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StartseiteKultur heute"Keine Scholle, an der man kleben muss"27.07.2016

Heimat"Keine Scholle, an der man kleben muss"

Die Autorin Terézia Mora ist in Ungarn geboren und lebte dort 19 Jahre lang. Dann zog sie nach Berlin. Die Stadt sei für sie zwar nicht ihre Heimat, aber durchaus ihr Zuhause, sagte Mora im DLF. Wenn es gut laufe, binde Heimat den Menschen nicht an sich. Sie sei dann vielmehr ein stabiler Kern, den man in sich trage.

Terézia Mora im Gespräch mit Dina Netz

Autorin Terézia Mora in unserem Backstagebereich. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Die Autorin Terézia Mora spricht in Kultur heute über Heimat. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Dina Netz: "Heimat", dieses Wort tümelt etwas. Und in diesem eher folkloristischen, nationalen Sinne versuchen Rechtspopulisten im Moment auch, den Begriff zu neuem Leben zu erwecken. Ohnehin hat der Begriff "Heimat" gerade Konjunktur, klar: Tausende Menschen sind auf der Flucht und suchen eine neue Heimat. Viele Museen und Theater versuchen zu ergründen, was das sein könnte, und sie erproben dabei in der Regel ein multikulturelles Heimat-Konzept. So viel zumindest ist sicher: Die Frage nach Heimat ist verbunden mit der nach der Zukunft unserer Gesellschaft.

Wir wollen hier in "Kultur heute" in diesen Sommerwochen Schriftstellerinnen, Kulturschaffende und Wissenschaftler zu ihrem Heimatbegriff befragen. Und die Auftakt macht jetzt die Schriftstellerin Terézia Mora. Sie stammt aus Ungarn, ist zweisprachig aufgewachsen, lebt in Berlin, schreibt auf Deutsch. Ich habe Terézia Mora gefragt: Heimat, was löst dieser Begriff bei Ihnen aus? Abwehr, Nostalgie oder etwas ganz anderes?

Terézia Mora: Weder Abwehr, noch Nostalgie. Mein Heimatbegriff, mein Heimatgefühl ist zwar sehr komplex, aber sehr stabil. Es setzt sich tatsächlich aus diesen Komponenten zusammen, die Sie eben genannt haben. Ich bin als Teil einer sprachlichen Minderheit in einem Land geboren, nämlich Ungarn. Das würde ich auch als mein Heimatland bezeichnen. Ich lebte da 19 Jahre lang, ich wurde dort sozialisiert, ich wurde da in sehr wichtigen Punkten meiner Identität geprägt. Und dazu kommt dann aber, dass ich, als ich mich für einen Wohnort, mein Zuhause als Erwachsene entscheiden konnte, dann habe ich mich dafür entschieden, in Berlin zu leben und würde nicht auf die Frage, was ist meine Heimat, aber durchaus auf die Frage, was ist Dein Zuhause, antworten: Berlin.

Netz: Jetzt müssen Sie mir aber sagen, wo der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause ist.

"Wenn es gut läuft, ist Heimat ein Kern, den man hat"

Mora: Ich glaube, Heimat ist mitunter etwas, was man sich nicht aussuchen kann. Es gibt ja diese Konnotation mit Heimat, dass da ein Ort dazugehört und an diesem wird man geboren. Aber ich denke mal, dass es auch notwendig ist, dass man damit lebendige Erinnerung verbindet, dass man da auf verschiedene Weise an diesen Ort und an diese Kultur gebunden wird, und das trägt man mit sich herum.

Wenn es sogar gut läuft, muss man sagen, ist es so, dass diese Heimat einen nicht an sich bindet, oder einen nicht gehen lässt, dass es eine Scholle ist, an der man kleben muss. Wenn es gut läuft, ist Heimat ein Kern, den man hat, und wenn das so ist, dann ist es, glaube ich, auch weniger zu missbrauchen von Personen und Ideologien, die das versuchen.

Netz: Was ist denn dann, woraus besteht dieser Kern? Wie zehren Sie von Ihrer Heimat Ungarn heute, von diesem Kern?

Mora: Nun ja, das ist etwas, was ich auch nicht los werden könnte, wenn ich es wollte. Das ist das, was ich bin. Die Sprache zum Beispiel. Wenn man Ungarin ist, dann weiß man, dass man eine Sprache spricht, die nur 15 Millionen andere Menschen sprechen. Ich betrachte das durchaus als Privileg, auch ausgehend aus der Geschichte meiner Familie. Sie waren ja deutschsprachige Bauern. Und im Grunde bin ich die erste in der Familie und wie es aussieht auch die letzte, die Ungarisch als Muttersprache spricht. Und ich fände es schade beziehungsweise könnte es wahrscheinlich gar nicht beurteilen, wenn ich jetzt ausgeschlossen wäre aus dieser Sprache, und das bringt tatsächlich eine sehr starke kulturelle Prägung mit sich. Ich habe Kenntnis von Sachen, von denen nur andere Ungarn Kenntnis haben, und das werde ich niemals, niemals, niemals nicht vergessen können oder los werden können.

Natürlich ist es nicht so, dass Heimat das ist, was schön ist. Es ist nicht deswegen unsere Vergangenheit, weil sie großartig ist, und nicht deswegen unsere Heimat, weil es dort gut ist, sondern Heimat ist das, was gegeben ist, glaube ich. Und mit Heimat, muss ich sagen, das ist für mich eher positiv belegt. Wenn mir aber jemand mit Vaterland kommt, dann würde ich sagen: Obacht! Der will was von Dir, und nichts Gutes meistens. Und ich glaube auch, wenn heute diese rechtsgerichteten Gruppen den Begriff Heimat benutzen, dann tun sie es deswegen, weil sie wissen, dass Vaterland verbraucht ist. Wenn sie Vaterland sagen würden, würden sehr viele Leute sehr viel aufmerksamer sein. Deswegen sagen sie Heimat. Das hört sich so sehr individuell an.

Netz: Ja, ist auch schon ein bisschen abgenutzt, aber ist nicht so ganz eindeutig belegt.

"Die Heimat liegt dort, wo die Eltern gelebt haben, bevor ich geboren wurde"

Mora: Es ist nicht so schlimm wie Vaterland, ja. Damit kann man nicht kommen. Mutterland ist auch ganz eindeutig. Mutterland ist am meisten definiert, was das ist, obwohl es die wenigsten dann auch verstehen, beziehungsweise in diesem Zusammenhang würde es dann keiner verstehen. Was willst Du von mir mit dem Mutterland? Soll das so was wie ein Mutterwitz sein oder so was? - Ja, und deswegen operiert man mit so was wie Heimat.

Vor kurzem hatten wir in Berlin an der Akademie der Künste eine Diskussion genau aus dieser Fragestellung heraus: Was machen wir jetzt mit dem Begriff Heimat, jetzt, wo wieder so viele Zugriff darauf verlangen? Und der Saal war voll und es war sehr rührend, dass die Leute, das Publikum ihre eigenen Definitionen dann abgeliefert haben zu diesem Begriff. Da kamen auch sehr rührende Geschichten wie, dass jemand aufgewachsen ist als Kind von Vertriebenen und dass man ihr als Kind immer die Heimat beschrieben hat als den Ort, von dem die Eltern vertrieben worden sind, der Ort, an dem diese Person nie selber war, aber das war ihr erster Heimatbegriff. Aha: Die Heimat liegt dort, wo die Eltern gelebt haben, bevor ich geboren wurde. Und das muss man natürlich, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt, auch irgendwo wegsortieren und sich fragen, aha, und wo bin ich dann jetzt eher gebunden, und dass das mitunter ein recht langer Prozess sein kann.

Netz: Ich wollte gerade darauf eingehen, Frau Mora, denn auch nach dem, wie Sie selber vorhin Heimat definiert haben, würde das ja bedeuten, dass all die Menschen, die im Moment zu uns kommen und die ja eine neue Heimat oder ein neues Zuhause oder zumindest einen neuen Wohnort suchen, dass die eine Heimat jedenfalls nicht bei uns finden könnten, denn die tragen sie schon mit sich.

Mora: Wer sagt denn, dass man nur eine haben kann? Ich besitze auch zwei Staatsbürgerschaften, nämlich die ungarische und die deutsche. Das erscheint auch, wie ich weiß, in den Augen vieler als schon sehr verdächtig. Wozu will man das oder wodurch sollte das begründet sein und kann man so einer Person trauen? Aber ich denke mal, wir sollten uns klar darüber sein: Wenn jemand als Flüchtling oder als Migrant woanders hingeht, er wird seine Heimat in sich mittragen, was nicht ausschließt, dass er ein neues Zuhause hier finden kann. Und es schließt sich überhaupt nicht aus, dass zwei Heimaten in einer Person integriert werden können. Ich glaube, das wäre absolut vermessen und falsch und unmöglich, vom Migranten zu verlangen, dass er alles vergisst, was er vorher war. So kann man nicht existieren. Das wird da sein und ich glaube, dass die beste Chance und die beste Gelegenheit für uns alle wäre, wenn wir tatsächlich versuchen, das was Sie eben Multi-Kulti genannt haben, uns Identitäten vorzustellen, die aus vielen Komponenten bestehen und die nicht so ausschließlich fokussiert sind auf eine "reine" Kultur. Wie sollte denn die heute aussehen? Beziehungsweise wo es die gibt, sieht es auch nicht so schön aus, glaube ich. Mir gefallen immer die Gesellschaften eher und ich fühle mich sicherer in Gesellschaften, die diese Pluralität leben.

Netz: Wie sieht denn Deutschland in zehn Jahren aus, das wir noch als unsere Heimat begreifen?

In zehn Jahren: "Uns werden immer noch dieselben Fragen beschäftigen"

Mora: Zehn Jahre sind gar nicht so viel. Ich glaube, in zehn Jahren, wenn wir betrachten, wo sind wir in 25 Jahren seit der Wiedervereinigung hingekommen - doch, wir sind schon einen relativ weiten Weg gegangen. Aber diese zehn Jährchen - ich glaube, uns werden immer noch dieselben Fragen beschäftigen wie heute, nämlich wie setzt sich unsere Gesellschaft zusammen. Wer lebt hier alles, was sind das für Kulturen? Ich glaube, wir werden diese - ich weiß nicht: sind das eine Million? Aber ich weiß nicht, ob alle hier bleiben werden - Leute, die zuletzt zu uns gekommen sind, erst einmal kennenlernen müssen in diesen nächsten zehn Jahren. Und wie wir das bei den ehemaligen Gastarbeitern gesehen haben, sind zehn Jahre dann keine sehr lange Zeit. Wenn wir von den 60er-Jahren ausgehen: Die Leute, die damals hier hergekommen sind, leben ja seit (kurzes Kopfrechnen) über 50 Jahren hier, und erst vor ein paar Jahren ist es uns aufgefallen.

Netz: Und jetzt würde man diesen Fehler vielleicht nicht genauso wiederholen.

Mora: Eventuell nicht. - Das wäre zum Beispiel etwas, was sich total lohnen würde, nämlich zu schauen, was ist da. Das hilft, glaube ich, uns selbst immer mal wieder zu definieren, nämlich was sind meine Werte und wie möchte ich leben und wie kann ich das arrangieren mit den anderen, die um mich herum leben.

Netz: Noch mal eine Frage zu Ihnen persönlich, Frau Mora. Als Sie den Deutschen Buchpreis 2013 bekamen für den Roman "Das Ungeheuer", da wurde immer auch erwähnt, dass Sie ja einen anderen, einen kulturellen Hintergrund aus Ungarn mitbringen. Das wurde dann immer mit Respekt vor dem Besonderen erwähnt. Auch jetzt sprechen wir ja miteinander, weil Sie etwas mitbringen, was andere nicht haben, nämlich mehrere Heimaten, Nationalitäten, Zuhauses in einer Person vereinen. Ärgert Sie das eigentlich, dass das immer wieder Thema ist, eben auch jetzt heute, oder würden Sie lieber mal als deutschsprachige Schriftstellerin wahrgenommen werden, ohne dass das thematisiert wird?

Ungarische Identität: "Ich gebe darüber gerne Auskunft"

Mora: Nein, ich bin ja eine deutschsprachige Schriftstellerin. Nein, das ist genauso, wie wenn ich sage, man kann die Herkunft nicht verlieren. Dass ich Ungarin bin, ist das, was gegeben ist. Und ja, man wird mich darauf ansprechen, und ich gebe darüber gerne Auskunft. Was ich immer wieder gerne betone ist, dass ich etwas verwundert bin, dass man von einer anderen Kultur spricht, denn Information, es ist im Grunde dieselbe, nämlich die abendländische. Die ist der deutschen relativ nahe. Es gibt kleine Unterschiede, unter anderem diese Sprache, die kein Mensch versteht.

Netz: Also ein großer Unterschied.

Mora: Ja! Deswegen findet man es vielleicht so ein bisschen mysteriös. Aber man kann mich gerne dazu fragen und ich gebe gerne Auskunft, weil ich glaube, das hilft gegen, keine Ahnung, das Bauen von irgendwelchen merkwürdigen Bildern.

Ich glaube, wir haben aber das Problem zum Beispiel mit Personen, die in großer Zahl kommen, die zum Beispiel Arabisch sprechen. Wer kann schon Arabisch! Und da müssen wir auch noch am besten vielleicht darauf hoffen, dass eine Kommunikation entsteht, dass wir da auch nachfragen können und eventuell auch Antworten bekommen.

Netz: Ist das ein Appell für mehr Arabischkurse?

Mora: Das weiß ich nicht. Oder für mehr Deutschkurse! Warum nicht.

Netz: Oder beides!

Mora: Oder beides.

Netz: Die Schriftstellerin Terézia Mora zum Auftakt unserer Gesprächsreihe über "Heimat". Im September erscheint ihr neuer Erzählband "Die Liebe unter Aliens".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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