine Akteneinsicht gestattet. Obendrein soll der Usada-Chef gegen amerikanische Gesetze verstoßen haben. Tygart soll Zeugenbefragungen im Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft beigewohnt haben. Seine Verhaltensweise sei – so wörtlich – sei "unethisch und illegal”. Der gravierendste Vorwurf lautet jedoch: die Agentur agiere außerhalb der Grenzen ihre eigentlichen Aufgabe und würde sich eine Rechtshoheit anmaßen, die sie nicht hat.

Tygart kann es sich in diesen Tagen aus verfahrensrechtlichen Gründen nicht erlauben, auch nur irgendeine Anmerkung zu den Vorwürfen zu machen. Er schweigt. So sprang ihm im Laufe der Woche der Generaldirektor der Welt-Antidopingagentur Wada bei. David Howman: "Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass es von jetzt ab ein Hauen und Stechen geben wird.” Aber er habe vollstes Vertrauen in das System. "Es ist robust.”

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