Montag, 11.12.2017
StartseiteAus Religion und GesellschaftDie Juden und der Tempelberg06.07.2016

Heiliges Sperrgebiet Die Juden und der Tempelberg

Der Tempelberg in Jerusalem ist umstritten. Auch innerjüdisch. Besonders heikel: Dürfen Juden auf dem Bergplateau beten? Muslime fürchten, Israel wolle dort den dritten jüdischen Tempel errichten. Der Staat Israel will die religiöse Flamme klein halten. Doch der Status quo wird hinterfragt.

Von Florian Rappaport

Ein israelischer Sicherheitsmann verweist einen jüdischen Besucher vor die Tür, nachdem dieser in der Al-Aqsa-Moschee ein jüdisches Gebet gesprochen hat, was dort verboten ist.   ( Ahmad Gharabli / AFP)
Ein israelischer Sicherheitsmann verweist einen jüdischen Besucher vor die Tür, nachdem dieser auf dem Tempelberg ein jüdisches Gebet gesprochen hat, was dort verboten ist. ( Ahmad Gharabli / AFP)
Mehr zum Thema

Botschafter Yakov Hadas-Handelsman "Die größte Bedrohung für Israel ist der Iran"

Tempelberg in Jerusalem Fels des Anstoßes

Nahost Die Langzeitfolgen des Terrors

Deutsch-israelische Beziehungen Keine selbstverständliche Freundschaft

Es ist der 7. Juni 1967, der dritte Tag des Sechstagekrieges. Israelische Fallschirmjäger stürmen die Altstadt von Jerusalem.

Oberst Mordechai Gur verkündet über sein Funkgerät die Botschaft, die Israel in Ekstase versetzen wird: "Der Tempelberg ist in unseren Händen."

Zum ersten Mal nach 2000 Jahren ist der Tempelberg wieder unter der Kontrolle des jüdischen Volkes. Einer der ersten Soldaten, die den Tempelberg betreten, ist Rabbiner Shlomo Goren, der Chefrabbiner der israelischen Armee. In seinem Tagebuch beschreibt er, wie er die ersten Stunden nach der Eroberung erlebt hat:

"Als wir auf dem Tempelberg ankamen, habe ich das Schofar-Horn geblasen und mich in Richtung des Allerheiligsten verneigt, wie es üblich war in den Tagen, als der Tempel noch stand."

Nach der Zerstörung des zweiten jüdischen Tempels durch die Römer im Jahre 70 unserer Zeitrechnung, ist der Berg lange nur mit Schutt bedeckt.

600 Jahre später nutzen Muslime diese Fläche und bauen zwei ihrer wichtigsten Moscheen: die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom, das Jerusalemer Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Sie nennen das Bergplateau "Haram Al Sharif", das Edle Heiligtum.

Der Felsendom in Jerusalem, aufgenommen am 18.07.2010. Im Vordergrund ist Stacheldraht zu sehen. Der Felsendom ist das wohl bekannteste Wahrzeichen Jerusalems sowie eines der Hauptheiligt (dpa / picture-alliance / Marius Becker )Felsendom in Jerusalem (dpa / picture-alliance / Marius Becker )

Vor dem Felsendom sitzt Oberst Gur, der die Invasion der Altstadt kommandiert hat. Rabbiner Goren setzt sich zu ihm. Er notiert später in seinem Tagebuch:

"Oberst Gur fragte mich, ob ich in den Felsendom hineingehen möchte. Ich nahm eine Thora-Rolle und eine Schofar mit und wir betraten das Gebäude. Ich denke, es war das erste Mal seit Zerstörung des Tempels vor fast 2000 Jahren, dass eine Thora an diesen heiligen Ort gebracht wurde, an dem der Tempel stand. Ich blies die Schofar und umrundete den Schöpfungsstein mit der Thora in meiner Hand. Dann verließen wir das Gebäude."

"Nicht gekommen, um die heiligen Stätten anderer zu besetzen"

An jenem dramatischen Tag vor rund 50 Jahren befiehlt Oberst Gur drei Soldaten, auf die goldene Kuppel des islamischen Felsendoms zu klettern und eine israelische Flagge zu hissen.

Nur vier Stunden später lässt Verteidigungsminister Moshe Dayan die Flagge wieder einholen. Wochen später errichtet Rabbi Goren eine kleine Synagoge auf dem Berg und organisiert gemeinsame Gebete. Auch das lässt Moshe Dayan untersagen.

Dayan will um jeden Preis verhindern, dass der Nahost-Konflikt aus einem politischen Kampf um Land zu einem religiösen Krieg wird - erklärt er in seiner Autobiografie:

"Es bestand die Gefahr, dass religiöse Fanatiker des jüdischen oder islamischen Bekenntnisses die Heiligtümer für sich alleine beanspruchen würden."

An der Klagemauer, am Fuße des Tempelbergs, sagt Dayan schon am Morgen nach der Eroberung der Jerusalemer Altstadt:

"Unseren arabischen Nachbarn reicht Israel die Freundeshand, den Gläubigen aller Bekenntnisse sagen wir volle Religionsfreiheit zu. Wir sind nicht gekommen, um die heiligen Stätten anderer zu besetzen oder um ihre religiösen Rechte einzuschränken."

Schizophrener Status quo

Dieser Befehl markiert den Beginn einer - wie manche sagen - schizophrenen Beziehung der Israelis zu ihrem Tempelberg: Zwar besiegen die Israelis die Jordanier militärisch. Doch Dayan überträgt die Verwaltung des Berges der jordanischen Waqf-Stiftung. Außerdem ordnet er an, dass Juden den Berg zwar betreten, aber auf dem Gelände nicht beten dürfen. Das ist der Status quo, den Dayan für den Tempelberg entwickelt.

Dieser Status quo ist bis heute wichtig, um den relativen Frieden im Land zu wahren. Deshalb erklärt auch Benjamin Netanjahu, der amtierende israelische Ministerpräsident, während der jüngsten Welle der Gewalt in Israel und dem Westjordanland, dass Israel den Status quo nicht antasten will. Benjamin Netanjahu:

"Israel will continue to enforce its long standing policy."

Zusammengefasst in einem Satz: Muslime beten auf dem Tempelberg. Nicht-Muslime besuchen den Tempelberg.

"Muslims pray on the Temple Mount, non-Muslims visit the Temple Mount."

Ein innerjüdisches Streitobjekt

Das ist Politik. Doch was soll aus religiöser Sicht gelten? Darüber ist ein innerjüdischer Streit entbrannt. Der Tempelberg-Aktivist und Rabbiner Jehuda Glick ist der führende Advokat für Juden, die auf dem Berg beten wollen:

"Der Tempelberg ist das Zentrum, das Herzstück in meinem Leben und meine Verbindung zu Gott."

Anders ultra-orthodoxe Juden wie Rabbiner Iddo Veber. Er sagt, die Thora erlaube es heute nicht mehr, den Tempelberg zu betreten:

"Also, es ist für Juden verboten hochzugehen. Eigentlich ist es auch Nicht-Juden verboten - aber für die sind wir nicht zuständig."

Und Maya Leibovich, eine reformierte Rabbinerin, erteilt beiden eine Absage:

"Meine Anschauung, das ist nicht die richtige Frage. Ich würde nicht hinaufgehen, nicht wegen Gründen, die in unserer Religion sind, sondern wegen Realpolitik."

Für die einen ist es ein Streit um die Auslegung der Thora, um religiösen Gehorsam. Die anderen wollen nationale Besitzansprüche geltend machen. Und andere reiben sich im Spannungsfeld von Religionsfreiheit und öffentlicher Sicherheit und Ordnung. Das ist der innerjüdische Streit, den jüdische Israelis gerade austragen.

"Something very, very holy"

Wir sind in einem Radiostudio - in einem Einkaufszentrum in einem der ärmeren Stadtteile von Jerusalem: Radio Kol Barama, einer der führenden Sender unter den Charedim, den ultra-orthodoxen Juden. Rabbiner Iddo Veber:

"Kol Barama, it is a radio station very famous in the religious world."

Wie jeden Abend wird Rabbiner Iddo Veber hier gleich auf Sendung gehen und religiöse Fragen beantworten.

"I speak about Jewish issues, you know, the Thora."

Er nennt zwei Gründe, warum die meisten Ultra-Orthodoxen sich so vehement dagegen aussprechen, dass Juden den Berg betreten.

Zunächst kenne die Thora besondere Reinheitsvorschriften. Die Besucher des Tempels sollten sich mit der Asche einer roten Kuh reinigen.

"A red cow, yes, that’s right."

So steht es im 4. Buch Mose, Kapitel 19:

"Sage den Kindern Israels, dass sie zu dir eine rote junge Kuh bringen, die makellos ist und kein Gebrechen an sich hat, und die noch nie Feldarbeit leisten musste. Ihre Haut und ihr Fleisch, dazu ihr Blut samt ihrem Mist soll man verbrennen."

Die Asche sollten sie sodann mit Wasser vermischen und sich damit reinigen. Doch seit der Zerstörung des Tempels geht das nicht mehr.

"Die ganze Zeremonie können wir jetzt nicht mehr machen. Deshalb sind wir jetzt nicht mehr rein. Und deshalb können wir nicht mehr hoch."

Der zweite Grund: die Heiligkeit des Tempels, die auch nach seiner Zerstörung fortwirke. Da unklar ist, wo der Tempel genau stand, sei nicht auszuschließen, dass jüdische Besucher aus Versehen das Allerheiligste betreten.

"It is called the Holy of the Holies. It is something very very holy."

Wer das Allerheiligste nicht autorisiert betritt, müsse mit schweren Strafen rechnen ...

"He can suffer a very very hard punishment."

... der könne mit dem Tode bestraft werden:

"It’s like, God forbid, someone can die from it."

Weltliches Recht und göttliche Strafe

Rabbiner Veber zögert. In dem Moment ist klar, an wen er denkt. Ein Mann fordert so laut wie kaum ein anderer, dass Juden sich frei auf dem Tempelberg bewegen sollen dürfen: Rabbiner Jehuda Glick. Nach einem seiner Vorträge kam ein arabischer Attentäter auf ihn zu und schoss aus weniger als einem Meter Abstand viermal in seine Brust. Manche Ultra-Orthodoxen sprachen von einer göttlichen Strafe. Jehuda Glick:

"Ich wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Niemand dachte, dass ich eine Chance habe zu überleben, aber Gott hatte andere Pläne."

Wir treffen ihn außerhalb des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem. Hier hat er unter anderem gegen die israelische Polizei prozessiert. Die verbietet ihm, auf dem Tempelberg zu beten, oder sie verwehrt ihm - wie zuletzt - ganz den Zugang. Glick sagt:

"Der Tempelberg ist das Zentrum meines Lebens. Und die Tatsache, dass ich fast eineinhalb Jahre nicht dorthin konnte, war sehr sehr schmerzhaft für mich."

Jehuda Glick will, dass Juden sich auf dem Berg unbehelligt bewegen und auch in Gruppen beten können. Damit zieht er den Zorn von Muslimen auf sich.

"Hunderte Männer und Frauen schreien 'Allahu Akbar', 'Gott ist am größten' und 'Juden, raus hier'. Manchmal werfen sie nach mir, mit Schuhen und Stühlen. Die Polizei versucht, uns zu schützen."

Die israelische Polizei sieht ihn nicht gerne auf dem Tempelberg - allerdings wegen dieser Unruhen nicht wegen religiöser Überlegungen. Mit den religiösen Argumenten der Ultra-Orthodoxen kann aber auch Rabbi Glick nichts anfangen.

Ein ultra-orthodoxer jüdischer Mann zeigt seinem Sohn das Modell des Zweiten Tempels, der von den Römern zerstört wurde. Im Hintergrund ist der Tempelberg zu sehen. (picture-alliance / dpa / EPA Jim Hollander)Ein ultra-orthodoxer jüdischer Mann zeigt seinem Sohn das Modell des Zweiten Tempels, der von den Römern zerstört wurde. Im Hintergrund ist der Tempelberg zu sehen. (picture-alliance / dpa / EPA Jim Hollander)

"Nach jüdischem Gesetz darf ein Jude sich nicht in dem Bereich bewegen, auf dem der Tempel stand. Der Tempel stand auf rund 4 oder 5 Prozent der Fläche des Bergplateaus. Die Ultra-Orthodoxen sind sehr konservativ in diesem Punkt. Wir sollten uns auf 90 % des Tempelbergs frei bewegen dürfen."

Und die Reinigungsrituale der Thora hält Glick seit Zerstörung des Tempels für nicht anwendbar - zumindest nicht mehr wörtlich.

"Wir bereiten unsere Herzen vor, und unsere Körper, wir baden in einem rituellen Bad, wir machen alles, was nach jüdischem Gesetz notwendig ist, bevor wir auf den Berg gehen."

Ein alter Streit um Deutungshoheit

Mittlerweile besuchen hunderte Juden jeden Monat den Berg. Glick:

"Als ich vor 25 Jahren angefangen habe, auf den Berg zu gehen, haben mich vielleicht zwei oder drei Rabbis unterstützt. Heute haben wir mehr als 300 - aus Israel und der ganzen Welt. Rabbiner gehen mit ihren Gemeinden hoch. Es ist kein Geheimnis, dass es in der Geschichte immer wieder verschiedene Meinungen in der jüdischen Religion gab. Unser Talmud besteht aus solchen Streitigkeiten."

Dieser Streit ist so alt wie die Zerstörung des Zweiten Tempels. Der Talmud, die spätantike jüdische Schriftensammlung, erzählt, dass Rabbiner auch in den Jahren nach der Zerstörung weiter auf dem Tempelberg beteten und Opfer darbrachten. Die Mischna, eine frühe rabbinische Gesetzessammlung aus den ersten Jahrhunderten, hält fest:

"Man darf noch Opfer bringen, an dem Ort an dem der Tempel stand, auch wenn da kein Haus mehr steht."

Einige Quellen weisen darauf hin: Juden haben im ersten Jahrtausend nach der Zerstörung nicht gezögert, den Berg zu betreten. Das ändert sich jedoch im Mittelalter. So schrieb der jüdische Gelehrte Maimonides:

"Obwohl der Tempel heute in Trümmern liegt, muss ihn jeder so behandeln, als würde er noch stehen. Niemand darf einen verbotenen Ort betreten."

Im 16. Jahrhundert aber schrieb der Jerusalemer Chefrabbiner Shlomo Ibn Zimra, die Juden der Stadt würden den Tempel regelmäßig betreten.

"Wir haben niemanden gehört oder gesehen, der etwas dagegen einzuwenden hatte."

"Wenn du wissen willst, was du tun sollst, folge der Mehrheit"

"Diese Beschränkungen, den Tempelberg zu betreten, sind sehr neu, vielleicht jünger als 200 Jahre", sagt Jehuda Glick.

Vor rund 100 Jahren beispielsweise verbot Rabbiner Abraham Isaac Kook, der erste aschkenasische Oberrabbiner im britischen Mandatsgebiet, dass Juden auch nur irgendeinen Teil des Berges betreten. Bemerkenswert daran: Rabbi Kook war einer der ersten national-religiösen Juden - zu denen sich auch Tempelberg-Aktivist Jehuda Glick zählt.

"Das heißt, die, die hochgehen, die gehen gegen ihren Rabbi. Und das finde ich schlimm", sagt Rabbiner Iddo Veber und verweist auf ein grundlegendes jüdisches Prinzip:

"In der heiligen Thora heißt es, wenn du wissen willst, was du tun sollst, dann folge der Mehrheit."

Der Streit um den Tempelberg ist auch ein Streit um die Deutungshoheit über die Thora. An einem Shabbat-Abend sind wir zu Gast in der Jerusalemer Reformgemeinde "Har El" - auf Deutsch: Berg Gottes. Maya Leibovich:

"Die ist die älteste, jüdische, liberalische Gemeinde in Israel."

Uns begrüßt Rabbinerin Maya Leibovich, Tochter von Holocaust-Überlebenden. Geboren 1947 in Israel.

"Ich bin die erste israelische Geborene, die Rabbinerin geworden ist."

"Also, ich bin eine liberalische Jüdin. Prinzipiell glaube ich, dürfte jeder heraufgehen. Es ist wirklich wahnsinnig, dass Juden nicht hinaufgehen können."

Sie stört sich daran, dass Juden sich nicht frei bewegen können. Aus rein religiöser Sicht, um ihren persönlichen Glauben zu leben, brauche sie den Tempelberg aber nicht.

"Für mich hat es keine besondere Bedeutung, da der Tempel nicht existiert. Ich kann Gott finden in einem Baum, in einem Lachen von einem Kind, in meiner Küche, überall. Also, als ein Volk wäre es wunderbar, wenn wir hätten den Tempel."

Identitätsstiftend - für Juden und Palästinenser

Sie sieht, dass der Berg Identität stiften kann. Für das jüdische Volk, aber auch für die Palästinenser.

Fast jeden Sonntag steht Maya Leibovich an einem Checkpoint zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland. Zusammen mit "Machsom Watch", einer israelischen Menschenrechtsgruppe, beobachtet sie die Tätigkeit der Soldaten an den Kontrollstellen.

"Ich kann sehen alle Araber, die durchgehen, ich spreche mit denen. Und ich kann sagen, für jeden einzelnen, Al-Aqsa ist ein Symbol, so stark, das einzige Symbol, das sie haben. Und für sie ist es eine Katastrophe, wenn Juden hinaufkommen. Wir haben das Land, wir sind die 'Adonai HaAretz', wie sagt man, die Master von dem Land, und wir müssen die Geduld haben, und wir müssen liberalisch sein."

Frieden sei wichtiger als Religionsfreiheit.

"Wozu geht man herauf. Man geht um zu beten. Es war das Haus von Gott. Man geht nicht um Politik zu machen. Leider gehen die meisten Menschen, die hinaufgehen wollen, die gehen wegen Politik und das bringt Hass und Krieg."

Sie denkt an eine extreme jüdische Splittergruppe um Rabbiner Chaim Richman, die nicht auf den Messias warten, sondern den dritten Tempel selbst bauen will.

Und das ist genau das, was Muslime befürchten. Viele glauben, dass Israel tatsächlich den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee zum Einstürzen bringen will. Das speist die Angst und den Zorn vieler muslimischer Palästinenser. Einer der Faktoren, die zur aktuellen Welle der Gewalt in Israel und dem Westjordanland geführt hat.

Angesichts dessen wird Maya Leibovich den Tempelberg wohl nie betreten.

"Nein, nein, nein, nein. Ich würde nicht hinaufgehen, nicht wegen der Heiligkeit meines Körpers, oder wegen Gründen, die in unserer Religion sind, sondern wegen Realpolitik."

Diese Argumentation zieht sich auch durch die Entscheidungen der höchsten israelischen Gerichte, die organisierte jüdische Gebete auf dem Tempelberg ablehnen. Ein zentrales Urteil:

"Wenn in Anbetracht der beschränkten Kräfte der Polizei, diese nicht in der Lage ist, die Bedrohung für die öffentlich Sicherheit zu beseitigen, dann muss die Religionsfreiheit eingeschränkt werden."

Vor dem Supreme Court in Jerusalem steht Jehuda Glick und schüttelt den Kopf. Dem Terror dürfe man sich doch nicht beugen, sagt er.

"Die Polizei muss in einem demokratischen Rechtsstaat verpflichtet sein, verschiedene Meinungen zu erlauben, solange wir niemand beleidigen."

"Ich sehe mich selbst als einen Menschenrechtler. Ich habe mein Leben dem Kampf gewidmet, dass Menschen den heiligsten Ort der Erde betreten dürfen. Nicht nur Juden, sondern Milliarden Menschen, die an die Bibel glauben.

Es gibt keinen Grund, warum mein Gebet einen anderen verletzt. Ich denke, Muslime haben ein Recht, dort zu beten, und jeder, der an den einen und einzigen Gott glaubt, sollte sich auf dem Berg frei bewegen und beten dürfen."

Einmal die Woche kehrt er auf den Tempelberg zurück. Er wolle in Frieden, neben den Arabern auf dem Berg beten. Der Zeitung der "Welt" sagte er:

"Ich würde sogar mit den Muslimen zusammen 'allahu akbar' rufen, wenn sie damit wirklich, 'Gott ist groß' und nicht 'Schlachtet die Juden' meinen."

Im Kern wünscht sich das auch Rabbinerin Maya Leibovich, sagt sie kurz vor Beginn des Gottesdienstes am Shabbat-Abend in der Reformsynagoge Har El. Nur sie zieht einen anderen Schluss. Sie wird den Tempelberg nicht betreten.

"Ich möchte gerne Frieden sehen in diesem Platz. Heute ist es nein. Nicht herauf. Nach Har El kommen! Ok, vielen Dank, ich geh jetzt beten."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk