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Held der Subkultur

Eine Portrait über Hubert Fichte anlässlich seines 70. Geburtstages

In den Nachkriegsjahrzehnten galt der Schriftsteller Hubertus Fichte als Abweichler von der literarischen Grammatik seiner Zeit. Heute, fast zwanzig Jahre nach seinem Tod, zählt man ihn zu den Literaten einer deutschen Popliteratur.

Von Thomas Palzer

Hubert Fichte träumte vom Ruhm der Beatles (AP)
Hubert Fichte träumte vom Ruhm der Beatles (AP)

Es ist Sonntag, der 2. Oktober 1966. Im legendären und mit tausend-fünfhundert Zuhörern ausverkauften "Star Club" an der Großen Freiheit 39 tritt der Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte auf. Bis dato hat der Mann erst zwei Bücher publiziert: den Erzählungsband "Aufbruch nach Turku" und "Das Waisenhaus". Jetzt liest er aus dem Romanmanuskript "Die Palette", das erst zwei Jahre später veröffentlicht werden wird.
Angekündigt auf Plakaten in grellstem Purpur unter dem Motto "Beat und Prosa", stehen Fichtes Auftritte im Wechsel mit den musikalischen Darbietungen der Liverpooler Beat-Band "Ian & the Zodiacs" und des aus dem belgischen Antwerpen kommenden Blues-Sängers Ferre Grignard. Im Publikum sitzen viele Stammgäste des St. Pauli-Szene-Lokals "Palette". Sie erkennen sich wieder, haben dieses oder jenes auszusetzen - sind aber größtenteils begeistert. Hubert Fichte beschließt später - da ist der "Star Club" längst geschlossen -, die Szene mit seiner Lesung in den Roman hineinzunehmen und ihn mit ihr enden zu lassen. Fast vierzig Jahre später wird die Literaturwissenschaft feststellen, dass in der "Beat-und-Prosa"-Show auf St. Pauli der "erste vielbeachtete Versuch" zu sehen sei, die "Lesungsform nach Ort und Habitus in Richtung Pop" zu übersetzen.
Fritz J. Raddatz war ehemaliger Cheflektor im Rowohlt Verlag und hat Fichte damals betreut:

"Er träumte davon, dass er einen großen, irgendeinen spektakulären Auftritt haben möchte, eine Buchpremiere nennt man das heute. Und auch das war für damalige Verhältnisse sehr ungewöhnlich. Das war noch nicht so, der Autor muß immer unentwegt selber im Vordergrund stehen. Und er träumte von dieser Sache mit dem Starclub, auch weil da mal die Beatles angefangen hatten und so weiter. Und dann habe ich quasi Rowohlt, also der Rowohlt-Verlag, nicht ich, den Starclub tatsächlich gemietet, habe ihm die berühmte, überall ja auch auftauchende rote Seidenjacke, von der er auch träumte und die er sich unbedingt wünschte, geschenkt. Und er trat also dort auf, mit einer bestimmten Combo, die zwischendurch die Musik machte. Er las sehr gut, sehr wirkungsvoll. Und ich muss sagen, ich besitze die Platte heute noch und habe sie vor gar nicht langer Zeit noch mal abgehört und das hat gehalten, sowohl der Text, sowieso, als auch die Performance. Das Ineinandergehen von Musik und Text war wirklich eine sehr gelungene Sache. Damals eben, für Hamburger Verhältnisse sehr ungewöhnlich und hatte den gewünschten Erfolg, es erregte etwas Aufse-hen."

Die "Palette" wird Fichtes größter Erfolg. Eine neue Stimme verschafft sich in der deutschen Literatur Gehör. Wer ist nun dieser Hubert Fichte? Unter den Nazis Halbjude und Mischling 1. Grades, vermeintlicher Halbwaise (denn sein Vater Erwin Oberschützky, der vor den Nazis nach Schweden hatte flüchten müssen, starb erst 1962 in Stockholm an einem Herzinfarkt), Insasse eines bayerischen katholischen Waisenhauses vom August 1942 bis Juli 1943, Kinderdarsteller, Landwirtschaftslehrling, Freund des homosexuellen Dichters Hans Henny Jahnn (dem er sein "Coming out" als Homosexueller und als Schreiber verdankt), Schriftsteller, Lebensgefährte der Fotografin Leonore Mau, Weltenbummler, Ethnopoet, Erforscher der afroamerikanischen Religionen und ihres Synkre-tismus zwischen Tradition, Magie und moderner Plastikkultur.

Die Karriere Hubert Fichtes beginnt 1952 mit dem Entschluß, aus dem kleinbürgerlichen Zuhause auszubrechen und nach Frankreich zu gehen (1950 hat er die Schule abgebrochen). Anfang der 50er Jahre herrscht in Deutschland Adenauer und die Restauration. Der Hirschpark in Hamburg zwischen Nienstedten und Blankenese bildet da einen Fluchtpunkt für Freigeister. Hier wohnt der Schriftsteller Hans Henny Jahnn. Peter Rühmkorf, Erich Nossack u. a. kommen zu Besuch. Auch Fichte. Jahnn hat 1951 die Provence und die Kuppelkirchen Aquitaniens besucht. Auf den Spuren sei-nes Vorbilds und Übervaters reist Fichte Jahnn gewissermaßen in die Provence nach und arbeitet zunächst als Landwirtschaftslehrling und Hirte. Es entstehen seine ersten Prosastücke: "Autostop und romanische Kirchen"
(1953) und "Aufzeichnungen aus dem Hirtenleben in der Provence" (1954).

Im Spätsommer 1953 hält er sich zur Weinernte in Maubec auf, in der Nähe des Schlosses, das einst der Marquis de Sade bewohnt hat. Im "Hotel Garni" - jenem Roman, mit dem Fichtes erst posthum erschienenes Mammutwerk Die "Geschichte der Empfindlichkeit" beginnt - wird es heißen: "Unter dem Chateau des Marquis de Sade hatte das alles mal angefangen".
Er besucht Picasso und Chagall und lernt den Maler Serge Fiorio kennen, in dessen Bruder Aldo er sich verlieben wird. In dem nahegelegenen Ort Manosque wohnt Jean Giono, der zur weiteren Familie Fiorios gehört. Fichte besucht den Schriftsteller Giono. Eine Legende will, dass beide zusammen den "Simplizius Simplizissismus" überset-zen wollen. Dann arbeitet er als Lagerleiter bei dem Arbeiterpriester Abbé Pierre im "Camp de la Pomponnette". Er zieht sich eine schwere Hepatitis zu und muss nach Hamburg zurückkehren. Weil die Ärzte ihm raten, im Freien zu arbeiten, macht er eine Landwirtschaftslehre. Er geht nach Schweden und arbeitet dort in einem Heim für geistig Behinderte Jugendliche. Zurück in Hamburg lernt er die Fotografin Leonore Mau kennen, mit der er 1963 zusammenzieht. Mau, Architektur-Fotografin, mit einem Architekten verheiratet, den sie verläßt, ist damals schon bekannt, während Fichte ein Nobody ist. Das Versprechen, das sie sich gegenseitig geben, wird lauten, dass er sie - und sie ihn - berühmt machen werde. Im selben Jahr erscheint sein Erzählungsband "Aufbruch nach Turku", mit dem er einen Achtungserfolg erzielt. Es folgen "Das Waisenhaus", "Die Palette" und "Detlevs Imi-tationen: "Grünspan". 1972, dem Jahr, in dem seine legendären "Interviews aus dem Palais d’Amour" erscheinen, reisen Fichte und Mau nach Haiti, um den Vaudou zu studieren.
Die heute 88jährige Leonore Mau erinnert sich:

"Haiti, eine Lebensfreude ... "

In den frühen 60er Jahren veranstaltete die Literaturwissenschaftlerin Manon Andreas-Grisebach in der sogenannten "Mühle" bei Hamburg Lesungen, zu denen auch Fichte eingeladen war. Sie erinnert sich:

"Ich sehe immer noch seine Lederjacke ..."

Demonstrativ bekennt er sich zu seiner Homosexualität, die auch Thema seiner Bücher ist, und lebt dennoch mit einer Frau zusammen - eben mit der Fotografin Leonore Mau. Jahre später wird er in seinem an Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" orientierten literarischem Großprojekt "Die Geschichte der Empfindlichkeit " notieren:

"Wie lebt ein homosexueller Mann mit einer Frau. Also der Versuch, aus einem Ghetto in einem Ghetto auszubrechen, aus dem Ghetto der Homosexualität und aus dem neuen Ghetto, das die Homosexualität errichtet, nämlich dass man als Homosexueller nicht mit einer Frau zusammen leben solle."

Der Schriftsteller Josef Haslinger, der Fichte kurz vor dessen Tod zu einem Seminar nach Wien holte, gewann folgenden Eindruck von der Beziehung Fichte - Mau:

"Er hat Mau dargestellt, als ob er ständig von ihr davonläuft ..."

Drei Jahre nach der Palette - 1972 - erscheint im Rowohlt Verlag "Interviews aus dem Palais d’Amour". Das Buch, das die damalige Mode der Reportage- oder Dokumentarliteratur variiert, besteht aus fünf Interviews, geführt mit Ulli, Wolli, Sandra und Johnny - alles Personen aus dem so genannten Milieu. Wolli ist Mieter einer ganzen Etage im "Palais d’Amour". Die nennt er erst "Mädchenwohnheim" und dann, aus Freundschaft zu Fichte, die "Palette". Fichte hat ihm den Zugang zum "Mädchenwohnheim" zu verdanken.
Mehr und mehr entwickelt sich Hubert Fichte als Schriftsteller zum Chronisten der gesprochenen Sprache. Er sammelt Stimmen. Stimmen der Hamburger Subkultur, der Prostituierten, Stricher und Zuhälter, der Gammler und Hippies. Was er ab den Interviews aus dem "Palais d’Amour" noch an Büchern veröffentlichen wird, sind keine Romane mehr, sondern Interviews wie "Der Ledermann spricht mit Hubert Fichte" und ethnopoetische Studien zum Synkretismus afroamerikani-scher Religionen wie "Xango" oder "Petersilie". Denn sein Interesse für das Periphere und Abseitige zielt neben St. Pauli auch auf das Exotische, Fremde: 1968, nach dem Erscheinen der "Palette", reist er zusammen mit seiner Lebensgefährtin das erste Mal nach Brasilien. 1972 nach Haiti. Er will, wie schon gesagt, den Vaudoo-Zauber erforschen. Zahlreiche weitere Reisen führen ihn und Leonore Mau nach Afrika, Kuba, Haiti. In den 60er, 70er und 80er Jahren, in denen die Literatur in Deutschland gern auf den eigenen Bauchnabel schaut - Walser auf den Bodensee, Böll auf Köln und Grass auf Danzig -, stellt Hubert Fichte den einzigen kosmopolitischen Schriftsteller dar, den die Bundesrepublik vorzuweisen hat. Zudem führt er Interviews mit Jean Genet, Salvador Allende, der Pop Mutter Lil Picard, dem senegalesischen Dichter-Präsidenten Léopold Sédar Senghor sowie Julius Nyerere.

Er war auch da, in dem offenen sexuellen Leben, und Darüber-Sprechen und das Erzählen und das Schreiben und das Zeigen und das nicht Verhehlen und überhaupt nicht verklemmt sein, so war er auch in dieser Literaturethnographie ein Pfadfinder, der neue Wege gezeigt hat. Vor allem, wenn er nicht nur über den Gänsemarkt oder die Reeperbahn oder so schrieb, sondern über andere Länder und andere Kultu-ren, der ganzen Faszination von Voodookultur zum Beispiel, was er ja immer übertragen hat. Das ist ja nicht Touristenprosa und Reisebürolyrik, sondern das ist ja immer Spiegel auf uns selber zurück, dass wir uns vielleicht wundern, und dem Mirakel dieser Welt versperren in-zwischen. Und deswegen holte er Splitterchen dieser Wunder und Mi-rakelwelt herein. ... Da ist sehr viel Nachdenken in den Texten, um hereinzuholen was fremd und anders ist, als Angebot. Er hat sich ja immer als ein Anbieter verstanden, als jemand, der sagt "Hört bitte mal wie es auf der Welt auch zugehen kann und zugeht und ich, Fich-te, biete es euch an, durch meine Erfahrung, ob Reeperbahn oder Tahi-ti, davon Kenntnis zu nehmen, und macht selber etwas daraus".

"Sprachen braucht man für den Beruf"

Nach Publikation des "Palais"-Interviewbandes verlagert sich Fichtes Schwerpunkt - sein Interesse gilt fortan dem Synkretismus afroameri-kanischer Religionen zwischen Tradition, Magie und moderner Plas-tikkultur. Es erscheinen "Petersilie" und "Xango" - als Text- und als Fotobände, mit denen Leonore Mau die Forschungen ihres Gefährten begleitet. Fichte ist fasziniert von Veränderung und Erweiterung des menschlichen Bewußtseins und von kulturellen Praktiken wie Kräu-terabsude und Trance, die eine solche Veränderung bewerkstelligen. In den afroamerikanischen Kulturen schult Fichte die artistische Strategie seines Schreibens, die nicht auf Authentizität zielt, sondern dar-auf, die Fiktionen und Konstruktionen einer Kultur zu entlarven durch Karnevalismus und Travestie. Fichte übt den signifying monkee.
Die afroamerikanischen Religionen feiert er dementsprechend als Re-ligion(en) der Bricolage und Flickenmythologie(n). Daher rührt auch das in den letzten Jahren vom avancierten Popdiskurs und benachbar-ter Kunst- und Kulturszenen wiedererwachte Interesse an Hubert Fichtes Poetologie. Sie feiern den "Hamburger Heimatschriftsteller" nach dem Motto: Ein deutscher Schriftsteller muß weg aus Deutschland.

"In Brasilien aber muß Fichte nicht nur Portugiesisch sprechen, son-dern Brasilianisch. Auf der Insel Haiti zwingt seine Forschungsarbeit dazu, nicht allein in die französische Hoch- und Kolonialsprache sich einzuleben, sondern auch ins Kreolische sowie in jene Sprechweise, die man in Paris ausdrücklich und nicht ohne Hochmut als "petit negre" zu kennzeichnen pflegt"

schreibt Hans Mayer.
Leonore Mau erzählt:

"Homer auf Flughäfen ..."

In den 80er Jahren beginnt Fichte endlich sein literarisches Großprojekt "Geschichte der Empfindlichkeit", das er auf 19 Bände konzipiert - ein dichtes Netz aus Namen, Schauplätzen und Daten. Die Produktion teilt sich auf in diesen exoterischen, und in einen umfassenden an-deren, einen esoterischen Teil, der dem Literaturbetrieb und einem möglichen Publikum bis zum Tod ihres Verfassers vorenthalten bleibt. Zwischen 1974 und 1985 beschäftigt sich der Schriftsteller mit diesem Projekt, das zunächst, wie er in einem Interview preisgibt, auf den Namen "Naturgeschichte der Sensibilität" getauft ist. Später wird Fichte sagen, dass die bis 1974 veröffentlichten Werke Vorstudien zu diesem Projekt gewesen seien. Die "Geschichte der Empfindlichkeit" liegt inzwischen in siebzehn Bänden vor und wird von dem Roman "Hotel Garni" eröffnet. Zu Fichtes Geburtstag heute erscheint bei S. Fischer "Die zweite Schuld", der letzte Band der "Geschichte der Empfindlichkeit."
Fichte will das Leben schreiben und schreibend verändern. Damit versucht Fichte, die gesamte Existenz, welche er und Leonore Mau geführt haben - in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts - in Literatur zu überführen. Eine "doppelte Dokumentation", da Mau Fotografin ist. Mit anderen Worten: Das Künstlerpaar Fichte und Mau - dessen radikales Lebenskonzept an das von Sartre / Beauvoir erinnert - geben der Gegenwart eine Geschichte - und dem Menschen des 20. Jahrhunderts ein anthropologisches Modell - seiner unter Elend, Zwang und Frag-würdigkeiten verschütteten Grazie und Schönheit.

"Und es gibt da Szenen, dass er einmal zu mir kam, auch wieder damit wir arbeiteten, und an einem Projekt den Abend zusammen verbrachten. Und es klingelte bei mir das Telefon, und was ja für einen Verlagschef nicht ganz ungewöhnlich ist, dass mal das Telefon klingelt, obwohl in der Wohnung, und ich sagte "Fichte, ich weiß, ich tue das nie, ich telefoniere nie, wenn ich Gäste habe. In dem Fall ist es wirklich sehr wichtig. Ich muß eine Minute ans Telefon gehen." Und ging an mein Telefon, das in einem anderen Raum stand, und kam zu-rück und Fichte war weg. Ich dachte er ist pinkeln gegangen, er ist im Gästeklo, er ist vielleicht in der Küche Selterwasser holen oder Wein oder was, und ging durch die Wohnung. Er war wie eine Katze aus der Wohnung verschwunden, aus empörter Wut, dass ich auch nur eine Minute einem anderen, in dem Fall natürlich, Schriftsteller mein Ohr lieh."

Hubert Fichte hat das Heilige im Alltag gesucht. Zunächst in seiner Heimatstadt Hamburg, in der Subkultur rund um die Große Freiheit, später auf seinen Reisen nach Portugal, Marokko, Brasilien, Haiti, nach dem Senegal, nach Tansania und Togo. Fasziniert vom Abseitigen, von kultischen Schauplätzen und dem mythischen Zusammenhang zwischen Opfer und Täter, hat er den französischen Schriftsteller Jean Genet - 1975 in Paris - interviewt und -1970, 1973 und 1976 in Hamburg - Hans Eppendorfer, den "Ledermann", der mit siebzehn sei-ne Pflegemutter erschlug. ("Der blutige Mann" sollte ein Text für "die Geschichte der Empfindlichkei"t heißen, den Fichte aber nicht mehr abschließen konnte.) Er interviewt Sandra, die Prostituierte, Johnny, den Stricher, Wolli "Indienfahrer", Besitzer besagter Etage im Palais d’Amour auf St. Pauli, der er den euphemistischen Namen "Mädchenwohnheim" gegeben hat, und er befragt Gunda, eine 26jährige lesbische Prostituierte. Er hat die Stimmen gesammelt von Vaudou-Priesterinnen und Eingeweihten bei Candomblé-Zeremonien. Aber auch die von Salvador Allende, der Pop Mutter Lil Picard - die Stimme von Senegals Dichter-Präsident Léopold Sédar Senghor wie die von Julius Nyerere. In seinen Büchern ist Fichte Detlev, Jäcki und Hubert - drei Stimmen in drei verschiedenen Häuten - alles Imitationen ein und derselben Person: der eigenen. Heidi und Reimar Renaissancefürstchen aus dem Szene-Treff "Palette" hat er eine Stimme ge-geben, Igor, Dr. Rosenkreutzer und Pedro de Batefolha. Und vielen anderen. Hubert Fichte hat Stimmen gesammelt und diese für seine Bücher zu mehr perspektivischen, parataktischen und lakonischen Texten montiert -

Wie vielleicht bei keinem anderen Autor sind bei Hubert Fichte Bio-graphie und Werkgeschichte miteinander verschränkt. Von der Palette bis zur neunzehnbändigen "Geschichte der Empfindlichkeit" deckt sich der Arbeitsprozeß mit den Reisen, die der Autor -zusammen mit Leonore Mau - unternommen hat. Um es mit den Worten des Schriftstellers Fichte zu sagen: alles Schreiben ist "Hinwendung zur Welt". Da auf Fichtes Anordnung sämtliche persönliche Dokumente nach seinem Tod vernichtet werden mußten, zählt das literarische Oeuvre zum einzigen Zeugnis, das über sein privates Leben Aufschluß gibt.
Einen "großen Hamburger Heimatschriftsteller" hat der Kulturphilosoph Diedrich Diederichsen Fichte in "Freiheit macht arm" genannt, die "endlich gefundene Sixties-Gegenfigur zum Kölner Brinkmann". "Rave" von Rainald Goetz liest sich wie eine Fortsetzung der "Palette". Das Projekt der Popliteratur-Ikone Goetz, der Gegenwart ihre Geschichte aufzuschreiben, ist Fichtes Projekt des roman fleuve - der vollständig zu Buch und Buchstaben gewordenen Welt - ebenso ver-pflichtet wie der Text "Irres Wetter" von Kathrin Röggla den Techniken der Montage, Kombinatorik und Permutation, wie sie von Fichte angewendet werden.
Im Frühjahr 2000 adaptiert Schorsch Kamerun, Sänger der "Goldenen Zitronen", "Die Palette" für das Hamburger Deutsche Schauspielhaus - einem Ort, am dem Fichte selbst ab 1946 als Kinderdarsteller aufgetreten ist. Auf die Frage, was er werden will, antwortet der
Ich-Erzähler in "Versuch über die Pubertät" von Fichte:

"Schauspieler und Schriftsteller. Ich kann das nicht trennen."

In Thomas Meineckes Roman "Hellblau" ist Fichte wiederholt Ref-renzfigur, was der Autor als eine Verbeugung vor dem Hamburger Heimatschriftsteller versteht, und für Andreas Neumeister reiht sich Hubert Fichte zwischen Andy Warhol, die Bankräuberin Patty Hearst und den Künstler Martin Kippenberger.
Erstaunlich, dass ein Schriftsteller, den die Öffentlichkeit praktisch aus dem Bewußtsein gestrichen hat (und der trotz umfangreicher Publikation auch zum Zeitpunkt seines Todes nahezu unbekannt gewesen ist), plötzlich eine stille Renaissance erlebt - zumindest bei jener Schreiber-Generation, die sich an den Formen der Popkultur orientiert. Das Kölner Audio- Label "supposé" hat sich in Zusammenarbeit mit der Lebensgefährtin des Schriftstellers, darum verdient gemacht, Ori-ginalaufnahmen von und mit Fichte herauszubringen: "Gott ist ein Mathematiker - Annäherungen an die traditionelle Psychiatrie in Tog" aus den frühen 80er Jahren und die legendären "St. Pauli Interviews" aus dem Jahr 1969, die der Autor dann dem Roman "Wolli Indienfahrer", der 1978 erschien, zugrunde gelegt hat; weitere CDs mit Origi-nalaufnahmen sollen folgen.

"Fichte konnte mit dem Fuß aufstampfen."

"Verdammt intensiv. Jetzt wüßte er endlich, wie man schreibt ..."

Am 8. März 1986 stirbt Hubert Fichte - kurz vor seinem 51. Geburtstag - im Hamburger Hafenkrankenhaus an Lymphdrüsenkrebs.

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