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StartseiteEssay und DiskursHeldenplatz18.11.2007

Heldenplatz

Eine kurze Geschichte des politischen Totenkults

Ein Ehrenmal soll errichtet werden in der Republik - ein Ehrenmal für die im Dienste der Bundeswehr getöteten Soldaten. Der von Verteidigungsminister Franz Josef Jung vorangetriebene Plan nimmt gerade in diesen Tagen Gestalt an: Heute, am Volkstrauertag erfolgt die Grundsteinlegung. Es ist nicht der erste und gewiss nicht der letzte Versuch, in der Bundesrepublik einen politisch motivierten Totenkult zu etablieren. Die alles entscheidende Frage dabei lautet: Wofür stirbt - und tötet - der "Bürger in Uniform"? Wie kann seiner gedacht werden, ohne in einen überlieferten, vornehmlich soldatischen Opferkult zu verfallen? Der Historiker Bernd Ulrich nimmt dies zum Anlass, den geschichtlichen Hintergrund des politischen Totenkults auszuleuchten.

Von Bernd Ulrich

Der Sarg mit dem Leichnam des bei einem Attentat in Afghanistan ums Leben gekommenen Soldaten der Bundeswehr wird auf dem Flughafen Köln-Wahn mit militärischer Ehrenerweisung empfangen. (AP)
Der Sarg mit dem Leichnam des bei einem Attentat in Afghanistan ums Leben gekommenen Soldaten der Bundeswehr wird auf dem Flughafen Köln-Wahn mit militärischer Ehrenerweisung empfangen. (AP)

Die Idee entstand spontan und hatte - wie das bei Ideen so ist - einen Anlass: Kaum war der frischgebackene Verteidigungsminister Franz Josef Jung im Dezember 2005 zum Truppenbesuch nach Kabul gereist, wurde er in den dort von Soldaten provisorisch errichteten Ehrenhain für die Toten der Internationalen Schutztruppe geführt. Das war der Anlass - und die Idee, die sich dabei, so heißt es, dem Verteidigungsminister praktisch aufdrängte, lautete: Die Republik braucht ein Ehrenmal für die im Dienst getöteten Angehörigen der Bundeswehr.

Danach passierte erst einmal gar nichts bzw. nichts, was die Öffentlichkeit sonderlich bewegt hätte. Jung allerdings verfolgte seine mittlerweile zum konkreten Plan gereifte Idee unverdrossen weiter. Kaum im Geheimen, denn er kam nicht nur bei jeder Gelegenheit darauf zu sprechen, er trug sein Vorhaben auch zweimal im Verteidigungsausschuss des Bundestages vor. Doch die Presse berichtete darüber nur in kleineren Meldungen oder gar nicht. Und auch der von Jung ausgelobte Architekten-Wettbewerb für die Errichtung des Ehrenmals und die einberufene Findungskommission blieben eher unbeachtet.

Das änderte sich schlagartig, nachdem im Juni dieses Jahres schließlich der preisgekrönte Ehrenmal-Entwurf des Architekten Andreas Meck der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Mecks Entwurf sieht einen 41 Meter langen, 7 Meter 50 breiten und 9 Meter 60 hohen Baukörper vor. Dessen imposantes Ausmaß wird durch eine Fassadenhülle aus golden glänzendem Bronzeblech gemildert. Der eher filigrane Charakter dieser Hülle entsteht dadurch, dass sich halbkreisförmige Ausstanzungen aneinander reihen. Sie erinnern, so Mecks Gedanke, an in der Mitte durchbrochene Erkennungsmarken, die gemeinhin den Soldaten nach ihrem Kriegstod abgenommen werden, - jedenfalls sofern sie auffindbar sind und die Erkennungsmarke noch intakt ist.

Einen solchen Entwurf mag mancher für kitschig halten, vor allem aber kollidiert diese Symbolsprache mit der von Jung vorgegebenen Absicht, aller seit der Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955 Getöteten zu gedenken. Diese 2600 Soldaten aber sind zumeist bei Unfällen und Manövern zu Tode gekommen. Sie könnten als Kriegstote allenfalls nur insofern bezeichnet werden als die meisten von ihnen während des "Kalten Krieges" ums Leben kamen. Siebzig Soldaten starben seit 1993 bei Auslandseinsätzen, also noch am ehesten im Verlaufe einer Art Kriegshandlung, die der Symbolik gebrochener Erkennungsmarken gerecht werden würde. Böse Zungen sprechen denn auch schon von einem "Unfallopfer"-Denkmal. Mit dessen vorgesehenem Standort im so genannten Bendlerblock, dem heutigen Dienstsitz des Bundesverteidigungsministers, einst Hinrichtungsort der Anti-Hitler-Verschwörer des 20.Juli, würden dann die soldatischen Unfall- und Manöveropfer quasi auf eine Stufe mit den Widerstandkämpfern gestellt werden.

Ein weiterer Stein des Anstoßes steht mitten im Zentrum von Mecks Entwurf - es hat bloß noch niemand bemerkt. Im Trauerraum nämlich, in einer, wie es der Architekturkritiker Heinrich Wefing beschreibt, "nach antiken Vorbildern als 'cella' bezeichneten Dunkelkammer steht ein Kubus aus Nagelfluh, einem steinähnlichen Naturmaterial aus dem Alpenvorland, an dem Blumen und Kränze abgelegt werden können."

Der von manchen despektierlich "Kranzabwurfstelle" genannte Ort soll also aus Nagefluh bestehen und eigentlich ist dagegen nichts einzuwenden. Doch das Konglomerat aus in Jahrmillionen zusammengebackenem Kies, Geröll und Kalk, in seiner aus Steinbrüchen gewonnenen Gestalt und Anmutung an Beton erinnernd, war nun mal einer der Lieblingsbaustoffe des Führers und ersten Baumeisters des Reiches - Adolf Hitler.

Gewiss, der Nagelfluh an sich kann gar nichts dafür, dass er als Naturprodukt - gemeinsam mit Crailsheimer Muschelkalk, Rüdersdorfer Kalkstein oder Gönninger Tuffstein und anderen mehr - zu den bevorzugten Werksteinen innerhalb des neoklassizistischen Baustils des Dritten Reiches gehörte. Mit ihnen unter anderen gedachte Hitler seine gigantomanischen Germania-Pläne einer totalitären Zukunft zu verwirklichen und seine Architekten haben viele Gebäude, Ehrenhallen, Gedenksteine und - nicht zuletzt - Denkmäler aller Art damit gebaut oder verkleidet.

Wie etwa in Berlin die so genannte "Langemarckhalle", die im Rahmen der Olympiade 1936 am Rande des damals neu gebauten Olympiastadions errichtet wurde. Sie sollte an die zu Beginn des Ersten Weltkriegs beim belgischen Dorf Langemarck zu Tausenden gefallenen jugendlichen Kriegsfreiwilligen erinnern, ein Schlachten-Fiasko, aus dem sich in den zwanziger und dreißiger Jahren ein kriegerischer Jugend-Mythos entwickelt hatte, den sich die Nazis zunutze machten. Die pompöse Halle wurde übrigens, nach ihrer Beschädigung im Zweiten Weltkrieg und schließlich ihrer Sprengung, ohne jede Debatte, geschweige denn begleitet von Protesten, Anfang der sechziger Jahre mit bundesdeutschen Steuergeldern wieder aufgebaut; einzig die Regimentsfahnen, die wohl verloren gegangen waren, und der "Schrein" mit "blutgetränkter Erde aus Langemarck" wurden weggelassen.



All dies verdeutlicht vor allem eins, nämlich wie schwer es ist, auf dem historisch kontaminierten Boden der deutscher Gegenwart einen politischen Totenkult zu etablieren. Ob sich in ihm das Selbstverständnis einer wehrhaften Republik widerspiegeln soll oder das angesichts lang andauernder Auslandseinsätze 'normale' Bedürfnis, einen Ort des Gedenkens zu schaffen - immer steht der politisch legitimierte Totenkult im Schatten eines überhöhten, vorwiegend soldatisch geprägten Opferkults. Selbst die Steine, in denen er sich materialisiert, können historisch vorbelastet sein.

Anders allerdings als es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist die öffentliche Erinnerung an die Toten eines Krieges ganz und gar nicht selbstverständlich. Sie hat ihre eigene Geschichte und setzt seit jeher dort an, wo sie jeden von uns berührt: Was ermöglicht es uns, die Gewissheit der eigenen Sterblichkeit und den Verlust von Angehörigen zu ertragen, zumal dann, wenn sie eines gewaltsamen Todes gestorben sind? Eine von vielen Menschen akzeptierte Antwort auf diese Frage bildet die religiös inspirierte Jenseitshoffnung - eine Überzeugung, die in entscheidender Weise auch die Gestaltung und Signatur von Kriegerdenkmälern zu prägen begann. Was für den Einzelnen Trost verspricht wurde für die Masse der Gefallenen zu einer politischen Zukunftshoffnung säkularisiert. Sie vermochte zugleich die Überlebenden in eine Art opferbereite Gleichheit des Dienstes für eine weltliche Macht einzubinden.

Die gefallenen Soldaten hatten ihren Einsatz - ob freiwillig oder nicht - mit dem Tod besiegelt. Das Wofür dieses Todes war zwar nicht frei verhandelbar - denn schließlich waren die Toten einst als Lebende unter offiziell verkündeten Begründungen in den Krieg eingetreten -, aber offen für Deutungen und Zuschreibungen. Sie sollten dem Kriegstod einen Sinn verleihen und bezogen ihre Attraktivität unter den Überlebenden nicht zuletzt aus der kaum mehr "überbietbaren Letztinstanz des Todes", wie es der Historiker Reinhart Koselleck formuliert hat. Jede politisch motivierte Vereinnahmung der Kriegstoten seit der Antike profitiert von dieser Aura des Todes, bis heute.

Die Funktion von Kriegerdenkmälern, ihre Gestaltung und vor allem ihre Inschriften aber haben mit und seit der Französischen Revolution zwei entscheidende, im Kern durchaus demokratische Veränderung erfahren. An die während der Revolution und der folgenden Revolutionskriege gefallenen Soldaten und Offiziere sollte unterschiedslos und in ihrer Gesamtheit erinnert werden. Nicht mehr nur Feldherren oder Fürsten waren von nun an denkmalwürdig, sondern auch der einfache, kriegsfreiwillige oder durch die Wehrpflicht gebundene Soldat, der damit aus der anonymen Masse der Kämpfenden herausgehoben wurde. (Dies geschah etwa nach den so genannten Befreiungskriegen in Preußen, wobei auf den Gedenktafeln noch eine Abstufung der getöteten Soldaten nach militärischem Verdienst vorgenommen wurde: nach gefallenen "Helden" und nach gemeinen Kriegstoten.)

Der Soldat war überdies auch nicht mehr für eine Dynastie oder einen Fürsten gestorben, sondern für die Durchsetzung einer politischen Idee, für den Sieg einer politischen Handlungsgemeinschaft, sei es das Reich, das Volk, die Republik oder die Nation. Der Kult um die hierfür im Krieg Gefallenen zielte nun immer mehr darauf ab, die Getöteten mit der Zukunft der Überlebenden in einen übergreifenden Sinnzusammenhang zu rücken. Mit anderen Worten: An die Stelle des christlichen Jenseits als Ort der Toten trat die politische Zukunft. Auf dem Berliner Kreuzbergdenkmal von Karl Friedrich Schinkel, errichtet zum Gedächtnis an die Befreiungskriege, finden wir die dafür klassisch formulierte, dreistufige Inschrift: "Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung". Diese Zuschreibungen prägten in grundsätzlicher Weise - natürlich in je nationalen und politischen Brechungen - die Kriegerdenkmäler für lange Zeit.

Der Erste Weltkrieg bildete eine starke Zäsur. Die beispiellosen Verluste dieses Krieges verlangten offensichtlich besondere Formen der Erinnerung und der sie begleitenden Rituale. Die kriegsbeteiligten Nationen hatten ihre Bevölkerung in bis dahin ungekanntem Maße in Dienst genommen, so dass nahezu jedermann in der einen oder anderen Weise von den Auswirkungen des über vierjährigen Kampfes unmittelbar betroffen war.

Eine Antwort darauf war der gleichfalls politisch umkämpfte Totenkult in Form von Kriegerdenkmälern und Soldatenfriedhöfen. Diese standen als Orte der Erinnerung immer auch für eine politische Sinnstiftung, die sich gleichermaßen auf die kriegerische Vergangenheit wie auf die Zukunft der jeweiligen Nation beziehen konnte. Die Bereitschaft zum Sterben sollte auch hier den Überlebenden zur andauernden Verpflichtung werden. An einer solchen, jeweils national schattierten, aber immer auf dem Massensterben im Weltkrieg gründenden Verpflichtung entzündete sich der Streit zwischen den politischen Parteien. Dies galt in besonderer Weise für Deutschland, wo die Auseinandersetzungen um das öffentliche Gedenken eine zentrale Rolle spielten und den gesellschaftspolitischen Alltag mitbestimmten.

Dieser Kampf um die Erinnerung führte den Krieg mit anderen Mitteln weiter. Und in gewisser Weise setzte sich dabei fort, was auch schon den "richtigen" Krieg geprägt hatte: Den Mittelmächten und namentlich Deutschland war es in der propagandistischen Auseinandersetzung um das eigentliche ideelle Ziel des Krieges nicht gelungen, überzeugend zu erklären, wofür eigentlich gekämpft, gelitten und gestorben wurde.

Einzig zu Beginn des Krieges vermochte die Verpflichtung auf das "Vaterland" und dessen vermeintliche Bedrohung durch äußere Feinde so etwas wie patriotische Begeisterung hervorzurufen. Allerdings wissen wir mittlerweile, dass die Begeisterung nur von kurzer Dauer und insgesamt nicht so intensiv und verbreitet war, wie die zeitgenössische Propaganda und zählebige Mythen Glauben machen wollten.

Die maßlosen ökonomischen Kriegsziele hingegen, die 1914 im berühmt-berüchtigten "Septemberprogramm" der deutschen Reichsleitung erhoben und im Verlaufe des Krieges noch erweitert worden waren, mochten für die Masse der Soldaten, sofern sie davon überhaupt in Umrissen Kenntnis hatten, kaum als Motivation ausreichen. Die Herrschaft über Belgien und die Kanalküste, die dauerhafte Unterwerfung Frankreichs und des Baltikums, kurz, der völlige Umsturz der europäischen Ordnung und ihre Neuerrichtung unter deutscher Vorherrschaft - das waren eher kampfmotivierende Elemente für die alliierte Gegenseite, die um ihr jeweils nationales Überleben kämpfte.

Diese, hier in ihrer Entwicklung bloß skizzierte Unklarheit über den Sinn des Leidens, des Kriegstodes und des Tötens setzte sich über 1918 hinaus fort, ja, vor allem in Deutschland als dem Land der Niederlage verschärfte sie sich noch. Denn die ›Verlierer‹ waren mehr noch als die ›Sieger‹ darauf angewiesen, der Katastrophe und der Erinnerung an sie einen Sinn zu verleihen. Alle Formen des Gedenkens in der Publizistik, der Literatur, in der Kunst und nicht zuletzt im denkmalgestützten Kult um die Gefallenen sollten davon beeinflusst werden.

In England und Frankreich hingegen konnte - anders als in Deutschland - nach 1918 relativ schnell eine offizielle Übereinkunft darüber erzielt werden, wie die Nation sich kollektiv an den Weltkrieg erinnert und insbesondere ihrer Toten gedenkt. Ihren stärksten Ausdruck fand diese Gemeinsamkeit im Grabmal des Unbekannten Soldaten, in dessen ritueller Ehrung gleichsam die nationale und die persönliche Erinnerung zusammengeführt werden sollte.

Die Grundidee ging auf eine in der Antike von den Athenern entwickelte Zeremonie zurück, nach der die im Kampf mit den Spartanern getöteten, aber nicht mehr auffindbaren Krieger durch einen leeren Sarg bei den Bestattungsfeiern vertreten wurden. Vor diesem Hintergrund gewann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Plan, auch die vermissten und oftmals unbekannten Soldaten zu ehren, an Attraktivität.

Zum zweiten Jahrestag des Waffenstillstandes, am 11. November 1920, wurden die sterblichen Überreste eines nicht mehr identifizierbaren französischen und eines britischen Soldaten von den Schlachtfeldern in Frankreich exhumiert und in Paris und London bestattet. Schon das komplizierte Auswahlverfahren, mit dem der Unbekannte Soldat bestimmt wurde, löste einerseits so zustimmende wie emotionale Reaktionen aus, stieß aber auch auf heftige politische Proteste. Dennoch war der Erfolg dieser Gedenkform, in der repräsentativ ein unbekannter Toter für alle Gefallenen der Nation steht, kaum zu überbieten. In den folgenden Jahren wurden solche Zentralstätten des Totenkultes nahezu in allen kriegsbeteiligten Ländern errichtet - egal, ob sie zu den Verlierern oder Siegern zählten.

Deutschland fehlte in dieser Reihe. Zwar wurden innerhalb des 1927 eingeweihten Tannenberg-Denkmals 20 unbekannte Soldaten von der Ostfront bestattet, doch sie dienten eher dem Ruhm des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg und dessen Sieg im Osten zu Beginn des Weltkrieges. Bereits zuvor hatten im Zusammenhang mit der Zehnjahresfeier des Kriegsausbruchs am 2. August 1924 Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichskanzler Wilhelm Marx dazu aufgerufen, für ein nationales "Ehrenmal" zu spenden, "welches das ganze deutsche Volk gemeinsam allen Gebliebenen schuldet". Aber der Plan ließ sich ebenso wenig verwirklichen wie ein "deutsche(s) Denkmal des unbekannten Soldaten", wie der Architekt Bruno Taut in einem Gutachten dazu ausführte. Denn "da der Gedanke anderswo" - nämlich in den Siegernationen - "geboren ist und damit als etwas Fremdes und nicht selbst Erzeugtes übernommen werden würde, so bleibt es fraglich, ob er bei uns zu wirklichem Leben kommt".

Im preußischen Berlin wurde die einst von Karl Friedrich Schinkel entworfene Neue Wache 1931 durch den Architekten Heinrich Tessenow umgebaut. Sie sollte im republikanischen Staat die Erinnerung an die deutschen Kriegstoten wach halten. Aber nicht zuletzt die Konkurrenz der einzelnen Länder in der föderal verfassten Weimarer Republik verhinderte eine Einigung über eine national gültige Gedenkstätte. Erst 1934 erklärte Adolf Hitler die Anlage im Zentrum Berlins zum "Reichsehrenmal".

In der Weimarer Republik standen einem solchen Denkmal oder auch nur einer nationalen Gedenkfeier vor allem die völlig konträren Vorstellungen über deren Sinn entgegen. Das SPD-Parteiorgan "Vorwärts" brachte es auf den Punkt, als es über den Ablauf der parteiübergreifenden Gedenkfeier zum 2. August 1924 berichtete: "Die einen ziehen aus dem Massentod der Opfer die Lehre, dass es Aufgabe der Lebenden sei, durch ihr Wirken in der Gemeinschaft und im Staatenleben neue Ausbrüche des Männermordens zu verhindern. Die anderen rühmen sich, dass sie neue Kriege und neue Schlachten erstreben, um ihren vermeintlichen Idealen näher zu kommen."

Angesichts der umstrittenen Vielfalt der Erinnerungen, die sich in den Signaturen der Kriegsdenkmäler und in ihren Einweihungszeremonien zeigte, gewannen noch einmal jene Mythen und Legenden an Bedeutung, die ein einheitliches Kriegserlebnis suggerierten. Nur so konnte die Erinnerung vergoldet, konnte kollektiv Sinn geschaffen werden, wo individuell oft Sinnlosigkeit vorherrschte. In der krisenhafte Schlussphase der Weimarer Republik ab 1928/29 wurde eine massive Heroisierung der Gefallenen auf den kommunalen Denkmälern in Deutschland überdeutlich. Der zumeist stahlhelmbewehrte Soldat, mitunter noch versehen mit Gewehr, Spaten oder Handgranate, fungierte ikonengleich vor allem als Träger einer Botschaft: Der Krieg ist nicht verloren worden, seine siegreiche Wiederaufnahme möglich und notwendig. Am deutlichsten wurde dieser revanchistische Grundgedanke in jener, ganz auf ein bildungsbürgerliches Publikum zugeschnittenen Inschrift, die der Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff für ein Denkmal der gefallenen Angehörigen der Berliner Universität formulierte: "Invictis, victi, victuri": Den Unbesiegten, von den Besiegten, den künftigen Siegern.

Der Protest republiktreuer Organisationen dagegen verpuffte in der Regel wirkungslos. Alle Versuche, den besonders an die Schlacht von Verdun gekoppelten Mythos des "eisenharten, nervenstarken Materialüberwinders" in Gestalt des deutschen Frontsoldaten oder des jugendlich-begeisterten Kriegsfreiwilligen von Langemarck mit Fakten zu entkräften, waren chancenlos. Der republikanischen Linken aber stand offensichtlich keine geeignete Bildsprache zur Verfügung, die sowohl ihrem Selbstverständnis als auch dem Bedürfnis vieler Menschen nach Erklärungen für das zurückliegende Gemetzel entsprochen hätte.

Adolf Hitler, der sich selbst zum "einfachen Gefreiten des Weltkriegs" wie auch zum willensstarken Frontsoldaten stilisiert hatte, sowie der NS-Propaganda gelang es, die kursierenden Mythen für ihre Ziele zu vereinnahmen. "Der Aufstieg der Nazis", so jüngst die Journalistin Sonja Zekri in einer pointierten Formulierung, "vollzog sich auf den Gräbern der Kriegstoten" des Ersten Weltkriegs. Alles, was diesen Prozess der "Gleichschaltung" hätte stören können, mithin auch pazifistisch orientierte oder zu wenig heroische Denkmäler, fiel nach 1933 der Spitzhacke zum Opfer. Übrig blieb die Stein und Bronze gewordene Hybris.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah zunächst ein alliierter Befehl den Abbau und die Zerstörung aller militaristischen Denkmäler vor. Doch waren zum Beispiel die von den Nazis nicht umgewidmeten Denkmäler, etwa die der kaiserlichen Armee, davon ausgenommen - und schließlich überwogen die Ausnahmen. Wer sich heute die Mühe machte, quer durch das wiedervereinigte Deutschland zu fahren, findet nahezu in jedem Dorf, in jeder Kleinstadt, zumeist auf Kirchhöfen, aber auch auf zentralen Plätzen nach wie vor die Kriegerdenkmäler des Ersten Weltkriegs. Die zumeist mit Namenslisten versehenen Denkmäler, auf denen die Toten der Gemeinde verzeichnet sind, wurden nach 1945 oft einfach um die Jahreszahlen "1939 - 1945" und die Gefallenenlisten jener Zeit sowie um eine Mahnung zum Frieden ergänzt, allzu militaristische Inschriften wurden entfernt und die christliche Symbolik ersetzte häufig die einst nur national bestimmte.

Man kann diese Form des Gedenkens als eine Art kommunale Antwort auf eine Frage verstehen, die im nationalen Rahmen nach 1945 unbeantwortet blieb und vielleicht auch bleiben musste, nämlich wie der Millionen toter Wehrmachtssoldaten gedacht werden sollte. Vor dem Hintergrund des totalen militärischen und moralischen Zusammenbruchs verbot sich eine positive Sinnstiftung des Soldatentodes wie nun auch des Kriegstodes einer Vielzahl von Zivilisten von selbst. Ähnlich wie nach dem Ersten kam es auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zu einem nationalen Ehrenmal, wenngleich aus völlig anderen Gründen. Wie konnte angesichts der tiefen Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust vermieden werden, mit den Opfern nicht zugleich auch die Täter zu ehren?

In der rein militärischen Gedenkpraxis nach 1945, die erst mit Beginn der fünfziger Jahre wieder entstand, versuchte man zunächst, sich über dieses Dilemma hinwegzusetzen. In den drei existierenden Gedenkstätten für die Marine, für die Luftwaffe und für das Heer wurde folgerichtig auf eine tradierte Symbolik wie das Eiserne Kreuz oder gleich ganze Denkmalanlagen zurückgegriffen, wie auf das 1929 fertig gestellte Marine-Ehrenmal in Laboe. Doch auch hier ist mittlerweile, begleitet von Umgestaltungen, neu konzipierten Inschriften und Gedenkritualen, eine veränderte Schwerpunktsetzung in der untrennbar mit dem politischen Totenkult verbundenen Sinnfrage zu erkennen: Im Vordergrund steht nicht mehr die Erinnerung an ein quasi aktives "Opfer für etwas", sondern eine eher passive Opfervorstellung, die schließlich in der Gedenk-Formel "Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" seine bis heute gültige Form gefunden hat.

Daran ist viel und berechtigte Kritik geübt worden. Vor allem, nachdem in der Regierungszeit Helmut Kohls die Neue Wache in Berlin zur zentralen, gesamtdeutschen Gedenkstätte umgebaut worden ist, und die zitierte Formel eines unterschiedlosen Erinnerns an alle denkbaren Opfer einen nationalen Konsens des Gedenkens suggeriert. Der hat allerdings in dem seit langer Zeit föderal strukturierten Deutschland nie wirklich existiert. Überdies wird mit dem Gedenken an die "Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" jeder historische Zusammenhang des Todes, dessen damit gedacht werden soll, vollständig ausgeblendet. In letzter Konsequenz wird damit jeder zum "Opfer", der SS-Mann ebenso wie der KZ-Häftling.


Der in starkem Maße vorbelasteten, in jedem Fall für ein demokratisches Gemeinwesen problematischen Geschichte des politischen Totenkults vermag auch das Ehrenmal der Bundeswehr nicht zu entkommen. Zu eindeutig steht der Entwurf aus Stahlbeton und Bronzeblech in der Tradition eines den Soldatentod überhöhenden Kultes. An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts, wenn wir uns den Leitgedanken vergegenwärtigen, dem sich der Architekt des Ehrenmals, Andreas Meck, verpflichtet fühlt. Er stammt aus Martin Heideggers kleiner und unter anspruchsvollen Architekten beliebten Schrift "Die Kunst und der Raum" und lautet: "Der Wesensvollzug des Bauens ist das Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume". Keine Angst - es folgt nun keine Heidegger-Exegese. Aber es bleibt schon anzumerken, dass der dabei immer auch mitschwingende genius loci nicht durch das bloße "Errichten" oder "Fügen" eines Ortes entsteht, sondern aus historischen und gesellschaftlichen Sinnvorgaben, - zumal dann, wenn es sich um ein Bauwerk von "nationalem Rang" handelt, wie aus dem Bundesverteidigungsministerium verlautet.

Geradezu kongenial, wenngleich wohl unbeabsichtigt, passt dazu die von Minister Jung dekretierte Inschrift des geplanten Bundeswehr-Ehrenmals. Denn sie folgt nun wiederum der langen Tradition einer positiven, aktiven Sinnzuschreibung für den gewaltsamen Tod: "Den Toten unserer Bundeswehr - Für Frieden, Recht und Freiheit" soll sie nach Jungs Beschluss lauten. Doch der an sich berechtigte Impuls, die Toten einer demokratischen Bürgerarmee nicht als bloß passive, sinnlos gestorbene Opfer zu ehren, sondern ihrem Tod einen Sinn abzugewinnen, verkehrt sich in sein Gegenteil, wenn sich dessen Begründung auf einen geläufigen, grundgesetzlichen Allgemeinplatz reduziert, der so gut wie nichts mit der tatsächlichen Kampfsituation zu tun hat.

Man mag sich vielleicht noch für die in Friedenszeiten bei Unfällen und Manövern getöteten Soldaten auf eine solche Sinnzuschreibung einigen können - obgleich dann das Pathos der Inschrift und die Banalität der Todesursache in einem gewissen Missverhältnis stehen. Für die Toten der Auslandseinsätze erscheint sie indessen geradezu grotesk. Sind diese Soldaten tatsächlich für "Frieden, Recht und Freiheit" gestorben? Jedenfalls ist mit Berechtigung gefragt worden, ob es nicht vielmehr um deutsche Interessen am Horn von Afrika, im Kongo und auch in Afghanistan geht, die aufgrund durchaus umstrittener politischer Entscheidungen und mithilfe der Bundeswehr durchgesetzt werden sollen.

Und selbst wenn diese für den sicherheitspolitischen Alltag der Bundeswehr in ihren frühen Jahren geltende Sinn-Trias von "Frieden, Recht und Freiheit" auch in der aktuellen Lage Gültigkeit beanspruchen könnte: Niemand hat bisher klare politische Perspektiven oder Kriterien für die Beendigung von Auslandseinsätzen vorlegen können. Ein Teil der bundesdeutschen Streitkräfte befindet sich mithin in einem Dauerkonflikt, in einem quasi nicht erklärten Krieg, dessen Ende unabsehbar ist. Wo aber das Ende eines militärischen Einsatzes so offen ist, muss bekanntlich mit Friktionen gerechnet werden, mit Fehlkalkulationen - und Einschätzungen, die in der Summe dazu führen können, dass der Tod, der dafür gestorben wurde, "umsonst" gewesen ist.

Das macht eine Antwort darauf, wofür in einer demokratischen Bürgerarmee gestorben - und getötet - wird, nicht überflüssig. Doch sie kann nur gefunden werden in einer offenen und alle gesellschaftliche Gruppen umfassenden Debatte - und jedenfalls nicht von oben angeordnet werden, auch wenn es sich um den obersten Dienstherrn der Bundeswehr handelt.

Wenn eine solche Debatte offensichtlich nicht erwünscht ist, dann wäre es vielleicht aufrichtiger, auf eine ältere Inschrift zurückzugreifen, auf eine Signatur, in der jene Unsicherheit über den Sinn des gewaltsamen Todes zum Ausdruck kommt, die den Soldaten und dessen Angehörige seit jeher ergriffen und nicht mehr verlassen hat. Wie etwa die des Dichters Rudyard Kipling, der als Grabspruch für seinen im Ersten Weltkrieg gefallenen, 18jährigen Sohn folgenden Zweizeiler vorsah:

" If any question why we died /
Tell them, because our fathers lied

Wenn's Fragen gibt, warum wir starben /
Sagt ihnen, weil unsere Väter gelogen haben. "

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