Kultur heute / Archiv /

 

Heiliger Boden in New York?

Debatte um geplanten Moscheebau am "Ground Zero"

Von Gerti Schön

Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York (AP)
Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York (AP)

Auf dem Gelände des "Ground Zero" in New York soll nach dem Willen der Interfaith Community ein islamisches Kulturzentrum entstehen. Das ruft insbesondere bei den Angehörigen der Opfer des 11. September Widerspruch hervor.

Auf einer Protestveranstaltung gegen die geplante Moschee nahe Ground Zero kochen die Emotionen hoch. Eine Diskussionsteilnehmerin, die das Foto ihres am 11. September 2001 ums Leben gekommenen Sohnes vor sich her trägt, sagt sie sehe in dem Vorhaben einen Affront gegen gute Sitten und jeden Respekt.

Die Angehörigen der Opfer des 11. September sind mit ihrer Empörung nicht allein. Einige Anwohner des geplanten Zentrums haben sich gegen den Plan ausgesprochen, weil sie befürchten, dass damit dem islamischen Fundamentalismus in die Hände gespielt werden könnte. Und die Republikanische Partei nutzt die Diskussion zu Propagandazwecken und hat gar einen Werbespot geschaltet, in dem Ground Zero "heiliger Boden" genannt wird.

Die Organisatoren des geplanten islamischen Kulturzentrums, das Cordoba Haus genannt wird, sehen dies freilich völlig anders. Der Imam Faisal Abdul Rauf und seine Frau Daisy Khan sind beide seit Jahren in der Interfaith Community aktiv, also einer religiösen Gemeinde in Manhattan, die dazu beitragen will, alle Religionen friedlich zusammenzubringen. Das betont Daisy Khan auch im Zusammenhang mit dem Cordoba Haus:

"Unsere Religion ist von den Extremisten des 11. September gefangen genommen worden und dieses Zentrum soll die Stimme der moderaten Moslems repräsentieren. Wir müssen die Tragödie von 2001 in etwas Positives verwandeln. Das Zentrum soll für alle da sein, nicht nur für Moslems. Wir wollen, dass dort Musik- und Theaterveranstaltungen stattfinden, Diskussionsreihen, Sport und auch Hochzeiten. Wir brauchen außerdem dringend Platz für das Gebet."

Die Protestbewegung gegen das Zentrum hat keineswegs die Oberhand. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg hat bereits grünes Licht dafür gegeben. 46 Prozent aller Bewohner Manhattans haben sich in einer Umfrage für das Zentrum ausgesprochen und nur 36 Prozent dagegen. Die lokale politische Organisation, das Community Board für Lower Manhattan, wo Ground Zero angesiedelt ist, stimmte in einer Versammlung einstimmig für das Vorhaben. Und Andrew Cuomo, demokratischer Politiker im Staat New York, will sich in die Diskussion mit Hinweis auf die Religionsfreiheit überhaupt nicht einmischen:

"Wir glauben an die Religionsfreiheit, wo Regierungsbehörden nicht bestimmen dürfen, wo sich welche Religionen ansiedeln dürfen."

Noch unbeantwortet ist die Frage, woher die 100 Millionen Dollar an Spenden kommen, die für die Einrichtung des Zentrums veranschlagt werden. Der republikanische New Yorker Politiker Rick Lazio fordert eine Untersuchung der finanziellen Struktur des Projekts und spielt damit auf die Möglichkeit an, das Zentrum werde von Terroristen unterstützt.

Dabei ist New York keineswegs die einzige Stadt Amerikas, wo es Auseinandersetzungen um die Einrichtung islamischer Religionszentren gibt. Nach einer Studie von Akbar Ahmed, Professor für Islamstudien an der American University, trifft eine solche feindliche Haltung Moslems in ganz Amerika:

"Die Ergebnisse zeigen, dass es eine Menge Angriffe gegen islamische Einrichtungen gibt, und damit meine ich nicht unbedingt gewalttätige Attacken, sondern, dass die Leute Druck ausüben, etwa in Form von Telefonanrufen, Protesten oder auch, indem man Hakenkreuze an Moscheen schmiert. Diese Vorfälle passieren immer häufiger, das hat nach dem 11. September eklatant zugenommen. Die islamischen Gemeinden müssen da mehr tun, um diesen Vorurteilen zu begegnen."

Der Streit um die New Yorker Moschee hat indessen eine neue Protagonistin angezogen: Sarah Palin, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, äußerte sich dazu über das Minimal-Medium Twitter. Sie plädierte in einem Appell an die islamische Gemeinde dafür, ihre Pläne aus Respekt für die Familien des 11. September fallen zu lassen. Ihre Äußerung ging freilich nicht ohne den gewohnten inhaltlichen Aussetzer über die Bühne: Ähnlich wie es vor ihr schon George Bush zu tun pflegte, verband sie dabei mehrere Vokabeln zu einem sinnlosen Wortsalat. Ihren Patzer eingestehen wollte sie freilich nicht. Stattdessen verglich sie sich angesichts ihrer unfreiwilligen Wortkreation mit William Shakespeare.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Cranach-AusstellungWarum Gotha?

In der Ausstellung "Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation" betrachten zwei junge Frauen am 26.03.2015 im Herzoglichen Museum in Gotha (Thüringen) das Gemälde "Gesetz und Gnade" von Lucas Cranach d.Ä., gemalt 1529. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Zum Auftakt des Cranach-Jahres ist in Gotha die Ausstellung "Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation" eröffnet worden. Die Schau im Herzoglichen Museum spürt den politischen Botschaften in den Werken von Lucas Cranach dem Älteren nach, der eng mit dem Reformator Martin Luther befreundet war.

"Die Schutzbefohlenen" im Burgtheater WienWerktreu, wie es geschrieben steht

Das Wiener Burgtheater bei Nacht

Mit Regisseur Michael Thalheimer kommen "Die Schutzbefohlenen" an den Ort des ursprünglichen Geschehens: nach Wien. Der Text stammt von Elfriede Jelinek, Thalheimer stellt ihn eins zu eins ins Zentrum der Inszenierung - ohne seine Schwächen zu eliminieren.

Oper in NowosibirskIntendant nach "Tannhäuser"-Kontroverse abgesetzt

Szene aus der Tannhäuser-Inszenierung in Nowosibirsk. (imago/ITAR-TASS)

In Nowosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands, steht das Opernhaus zurzeit wegen einer umstrittenen "Tannhäuser"-Inszenierung unter Druck. Auf ein Poster, das ein Kruzifix zwischen den nackten Beinen einer Frau zeigt, hatte das Haus bereits verzichtet, obwohl ein Gericht darin keine Blasphemie gesehen hatte. Doch nun ist der Streit eskaliert.

 

Kultur

LiteraturnobelpreisträgerTomas Tranströmer ist tot

Der schwedische Lyriker und Nobelpreisträger Tomas Gösta Tranströmer (Horst Galuschka, dpa picture-alliance)

Der schwedische Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Tranströmer war 2011 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Er war einer der populärsten Dichter seines Landes.

Max-Ophüls-Vortrag auf CD Alte Rede mit visionärer Kraft

Der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls - aufgenommen im Jahr 1952. (dpa - Bildarchiv - Kurt Rohwedder)

Max Ophüls wirkte in Deutschland, Frankreich und sogar Hollywood. Doch der Theater- und Hörspiel-Regisseur wurde nicht freiwillig ein Wanderer zwischen den Welten. Die Nazis trieben ihn ins Exil. 1956 hielt er vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft einen Vortrag über den Film. Trotz ihres Alters ist die Rede beachtlich aktuell. Nun gibt es das Tondokument als Audio-CD.

Hollywood"Rebecca" erobert die Leinwand

Laurence Olivier und Joan Fontaine in dem Spielfilm von Hitchcock Rebecca. (imago / AD )

Er war einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte: Alfred Hitchcock. Seine erste Hollywood-Produktion, die Literaturverfilmung "Rebecca", feierte am 27. März 1940 Premiere und erhielt zwei Oscars. Doch bis zum Filmstart gab es für Hitchcock einige Schlachten in der Filmbranche zu schlagen.