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StartseitePost aus BrasilienKassler und Caipi26.06.2014

Heimatgefühle in Sao PauloKassler und Caipi

Die eigentliche WM findet abseits der Stadien statt. Unterschiedlichste Fans feiern zusammen. Doch wenn die eigene Mannschaft spielt, sucht jeder Anhänger seinesgleichen. Zwei persönliche Alternativen.

von Jonas Reese

Deutsches Essen im Restaurant Windhuk in Sao Paulo (Jonas Reese/ Deutschlandradio)
Deutsches Essen im Restaurant Windhuk in Sao Paulo (Jonas Reese/ Deutschlandradio)

Man kann ein Deutschland-Spiel in Sao Paulo im Restaurant Windhuk gucken. Ambiente "deutsche Eiche". Vertäfelte Wände. Karierte Tischdecken. Kategorie Vereinsheim. Kellner Aurelio nähme sogar auf Deutsch die Bestellung auf. Kassler mit Kartoffeln und Sauerkraut. Deutsches Bier gäbe es auch.

Das Windhuk ist benannt nach einem deutschen Passagierschiff, das im Dezember 1939 im Hafen von Santos strandete, weil sein eigentliches Ziel Südafrika und viele andere Staaten Deutschland bereits den Krieg erklärt hatten. Nachdem sich 1942 auch Brasilien den Alliierten anschloss, wurde die gesamte Besatzung in ein Gefängnis in der Nähe von Sao Paulo gebracht. Nach Freilassung mit Ende des Zweiten Weltkrieges gründete ein Besatzungsmitglied jene Bar, auf die noch heute das Restaurant gründet.

Bei einem Deutschlandspiel säße man da also und äße ein mindestens zwei Zentimeter dickes Stück Kassler und hörte die Entstehungsgeschichte des Restaurants in einem Impuls-Referat. Zusammen mit einer Handvoll Argentiniern, die sich hierher verirrt hätten. Dann würde man auch erfahren, dass Brasilianer noch vor Eisbein und Gulasch das Paprika-Schnitzel lieben. Das erste Tor bekäme man wohl kaum mit.

Man würde dann vielleicht auch Rodrigo kennenlernen. Einen Investmentbanker im Deutschlandtrikot, der elf Jahre in Regensburg gelebt hat und mittlerweile nach Sao Paulo zurückgekehrt ist. Rodrigo würde sich möglicherweise später als ein formidabler Gastgeber erweisen, der von seiner Dachterrasse im 14. Stock einen wunderbaren Blick über die Stadt und dazu exzellente Grill-Künste vorweisen kann.

Man kann ein Deutschlandspiel auch im Viertel Vila Madalena schauen. In einer der vielen Bars dort, die Fernseher nach draußen gestellt haben. Die Fangruppen wechseln sich hier jeden Tag ab. An diesem Tag wären die Amerikaner klar in der Überzahl. Die deutschen Fans sängen dennoch lauter. Außer bei der Nationalhymne.

Dann können sich möglicherweise Nelson und seine Tochter an den Tisch dazusetzen. Ohne große Worte würde Nelson dann einen Snack nach dem anderen bestellen. Frittierte Hähnchenschenkel, Stockfisch, Palmherzen. Natürlich wäre man eingeladen. Seine Telefonnummer hinterließe Nelson auch vorsichtshalber. Falls mal was wäre. Oder falls man das nächste Spiel in seinem Garten bei Grill und Caipirinha gucken wolle.

Amerikanische Fans würden dann vielleicht überprüfen wollen, ob man wirklich Deutscher ist oder nur so als Attrappe ein Fan-Shirt trägt. Sie würden dann ganz gewitzt fragen, ob man denn überhaupt wisse, wer der aktuelle deutsche Präsident sei. Nach der Antwort "Joachim Gauck" würden sie sich dann freuen, weil sie einen entlarvt hätten. Denn deutscher Präsident sei ja bekanntermaßen "Angela Merkel".

Aus dieser Einsamkeit könnte man dann auch nur in Vila Madalena gerettet werden. Wenige Minuten nach Spielende würde der erste schwarz-rot-gold schwenkende Auto-Corso das Viertel erreichen. Deutsche Fans im Taxi.

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