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StartseiteBüchermarktHeld aus dem Unterbewusstsein14.09.2010

Held aus dem Unterbewusstsein

Interview mit Cornelia Funke über ihren Roman "Reckless - Steinernes Fleisch"

Cornelia Funke wagt sich mit "Reckless" wieder in eine märchenhafte Welt, im Wortsinn: Die furchterregenden Märchen der Gebrüder Grimm dienen als Motiv.

Tanya Lieske im Gespräch mit Cornelia Funke

Die Autorin Cornelia Funke im November 2003 (AP Archiv)
Die Autorin Cornelia Funke im November 2003 (AP Archiv)

Tanya Lieske: Der Büchermarkt für Junge Leser mit: Tanya Lieske. Cornelia Funke ist zurzeit die bekannteste und sicher erfolgreichste deutsche Autorin. Mit Spannung erwartet - Ihr neuer Roman: "Reckless" heißt er, was auf Deutsch so viel bedeutet wie "furchtlos, wagemutig". Der Untertitel: "Steinernes Fleisch". Cornelia Funke wird mit diesem Roman zum Ende des Monats in Deutschland auf Lesereise sein, der Vorverkauf im Internet läuft, aber hier und heute schon ein Telefongespräch mit der Autorin, guten Tag Frau Funke!

Cornelia Funke: Guten Morgen.

Tanya Lieske: Frau Funke, bei Ihnen in Los Angeles ist es früh am Morgen, erst mal Danke fürs Aufstehen, sind Sie immer so früh auf den Beinen – oder nur dann, wenn Sie Anrufe aus Deutschland erwarten?

Cornelia Funke: Ich gebe zu, das ist im Moment der Grund, weil wir hier immer noch Ferien haben. Von daher bin ich etwas früher aus dem Bett gekrochen.

Tanya Lieske: Ihr neuer Roman, ich erwähnte es, hat einen englischen Titel – Reckless - und einen deutschen Untertitel – Steinernes Fleisch. Warum zwei Titel, warum zwei Sprachen?

Cornelia Funke: Ja, das war nicht meine Entscheidung. Also ich hatte immer gedacht, dass der deutsche Titel "verwegen" sein würde, und hatte auch bei der spanischen Version gedacht, dass es "temerario" sein würde, ich habe mir Dutzende von Titeln vorgestellt, die "Reckless" ersetzen, aber alle Verleger weltweit bis auf die russischen haben sich entschieden, den englischen Titel zu nehmen, weil das der Nachname meines Helden ist.

Tanya Lieske: Es gibt eine ganz kleine Rahmenhandlung, wir steigen ein in New York in der Jetztzeit, aber schon gleich geht es in eine andere Welt, die sich durch einen Spiegel öffnet, und diese Welt könnte deutscher kaum sein, man begegnet hier nämlich Erzählelementen und Motiven aus den grimmschen Märchen. Ist das für Sie auch so etwas wie eine innere Bewegung aus Ihrer neuen Heimat Amerika zurück nach Deutschland?

Cornelia Funke: Ich glaube, in gewisser Hinsicht ja. Man braucht ja immer etwas Distanz, um zurück zu erzählen, so wie ich auch Bücher in Italien habe spielen lassen, nachdem ich da vor zehn Jahren gewesen war. Das war für mich sehr, sehr interessant zu den deutschen Wurzeln zurückzukommen auf diese Art mit den Märchen, die mich als Kind ganz furchtbar verschreckt haben. Und ich habe auch ganz bewusst für den ersten Teil eine deutsch-österreichische Landschaft ausgesucht, um dieses Gefühl zu zeigen, zwischen zwei Welten zu leben, was ich ja immer mal tue.

Tanya Lieske: Sie sagten, Sie haben die Märchen als Kind gelesen, es ist also auch eine Reise zurück an die Quelle ihres eigenen Erzählens?

Cornelia Funke: Ja, absolut. Und das kam fast durch Zufall zustande. Ich hatte erst gedacht, dass dieses Buch nur so ein kleines, spielerisches Projekt ist, was ich so an Abenden betreibe, bis ich auf einmal gemerkt habe, dass das eine ganz große Welt wird, und dass ich da wahrscheinlich sehr viele Jahre drin verbringen werde. Für den zweiten Teil lese ich mich gerade durch französische und englische Märchen, und für den dritten wird es wahrscheinlich russische geben, von daher bin ich im Moment in Europa und in Amerika zuhause.

Tanya Lieske: Damit ist die Frage beantwortet, ob es eine Fortsetzung geben wird.

Cornelia Funke: Ja, das ist so eine Geschichte, die lässt mich gar nicht los, ich habe mich ja noch nie in einem fiktiven 19. Jahrhundert getummelt, sondern immer im Mittelalter, und ich muss sagen, dass mir das einen Heidenspaß macht.

Tanya Lieske: Dieses fiktive 19. Jahrhundert geht eine ganz interessante Verbindung ein mit der Welt der grimmschen Märchen, die Eisenbahn ist gerade erfunden, die Webstühle sind da, erste Versuche der Fotografie sind da, und diese Welt tritt in Konkurrenz mit den Sagenmotiven. Die Riesen sind schon verschwunden, die letzten Drachen sind erschlagen, wie verhalten sich diese beiden Welten zueinander?

Cornelia Funke Das ist ein spannendes Konzept. Wenn man sich das 19. Jahrhundert anschaut, war es da ja derselbe Konflikt, nur dass die Riesen in den Köpfen existierten. Wenn man sich die Malerei und die Dichtung anschaut, war das ja eine große Verklärung des Mittelalters und all der Mythen und des Feenglaubens, und gleichzeitig hat man die plötzlich einsetzende Industrialisierung. Ich muss sagen, dass das für eine Geschichtenerzählerin ein sehr spannender Konflikt ist.

Tanya Lieske: Es gibt auch einen sehr spannenden inneren Konflikt. Sie führen zwei Brüder, Jacob den Älteren und Will den Jüngeren, schutzbedürftigen, durch diesen Spiegel, durch den schon Jahre zuvor ihr Vater verschwunden ist. Die Waisenbrüder und die beschädigte Familie ist ein Thema, das sich in vielen ihrer Bücher finden lässt, woher rührt Ihre Beschäftigung damit?

Cornelia Funke: Einmal, um das mal ganz pragmatisch zu sagen, ist das ja ein Trick aller Geschichtenerzähler, weil wir ja viel lieber Waisenkinder haben, dann sind die Eltern weg und die Kinder können schlichtweg tun, was sie wollen. In diesem Fall sind meine Kinder ja schon erwachsen, es ist also nicht nur ein dramaturgischer Grund, sondern die Lust des Geschichtenerzählers mit solchen Störungen zu arbeiten, wie wir sie alle in mancher Hinsicht haben. Ich komme nun aus einem glücklichen Elternhaus, wo die beide immer da waren, aber ich sehe natürlich um mich rum jederzeit Kinder, die an so etwas Schaden tragen, und für Geschichtenerzähler ist es ja immer spannender, etwas zu erforschen, was fehlerhaft oder traurig oder konfliktgeladen ist, als etwas was einfach nur glücklich ist.

Tanya Lieske: Kommen wir noch mal zur Konstruktion Ihrer Märchenwelt, da gibt es wundersame Gegenstände wie den gläsernen Schuh, den Knüppel aus dem Sack, ein Tischleindeckdich; man findet sich an Märchenorten ein wie dem Hexenhaus und Dornröschens Schloss. Ich habe ein gutes Dutzend Märchen wieder erkannt, meine Frage, hatten Sie die alle parat als inneren Fundus oder haben Sie wieder gelesen?

Cornelia Funke: Das Verrückte ist, ich hatte die noch parat und war ganz erstaunt, weil ich Märchen eigentlich nie besonders mochte, aber die kleben bei mir im Gedächtnis aus ganz, ganz vielen Gründen. Ich habe allerdings trotzdem noch einmal nachgelesen und mir das alles in Erinnerung gerufen und gemerkt, wie ich das in meinem Kopf schon verdreht hatte, und auch für die ausländischen Märchen muss ich ganz viel lesen.

Tanya Lieske Die grimmschen Geschichtenerzählers Hausmärchen waren ursprünglich für Erwachsene erzählt und dann aufgeschrieben und sind im Laufe der Jahre einer gnadenlosen Verniedlichung anheimgefallen. Ihnen gelingt es sehr gut, diesen archaischen Schrecken wieder herzustellen. Es gibt da eine Szene, wir sind im Lebkuchenhaus der Hexe, da haben sich mir wirklich die Nackenhaare gestellt, denn obwohl es leer ist, ist klar, hier haust eine Kannibalin. Kam es Ihnen darauf an, diese ganze archaische Wucht wieder vorzuholen?

Cornelia Funke: Ja, und das war fast das Abenteuerlichste an dem Ganzen, denn schon die Grimms haben ja ganz enorm verniedlicht und verdreht. Und gerade für uns Frauen ist es ganz interessant zu sehen, was die alles so mit den weiblichen Helden gemacht haben. Die sind in der grimmschen Version oft viel furchtsamer und hilfloser, als sie das in der Originalversion und in den Volksmärchen sind. Und da so Schicht für Schicht abzutragen und zu sehen, was da ideologisch so gemacht worden ist, ist natürlich für einen Geschichtenerzähler auch faszinierend gewesen.

Tanya Lieske Ihr Buch handelt im Wesentlichen von Metamorphosen. Will, der jüngere Bruder, wird von einem Steinmenschen verletzt und droht selbst zu Stein zu werden; Jacob will ihn retten. Sie sind auch da sehr kongenial, denn auch in Märchen steht die Metamorphose ja immer für seelisches Wachstum – wohin müssen Ihre beiden Brüder noch wachsen, was müssen sie lernen?

Cornelia Funke: Ich versuche das immer, während ich schreibe, meinem Unterbewussten zu überlassen, es nicht allzu deutlich zu machen, was ich da mit meinen Helden mache, aber es wird natürlich schon sehr deutlich, dass Will im Grunde härter und dadurch auch stärker wird, selbst wen der Preis ziemlich hoch ist dafür, und dass Jacob weicher werden muss, durch die Verhärtung seines Bruders. Was ein sehr interessanter Konflikt war.

Tanya Lieske In dem sich ja das Thema des Männlichen und des Weiblichen wieder findet, das sie eben angesprochen haben.

Cornelia Funke: Das ist richtig, das ist ja ein sehr starkes Thema in dem Buch, in dem ich auch sehr starke Frauenfiguren habe. Und Fuchs, wie ich immer wieder höre, die Inkarnation des Weiblichen ist. Sie ist einmal Tier und einmal Mensch, da ist die Verbindung mit der Natur, die ich bei Frauen oft viel stärker finde, als bei Männern, und vielleicht auch dieser Wunsch aller Frauen, sich zwischendurch als Gestaltwandler zu betätigen. Ich habe dann irgendwann von meiner japanischen Übersetzerin gehört, dass in Japan das Bild der Frau der Fuchs ist, was ich sehr interessant fand.

Tanya Lieske: In einem Begleitbrief an die Buchhändler haben Sie gesagt, dass Sie Jacob zunächst nicht mochten, warum?

Cornelia Funke: Ja, ich habe jetzt gerade von einer Journalistin gehört, die ihn auch nicht mögen kann. Ich glaube, dass er eigentlich sehr selbstsüchtig ist in mancher Hinsicht, sehr unbedacht, sehr gedankenlos, und ich glaube auch sehr von sich selber überzeugt, was einen ja dann nicht unbedingt liebenswert macht. Aber ich muss sagen, dass ich inzwischen doch eine enorme Schwäche für diesen Helden habe.

Tanya Lieske: Da sind sie nicht allein.

Cornelia Funke: Das freut mich!

Tanya Lieske: Jacob ist zunächst zwölf Jahre alt, dann gibt es einen Zeitpunkt auf 24, welche Altersgruppe hatten Sie denn im Visier?

Cornelia Funke: Ich habe ja durch die Tintenbücher gelernt, dass es den Kindern ganz egal ist, wie alt der Held ist. Im Grunde mögen sie es sogar lieber, wenn er erwachsen ist, weil sie ja in ihrer Kinderhaut sowieso im Alltag herumlaufen. Die Lieblingsfigur von allen Kindern in den Tintenbüchern war ja Staubfinger. Von daher wusste ich, du musst nicht unbedingt ein Kind in die Geschichte zwingen, wenn die Geschichte es nicht erfordert, und bei dieser Geschichte hatte ich sogar das Gefühl, dass sie sich wesentlich besser mit erwachsenen Figuren erzählen lässt.

Tanya Lieske: Sie haben auch dieses Buch selbst illustriert mit ihren Bleistiftzeichnungen, wie beeinflusst der Prozess des Zeichnens Ihre Erzählungen?

Cornelia Funke: Das tut er eigentlich kaum, nur in der Hinsicht, dass ich mir schon vorher Bildmaterial sammele und an die Wände von meinem Schreibhaus hänge, aber das Zeichnen kommt wirklich danach, wenn der Text abgeschlossen ist. Und das ist ein wirkliches Abenteuer, sich dem eigenen Text noch einmal zu nähern, indem man versucht, die eigenen Bilder zu finden. Und natürlich kann man die natürlich nie ganz greifen mit dem Bleistift, weil die Mittel ja begrenzt sind, und meine künstlerischen Mittel natürlich auch begrenzt sind, aber es war natürlich unglaublich spannend, all diese Bilder zu zeichnen, und ich bin seither wieder ganz verliebt in das Illustrieren.

Tanya Lieske: Sie erscheinen als Autorin, aber es gibt eine Unterzeile, die den Produzenten und Drehbuchautor Lionel Wigram würdigt, was hat es mit dieser Künstlerpartnerschaft auf sich?

Cornelia Funke: Ich stelle mich gerne in jedem Buch einer neuen Herausforderung, und ich glaube, das war die größte Herausforderung, die ich je angenommen habe, dass ich eine Geschichte mit jemandem zusammen spinne. Und es war so, dass die ursprüngliche Grundidee zu diesem Buch gelegt wurde durch eine Zusammenarbeit mit Lionel an einem Drehbuch. Das basierte auch E.T.A. Hoffmanns Nussknacker, und da haben wir gemerkt, dass wir ein fantastisches Team sind, wenn es ums Geschichtenerzählen geht, dass wir das doch gerne weiter machen wollten. Und wir haben inzwischen vier Jahre zusammen gearbeitet, und als ich die Saar für einen Roman in diesem Skript entdeckte, wollte er so gerne beteiligt sein, dass wir es einfach mal versucht haben. Und das sah dann so aus, dass wir monatelang hier wirklich drei bis vier Stunden jeden Tag zusammen gearbeitet haben, und uns die Köpfe heiß geredet haben und Charakter und Figuren zusammen entwickelten, was sehr spannend war, weil man jemanden hat, von dem alles infrage gestellt wird noch zu einem viel früheren Zeitpunkt, als es sonst passiert.

Tanya Lieske: Also auch eine mündliche Genese, was eigentlich sehr schön ist, denn auch die Hausmärchen wurden ja erzählt.

Cornelia Funke: Ja, genau, das war das Spannende, und ich habe schon fast gedacht, wenn man als Motiv die Brüder Grimm hat, dann muss man es ja mit jemandem zusammen machen. Und das war eine große Herausforderung, wenn man plötzlich eine andere Vorstellungskraft in die eigene hineinlässt, und dann zusammen versucht, einen richtigen Weg zu finden, und wenn dadurch dann auch einiges an der Geschichte einen anderen Geschmack bekommt. Ich habe dann irgendwann gesagt: "Ich kann gelb, er kann blau, und zusammen machen wir grün." Das war wirklich sehr interessant, und wir haben auch gerade den zweiten Teil zusammen entwickelt. Das heißt natürlich nicht, dass ich dann nicht Schreibe. Das Spannende ist eher so dieser intellektuelle Faustkampf über ein paar Monate, und dann setze ich mich hin und schreibe das Buch.

Tanya Lieske: Ende des Monats kommen Sie nach Deutschland, nach Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt und Stuttgart, freuen Sie sich auf diese Lesereise oder ist das eher Arbeit?

Cornelia Funke: Ich freue mich wirklich sehr. Das ist immer der aufregendste Moment, wenn man die Leser dann endlich trifft. Ich habe einen kleinen Vorgeschmack jetzt hier gehabt, als ich auf den großen amerikanischen Messen für Buchhändler und für Bibliothekare war. Und es gibt einfach nichts Aufregenderes, als das Buch dann endlich in Kinderhände zu bekommen, oder in Buchhändlerinnen-, in Lehrerinnen oder in Erwachsenenhände. Ich kann es wirklich überhaupt nicht erwarten, endlich auf der Bühne zu stehen.

Tanya Lieske: Cornelia Funke im Gespräch über ihren neuen Roman "Reckless". Vielen Dank dafür, viel Erfolg, viel Glück, viele schöne Begegnungen auf Ihrer Lesereise in Deutschland.

Cornelia Funke: Ich sage vielen Dank auch im Namen von Jacob!

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