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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Helen Caldicott: Atomgefahr USA. Die nukleare Aufrüstung der Supermacht07.04.2003

Helen Caldicott: Atomgefahr USA. Die nukleare Aufrüstung der Supermacht

Diederichs. München 2003. 400 Seiten. 23,00 Euro

<strong> Helen Caldicott ist Atomwaffenspezialistin und promovierte Ärztin. Für ihr Engagement gegen Krieg und atomare Rüstung wurde sie bereits für den Friedensnobelpreis nominiert. Zuletzt sorgte sie Anfang März für Aufsehen, als sie eine internationale Email- und Briefkampagne ins Leben rief, mit der Papst Johannes Paul II davon überzeugt werden sollte, als "menschliches Schutzschild schlechthin" nach Bagdad zu gehen.</strong>

Ludwig Watzal

Mit einer Art "shock and awe"-Strategie sollte das irakische Regime von Saddam Hussein zur Kapitulation gezwungen werden. Schock und Entsetzen ergreift den Leser dieses Buches und hält ihn bis zum Schluss gefangen. Die renommierte Atomwaffenexpertin Helen Caldicott entwirft ein Bild einer Atomwaffen-starrenden USA. Im Vergleich dazu erscheint das angebliche Massenvernichtungspotenzial des Irak noch nicht einmal als Peanuts. Die USA sind bis an die Zähne bewaffnet. Die Gefahr, dass die USA Atomwaffen im sogenannten Kampf gegen den Terror anwenden könnten, ist größer als jemals zuvor. Anstatt nach dem Ende des Kalten Krieges abzurüsten, geben die Amerikaner 310 Milliarden Dollar jährlich für die Rüstung aus. 2002 steigt der Rüstungsetat auf 375 Milliarden Dollar. Die russischen Rüstungsausgaben belaufen sich dagegen auf 5,1 Milliarden US-Dollar. Die Autorin sieht in der Kombination von aggressiver Aufrüstungspolitik und missionarischem Eiferertum innerhalb der Bush-Regierung eine Gefahr für die internationale Staatengemeinschaft.

Wir steuern rasant auf eine weltweite Katastrophe zu. Im Weißen Haus sitzt ein kampflustiger und schlecht unterrichteter Präsident ..., der von seinem Mitarbeiterstab gesteuert wird, den er aus der Industrie rekrutiert hat und der so viel amerikanische Steuergelder wie nur irgend möglich abschöpfen möchte, um immer exotischere und gefährlichere Waffen damit zu bauen. Die Ministerkandidaten der Regierung Bush gehören zu den aggressivsten und extremsten der jüngsten Geschichte, und alarmierend viele Mitglieder von Bushs Stab haben direkte Verbindungen zu Lockheed Martin.

Die Autorin, die das Nuclear Policy Research Institute in Los Angeles leitet, belegt die These, dass die US-Administration mit ihrer aggressiven Präventivkriegspolitik unter einem großen Druck der Rüstungsindustrie steht, Atomwaffen einzusetzen, damit diese neue produzieren kann. Es gebe einen regelrechten Aufrüstungswettbewerb zwischen den einzelnen Waffengattungen. Dies scheint auf den ersten Blick verschwörungstheoretisch, ja unfassbar, ist es aber nicht. Die Ausführungen sind sachlich, bisweilen spröde.

Die Vereinigten Staaten selbst kamen in Afghanistan dem Einsatz von Atomwaffen bedrohlich nahe, was leicht einen atomaren Gegenschlag hätte provozieren können. Über den Einsatz der schrecklichsten bekannten konventionellen Waffen hinaus empfahl das US-Verteidigungsministerium die Verwendung taktischer Atomwaffen, und einige Kongressmitglieder rieten dringend zum Einsatz kleiner atomarer "Bunker Basters". Bushs Berater sprachen sich ebenfalls für die Verwendung von Atomwaffen aus.

Die Autorin belegt die engen Verbindungen zwischen der Bush-Administration und dem militärisch-industriellen-Komplex. Die hohen finanziellen Zuwendungen dieses Industriezweiges an die Partei von Bush sprechen für ihre These. Führende Mitarbeiter seiner Administration wie Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und zahlreiche andere hatten hohe Positionen in der Industrie inne.

Sein Kabinett setzt sich überwiegend aus leitenden Angestellten aus der Industrie zusammen ... Der mächtigste Konzern der Welt, ein Konzern, der im wahrsten Sinne des Wortes das Schicksal der Erde lenkt, ist Lockheed Martin. Im Jahr 2000 gingen die meisten Aufträge aus dem Bereich der Verteidigung an diesen Rüstungskonzern.

Neben der Entwicklung von High-Tech-Waffen wie Benzin-, Cluster- und Streubomben, Bunker Busters, die eine ähnliche Wirkung haben wie taktische Atombomben, nur ohne Strahlung, legten die USA ein Manhattan II-Projekt zur Entwicklung neuer Atomwaffen auf. Das unter dem Codenamen SS&M (Stockpile Stewardship and Management Program) laufende Vorhaben war ursprünglich dazu gedacht, das reibungslose Funktionieren der vorhandenen US-Atomwaffen sicherzustellen. Es entpuppt sich aber als gigantisches Atomwaffenprogramm.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gaben die USA im Durchschnitt 3,8 Milliarden Dollar für die Entwicklung, Test und Herstellung von Atomwaffen aus. Nun, zwölf Jahre nach Ende des Kalten Krieges, werden sie die Ausgaben für ein Projekt, das sowohl gegen den Atomteststoppvertrag als auch gegen den Atomwaffensperrvertrag verstößt, jährlich fünf Milliarden Dollar betragen.

Neben der Entwicklung einer neuer Generation von Atomwaffen bereiten sich die USA auf eine Kriegsführung im Weltraum vor. Auch hier spielen die Rüstungsunternehmen eine zentrale Rolle als Scharnier zwischen Militär und Bevölkerung durch die Verbreitung von Unmengen an Propagandamaterial. Das Buch "Military Space Forces” liefert das Rezept für eine solche Kriegführung.

Es ist kämpferisch, nationalistisch, provokant, sorgfältig recherchiert und zutiefst beunruhigend zugleich. Und es bildet über weite Strecken die Basis für die offizielle US-Politik hinsichtlich einer Militarisierung des Weltalls.

Caldicott weist auf die Gefahren für Soldaten und Zivilisten hin, die durch den Einsatz von Uranmunition entstehen. Im Golfkrieg und im Kosovo haben die Amerikaner und die NATO radioaktive Schlachtfelder hinterlassen. Tausende von US-Soldaten sind an den Folgen gestorben. Um die irakische und bosnische Zivilbevölkerung hat sich niemand gekümmert. Setzen die USA auch in diesem Irak-Krieg wieder Uranmunition ein? Hat sich die deutsche Bundesregierung gefragt, ob nicht auch die deutschen Soldaten in Kuwait, Afghanistan oder im Kosovo radioaktiven Strahlungen ausgesetzt sein könnten?

Abgerundet wird das Buch durch einen umfangreichen Anhang über die wichtigsten US-Atomwaffenhersteller, Atomwaffenkontrollzentren, Standorte der meisten einsetzbaren Atomwaffen, Regierungsbehörden sowie Organisationen, Medien und Institutionen für Frieden und Abrüstung. Nach einem Ende des Irakkrieges muss neben der Verantwortung für diesen völkerrechtswidrigen Überfall auch über das gigantische Atomprogramm der USA geredet werden; es ist das eigentlich besorgniserregende. Caldicotts Buch unterstreicht nicht nur die Dringlichkeit, sondern benennt auch die Gefahren für den Weltfrieden, die von dieser Art von Politik ausgehen. Ein erschreckend faszinierendes Buch.

Helen Caldicott: Atomgefahr USA. Die nukleare Aufrüstung der Supermacht. Erschienen ist es bei Diederichs, hat 400 Seiten und kostet 23 Euro.

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