Sonntag, 21.01.2018
StartseiteEuropa heuteMama arbeitet im Ausland08.01.2018

Heimkinder in Rumänien (1/5)Mama arbeitet im Ausland

Europa produziert Waisenkinder. Die bittere Armut zwingt Familien in Rumänien, ihre Kinder in fremde Hände zu geben. Denn Arbeit gibt es nur jenseits der Grenze. Wer Pech und keine Verwandtschaft hat, landet als sogenannte Euro-Waise in einem Heim.

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Christiana zeigt Reporter Manfred Götzke ihr Schulabschluss-Heft. Weil ihre Mutter zum Arbeiten nach Spanien gegangen ist, ist Christiana im Kinderheim "Stern der Hoffnung" im rumänischen Alba Iula aufgewachsen. (Manfred Götzke / Leila Knüppel)
Christiana zeigt Reporter Manfred Götzke ihr Schulabschluss-Heft. Weil ihre Mutter zum Arbeiten nach Spanien gegangen ist, ist Christiana im Kinderheim "Stern der Hoffnung" im rumänischen Alba Iula aufgewachsen. (Manfred Götzke / Leila Knüppel)
Mehr zum Thema

Alleinerziehende Mutter: "Die meisten Alleinerziehenden sind kurz vor dem Burn-out"

Studie über Kinderarmut Einmal arm, lange arm

Bertelsmann-Studie Kinderarmut als Dauerzustand

Kinderarmut in Japan "Ich möchte so gern mal schwimmen gehen"

Armutsgefährdungsgrenze - EU-SILC Erhebung in der Online-Datenbank von Eurostat

Costi möchte nicht reden, nicht gesehen werden. Eigentlich möchte Costi noch nicht einmal da sein. Einfach verschwinden: Bis seine Mutter wieder da ist und ihn abholt.

"Macht er nicht? Ne, der schämt sich."

Kaum sind die Reporter ins Zimmer gekommen, hat er sich blitzschnell unter sein Bett geschoben und dort versteckt. Trotz seiner 16 Jahre passt er noch drunter.

Nun stehen seine Zimmergenossen ums Bett – versuchen, ihn herauszulocken. Vor der Tür wartet Heimleiterin Sybille Hüttemann-Boca.

"Der schämt sich, muss man auch akzeptieren dann."

Die Mutter in Österreich, das Kind im Heim

Vor einem halben Jahr hat sie Costi hierher geholt. In das von ihr gegründete Kinderheim "Stern der Hoffnung", in der westrumänischen Stadt Alba Iulia.

"Die Mutter lebt in Österreich, die hat Costi praktisch ins Kinderheim abgeschoben, das war erst ein anderes Kinderheim, etwas weiter von hier entfernt. Ganz schreckliche Zustände müssen in dem Kinderheim geherrscht haben. Und die Mutter hatte eine Bekannte hier gebeten, Costi aufzunehmen, aber das ging nicht. Die konnten nicht kommunizieren. Und dann haben wir Costi hier aufgenommen."

Seit 2002, als rumänische Staatsbürger ohne Visum in die EU einreisen durften, sind drei bis vier Millionen Bürger in den Westen gegangen. Zwar sinkt die Abwanderungsquote seit einigen Jahren, doch noch immer verdient jeder fünfte bis sechste Rumäne sein Geld im Ausland.

Die Kinder bleiben oft bei Verwandten zurück – oder landen, wie Costi, im Heim. "Euro-Waisen" werden sie deswegen auch genannt.

"Ich als Mutter würde niemals mein Kind irgendwo zurücklassen, um einen Job im Ausland zu suchen."

Kinderkrankenschwester aus Deutschland

"Domna Sybille" – wie die Kinder sie nennen – ist eigentlich Deutsche, lebt aber seit fast 30 Jahren in Rumänien. Nach der Wende ist die Kinderkrankenschwester nach Alba Iulia gekommen, um Straßen- und verwahrlosten Heimkindern zu helfen, hat das Kinderheim gegründet.

Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt Kinderheimleiterin Sibylle Hüttemann mit Straßenkindern am Bukarester Nordbahnhof.  (Manfred Götzke / Leila Knüppel)Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt Kinderheimleiterin Sibylle Hüttemann mit Straßenkindern am Bukarester Nordbahnhof. (Manfred Götzke / Leila Knüppel)

"Aber ich kann versuchen, zu verstehen, warum Mütter das hier tun. Um einfach dieser elendigen Armut hier zu entfliehen – und im Endeffekt, um für ihre Kinder was Gutes zu machen, damit sie regelmäßig was auf den Tisch bekommen, oder einfach ein normales Leben führen können. Das ist die Motivation von ganz vielen Müttern. Ob ich das jetzt als Privatperson verurteile? Klar, mach ich, logisch."

Ein paar Minuten später kommt Sozialarbeiter Augustin – gibt Bescheid: Costi sei nun doch bereit zu reden.

"Super, Costi!"

Der Teenager sitzt nun auf dem Bett, sein FC-Barcelona-Käppi tief ins Gesicht gezogen, den Blick starr nach vorne gerichtet. Seine Beine wippen. Sozialarbeiter Augustin soll neben ihm sitzen bleiben.

"Mein Vater ist gestorben, meine Mutter hat mich zurückgelassen, ja und so bin ich dann im Heim gelandet."

Reporter: "Und Deine Mutter ist jetzt in Österreich?"

"Ja, da arbeitet sie. Irgendwann kann ich zu ihr kommen, hat sie gesagt. Aber im Moment geht es nicht, sie arbeitet, ja und sie hat da keinen Platz für mich."

"Was würdest Du Dir denn wünschen, möchtest Du da leben?"

"Nein, sie soll zurückkommen, damit wir hier zusammenleben können."

Costi wird nicht aufhören zu warten.

Das Heim als Familienersatz

In der ersten Etage, im Mädchenflur steht Christiana vor dem Spiegel ihres Zimmers, kämmt sich die langen schwarzen Haare, zieht sich den Lidstrich nach. Eine halbe Stunde hat sie den zehn Quadratmeter kleinen Raum für sich, das Mädchen mit dem sie sich das schmale Doppelbett teilt, ist noch in der Schule.

"Das Heim ist meine Familie, ich bin hier, seit ich eineinhalb Jahre alt bin. Sybille ist für mich wie eine Mutter, die anderen Kinder sind wie Geschwister, wir streiten uns auch manchmal – so wie sich Geschwister halt streiten."

Die 17-Jährige ist hier aufgewachsen. Auch sie wurde von ihrer Mutter zurückgelassen. Heute erzählt sie ganz abgeklärt davon.

"Ich erinnere mich selbst nicht mehr, wie ich hier hergekommen bin, aber mir wurde später erzählt, meine Mutter ist hier hergekommen, hat mich Sybille in den Arm gelegt und gesagt, in zwei Wochen bin ich wieder da. Dann waren zwei Wochen vorbei, dann ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, neun Jahre. Bis sie 2009 hierher gekommen ist, da habe ich sie zum ersten Mal in meinem Leben gesehen."

Abgetragene High Heels als Erinnerung

Ihre Mutter lebt mit ihrem Freund in Spanien, seit 16 Jahren schon. Immer wieder hat sie Christiana versprochen, sie zu sich zu nehmen. Jahrelang.

"Ich war jedes Mal so glücklich, als sie gesagt hat, sie kommt und holt mich aus dem Heim. Aber sie hat mich angelogen, jedes Mal. Irgendwann habe ich auch gesagt, ich gehe zu ihr, wenn sie nicht kommt. Sybille war ganz traurig, als ich das gesagt habe."

Auf die Pinnwand neben ihrem Bett hat sie Fotos geklebt: von ihrer Abschlussfeier nach der achten Klasse. Von ihrem Tanzpartner, ihrer besten Freundin in der Berufsschule. Von der Mutter, nach der sie sich immer noch so sehr sehnt, hat sie nicht mal ein Foto; nur einige von ihr geerbte, abgetragene High Heels. Die hat sie wie Silberpokale ins Regal gestellt.

"Ich habe irgendwann verstanden: Sie will mich einfach nicht. Ich habe auch versucht, mit ihr zu telefonieren, aber sie will auch das nicht. Sie hat mich sogar bei Facebook blockiert. Nichts mehr, kein Kontakt, seit letzten Dezember. Sie gratuliert mir nicht einmal zum Geburtstag. Ich habe es akzeptiert, ich bin nicht mehr wütend auf sie. Für mich ist Sybille jetzt meine Mutter. Es ist doch so, die Mutter ist die, die dich aufzieht, nicht die, die dich zur Welt bringt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk