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Herzrasen, Angst und Tränen

Die Kinder des Gazakonflikts

Friedbert Meurer im Gespräch mit Kathrin Wieland

Ein Junge vor Trümmern in Gaza-Stadt.
Ein Junge vor Trümmern in Gaza-Stadt. (AP)

Die Hilfsorganisation "Save the Children" hat Kinder im Gazastreifen befragt. Da ist von Herzrasen, nicht schlafen können vor Angst und einfach wieder ganz normal in die Schule gehen wollen die Rede - und der Sehnsucht nach einem Waffenstillstand zwischen Israel und den Palästinensern.

Friedbert Meurer: Auf palästinensischer Seite gibt es mittlerweile über 100 Tote, so die offizielle Bilanz; auf israelischer Seite drei. Die Raketen der Hamas mögen Terror, Angst und Schrecken in Süd-Israel verbreiten - dass die Zahl der Opfer unter den Palästinensern rapide ansteigt, Kinder auch verletzt und getötet werden und das Missverhältnis in Zahlen so groß ist, das bringt die israelische Regierung international zunehmend unter Druck.
Die Palästinenser werfen der Bundesregierung vor, einseitig aufseiten Israels zu stehen. In der Kritik steht damit wieder auch ein Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das sie vor etwa vier Jahren gegeben hat.

O-Ton Angela Merkel: "Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt: Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar."

Meurer: Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2008 vor der Knesset. Ihr Außenminister, Guido Westerwelle, ist zurzeit in Jerusalem, war auch kurz in Ramallah.
Der Krieg zwischen Israel und Gaza trifft immer mehr auch die Zivilbevölkerung. Vereinzelt in Tel Aviv müssen die Menschen die Schutzräume aufsuchen, im Süden Israels sowieso. Im Gazastreifen warnt die israelische Armee die Palästinenser, sie sollen sich von Einrichtungen der Hamas fernhalten, um nicht Opfer zu werden. Das ist aber nicht so einfach, der Gazastreifen ist ja dicht besiedelt. "Save the Children" ist eine internationale Hilfsorganisation für Kinder, die ihren Hauptsitz in London hat, aber auch einen Zweig in Deutschland, und deren Geschäftsführerin von "Save the Children" Deutschland ist Kathrin Wieland. Guten Tag, Frau Wieland.

Kathrin Wieland: Guten Tag, Herr Meurer.

Meurer: Wie sehr leiden die Kinder im Gazastreifen unter dem Krieg?

Wieland: Man muss erst mal sagen, von den 1,7 Millionen Menschen, die im Gazastreifen leben, ist die Hälfte Kinder. Das heißt, das sind 850.000 Kinder, die meisten unter 14 Jahre alt, die dort leiden. Und man muss auch sagen, dass die Situation für Kinder natürlich entsetzlich ist und extrem gefährlich. Die Anzahl toter und verletzter Kinder steigt. Wir haben heute von der UN die Zahl bekommen, dass 140 Kinder jetzt in den letzten sieben Tagen verletzt wurden.

Meurer: Die Kinder halten sich ausschließlich nur noch zuhause auf, um dort sicherer zu sein als im Freien?

Wieland: Ja. Soweit wir wissen, von unseren Kollegen vor Ort – wir haben 50 Kollegen noch vor Ort, die natürlich auch vor Ort bleiben -, sind die Schulen geschlossen und natürlich haben die Eltern furchtbare Angst und behalten ihre Kinder drinnen, und das ist natürlich, wenn man weiß, die Versorgung mit Nahrung ist nicht gegeben, viele Familien haben nichts mehr zuhause, Wasser fließt nicht mehr oder es kommt sehr verunreinigt durch die Leitungen, der Strom fällt bis zu 18 Stunden am Tag aus, man kann sich vorstellen, was das für Kinder bedeutet. Wir haben Zitate von Kindern, die einfach beschreiben, was mit ihnen passiert, wenn sie die Drohnen oder die Bomber hören.

Meurer: Die Zitate, sagen Sie. Mitarbeiter von Ihnen haben Befragungen vorgenommen an Kindern, Kinder befragt im Gazastreifen. Was haben die gesagt?

Wieland: Ich zitiere mal ein 14-jähriges Mädchen, Liliane, die einfach sagte, dass es sie sehr traurig macht, was passiert, dass sie auch nicht mehr schlafen kann. Und dann sagt sie, ich zitiere: Mein Herz fängt an zu rasen, wann immer ich einen F16-Bomber über mir höre. Und sie sagt auch, dass es sie wahnsinnig traurig macht, was mit ihrem Land passiert. Und was ich besonders beeindruckend finde: Alle Kinder haben gesagt, dass sie sich eine friedliche Situation wünschen, dass sie die Schule vermissen. Und Liliane sagt dann, ich wünsche mir, dass beide Seiten den Waffenstillstand akzeptieren und die Bombardements aufhören. Ich möchte frei und sicher leben. Und ich hoffe, dass diese Stimmen der Kinder gehört werden, weil wir natürlich auch fordern, die Kampfhandlungen sofort einzustellen und alles dafür zu tun, die Gewalt zu beenden.

Meurer: Warum hat eigentlich die Hamas keine Schutzräume gebaut, so wie es das in Süd-Israel gibt?

Wieland: Na ja, durch die Blockade ist natürlich Baumaterial schwer zu bekommen. Wir arbeiten ja seit 1973 im Gazastreifen. Wir sind in den letzten Jahren massiv dabei gewesen, Kindergärten und Schulen wieder aufzubauen unter sehr schwierigen Bedingungen.

Meurer: Was werden Sie jetzt machen?

Wieland: Sobald es die Bedingungen erlauben, unsere Mitarbeiter natürlich auch einigermaßen sich bewegen können, werden wir Familien mit dem Nötigsten versorgen. Das heißt, wir werden Lebensmittelpakete, Wasser, aber auch Medikamente und chirurgische Instrumente an Familien und Krankenhäuser verteilen. Und wir wollen auch das, was Sie gerade ansprachen: Wir wollen Spiel- und Schutzzelte für Kinder auch errichten, also Zelte, in denen sie dann hoffentlich, oder Räume, in denen sie sicher sind und in denen sie vor allen Dingen Personen finden, die mit ihnen arbeiten, die mit ihnen spielen, sodass sie ein Stück weit zur Normalität zurückfinden und halt auch ihre Erlebnisse verarbeiten können.

Meurer: Ist das jetzt geplant für die Zeit, in der noch die Raketenangriffe anhalten, oder für die Zeit danach?

Wieland: Das bleibt den Kollegen vor Ort natürlich in der Planung überlassen und auch, wie sicher sie sich fühlen. Das kann ich Ihnen momentan gar nicht beantworten. Wir sind täglich im Kontakt, und heute haben wir noch nicht wirklich gehört, was für heute geplant ist. Das kann sich natürlich von Stunde zu Stunde ändern, aber es ist so, dass unsere Mitarbeiter sich auch treffen und an den Einsatzplänen arbeiten, und ich denke, sobald irgendwo sie das Gefühl haben, dass sie sich hier sicher bewegen können, werden sie losfahren.

Meurer: Sie haben eben kurz das Thema Lebensmittel angesprochen. Es gibt ja Hunderte von Tunnel, durch die eigentlich fleißig geliefert wird. Auch Israel sagt, so strikt ist doch unsere Blockade gar nicht mehr. Warum gibt es zu wenig Lebensmittel?

Wieland: Ja gut, das ist natürlich eine Frage von Einkommen und Verteilung und Möglichkeiten. Was wir wissen ist, dass 44 Prozent der palästinensischen Familien sich eben nicht vernünftig ernähren können und dass 70 Prozent aller Kleinkinder in Gaza mangelernährt sind.

Meurer: Also es ist eine Frage von Arm und Reich im Gazastreifen, oder?

Wieland: Es ist glaube ich, immer ein Stück eine Frage von Arm und Reich, aber es ist auch ein Stück die Frage, was wirklich durch die Tunnel kommt. Und was wir sehen, was wir kennen ist, dass die Kinder stark mangelernährt sind, dass Kinder sehr klein gewachsen sind, ein von zehn Kindern als (?) zu bezeichnen ist, also durch konstante Mangelernährung eben sehr, sehr klein gewachsen ist, nicht wirklich entwickelt ist altersgemäß, und das ist immer ein Zeichen dafür, dass diese Kinder dauerhaft nicht genug und nicht das richtige zu essen bekommen.

Meurer: Das war Kathrin Wieland, die Geschäftsführerin der Hilfsorganisation "Save the Children" Deutschland, zur Situation der Kinder im Gazastreifen. Danke schön, Frau Wieland, auf Wiederhören.

Wieland: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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