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StartseiteDeutschland heute"Reisewarnung" für Schwangere in bestimmten Regionen in Deutschland11.07.2017

Hebammenmangel"Reisewarnung" für Schwangere in bestimmten Regionen in Deutschland

Obwohl die Geburtenraten in Deutschland steigen, geben immer mehr Hebammen ihren Beruf auf. Für viele hochschwangere Frauen ist das ein Problem, besonders im Urlaub. In Großstädten wie München oder Berlin würden einige Geburtskliniken werdende Mütter bereits abweisen, sagte Ruth Piecha von der Elterninitiative "Mother Hood" im Dlf.

Ruth Piecha im Gespräch mit Susanne Schrammar

Eine im neunten Monat schwangere Frau steht am Strand von St. Peter Ording. (dpa, Bodo Marks)
Wegen zu weniger Hebammen gab Mother Hood eine Reisewarnung für deutsche Städte und Regionen heraus. (dpa, Bodo Marks)
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Susanne Schrammar: Hochschwanger in den Urlaub, das ist eigentlich kein Problem, denken wahrscheinlich viele werdende Mütter, wenn sie hier im Inland Ferien machen, denn wir haben in Deutschland ja eine gute medizinische Grundversorgung. Im Zweifel geht man einfach ins Krankenhaus am Urlaubsort. Doch ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht, denn immer mehr Hebammen in Deutschland geben ihren Job auf – obwohl die Geburtenzahlen steigen. Das kann unter Umständen dazu führen, dass Frauen trotz Wehen vor Kreißsälen abgewiesen werden, sagt die Elterninitiative Mother Hood und hat jetzt eine "Reisewarnung" für bestimmte Regionen in Deutschland ausgesprochen, wo eine Schwangerschaftsversorgung und Geburtshilfe aus ihrer Sicht nicht mehr sicher gewährleistet ist. Ich habe vor der Sendung mit Ruth Piecha von Mother Hood gesprochen und sie gefragt, welche Regionen dazugehören.

Ruth Piecha: Das sind vor allen Dingen Regionen etwa in Großstädten, München oder Berlin. Da ist das jetzt schon so, dass das ganze Jahr um einige Geburtskliniken abweisen. In Berlin muss man sich vorher anmelden, in welcher Klinik man gebären möchte. Teilweise sind diese Plätze schon sehr früh vergeben. Das heißt, wenn ich da als Urlauberin hinkomme, dann kann ich da nicht einfach den nächsten Kreißsaal ansteuern. Nichtsdestotrotz kann es auch immer wieder sein, selbst wenn man angemeldet ist, dass man dort von Kreißsälen abgewiesen wird. In München ist es das Gleiche, dort gibt es mittlerweile auch eine Zentrale, wo man melden kann, dass der Kreißsaal geschlossen ist. Das ist allerdings für die allerwenigsten Frauen auffindbar. Das heißt, wenn ich da einfach eine Klinik ansteuere, dann habe ich das Problem oder könnte das Problem haben, dass die sagen, nein, unser Kreißsaal ist schon voll, fahren Sie mal bitte weiter zum nächsten. In Berlin ist es sogar schon vorgekommen, dass alle Berliner Kreißsäle voll waren und Frauen dann nach Potsdam verwiesen wurden.

"Auf Sylt oder Föhr gibt es mittlerweile gar keine klinische Geburtshilfe mehr"

Schrammar: Sie sagen auch, die Versorgung kann unter Umständen auf den Inseln in Deutschland schwierig werden. Warum?

Piecha: Genau. Auf Sylt oder Föhr gibt es mittlerweile gar keine klinische Geburtshilfe mehr und auch die Hausgeburtshebammen haben dort aufgegeben. Wir haben gerade ganz aktuell heute bei uns auf unserer Facebook-Seite eine Frau gehabt, die gesagt hat, dass sie ihr Kind auf der Insel geboren hat mit einer Hebamme, die eigentlich gar nicht mehr praktiziert, die sie zufällig kannte, die dann hinzugekommen ist. Sonst hätte sie ihr Kind allein bekommen müssen. Also wird den Frauen auf den Inseln nahegelegt, in ein Boarding House umzuziehen, auch schon Wochen vor der Geburt. Das heißt, sie ziehen dann in ein Haus neben der Klinik auf dem Festland, um dann dort abzuwarten, wann das Kind kommt. Viele Kinder kommen aber auch gern ein bisschen früher. Wenn man hochschwanger nach Sylt oder Föhr fährt, dann kann es halt sein, dass man dort von der Insel wieder runter kommen muss, entweder mit dem Autozug oder im Zweifelsfall sogar mit dem Helikopter. Das ist vielleicht nicht der entspannteste Start in eine Geburt, den man sich wünscht.

Schrammar: Worauf stützen Sie denn Ihre in Anführungszeichen Reisewarnung? Sind das in erster Linie Erfahrungen, die Mütter an Sie herantragen, oder gibt es auch Zahlen dazu?

Piecha: Wirklich erfasste Zahlen gibt es weniger. Die fordern wir schon seit Jahren. Sondern es sind hauptsächlich Erfahrungen, was uns gemeldet wird an Überlastungen beziehungsweise auch sehr viele Presseberichte, die es ja mittlerweile gibt, gerade aus Berlin und München. Dann ist es aber auch einfach die Anzahl der Kliniken, die noch vorhanden sind. Gerade im Alpenvorland, was ganz aktuell sehr viel in der Presse ist, dass einige Kliniken geschlossen haben und die Frauen, die ohnehin schon dort wohnen, schon sagen, jetzt werden uns die Anfahrtswege aber langsam zu weit. Es ist aber genauso der Fall in Hessen oder in NRW, wo man dann schon unter normalen Umständen mit 45 Minuten Fahrt rechnen muss. Man kann sich vorstellen, wenn man da jetzt in so einen Urlaubsstau hineinkommt, dass es dann noch länger wird. Da muss man dann tatsächlich schon gucken, wo ist denn eigentlich die nächste Geburtsklinik.

"Eigentlich ist der sicherste Weg eine Eins-zu-Eins-Betreuung"

Schrammar: Ich habe es eingangs erwähnt, immer mehr Hebammen geben ihren Beruf auf. Der Grund ist unter anderem auch ein anhaltender Streit zwischen den rund 20.000 freiberuflichen Hebammen in Deutschland und den Krankenkassen. Die Hebammen wünschen sich eine bessere Bezahlung, die Kassen eine andere Organisation der Arbeit. Auf welcher Seite stehen Sie denn mit Ihrer Elterninitiative?

Piecha: Wir sind ja, wie gesagt, eine Elterninitiative, das heißt, wir stehen prinzipiell auf der Seite der Eltern und weder auf der Seite der Krankenkassen, noch auf der Seite der Hebammen. Es ist allerdings so, muss man sagen, dass die Geburt sehr schlecht vergütet wird. Es ist so, dass man mit einer klinischen Geburtsstation in Deutschland eigentlich keinen Gewinn machen kann. Das ist auch einer der Gründe, warum so viele Stationen schließen. Das spiegelt sich dann natürlich auch wider in der Bezahlung der Hebammen. Und da sagen wir schon ganz klar, wir fordern, dass das angemessen vergütet wird. Wir haben natürlich eigentlich andere Forderungen. Die bessere Bezahlung ist ein Weg hin zu diesen Forderungen. Unsere Forderung ist, dass man erstens eine wohnortnahe Versorgung hat, also dass nicht Geburtskliniken geschlossen werden, sodass die Anfahrtswege dann zu lang werden.

Zweitens fordern wir einen besseren Betreuungsschlüssel. Momentan ist es so, das hat eine Erhebung gezeigt, dass Hebammen meistens drei bis vier Frauen gleichzeitig betreuen unter der Geburt, teilweise sogar mehr, wenn es wirklich voll wird. Das kann nicht sein. Wir sagen, eigentlich ist der sicherste Weg eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Und da sollten wir drauf hin arbeiten. Und dann gibt es auch noch den großen Bereich der Vor- und Nachsorge. Hier in Köln beispielsweise, wo ich wohne, ist es so, dass man für die Sommerferien gar keine Wochenbetthebamme mehr, wenn man sich nicht quasi in Woche fünf darum gekümmert hat. Und ich kenne viele Frauen, die da echt verzweifelt sind und einfach niemand finden. Und das ist in München und Berlin ganz genauso. Und da sagen wir auch, das kann nicht sein. Da sind wir in Deutschland eigentlich sehr weit gewesen, dass wir so eine gute Versorgung im Wochenbett haben, was auch sehr viele Krankheiten abwendet, sowohl bei der Frau als auch beim Kind. Und dass wir das jetzt so ein bisschen vor die Wand fahren lassen, da sage ich, das kann nicht sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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