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StartseiteBüchermarktAuf der Suche nach dem verlorenen Paradies12.01.2015

Henri Alain-FournierAuf der Suche nach dem verlorenen Paradies

1913 erschien der erste und einzige Roman von Henri Alain-Fournier. Es wurde zum Kultbuch der jungen Franzosen, die kurz darauf in den Ersten Weltkrieg zogen und zu großen Teilen nicht zurückkehrten - sowie auch Alain-Fournier. Zu seinem 100. Todestag erscheint eine Sonderausgabe von "Der große Meaulnes".

Von Mathias Schnitzler

Undatiertes Porträt des französischen Schriftstellers Alain Fournier. (picture-alliance / dpa )
Undatiertes Porträt des französischen Schriftstellers Alain Fournier. (picture-alliance / dpa )

Schon der erste Auftritt von Augustin Meaulnes hat etwas Magisches. Mit einem alten Fuhrwerk ist seine Mutter ins nordfranzösische Sainte-Agathe gekommen, um den Sohn in Pension eines Lehrerhaushalts zu geben. Gerade will sie ihren Sprössling im Haus vorstellen, da ist er bereits verschwunden. Ein Motiv, das den Roman bis zum letzten Satz durchzieht. Vielleicht sei er auf und davon, fürchtet die Witwe, um sogleich voller Bewunderung zu berichten, dass er oft kilometerweit umherstreife und spät abends Fische oder Fasane mit nach Hause bringe. Plötzlich aber stockt sie, unter dem Dach sind Schritte zu hören:

"Niemand sagte etwas. Wir standen alle klopfenden Herzens da, als über der Küchentreppe die Dachbodentür aufging; jemand stieg die Stufen hinunter, kam durch die Küche und erschien in der dunklen Öffnung der Esszimmertür. 'Bist du es, Augustin?', fragte die Dame. Es war ein großer Junge von ungefähr 17 Jahren. In der Dämmerung sah ich von ihm zunächst nur seinen zurückgeschobenen Bauernhut aus Filz und seinen schwarzen, von einem Gurt zusammengehaltenen Kittel, wie ihn die Schüler tragen. Ich konnte auch sehen, dass er lächelte. Er erblickte mich, und bevor ihn jemand zur Rede stellen konnte, sagte er: 'Kommst du mit auf den Hof?'"

Bald rufen die Mitschüler den schweigsamen, stolzen Augustin, für den geschlossene Räume ein Gräuel sind, nur noch "den großen Meaulnes". François, der kränkliche, behütete Sohn der Lehrerfamilie und Erzähler des Romans, aber wird sein einziger Freund. Sein treuer Gefährte, wie man in Anspielung auf die Märchenmotive des Romans sagen möchte. Meaulnes' Ankunft verändert vieles: Er selbst wird zum Protagonisten eines Abenteuers, wie es die deutschen Romantiker kaum schöner hätten erdichten können. Und François, mitgerissen von Augustins Unabhängigkeit und zugleich dessen Chronist, lässt die Welt der Kindheit und Geborgenheit hinter sich.

Schicksalhafte Begegnung auf einer Hochzeit

Eines Tages entwendet Meaulnes den Pferdewagen seiner Gastgeber. Er verfährt sich, schläft ein und wacht in einer unbekannten Gegend auf. Hinter einem Wald entdeckt er ein einsames Landgut mit Bauernhof und Schlösschen. Dort findet ein Maskenfest zu Ehren des Sohnes statt, der mit seiner Verlobten erwartet wird. Alles, was Meaulnes erlebt, wirkt wie ein Traum. Er verkleidet sich, mischt sich unter die Menschen, zu denen auch Schauspieler gehören, und trifft auf Yvonne de Galais, die Schwester des Bräutigams.

Sie ist das schönste Mädchen, das Meaulnes je gesehen hat. Er bittet um die Erlaubnis, eines Tages zurückkehren zu dürfen. Yvonne, erschrocken und verwirrt, erwidert, sie werde ihn erwarten. Dann wird das Fest jäh unterbrochen: Frantz de Galais ist ohne seine Braut gekommen, sie hat die Hochzeit abgesagt. Meaulnes, der dem gebrochenen Frantz über den Weg läuft, erfährt den Grund: Das Mädchen aus niederem Stande hat Angst vor dem Glück. Meaulnes kehrt mit den Schauspielern nach Sainte-Agathe zurück, merkt sich aber im Dunkel der Nacht den Weg nicht.

Von nun an wird er fieberhaft, aber erfolglos nach dem geheimnisvollen Ort fahnden, oder wie es im Buch wörtlich heißt, "auf der Suche nach dem verlorenen Land" sein. Der erste Band von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist übrigens im selben Jahr wie "Der große Meaulnes" erschienen. Auch bei Alain-Fournier spielen die sinnliche Kraft der Kindheitserinnerungen und die subjektiv-traumhafte Empfindung der Zeit eine essenzielle Rolle.

"Denn sobald ich die ferne Erinnerung an jenen ersten Abend, jenes erste Warten in unserem Hof von Sainte-Agathe heraufbeschwören will, kommen mir sogleich andere Augenblicke des Wartens in den Sinn; schon sehe ich mich, wie ich die Gitterstangen des Portals mit beiden Händen umfasse und ängstlich nach jemandem ausspähe, der die Hauptstraße herunterkommen soll. Ich bin nicht mehr allein in diesem Zimmer; ein großer, unruhiger Schatten streicht über die Wände und irrt umher."

Liebe in der Erwartung festgefroren

Immerzu wird in diesem Roman gewartet. Auf Menschen, auf Nachrichten, auf das Glück. Einige Zeit ist vergangen und Meaulnes lebt in Paris, weil Yvonnes Familie dort ein Stadthaus haben soll. So verbringt er Tage, Monate vor dem Haus und trifft die junge Valentine, die ebenfalls auf etwas zu warten scheint. Zwei ratlose, verlorene Seelen, deren Liebe in der Erwartung festgefroren ist. Die beiden kommen einander näher. Kurz vor der Verlobung findet Meaulnes heraus, dass sie die fortgelaufene Braut von Frantz ist.

So ist das in diesem Buch mit seinen schicksalhaften Verwicklungen. Nicht nur die Menschen, sondern auch deren Träume begegnen sich. Ziehen sich an, gefährden einander - und verlieren sich wieder. Der Autor betreibt die romantische Beschwörung des Vergangenen, reflektiert aber auch das Schwanken des Individuums zwischen Freiheitsdrang und Verantwortung.

Meaulnes flieht zurück aufs Land, wo ihn der Freund mit einer neuen Überraschung empfängt: Yvonne ist gefunden. François, selbst von der jungen Frau verzaubert, arrangiert eine Landpartie, auf der Meaulnes und Yvonne zusammenkommen. Es wird eine Enttäuschung, denn Meaulnes kann die Sehnsucht nach dem verlorenen Glück und die erträumte Vereinigung nicht mit der Realität in Einklang bringen. Symbolisiert wird dies in dem zerstörten Landgut, das die verarmten de Galais' hatten verkaufen müssen und aus dem nun ein banales Jagdrevier geworden ist.

Paradies und Wirklichkeit

Eingebettet ist die wehmütige Geschichte um die Suche nach dem verlorenen Paradies und den Einbruch der Wirklichkeit in die betörende Landschaft der nordfranzösischen Provinz. In ihr vollziehen sich weitere Trennungen und Wiedervereinigungen, endlose Dehnungen der Zeit und Augenblicke existenzieller Bedeutung. Es gibt eine Hochzeit, ein neugeborenes Kind und einen tragischen Todesfall. Und natürlich Meaulnes, der zum Schluss wieder einmal atemlos zurückkehrt:

"Etwas enttäuscht und doch auch entzückt, begriff ich, dass das Kind nun endlich den Gefährten gefunden hatte, auf den es unbestimmt gewartet hatte. Ich spürte wohl, dass Meaulnes gekommen war, um mir die einzige Freude, die er mir gelassen hatte, wieder wegzunehmen. Und schon konnte ich mir vorstellen, wie er in der Nacht seine Tochter in einen Mantel hüllt und mit ihr aufbricht - zu neuen Abenteuern."

Henri Alain-Fournier: "Der große Meaulnes", aus dem Französischen von Christina Viragh, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 235 Seiten, 9,99 Euro.

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