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StartseiteCampus & KarriereHeikles Feld23.04.2007

Heikles Feld

"Frühwarnsystem" für suizidverdächtige oder psychisch auffällige Studierende in Würzburg

Internationale Studien zeigen: Die Selbstmordrate liegt bei Studierenden um einiges höher als bei Altersgenossen, die nicht studieren. Die psychotherapeutische Beratungsstelle der Uni Würzburg schult Tutoren und Hausmeister in den Wohnheimen mit einem speziellen Suizid-Präventionstraining.

Von Frank Müller

Bei psychischen Problemen gibt es Warnzeichen. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)
Bei psychischen Problemen gibt es Warnzeichen. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)

Über 20 Jahre ist Kurt Krückel Hausmeister in einem großen Würzburger Wohnheim Jeder kennt ihn hier - für die Studierenden ist er Ansprechpartner, wenn Fenster klemmen oder Wasserhähne tropfen. Aber auch bei anderen, existentiellen Problemen ist Kurt Krückel als Erster zur Stelle

" Der Student wurde nachts aktiv, lief schreiend auf dem Gelände rum und hat sich selbst Verletzungen zugefügt. Dabei war er fast nackt - das war nicht mehr vertretbar."

Durch das Präventionstraining der psychotherapeutischen Beratungsstelle war Kurt Krückel sofort klar: Der junge Mann braucht schnelle Hilfe. Kurz entschlossen hat der Hausmeister zum Telefon gegriffen und bei Dr. Stefan Oschmann von der Beratungsstelle der Uni angerufen:

" Als wir gehört haben, dass er fast vors Auto gelaufen ist, haben wir reagiert und das Ordnungsamt und das Gesundheitsamt verständigt. Darauf wurde sofort eine Behandlung eingeleitet."

Nach den Angaben des Deutschen Studentenwerks häufen sich diese Fälle - genaue Zahlen lägen aber noch nicht vor. Allein in Würzburg haben sich im Jahr 2005 sieben Studierende das Leben genommen - die Dunkelziffer liegt vermutlich um einiges höher. Nach dem Tod ihres Sohnes schrieb eine Mutter an den Würzburger Unipräsidenten. Der bewilligte daraufhin der Beratungsstelle Geld für ein spezielles Präventions-Programm:

" Die Idee war, dass wir ein Frühwarnsystem schaffen, um depressive Studenten schnell zu erkennen. Hausmeister und Tutoren in den Wohnheimen sind da am nächsten dran und bekommen Veränderungen schnell mit."

Bei dem mehrtägigen Training lernen Hausmeister und Tutoren den richtigen Umgang mit psychisch auffälligen Studenten. Dabei sind es oft kleine - für Ungeschulte oft kaum wahrnehmbare - Hinweise, die auf eine Depression deuten können: Wenn beispielsweise der Briefkasten nicht mehr geleert wird oder die Studierenden nicht mehr aus dem Zimmer kommen.

" Wenn ein Student ständig den Vorhang zu hat, gar nicht mehr raus kommt, dauernd isoliert ist - dann fragen wir schon mal, ob alles okay ist und reagieren falls nötig auch."

Normalerweise nimmt er dann Kontakt mit der Beratungsstelle auf: deren Angebot reicht dann von Seminaren zur Stress-Bewältigung bis zu psychotherapeutsichen Sitzungen. Trotz der steigenden Fallzahlen steht das Früherkennungsprogramm der Würzburger bundesweit noch allein auf weiter Flur, sagt Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des deutschen Studentenwerks. Er fordert bereits sein längerem mehr finanzielle Mittel für die Beratungsstellen:

" Das grundsätzliche Problem ist, dass wir zu wenig Tutoren haben. Vor einem Dreivierteljahr hatten wir ja beinahe diesen Terroranschlag, damals haben wir schon darauf hingewiesen, dass gerade für ausländische Studierende die Betreuung oft nicht reicht. Darüber hinaus brauchen wir natürlich Programme, die die Tutoren speziell schulen. "

So gesehen könnte das Würzburger Präventionstraining Modellcharakter haben - die Beratungsstellen tauschen regelmäßig Erfahrungen aus. Der Amoklauf von Blacksburg und seine Umstände werden beim nächsten Kongress ein Thema sein:

" Es gab dort ja eine Professorin, die das erkannt hat. Leider war niemand da, der helfen konnte. Wenn solche Suizidprogramme auch an anderen Unis durchgeführt werden, hat man die Möglichkeit aggressive Menschen zu erreichen. In jedem Fall kann man so mehr machen als bisher."

In Würzburg stehen künftig regelmäßig Schulungen auf dem Programm - für Hausmeister und Tutore, aber auch für Dozenten, Fachberater und Sekretärinnen.

Die Adresse der Beratungsstelle (über das Studentenwerk):
http://www.studentenwerk-wuerzburg.de/Sozial/Psych/psych.htm

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