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StartseiteTag für TagDer Herr der Hölle09.08.2016

Hieronymus Bosch-AusstellungDer Herr der Hölle

Vor 500 Jahren starb der Maler Hieronymus Bosch. Seine Darstellungen von Hölle, Tod und Teufel gehören mittlerweile zur Popkultur, sie sind comictauglich und schafften es auf Plattencover. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg zeigt jetzt eine Schau zu Boschs Jahrhundert.

Von Mechthild Klein

Das Cover der Hieronymus Bosch-Comic-Biografie. Hieronymus Bosch sitzt, den Rücken zugewandt, vor einer Staffelei und mahlt. Ihn umgeben mehrere bedrohliche Gestalten aus der Hölle. (Avant-Verlag)
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"Früher hieß es dann immer, der muss doch als Ketzer verbrannt worden sein und wie kann man solche Höllendarstellungen oder so etwas malen oder Monster und Mischwesen, die ja so typisch sind für ihn. Aber wir wissen, dass er ein sehr frommer Mann war", sagt Kathrin Baumstark, Religionswissenschaftlerin und Kuratorin am Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Dort ist gerade eine Ausstellung zu sehen über das Jahrhundert von Hieronymus Bosch.

"Er gehörte einer Bruderschaft an, war einfach ein frommer Christ und ein Kirchgänger und hat das auch in seinen Bildern gezeigt. Es ist nichts Ketzerisches in seinen Bildern, sondern genau das Gegenteil. Er hat der Kirche immer in die Hände gespielt, indem er den Menschen immer gezeigt hat, wenn ihr nicht aufpasst und wenn ihr nicht ein gutes tugendhaftes, sündenfreies Leben führt, dann geht’s aber hier in die Hölle und die sieht so aus und da wollt ihr bestimmt nicht hin." 

Schillernde und inspirierende Bilderwelt

"Ich weiß nicht, ob Bosch Menschen retten wollte, das klingt mir fast zu pädagogisch und zu pastoral. Ich glaube, er wollte seine inneren Gründe und Abgründe ins Bild bannen."

So versteht Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, den Maler Hieronymus Bosch. Vor 500 Jahren starb das Kunstgenie in den Niederlanden und hinterließ eine schillernde und inspirierende Bilderwelt.

"Manchmal hab ich den Eindruck, diese Bilder haben fast etwas Zwanghaftes. Es gibt ja nichts, was diese Bilder in eine Gesamtperspektive bannen würde, ordnen würde. Sondern das wimmelt von den erstaunlichsten Bildern. Und was zeigen sie? Sie zeigen geschundene Körper. Sie zeigen Schmerz und Leiden, sie zeigen aber auch sexuelle Fantasien. Lust oder das Leiden an der Lust. Sie zeigen Verformungen des Menschlichen und Angst."

Hieronymus Boschs Höllendarstellungen schafften es sogar als Plattencover in die Neuzeit – bei Deep Purple zum Beispiel. Andere Musiker wie Elton John wählten Bosch als Vorlage für ihre Cover-Gestaltung. Denn seine bizarren Darstellungen von Mensch und Kreatur faszinieren auch Jahrhunderte später noch die Betrachter. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen glaubt, dass die Bilder einst der Andacht dienten. Bilder, in die man sich meditativ hinein versenken konnte.

Johann Hinrich Claussen sagt: "Das ist etwas, was man sich heute schwer vorstellen kann, weil die Bilder gar nicht den Klischees entsprechen, die man sich von heiligen Bildern macht. Der liebe Herr Jesus und die holdereiche Maria – sondern krass sind, abstrus, paradox, verrückt. Und wir sie eher betrachten als surreale Comics." 

Heuwagen als Bild eines verfehlten Lebens

Eines der bekanntesten Bilder von Bosch ist ein Triptychon, also ein dreigeteilter Altar, der einen Heuwagen zeigt. Dem riesigen schwer beladenen Heuwagen folgt eine Prozession aus Bauern sowie Priestern mit einem Papst und einem Fürsten. Die Prozession führt geradewegs in die Hölle. Vor dem Heuwagen sieht man dämonische Mischwesen, die den Wagen anführen und in den Abgrund steuern.

Johann Hinrich Claussen: "Der Heuwagen, den kann man natürlich betrachten als ein Bild für ein verfehltes Leben, das ganz im Irischen verbleibt. Das Heu ist ja Inbegriff dessen, was verwelkt, das gemäht wird, was gefressen wird. Was zwar einen Besitz darstellt, aber wie alles Irdische hohl, leer, gedroschen ist. Und die ausschließliche Orientierung am Heu zu einem verfehlten Leben führt. Nun sind wir nicht mehr so heuorientiert, aber geldorientiert sind wir. Insofern wäre das eine schöne ironische Betrachtung den Heuhaufen als einen großen Geldhaufen zu betrachten. Also die Orientierung an irdischem Besitz."

Allerdings stecken in Boschs Wimmelbildern auch viele kleine Geschichten.

"Bei Bosch ist ja nicht eine große Handlung dargestellt, sondern es sind ja viele kleine einzelne Szenen. Es ist nur ein Mensch oder zwei Menschen. Manchmal sind die auch von so einer Architektur oder von einer Blase umgeben. Sie haben so ihren eigenen kleinen Kosmos. Und das große Bild setzt sich zusammen aus diesen kleinen einzelnen Szenen. Ich denke, da ist ein Ansatzpunkt auch für den heutigen Betrachter. Da sind wirklich Individuen dargestellt. Jeder kann sich da auch wiederfinden", sagt Stefanie Lieb, Kunsthistorikerin und Leiterin der katholischen Akademie in Schwerte. In der Szenerie hat Bosch weitere Kirchenkritik eingebaut. Wie zum Beispiel diese kleine Episode am Rand: "Da sitzt ein Mönch, ein feister Mönch am Tisch mit so einem Becher Wein und um ihn herum sind Nonnen, die versuchen auch ganz hektisch noch Heu in so Säcke zu packen. Also auch die Kirche ist diesem Mammon, auch die Kirche macht da mit. Also das ist schon sehr auch aktuell: Die Kritik an der Kirche, das gab's tatsächlich auch im Mittelalter."

Bereitwilliger Gang in die Hölle

Trotzdem schwebt eine Frage über dem ganzen Bild: warum folgen die Menschen so bereitwillig dieser Prozession in die Hölle hinein. Offensichtlich sind Fürsten, Bauern, Priester und auch der Papst – alle mit Blindheit geschlagen.

Dazu Johann Hinrich Claussen, der EKD-Kulturbeauftragte: "Das ist ja eine der Erstaunlichsten und schrecklichsten Menschheitserfahrungen. Und die machen wir heute ja auch. Die Menschen sehen ja, was ist. Sie sehen die Probleme, sie sehen den Abgrund, sie sehen die Fehlorientierung. Sie gehen aber trotzdem hinein. Das wären vielleicht spätere Generationen über uns sagen. Die Zeichen sind ja an die Wand gemalt. So: ökologische Katastrophe, Völkerwanderungen, große Kriege, große Unsicherheit. Und doch findet ja keine Kehrtwende statt. Es geht so weiter in den Abgrund hinein."

Es scheint, dass Bosch hier Archetypen und allgemeine Handlungsmuster der Menschen erkannt und gemalt hat. Vielleicht beeinflussen seine Arbeiten deshalb noch viele Künstler in der Moderne.

"Es sind zwei Richtungen: Einmal Künstler, die diese Traumwelten in Szene setzen, ins Bild setzen. Aber auch im Film umsetzen, das ist nicht nur in der Bildenden Kunst. Wenn Sie denken an "Herr der Ringe" oder "Star Wars". Da gibt es überall so Sequenzen, wo Traumwelten dargestellt werden, wo Zwitterwesen zwischen überdimensionalem Tier und Menschenleib. Aber dieses Utopische, völlig Futuristische, was bei Bosch ja schon vorhanden ist, das greifen heutige Künstler auf und beziehen sich auch wirklich auf Bosch", sagt Stefanie Lieb.

"Wo willst du hin und wie willst du leben?"

So wie der Niederländer greifen auch sie die Grundfragen des menschlichen Lebens auf. Die Kunsthistorikerin verweist auf den Videokünstler Bill Viola. Dass viele Bilder von Bosch rätselhaft und offen bleiben – das sei Kalkül. 

Stefanie Lieb: "Bosch war so schlau, der wollte auch diese Offenheit. Vielleicht hat er sogar verlangt von dem Betrachter seiner Bilder, schau dir es an und entscheide dich selbst. Du hast die Macht über dein Leben, du musst entscheiden: wo willst du hin und wie willst du leben?"

Bosch hatte die Ängste und dunklen Seiten der Menschen thematisiert – so lassen sie sich zähmen und bewältigen. Apokalyptische Ängste kennt auch das 21. Jahrhundert. Die Hölle spiegelt sich heute in den Blutlachen der Folterknechte des IS. Die Gier zeigt sich in skrupellosen Börsen- und Offshore-Geschäften. Sexueller Missbrauch oder grenzenloser Konsum – die Welt ist noch heute voller Motive, die Bosch aufgegriffen hätte.

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