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StartseiteInformationen am MorgenHilfe für mehr als 300 Kinder im Jahr11.09.2017

Herzchirurgie in JerusalemHilfe für mehr als 300 Kinder im Jahr

Der Arzt Nizar Hijjeh ging von Gießen zurück in seine Heimat nach Ost-Jerusalem, als er erfuhr, dass viele Kinder mit angeborenem Herzfehler dort oft keine Hilfe bekommen. Inzwischen hat er die größte Kinderherzchirurgie des Landes aufgebaut. Eigentlich wollte er nur zwei Jahre bleiben - jetzt sind es schon vier.

Von Silke Fries

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Nizar Hijjeh, Kinderherzchirurg aus Gießen, arbeitet inzwischen mit seinem Team in Ostjerusalem (Deutschlandradio / Silke Fries)
Nizar Hijjeh, Kinderherzchirurg aus Gießen, arbeitet inzwischen mit seinem Team im Al-Makassed-Krankenhaus in Ostjerusalem (Deutschlandradio / Silke Fries)
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Im Al-Makassed-Krankenhaus in Ostjerusalem werden Palästinenser behandelt - auch aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen. Erst vor vier Jahren hat Nizar Hijjeh hier begonnen, die Kinderherzchirurgie aufzubauen. Anfangs wurden 150 Kinder im Jahr operiert, mittlerweile sind es mehr als 300.

"Das ist hier die größte kinderherzchirurgische Station, Intensivstation, die es überhaupt in diesem Land gibt, in Israel oder Palästina. Die größte in Haifa hat acht Betten, wir haben hier zehn. Und wir bauen jetzt nebenan noch ein Sechsbetten-Zimmer - das sind 16 kinderherzchirurgische Intensivbetten, das wird die größte im Nahen Osten sein."

Hijjeh wollte nur zwei Jahre bleiben

Nizar Hijjeh ist es nicht leicht gefallen, von Gießen nach Ost-Jerusalem zu gehen. Zwar wurde er in Hebron geboren, seine Familie aber floh nach dem Sechstagekrieg auf die Arabische Halbinsel, in Saudi-Arabien hat er Abitur gemacht. Dann folgten: Deutschkurs, Medizinstudium in Deutschland, zuletzt war Hijjeh Oberarzt am Uniklinikum Marburg-Gießen. Die Stelle dort hat er inzwischen aufgegeben, seine Frau und die zwei Kinder sind in Gießen geblieben:

"Ich bin hier geboren und ich habe Anfang 2012 erfahren, dass viele Kinder mit angeborenem Herzfehler keine Hilfe mehr bekommen oder zu spät. Ich habe einen Termin mit dem Gesundheitsminister damals gehabt und er hat mir die Sache genauer gezeigt und dass sie einen brauchen, einen Palästinenser mit Ausbildung in Erwachsenen-Herzchirurgie und Kinder-Herzchirurgie und Erfahrung in einem Kinderherzzentrum in Europa. Er hat mich gefragt, ob ich hierher komme und ich hab das mit meiner Familie durchdiskutiert, und wir haben uns gesagt: Ich baue das auf für zwei Jahre und dann komme ich zurück. Das ist jetzt das vierte Jahr und ich weiß nicht, wann ich zurück soll oder kann."

Nach den Unruhen am Tempelberg fiel der Familienurlaub im Nahen Osten aus - Hijjehs Frau ist die Lage zurzeit zu unsicher. Also fliegt er zur Familie nach Deutschland - etwa, wenn ein Schulwechsel ansteht - das war gerade der Fall. Aber die Aufgabe im al-Makassed-Krankenhaus hält ihn in Ostjerusalem.

Politischen Verhältnisse behindern die Arbeit

"Es läuft hier rund. Aber ich laufe auch rund, ehrlich gesagt. Ich arbeite fast zwanzig Stunden am Tag. Ich schlafe manchmal hier auf dem Sofa. Ich bin Chirurg, ich bin auch OP-Pfleger, OP-Schwester, manchmal guck ich, wie die Reinigung läuft. In den ersten zwei Jahren hab ich hier rund gearbeitet. Mittlerweile hab ich genug Leute ausgebildet und es läuft von alleine."

Was nicht rund läuft, sagt Nizar Hijjeh, sind die politischen Verhältnisse. Besonders heikel war die Lage rund um die Unruhen am Tempelberg. Im Juli wurden arabische Verletzte auch im Al-Makassed-Krankenhaus eingeliefert. Kurz darauf stürmten israelische Sicherheitskräfte das Haus und behinderten das medizinische Personal. Ein Vorfall, der von Amnesty International dokumentiert worden ist.

"Ich versuch so gut wie möglich, mich rauszuhalten, weil Medizin mit Politik eigentlich nichts am Hut hat. Jede Unruhe ist frustrierend, wenn jemand stirbt, ist es frustrierend. Dass ein Soldat einen jungen Mann erschießt ist auch frustrierend, menschlich ist alles frustrierend. Aber man muss immer die Methode finden, wie man damit zurechtkommt. Sonst gibt man auf und geht."

Rückkehr nach Deutschland ungewiss

Auch belastend findet Hijjeh, dass viele der Kleinkinder aus dem Gaza-Streifen ohne ihre Eltern ins Krankenhaus kommen:

"Die dürfen ihre Kinder nicht hierher begleiten. Und die Kinder nach einer Herz-OP, wenn die aufwachen, nach der Narkose und so einer Riesen-Herz-OP, wenn die Schmerzen haben, die brauchen ein zuverlässiges, vertrautes Gesicht, und das finden die Leute aus Gaza leider nicht. Und das ist eine Sache, die war mir wirklich ein Problem, ich hatte wirklich Alpträume am Anfang gehabt."

Aber Nizar Hijjeh hat sich entschieden. Er will bleiben, vorerst. Und irgendwann wird er sich vielleicht entscheiden zurückzugehen, nach Gießen.

"Das wird hier niemals enden. Das ist mein Projekt und ich bilde jetzt Leute aus, die das weiterführen wollen und ich werde auch mit dieser Entfernung aus Deutschland ein Auge drauf werfen."

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