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StartseiteMusikjournalMusikalische Antwort auf Schwulenhetze04.06.2018

Helsingborgs Symphonieorchester Musikalische Antwort auf Schwulenhetze

Anonym hatte sich ein Besucher über das schwedische Helsingborger Symphonieorchester beschwert, weil es Werke von LGBT-Komponisten aufführte. Tenor Rickard Söderberg und das Orchester parierten die hasserfüllten Zeilen voller Homophobie gekonnt: Sie vertonten den Brief zu der Kantate "Bögtåget" - "Schwulenzug".

Von Carsten Schmiester

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Es ist die Regenbogenfahne zu sehen, die ein Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung ist. (dpa/pciture alliance/Wolfgang Kumm)
Der schillernde Tenor Rickard Söderberg ist auch Aktivist der LGBT-Bewegung und hat die Hassmail zu einer Kantate vertont (dpa/pciture alliance/Wolfgang Kumm)
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So ganz ohne Räuspern geht es dann wohl doch nicht. Kein, Wunder, bei dem Text! Der schillernde Rickard Söderberg, in Schweden ein Startenor und nicht nur nebenbei auch Aktivist der LGBT-Bewegung, probt die Kantate "Schwulenzug", der Text dieses Ausschnittes lautet auf Deutsch "warum darf das Kulturhaus Dunkers uns diesen Schwulenkram aufzwingen" und stammt aus einem Brief voller Hass auf Homosexuelle, den ein anonymer Schreiber an das Konzerthaus in Helsingborg geschickt hatte.

Ein für das grundliberale Schweden komplett unmöglicher Protest gegen ein Konzert, bei dem das Helsingborger Symphonieorchester nur Werke von LGBT-Komponisten gespielt hatte. Fredrik Österling leitet das Konzerthaus und er ist auch Komponist. In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Sveriges Radio verriet er, wie es zur ungewöhnlichen und in der Presse jetzt heftig bejubelten Antwort auf die anonyme Beschimpfung kam:

"Ich kriegte also diesen Hassbrief, der voller Abscheu für Menschen war, die sich lieben, und wusste nicht so richtig, was ich damit machen sollte. Bis Rickard Söderberg die brillante Idee hatte: Mensch Fredrik, kannst Du das nicht vertonen? Lass uns eine kleine Kantate daraus machen."

Die beiden lasen sich den Brief durch, wieder und wieder, in dem auch beschrieben wird, wie er zustande kam:

"Der Verfasser des Briefes sitzt im Kulturhaus Dunkers und isst fein zu Abend, als sein Blick auf ein Werbeposter fällt, auf dem sich ein Paar küsst. Er glaubt, es seien zwei Männer, und da lässt er sich lautstark über den 'Schwulenkram' aus. Das ist schon fast wie in der Oper, dass jemand hasserfüllt ausrastet und wild über alle herzieht, die anders denken als er."

Anstoß zum Nachdenken ermöglichen

Und wie er herzieht, oder vielleicht ja auch eine anonyme "sie", ganz auszuschließen ist das nicht. "Ich könnte kotzen", steht da neben dem Vorwurf, dass das Orchester jetzt auch auf den "Schwulen- oder Schwuchtelzug" aufspringe, der ja schon lange durch ganz Schweden fahre. Auf Schwedisch heißt dieser Zug "Bögtåget" und das ist dann auch der Titel der Kantate. Österling hat die Sätze nach eigenen Worten als Libretto verstanden und als Ausdruck der Gefühle des unbekannten Schreibers. Sie zu vertonen, sei doch genau das, was eine Einrichtung wie das Konzerthaus tun solle, so Österling, es gehe darum, unserer Zeit, wohl eher unserem Zeitgeist oder dem Zeitgeist einiger einen künstlerischen Ausdruck zu geben und dem Publikum die Gelegenheit, darüber nachzudenken. Wohl auch die Chance, darüber zu lachen. Denn das befreit bekanntlich. Österling jedenfalls nimmt die Sache mit Humor und das Land freut sich über eine gelungene, weil herrlich intelligente Art, mit dumpfer Homophobie umzugehen.

"Der Brief ist ja die exakte Vorlage für den Text. Die Person ist also, ohne es zu wissen, Autor geworden und so stellt sich auch noch eine kniffelige Honorarfrage. Es wäre cool, wenn er sich zu erkennen geben würde, dann erhält er mindestens eine kostenlose Eintrittskarte."

Die erste Aufführung von "Bögtåget" hat er oder sie allerdings wohl verpasst. Denn bisher hat sich niemand öffentlich zur ätzenden Schwulenhetze bekannt, die Österling und Söderberg so wunderbar sarkastisch veredelt, oder besser - veräppelt haben.

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