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StartseiteForschung aktuellHeilung unmöglich?29.11.2004

Heilung unmöglich?

Neue Therapieansätze zur Behandlung von amyotrophischer Lateralsklerose (ALS)

<strong>Medizin. - Als Jörg Immendorf wegen Kokainmissbrauch vor dem Gericht stand, hörten viele Menschen das erste Mals von der Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose. Die ALS ist eine schnell fortschreitende Lähmung, der Maler wollte wohl noch einmal das Leben auskosten. Denn nach der Diagnose ALS ist klar, was auf ihn zukommen wird: Bewegungsstörungen in den Beinen, dann fällt das Sprechen und Schlucken schwer, am Ende steht der sichere Tod, weil auch die Muskulatur der Atmung versagt. Jedes Jahr erkranken etwa 1200 Menschen in Deutschland wie Jörg Immendorf an der ALS. Sie setzen großes Vertrauen in die Forschung. Noch hat es zwar keinen Durchbruch gegeben, aber in den Laboren rund um die Welt wird auf vielen Ebenen nach einer Heilung für die ALS gesucht, wie auch in der aktuellen Ausgabe von Nature Neuroscience zu lesen ist. </strong>

Von Volkart Wildermuth

Jörg Immendorff vor seiner Arbeit "Yellow and Brown Baby" (AP)
Jörg Immendorff vor seiner Arbeit "Yellow and Brown Baby" (AP)

Bei den Patienten mit einer Amyotrophen Lateralsklerose sterben nach und nach alle Motorneurone ab. Motorneurone gehören zu den längsten Zellen im Körper. Sie leiten die Bewegungsbefehle des Gehirns erst weiter bis ins Rückenmark und von dort bis zum kleinen Zeh und die Fingerspitzen. Ist diese Verbindung gestört, können sich auch die stärksten Muskeln nicht rühren. Das Gehirn bleibt vom Körper isoliert. Es gibt eine seltene erbliche Variante der ALS, bei der das Gen SOD1 nicht funktioniert. Die Aufgabe von SOD 1 ist die Entschärfung aggressiver Sauerstoffverbindungen, die zwangsläufig im Stoffwechsel entstehen. Dr. Don Cleveland von der Universität in San Diego hat untersucht, wie der Gendefekt zur ALS führt.

Wir haben Mäuse konstruiert, die aus einer Mischung von normalen und mutierten Zellen bestehen. Die Zellen waren mit einem Farbstoff markiert, gesunde leuchteten rot, mutierte grün. Es stellt sich heraus, dass mutierten Motorneurone in den Tieren überleben, solange sich genug gesunde Hilfszellen in ihrer Nähe befinden.

Diese Hilfszellen sind der Schlüssel zur ALS. Denn auch umgekehrt gilt: tragen die Hilfszellen die Mutation, sterben die Nerven in ihrer Umgebung, selbst wenn sie genetisch gesund sind. Offenbar arbeiten Motorneurone so hart, ist ihr Stoffwechsel so aktiv, dass sie nicht ohne die Unterstützung ihrer Hilfezellen auskommen. Dieser neue Blick auf den Krankheitsprozess könnte auch einer möglichen Therapie ein neues Ziel geben. Denn es ist für die Forscher und später vielleicht auch für die Mediziner, viel leichter die Hilfszellen zu beeinflussen, als die Motorneurone selbst. Eine wichtige Perspektive für eine künftige Therapie der ALS sind Wachstumsfaktoren, die sozusagen Dünger für die Zellen darstellen. Besonders interessant ist VEGF, denn dieser spezielle Wachstumsfaktor wird von vielen Patienten mit einer Amyotrophen Lateralsklerose in zu geringen Mengen gebildet. An der Universität im belgischen Leuven arbeitet Dr. Erik Storkebaum mit Ratten, die eine besonders aggressive Form der ALS entwickeln. Nur zehn Tage nach Ausbruch der Symptome sind sie tot. Erik Storkebaum verabreichte diesen Tieren VEGF mit einer Pumpe kontinuierlich direkt ins Gehirn, wie er in der aktuellen Ausgabe von Nature Neuroscience berichtet.

Wir gaben das VEGF nach dem Ausbruch der Symptome. Das ist wichtig, denn so ist ja die Situation der Patienten. Sie gehen erst zum Doktor, wenn sie Bewegungsstörungen bekommen und zu diesem Zeitpunkt sind schon viele Motorneurone abgestorben. Wenn wir VEGF beim Einsetzen der Symptome gaben, wurde das Leben der Ratten um durchschnittlich zehn Tage verlängert.

Das ist der bislang größte Effekt, der mit einem Wachstumsfaktor in diesem Tiermodell erzielt werden konnte. Ein Nachteil der Behandlung ist, dass VEGF nicht einfach gespritzt werden kann, sondern über eine implantierte Pumpe direkt ins Gehirn gebracht werden muss. Viele ALS-Patienten dürften aber bereit sein, das Risiko des dafür nötigen Eingriffs auf sich zu nehmen. Eine Alternative wäre eine Gentherapie mit VEGF. In Mäusen funktioniert dieser Ansatz, berichtet Erik Storkebaum.

Wir haben ein Virus mit dem VEGF Gen in die Muskeln gespritzt. Das Virus hat die Muskelzellen infiziert, und die haben dann VEGF gebildet und das schützt die Nerven. Der Krankheitsbeginn verzögerte sich und die Mäuse lebten länger. Wir hoffen, dass VEGF ähnliche Effekte auch in Patienten mit ALS haben wird, aber das können erst klinische Studien zeigen.

Diese Studien sind derzeit noch in der Planungsphase. Aber gerade bei der Amyotrophen Lateralsklerose ist der Weg vom Labor zur Klinik kurz geworden. Forschern und Patienten sehen in der Krankheit kein unabwendbares Schicksal mehr. Sie sind überzeugt, dass eine Heilung möglich ist. Wenn nicht mit VEGF, dann mit einem der vielen anderen Ansätze, die derzeit erprobt werden.

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