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StartseiteBüchermarktHeinz-Norbert Jocks: Archäologie des Sehens01.04.1998

Heinz-Norbert Jocks: Archäologie des Sehens

Ein anderer Blick auf Uecker

Giftgrün ist der Himmel über Patagonien, dunkelviolett leuchtet die Sonne. Fast unwirklich aggressiv tutet die Farbigkeit der Aquarelle an, die Günther Uecker dort, am südlichsten Zipfel Südamerikas gemalt hat. Und doch zeigen diese Bilder genau das, was Günther Uecker dort erfahren und empfunden hat. "In Patagonien, in der Umgebung des Südpols gibt es heute ein Licht, das fiel mir auf, als ich diese Aquarelle, die ich dort machte, heimbrachte und die Farbigkeit als sehr befremdend in unserer romantischen, noch sehr aus dem vergangenen Jahrhundert bestimmten Farbwirklichkeit anschaute. Es ist mehr eine nekrophile Wirklichkeit, denn das Ozonloch ist sehr offen, die Menschen sind verkleidet. Man kann sich dem Licht nicht aussetzen. Die Photosynthese bei den Pflanzen hat den Pflanzenwuchs verändert. In bestimmten Höhenregionen gibt es eine sehr starke grüne Entwicklung, und in manchen Regionen so um 100 bis 150 Meter verödet alles - für mich erst einmal unerklärbar."

Simone Hamm

Uecker liebt diese Extreme. Wochen-, monatelang ist er unterwegs, sucht Gefahren, spirituelle Erfahrungen. Es zieht ihn in die flirrende Hitze der Wüsten, in Schnee und Eisstürme, in die Angst machende, immergleiche Weite der Steppenlandschaften. In der dünnen Luft der tibetischen Berge, im Himalaya, glaubt er sich dem Himmel nahe, glaubt, die Anwesenheit der Seelen zu spüren. Sinnlicher Mensch, der er ist, will Uecker mit eigenen Händen greifen, mit eigenen Augen schauen, mit dem eigenen Körper spüren, was das Wesen der Welt ausmacht.

Sein Gesicht mit den blauen Augen ist von Sonne und Wind gegerbt. Seine Haare hat der 68jährige kurz geschnitten. Sein runder Körper deutet an, daß er nicht nur in der Welt des Geistes, sondern auch in der der Sinne lebt.

Wie ein Schamane, der Erleuchtung sucht, setzt er sich nackt Regen und Schnee aus, läßt den Wind um den Körper streichen, schaut in der libyschen Wüste in die grelle Sonne, läßt sich Bilder auf die Netzhaut brennen, die er später malen wird. Er hat die Grundgewissheit, daß er das, was er lebt, die direkten körperlichen Empfindungen von Natur, in seiner Kunst ausdrücken kann, in Objekten, in Tuschezeichnungen, in Aquarellen. "Ich schaue die Natur an und sehe, daß sie sich mit Hilfe einer anderen und durch eine andere Lichtintensivität verwandelt. Dieses intensive Licht führt zur Veränderung von Welt. Und ich meine, der Mensch ist auch Teil dieser Photosynthese, ein Lichtwesen, und verändert sich. Für mich sind auch diese Aussetzungen und Einlassungen und die Notierungen eine Art seismographische Wahrnehmung. Die Empfindung kann oft eine Wahrhaftigkeit ins Bild setzten, mit Hilfe meiner künstlerischen Begabung, mehr als ich das sprachlich vermag. Diese neue bildnerische Wirklichkeit, erlebt in der Natur, zeigt uns die veränderte Wirklichkeit unserer Welt."

Ein Reisender, der durch das Reisen bei seiner Rückkehr ein anderer geworden ist. "Rückkehr ist eigentlich das Ziel einer Reise für mich", so Günther Uecker. "Ich kann einfach gegenüber den Verhältnissen, in denen ich mich befinde, viel toleranter und einsichtiger sein, wenn ich die Vergleiche habe aus meinen Welterfahrungen. Dadurch, daß ich in anderen Kulturen erlebe, das mich Befremdende erfahre, das mich verwandelt. So kann ich in der Rückkehr doch eine tiefe Menschlichkeit praktizieren, die sonst an Widerständen scheitert."

Diesen Uecker, den sinnlichen, unmittelbaren, noch unbekannten, der seine in der Natur gemachten Erfahrungen durch Häutungen immer weiter filtert und abstrahiert, diesen Uecker stellt der Düsseldorfer Publizist Heinz-Norbert Jocks vor: "Insofern kommt mir Uecker wie ein gegen-gängiger Künstler der heutigen Zeit vor, weil er im Gegensatz zu anderen sich selbst erst ins Unterwegs bringt und dies offensichtlich auch die Voraussetzung für seine Kunst ist. Meine Idee war, daß dies mehr Motor seiner Kunst ist als alles andere."

Jocks fragt nach den Ursachen dieser Reiselust. Könnte sie daher rühren, daß Uecker als Neunzehnjähriger seine Heimat, die Halbinsel Wustrow verlassen mußte, weil sie von der roten Armee besetzt wurde. Daß er als Dreiundzwanzigjähriger aus der DDR nach Westdeutschland gekommen ist und seine Heimat Wustrow erst 1993 wiedersah, nachdem die russischen Militärs abgezogen waren? Findet er also letztlich die Heimat überall, weil er seine eigene Heimat in sich selbst trägt?

In der Form einer Wiederbegegnung erfährt er seine Herkunft beim Reisen nicht. Er erfährt statt dessen anderes, Fremdes, Befremdendes. Daher rührt seine Sehnsucht nach archaischer Natur, aber auch nach den großen Kulturstätten der Erde. Unbedingt wollte er Angkor Vat sehen, jene kambodschanische Tempelanlage aus dem 8. Jahrhundert, die während und nach der Herrschaft der Roten Khmer vom Dschungel verschlungen wurde. Doch als er, nach vorhergehenden vergeblichen Versuchen, endlich an sein Traumziel gelangt, wird die Reise zu einer anderen als der langersehnten. Er sieht verstümmelte Kinder, deren Eltern stumm auf ihren Pfahlbauten sitzen. Sie wagen es nicht, die Felder zu bestellen, weil das Land um sie herum vermint ist. "Es gibt eine ganz starke Verwandlung in dieser Euphorie, etwas Ersehntes zu sehen", erläutert Uecker. "Zugleich das Lebensdrama, das diese Menschen verkörpern. Es vermischt sich die beglückende Erfahrung, einer Art menschlicher Geistesgeschichte zu begegnen und auf der anderen Seite eine barbarische Gegenwart, eine zerstörerische Kraft, eine entwürdigende Wirklichkeit mit Entsetzen zu betrachten."

Und genau dieses widersprüchliche Erleben geben Ueckers Bilder wieder. Wie in Patagonien ist es die rauhe Realität, die seine Werke prägt. Fotos von kambodschanischen Folterkammern und Vernichtungslagern, von Totenschädeln und Leichen übermalt Uecker mit Tuschpunkten, so, daß es aussieht, als betrachte er sie unter Tränen. 61 Zeichnungen enstehen, Ausdruck seiner inneren Erschütterung. Uecker nennt den Zyklus: "Wind der Seelen der Toten für die Kinder der Khmer". Später, in seiner Düsseldorfer Werkstatt, malt er andere Bilder. Große, monochrome Farbflächen, orange, gelb, violett, die Farben des Ostens. Er trennt diese Farbflächen durch Balken und Nägel. So stehen die Farben nebeneinander, sind aber wie ein Tryptichon getrennt und doch eins. "In der Natur und in der mich sehr eindringlich erschütternden Wahrnehmung werden seelische Empfindungen notiert, und sind individueller Ausdruck", so Uecker. "Diese Notationen sind fast Meditationstiefen. Diese Außenwelterfahrungen sind für mich Studien, Einlaßungen, Meditationen, Versenkungen. Sie sind die Grundlagen und die Quellen meines artifiziellen Schaffens in meiner Werkstatt. Die Quellen der Kunst in meinem Fall liegen nicht in der Kunst, sondern außerhalb der Kunst und finden dann mit Hilfe künstlerischer Möglichkeiten und Mittel, meinen Ausdrucksmitteln, ihre bildnerische Gestalt."

Mit den so entstandenen Bildern will Uecker mit den Betrachtern kommunizieren: "Was sich den Menschen zugewendet zeigt in meiner Arbeit, das sind sehnsuchtsvolle Mitteilungen, um in einen Dialog zu kommen, und das ist der wichtigste Punkt meiner Werkstattarbeit. Ich produziere Gegenstände, Tafeleien, wie zu einem Mahl zubereitet, wo man miteinander parlieren kann, miteinander ins Gespräch kommt über das, was da so merkwürdig angehäuft ist. Das sind dann für mich wichtige Mitteilungen, um mich Menschen anzunehmen. Und das ist auch der Hauptpunkt meiner künstlerischen Arbeit."

Das sind wohl auch die Beweggründe für den Bildband "Archäologie des Reisens". Der andere Blick, den Heinz-Norbert Jocks auf Uecker wirft, ist auch der Blick auf einen manchmal sehr melancholisch wirkenden Günther Uecker. Denn Reisen hat immer mit Abschied nehmen, Abschied mit Tod zu tun: "Das Ziel der Reise ist die Rückkehr, also nicht, wohin ich gehe. Deshalb habe ich da keinen Abschied zu nehmen. Sondern ich gehe mit dem Gefühl in die Welt, von der Welt Abschied zu nehmen mit dem ersten Schritt. Und da ich der Welt nicht begegnen kann - so viel Zeit ist mir nicht gegeben - bin ich auf die Idee verfallen, von Anfang an allen meinen Begegnungen zu unterstellen, ohne daß ich es ihnen sage, mich zu verabschieden. Dadurch wird eine Begegnung sehr intensiv. Innerlich weine ich, weil dieser Abschied permanent ist, aber er ist intensiv, und die Heimkehr ist ohne Abschied."

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