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Hauptsache immer mehr

Welche Rolle spielt die Gier bei der internationalen Finanzkrise?

Von Ingeborg Breuer

Bargeldspürhündin Voxi blickt gierig auf Geldscheine
Bargeldspürhündin Voxi blickt gierig auf Geldscheine (AP)

Dass die Welt des großen Geldes von Gier bestimmt ist, scheint heute allen klar. Gierige Manager, zockende Spekulanten, Wetten auf Staatsbankrotte – die Gier nach Mehr und immer Mehr gilt als Grund für die globalen Finanzkrisen der letzten Jahre.

"Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier funktioniert."

In "Wall Street", Oliver Stones berühmtem Film aus dem Jahr 1987, hält der von Michael Douglas gespielte Spekulant Gordon Gekko eine Rede vor den Aktionären einer Firma. Er möchte, dass die Firma zerschlagen wird – im Namen höherer Renditen. Denn Gier treibe die Menschen an.

"Gier schafft Klarheit, Gier trennt das Wichtige vom Unwichtigen, Gier ergreift das Wesen der Zukunft. Gier, in all ihren Formen - als Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, nach Wissen - hat das Beste im Menschen hervorgebracht. Und Gier, Sie werden sich noch an meine Worte erinnern, wird nicht nur diese Firma, sondern auch noch ein anderes angeschlagenes Unternehmen retten, nämlich die Vereinigten Staaten."

Heute sind die Renditen, die Managergehälter und Boni noch höher als zur Zeit des Börsenbooms der 80er-Jahre. Doch damals wie heute ist man sich einig: Die Welt des großen Geldes ist von Gier bestimmt.

Steuerhinterziehung, Betrug, Hedgefonds, Wetten auf Staatsbankrotte – wohin man schaut, zeigt die Habsucht ihr hässliches Gesicht. Die Finanzkrise "ist die direkte Folge der Gier und der Skrupellosigkeit der Banker und Fondsmanager", hieß es auf der Homepage von Attac. "Gier frisst Hirn" wurde mit Kreide vor die Frankfurter Börse gemalt. Ist Gier also der tiefste Beweggrund nicht nur der Spekulanten, sondern der ganzen Finanzwirtschaft? Sind psychologische Defizite der Grund für den Kasinokapitalismus unserer Tage? - In Experimenten versuchen neuerdings Ökonomen, Psychologen und Neurobiologen, die Gier wissenschaftlich zu ergründen.

"Das Experiment zeigt auch sehr schön, dass es eine sehr ich-zentrierte Interpretation gibt, was fair ist, wie weit man mit seiner Gier gehen kann."..

Schlummert die Gier in uns allen?, versucht der Innsbrucker Wirtschaftswissenschaftler Professor Mattias Sutter experimentell herauszufinden. Er stellt zwei Studententeams Geld in Aussicht. Team A bekommt dabei ohne Wenn und Aber 60 Euro. Und dann sind noch einmal 60 Euro für Team B vorgesehen. Allerdings kann Team A – sozusagen diktatorisch – von diesem Geld etwas einfordern. Aber wäre es nicht fair, wenn Team B seine 60 Euro ganz behalten könnte? Dies kommt Team A höchst selten in den Sinn. Siegt also die eigene Gier über das Gerechtigkeitsgefühl?

"Die A-Teams, die kommen häufig nicht auf die Idee, nur einmal ganz kurz, dass man ja gar nichts nehmen könnte und dann gehen alle mit gleich viel Geld nach Hause. Sondern die finden das ok, wir können jetzt den anderen was nehmen, und dann machen wir's einfach. Und das ist jetzt eben nicht der Deutsche-Bank-Chef, sondern ein kleiner Student, der bei uns gut studiert und dann eben Geld mit nach Hause nimmt. Auch das zeigt dieses Experiment sehr deutlich, das ist etwas, was wir alle haben."

Die Aussicht auf einen finanziellen Gewinn scheint also die Moral vieler Menschen zu unterhöhlen. Manchmal allerdings auch ihre Vernunft. Ein Produkt, das mit einem Rabattzeichen versehen ist, löst bei vielen Menschen einen unwiderstehlichen Drang aus, dieses Produkt auch zu kaufen. Selbst dann, das haben Experimente am Labor für Neuroökonomie der Universität Bonn ergeben, wenn die vermeintlichen Schnäppchen gar keine sind.

Kaufentscheidungen werden emotional gefällt, erklärt Dr. Bernd Weber vom Bonner Institut. Er zeigte Probanden im Hirnscanner mittels einer Videobrille Produkte mit und ohne Rabattzeichen:

"Wir fanden, dass, wenn man Rabattsymbole präsentiert im Kernspin, dass da Bereiche im Gehirn aktiv sind, die mehr so mit Emotionalem oder Bauchentscheidungsverhalten zusammenhängen. Also nicht wirklich die kognitiven Areale, die zeigen, dass man stark drüber nachdenkt, sondern mehr Bereiche, die mit Bauchempfindungen zusammenhängen.
In Wirklichkeit hat dieses Bauchgefühl seinen Sitz aber im Gehirn. Tief hinter den Augen im basalen Vorderhirn befindet sich der sogenannte Nucleus Accumbens, auch Belohnungszentrum genannt. Und dessen Aktivierung verursache – nicht nur beim Menschen – ein ungeahntes Wohlbefinden","

… so Prof. Christian Elger, Chef der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn.

""Das Belohnungssystem ist eine Ansammlung von Nervenzellen in bestimmten Regionen des Gehirns, deren Aktivierung uns ein Wohlgefühl vermittelt, was durch nichts zu überbieten ist. Wenn man Versuchstieren Elektroden in diese Region einführt, ihnen beibringt, sich elektrisch dort zu stimulieren, hören sie nicht wieder auf. Sie verhungern, sie vernachlässigen Partner. Was immer Sie auch nehmen, es gibt nichts Besseres als dieses Gefühl. Wenn Sie jetzt einen ökonomischen Prozess nehmen und Sie aktivieren bei diesem ökonomischen Prozess dieses Belohnungssystem, dann kann der Mensch nicht rational handeln, weil immer sein Ziel ist, seine Belohnung abzuholen und dieses Wohlgefühl zu erzeugen."

Geld steht ganz oben in der Hierarchie der Dinge, die das Belohnungszentrum des Gehirns aktivieren können, stellt Christian Elger auch in seinem neuen Buch "Neurofinance" fest. Denn Geld lässt sich in nahezu alles verwandeln, was Menschen begehren – seien es nun Schuhe, Autos, Macht oder Anerkennung. Und hinzu komme noch, so Christian Elger, dass die Aussicht auf ein Vermögen ein noch größeres neuronales Feuerwerk hervorrufe als der reale Besitz. Und deshalb sei das Streben nach Mehr und immer Mehr sozusagen hirnphysiologisch vorprogrammiert.

"Geld hat ein ganz großes Problem: dass Geld ähnlich wie Kokain unser Gehirn aktiviert. Das heißt, wir haben mit Geld fast die Form eines Rauschgiftes."

Dies meinen Hirnforscher im Kernspin nachweisen zu können. Bei einem Orgasmus, einem Stimmungshoch durch Kokain oder dem Adrenalinstoß beim günstigen Erwerb einer Aktie seien jeweils die gleichen neuronalen Netzströme aktiv. Kurz gesagt: Unser Gehirn giert nach Geld genauso wie nach Sex.

"Geld zu bekommen, aktiviert unser Belohnungssystem, Geld zu verlieren aktiviert Systeme im Gehirn, die mit aktiviert werden, wenn wir das Unangenehme des Schmerzes empfinden. Das heißt, das eine wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Und das andere wollen wir bekommen."

Die Ansprechbarkeit des Belohnungszentrums sei allerdings bei Menschen genetisch unterschiedlich. Es gebe also eine bestimmte biologische Disposition, die die Lust am schnellen, aber riskanten Geldgewinn fördere.

"Wenn man Persönlichkeitsfragebögen nimmt und die Gruppen in introvertierte und extrovertierte einteilt, dann hat der Extrovertierte ein viel schnelleres Anspringen des Belohnungssystems, auch er ist viel stärker gefährdet, wie der Introvertierte. Das hat für Führung erhebliche Konsequenzen. Das Problem ist nur, dass der korrekte, introvertierte Buchhaltertyp in einer Vorstandsrunde wahrscheinlich gar nicht zu Wort kommt, wenn fünf Alphatiere sagen, so wir kaufen jetzt den Toyota-Konzern oder den oder den."

Die Finanzkrise also als Ausdruck eines außer Kontrolle geratenen Giergens? Und Spitzenmanager als gengesteuerte Finanzjunkies? Die "Sieben Thesen des Frankfurter Zukunftsrates zur Neuroökonomie" vom Juni 2009 legen gar nahe, Menschen mit "genbedingter 'Finanzgier" nicht länger in Führungspositionen einzusetzen. Müssen sich also Manager demnächst einem Gentest unterziehen?

Hier unterliegt die neue Leitwissenschaft "Neurobiologie" offensichtlich ihrer eigenen Selbstüberschätzung. Natürlich gehört Gier zur Grundausstattung des Menschen. Der phrygische König Midas wünschte sich schon im 8. Jahrhundert vor Christus, dass alles, was er in die Hand nimmt, zu Gold wird - und wäre deshalb fast verhungert. Der Buddhismus sah in der Gier die Ursache für alles menschliche Leiden. Und "Avaritia" - lateinisch Geiz wie auch Habgier – gehörte im Christentum zu einem der sieben Hauptlaster des Menschen. Doch im Kapitalismus wandelt sich ein hässlicher, individueller Charakterzug und wird sozusagen "systemrelevant". Denn …

"… der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden",

Beschrieb der britische Ökonom John Maynard Keynes das Funktionieren unseres Systems. Und ging damit zurück auf Adam Smith, den Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre.

Der schilderte nämlich bereits 1776, wie auf einem freien Markt der Egoismus des Einzelnen letztlich dem Nutzen des Allgemeinwohls dient. Denn wie von einer "unsichtbaren Hand" geleitet, diene der Eigennutz aller der Mehrung des Wohlergehens aller. Adam Smith schrieb:

"Wenn es um mein täglich Brot geht, verlasse ich mich nicht auf die Menschenliebe des Bäckers, sondern auf seine Gewinnsucht."

"Bei Smith ist das sehr harmonistisch gedacht, weil da ist es die unsichtbare göttliche Hand, die Weltordnung, die dafür sorgt, dass die eigenen Interessen eingebunden sind und die eigenen Interessen auch gebremst werden durch den Nutzen der anderen: Ohne diese Ordnung von außen ist der Einzelne seinen eigenen Interessen ausgeliefert."

Natürlich kann die "unsichtbare Hand" des Adam Smith heute nicht länger metaphysisch gedacht werden. Vielmehr ist es die Politik, die die Ökonomie regelt. Friedhelm Hengsbach ist einer der renommiertesten Wirtschaftsethiker Deutschlands. Zugleich ist er Jesuit - und im wissenschaftlichen Beirat von Attac. In seinem neuen Buch "Ein anderer Kapitalismus ist möglich" fordert Hengsbach deshalb dazu auf, die "Spielregeln" statt die Spieler der globalen Finanzwirtschaft ins Visier zu nehmen.

"Wer hat das in Gang gesetzt: die Entregelung der Arbeitsprozesse? Dafür haben sie bestimmte Gesetze: Das Leiharbeitsgesetz, Kündigungsschutz, es ist ja alles politisch angeleiert worden. Man hat gemeint, der Wohlstand aller würde sich heben, wenn man die oberen Einkommensschichten besonders begünstigt, steuerlich entlastet, ihnen Anlagemöglichkeiten bietet und umgekehrt im unteren Bereich viel Druck ausübt. Das war ja die herrschende Ideologie der letzten 30 Jahre, bis es in der Finanzkrise dann krachte. Da sah man die Folgen."

Die Finanzkrise sei also keineswegs der Ausdruck eines individuellen Versagens. Sondern, wie Hengsbach es nennt, ein "korruptes System" habe sie verursacht. Das Grundproblem sei ein Finanzmarkt, auf dem vagabundierende Billionen weitgehend unreguliert auf der Suche nach den höchsten Renditen sind.

"So könnte man auch von korrupten Systemen sprechen, die sozusagen in sich schon diesen Drive oder diese Dynamik enthalten, dass am Ende es überhaupt keine Menschen geben kann, die sich in diesem System aufhalten und bewegen, die nicht gierig sind. Und das ist bei der Finanzkrise geschehen, dass da offene Flanken zugelassen und auch ausgenutzt wurden. Es gibt Finanzgeschäfte, die völlig draußen sind, die Hedgefonds und die Zweckgesellschaften und es gibt Finanzplätze, wo diese Aufsicht und Kontrolle nicht hingelangt. Da sehe ich die Gründe, weshalb so viele Möglichkeiten für gieriges Verhalten gegeben ist, ja dazu eingeladen wird."

Die Verantwortung für die Finanz-Tsunamis der letzten Jahre trage deshalb die Politik. Die politische Ordnung entscheide, wie weit Gier und der Bereicherungswille einzelner zugelassen wird. Und deshalb gehe es auch keineswegs darum, wie oft gefordert, an die moralische Verfassung des Managements zu appellieren. Daran, dass die Wirtschaft sich normativ wieder mehr an Begriffen wie "Anstand", "Ehre" oder dem "ehrbaren Kaufmann" orientieren solle. Denn die "Menschen sind immer so moralisch wie Strukturen es erlauben, in denen sie leben", erkannte der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Und die Strukturen erlauben derzeit viel.

"Ich halte für den entscheidenden Faktor, der menschliches Handeln beeinflusst, das jeweilige System. Von persönlicher Verantwortung würde ich nur reden im Rahmen vorgegebener Ordnungen oder im Rahmen eines möglichen Handlungsspielraums. Je enger der Handlungsspielraum ist, umso enger wird die persönliche Verantwortung. Und wenn der Handlungsspielraum ausgeweitet ist, offene Flanken enthält, werden natürlich viel höhere Anforderungen an diese individuelle Verantwortung gestellt."

Friedhelm Hengsbach glaubt, dass ein Neustart des Kapitalismus jenseits seiner finanzkapitalistischen Auswüchse möglich sei. Mittels staatlicher Interventionen könne es gelingen, das allgemeine wieder vor das partikulare Interesse einzelner zu setzen. Bislang allerdings taumelt die regulierende Hand der Politik eher, nach einem Wort von Peter Sloterdijk, "von einer Improvisation in die andere". Doch von diesem Taumeln abzulenken, indem man ein strukturelles Versagen psychologisiert oder am Ende gar, wie die Neurobiologie es macht, "naturalisiert", hält Friedhelm Hengsbach für unangemessenen Populismus.

"Die monetäre Sphäre ist für viele, auch für Ökonomen so komplex, dass sie die Finger völlig davon weglassen. Die wenigsten wissen, wie Geldschöpfung funktioniert, wie Geld geschaffen wird und wie das Geld in den Kreislauf hineinkommt und wer dafür verantwortlich ist. Und wenn das so nebelhaft ist, dann sucht man ein menschliches Antlitz, was man verantwortlich machen kann für diese Ungereimtheiten und die katastrophalen Phänomene, die da in der Finanzkrise sichtbar wurden. Man sucht nen Prügelknaben, man sucht nen Sündenbock. Aber ich frage mich, ist das Gier. Ist der Händler, der Bankangestellte, der möglichst viele Immobilienverträge vorlegen muss, ist der jetzt gierig oder wird er am Ende getrieben und gejagt? Am Ende bleibt man dann bei den Bankmanagern! Man darf aber auch nicht die Bankdirektoren und die Genossenschaftsbanken als besonders gierig ansehen,man hat dann am Ende ein paar Investmentbanker, zu denen der Herrn Ackermann gehört, das sind dann Gesichter, die kann man malen, die kann man auch anprangern. Ich find das nur ne Ersatzhandlung."

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