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StartseiteTag für TagJunge Juden und Jerusalem22.01.2018

Hauptstadt-DebatteJunge Juden und Jerusalem

Dass es eine besondere Verbundenheit mit Jerusalem gibt, darüber gibt es kaum Meinungsverschiedenheiten bei Juden in Deutschland. Doch seit US-Präsident Trump angekündigt hat, er werde die US-Botschaft nach Jerusalem verlegen, ist es mit den Gemeinsamkeiten vorbei. Was denken junge Juden in Berlin darüber?

Von Carsten Dippel

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Wandgemälde einer deutsche Flagge mit Davidstern an der East Side Gallery in Berlin. Copyright: imageBROKER/EgonxBömsch (imageBROKER/EgonxBömsch)
Der Davidstern auf deutscher Flagge - Wandgemälde an der East Side Gallery in Berlin. (imageBROKER/EgonxBömsch)
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"Jerusalem ist so eine wunderbare Stadt, die ist so schön. Die Jerusalemer sind wahnsinnig interessante, spannende, warmherzige Menschen. Palästinenser wie Israelis, Juden, Muslime, Christen. Also Jerusalem wirklich, wer bereit ist, sich Jerusalem wirklich zu öffnen, ist diese Stadt eine unglaubliche Bereicherung, die ist weder im West noch im Ost, die ist weder im Jetzt noch in der Gegenwart."

Der Journalist und Musiker Ofer Waldman ist in Jerusalem geboren. Er ist aufgewachsen in und mit jener Stadt, in der sich die Probleme einer ganzen Region wie unter einem Brennglas bündeln, und auch die religiösen, nationalen, politischen Sehnsüchte und Hoffnungen von Millionen Menschen. Wie Tausende Israelis lebt Ofer Waldman heute mit seiner Familie in Berlin.

"Jerusalem ist ein Gemütszustand. Aber ich liebe diese Stadt nicht als jüdischer Israeli, ich liebe diese Stadt nicht, weil ich den israelischen Pass in der Tasche habe. Ich liebe diese Stadt, weil ich dort geboren wurde, weil man dort viele Räume hat, um Mensch zu sein, um wirklich Mensch zu sein, in dieser sonst doch so schwierigen Situation in Israel und Palästina."

Die Entscheidung des US-Präsidenten betrachtet Waldman mit großer Sorge: "Die erste Frage soll lauten: Wer zahlt den Preis für solche Entscheidungen? Und den Preis zahlen die Menschen vor Ort, Juden, also jüdische Israelis wie Palästinenser. Die sind diejenigen, die dann den Preis der Gewalt zahlen. Und tatsächlich haben wir auf beiden Seiten Tote zu beklagen, seitdem Trump diese Entscheidung veröffentlicht hat."

"Jerusalem ist Iraels Hauptstadt"

Dalia Grinfeld teilt Ofer Waldmans Skepsis nicht. Sie ist Präsidentin der JSUD. Die Jüdische Studierenden Union Deutschlands hat sich im Dezember, kurz nach dem Entscheid Donald Trumps, mit einem Aufruf an die Bundesregierung gewandt: Deutschland solle nachziehen und seine Botschaft auch von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Wie die USA. Für Dalia Grinfeld ein selbstverständlicher Schritt.

"Die Hauptstadt von Israel ist Jerusalem. Das ist die Tatsache und das ist, was zählt, dass die Hauptstadt bereits Jerusalem ist. Von daher sollte es nicht soviel Drama darum geben, wohin welche Regierung ihre Botschaft verlegt. Für uns als junge Juden in Deutschland ist ganz klar, wir sind nicht Botschafter des Staates Israels, aber wir sind Juden in Deutschland. Wir haben eine besonders starke Verbindung zum Staat Israel, er ist uns wichtig als jüdischer Staat und von daher ist für uns die Hauptstadt ganz klar Jerusalem und natürlich wünschen wir uns von der deutschen Regierung, dass auch die deutsche Regierung die Hauptstadt als Jerusalem anerkennt."

Brennende Israel-Flaggen in Berlin

Wie von vielen befürchtet, kam es im Zuge der Entscheidung aus Washington weltweit zu Protesten. Teils verliefen sie friedlich, teils eskalierten sie. Auch in Berlin. Israelische Flaggen wurden verbrannt, es waren Sprechchöre zu hören mit antijüdischen Slogans. Die Jüdische Studierenden Union wandte sich mit einem mahnenden Brief an den Berliner Innensenator.

"Warum müssen jüdische Gegenstände auf deutschen Straßen beschützt werden, wenn es um eine Entscheidung des amerikanischen Präsidenten geht, der ein Haus von a nach b zieht? Das ist mir nicht verständlich und auch die Aggressionen, die Flaggen zu verbrennen, das ist etwas, was auf deutschen Straßen, welche Flagge auch immer, das ist nicht in Ordnung und deswegen haben wir diesen Brief an den Innensenator geschrieben und deswegen sind wir auch lautstark dagegen angetreten, dass wir so was nicht akzeptieren und auch nicht unter solchen Umständen hier einfach unser schönes alttägliches deutsch-jüdische Symbioseleben führen wollen."

Demonstranten verbrennen am 10.12.2017 im Berliner Stadtteil Neukölln eine selbst gemalte Fahne mit Davidstern. (picture alliance / dpa / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus)Demonstranten verbrennen am 10.12.2017 im Berliner Stadtteil Neukölln eine selbst gemalte Fahne mit Davidstern. (picture alliance / dpa / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus)

Für die Aufforderung der jüdischen Studenten, auch Deutschland möge seine Botschaft nach Jerusalem verlegen, hat die aus Leningrad stammende Tänzerin und Übersetzerin Eva Lapsker hingegen wenig Verständnis.

"Es gibt keine Möglichkeit, sich von Trump zu distanzieren, wenn ich sage, ja, ich bin für Jerusalem, es soll ein einiges Jerusalem geben, was bedeuten würde komplette Okkupationspolitik Israels zu unterstützen. Es ist eine rechte Haltung. Und ich fürchte nichts mehr als eine rechte Haltung, eine rechte,, eine nationalistische Haltung, ist mit das Gefährlichste. Ich kann Verständnis dafür haben, dass man so eine Seite bezieht, aber ich kann es in keiner Weise unterstützen."

US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schütteln sich die Hände während einer gemeinsamen Pressekonferenz. (AFP / MANDEL NGAN)US-Präsident Trump und Israels Ministerpräsident Netanjahu (AFP / MANDEL NGAN)

Eva Lapsker lebt in Neukölln, jenem Berliner Stadtteil, der von manchen als No-Go-Area für Juden betrachtet wird. Gerade hat sie sich die Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum zur 3000-jährigen Geschichte der für Juden, Christen und Muslimen so heiligen Stadt angeschaut. Dort hängt auch ein Bild, auf dem Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu sehen sind. Sie schütteln Hände, machen den Jerusalem-Deal klar.

"Das ist eine Aktion eines Feuerteufels tatsächlich. Ich halte es für absolut schrecklich, was im Endeffekt dabei rauskommt. Aber im Endeffekt, glaube ich, es geht gar nicht um Jerusalem, es geht sehr viel mehr um Weltpolitik. Und leider sind es Menschenleben, die noch bedrohter sind. Ja, es ist eine weiteres Anfachen eines wahnsinnigen Konfliktes."

"Mehr Mut zur Differenzierung nötig"

Die Jerusalem-Entscheidung wird in der jungen jüdischen Generation gerade in Berlin lebhaft diskutiert. Wobei sich das Für und Wider eher am Zeitpunkt der Verlautbarung als an der grundsätzlichen Frage nach dem Status von Jerusalem entzündet. Trotz unterschiedlicher Positionen zu diesem Status: Dass es eine besondere Verbundenheit mit der Stadt gibt, steht für die meisten jungen Juden in Deutschland außer Frage. So auch für Michael Groys, der im ukrainischen Donbas aufwuchs und Ende der 90er Jahre als Kind nach Deutschland kam. Er hat Politik studiert und ist heute in der Berliner SPD aktiv.

"Ich habe drei Heimaten: Ukraine ist die Heimat, wo ich geboren wurde, das ist klar. Deutschland ist meine Heimat, weil ich hier aufgewachsen bin, weil ich hier zur Schule, zur Universität gegangen bin, weil ich hier Steuern zahle, weil ich Teil dieser Gesellschaft bin, in der Partei engagiert bin usw. Und Israel ist meine historische Heimat. Das ist ein Teil meiner Identität, das ist ein Streben, was tief verwurzelt im jüdischen Bewusstsein ist. Diese Sehnsucht Israel, nach dem Eretz Israel, sitzt auch in mir ganz tief. Das heißt noch lange nicht, dass ich die Entscheidung getroffen habe, dorthin umzuziehen, ist aber auch überhaupt die Frage, ob Europa als Kontinent ein zukunftsfähiger Kontinent für Juden bleibt."

Michael Groys beklagt, dass Juden hierzulande oftmals in Haftung genommen würden für Entscheidungen, für die sie gar nicht verantwortlich seien.

"Das finde ich schon schwierig, dass man mir als deutschem Staatsbürger, mir als Parteimitglied, der hier ein Teil dieser Gesellschaft ist, aberkennt in einem gewissen Maß, aufgrund meiner Solidarität mit diesem Staat, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein."

Die jüdische Geschichte Jerusalems wird verleugnet

In den vergangenen Monaten versuchten arabische und palästinensische Kreise bis hin zum Großmufti von Jerusalem, die jüdische Geschichte Jerusalems zu verleugnen. Eine historisch wie moralisch unsägliche Kampagne, findet Michael Groys:

"Es gibt für mich kein Israel ohne Jerusalem. Der Zionismus als Idee und ich bezeichne mich als Zionisten, schon im Namen steckt das Wort Jerusalem, das ist ein Berg. Dementsprechend ist für mich Jerusalem das religiöse Zentrum des jüdischen Volkes und natürlich auch das politische Zentrum des jüdischen Volkes und des Staates Israel. Und das hat für mich schon eine überdimensionale Bedeutung, dass diese Stadt natürlich für alle da ist. Und an diesem Punkt muss man auch sagen, solange das unter israelischer Hand ist, ist das auch gewährleistet."

So prononciert äußert sich nicht jeder in der aktuellen Debatte. Viele der in Berlin lebenden Israelis sind in der Jerusalem-Frage zurückhaltend, weil sie wissen, dass auf allen Seiten ein gefährliches Spiel gespielt wird. Ofer Waldman plädiert dafür, das Schwarz-Weiß-Denken hinter sich zu lassen.

"Es ist unerhört, wie oft Jerusalem missbraucht und instrumentalisiert wird von Fraktionen, von Ländern, von Politikern, die sich eigentlich nicht um Jerusalem kümmern, sondern Jerusalem nur als Mittel zu irgendeinem Zweck missbrauchen. Das empört mich als Jerusalemer, nicht als Israeli, als Jerusalemer. Wenn man über Jerusalem redet, braucht man Mut zur Differenzierung. Man braucht Mut zur Komplexität. Eindeutigkeiten sind in Jerusalem nicht zu finden."

"Jerusalem als Chance für Frieden"

Donald Trump habe etwas vorweggenommen, was letztlich erst ein Friedensvertrag lösen könne, so der Journalist. Waldman leitet die Deutschlandsektion des New Israel Fund, einer führenden Plattform für Nichtregierungsorganisationen in Israel. Sie hat insbesondere die Rechte der Palästinenser im Blick.

"Natürlich bin ich als jüdischer Israeli mit der Gewissheit aufgewachsen, Jerusalem sei die Hauptstadt Israels. Aber ich wage eine vielleicht provokante Sicht: Ja, Jerusalem ist die Hauptstadt Israels, weil in Jerusalem leben über 300.000 Menschen, die keine vollen Bürgerrechte haben und damit ist Jerusalem ein Spiegelbild Israels. Die Zukunft Israels und Palästinas liegt in Jerusalem. Wenn Jerusalem wirklich zu einer friedlichen Stadt wird, wo Palästinenser und Israelis, Juden, Muslime und alle miteinander leben können, geteilt, also das heißt, geteilt im Sinne von, sie teilen sich die Stadt untereinander, aber friedlich, dann haben wir auch eine Chance für eine friedliche Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts."

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