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StartseiteMarkt und MedienHildebrandt geht ins Netz06.04.2013

Hildebrandt geht ins Netz

Kabaretturgestein Dieter Hildebrandt stört ab jetzt im Internet

Er habe genug vom Fernsehen und gehe nun ins Internet, um freier und unabhängiger agieren zu können, sagt Dieter Hildebrand, der Nestor des Politkabaretts in Deutschland. Also hat der 85-Jährige erfolgreich Crowdfundig betrieben und seinen eigenen Online-Kanal "Störsender.tv" gestartet.

Von Klaus Deuse

Adieu, Rundfunkräte! - Kabarettist Dieter Hildebrandt geht ins Internet (picture alliance / ZB)
Adieu, Rundfunkräte! - Kabarettist Dieter Hildebrandt geht ins Internet (picture alliance / ZB)

Wenn öffentlich-rechtliche Sender ihn selbst versteckt im Nachtprogramm nicht mehr spitzfindig sagen lassen möchten, was er von der Lage im Land hält, dann verschafft er sich im vorgerückten Alter eben eine eigene Spielwiese für Störenfriede.

"Jetzt geht’s los. Good Luck. Operation Mattscheibe kann beginnen."

Mit vitalen 85 mischt Dieter Hildebrandt medial wieder mit. Er nimmt sich diese Freiheit. Im Internet mit der Plattform "Stoersender.tv". Frei von den Korsettzwängen des Fernsehens. Als Gestalter des eigenen Mediums redet ihm nun kein vom Rundfunkrat abhängiger Redakteur hinein, doch die Regeln für bewegte Bilder kann auch er ebenso wenig neu erfinden wie das Rad. In der ersten Folge, die sich 40 Minuten lang dem Thema "Finanzkasinokapitalismus" widmet, sitzt er ungewohnt ruhig vor einer Bücherwand und sinniert über die Deutschen und die Folgen der Eurokrise.
"Deutsche sind wieder sehr wenig beliebt. Ich mein, es kommt mir so vor. Wie vor dem Krieg. Da wollt ich auch nicht mehr ins Ausland."

Keine schnellen Kameraschwenks, keine kurzen Einspielfilmchen: Einfach Hildebrandt im galligen Monolog, der zur Eurokrise lakonisch feststellt :

"Genau genommen ist der Euro ja die Nutte und die Banken sind die Zuhälter. Noch nie gab es so viele Schlauköpfe, die die Zuhälter schützen wollten."

Also bekommen deutsche Schlauköpfe, also Politakteure von Angela Merkel bis Peer Steinbrück ihr Fett weg. Zu bieten verspricht der Störsender neben Satire und klassischem Kabarett auch investigativen Journalismus. In der ersten Ausgabe steht dafür ein ziemlich langes Interview mit dem Wirtschaftsanwalt Hans Scharpf, der den Banken abseits der Schlagzeilen den Refinanzierungskrieg erklärt hat. Bei finanztechnischen Laien dürfte vor allem eine Erkenntnis hängen bleiben.

"Es ist nirgendwo geregelt, dass die Banken aus dem Nichts Geld herstellen dürfen."

Sprich deftige Zinsen abkassieren. Danach philosophiert Dieter Hildebrandt minutenlang über die Blödsinnigkeit von Buchgeld. Nur weil es im Internet stattfindet, handelt es sich nicht um eine neue Art von Fernsehen. Wirklich bemerkenswert ist hingegen, dass es diesen Störsender deshalb gibt, weil ihn viele Deutsche einfach sehen wollten – und dafür ins Portemonnaie gegriffen haben. Per Crowdfunding haben Hildebrandt und Stefan Hanitzsch 150.000 Euro eingesammelt, die für die Finanzierung von zumindest noch 19 Ausgaben reichen sollen. Man hat ja noch reichlich Stoff zur satirischen Sezierung vor der Brust. In unverfänglicher Manier könnte Konstantin Wecker sicher auch bei jedem Fernsehsender nachgrübeln:

"Es gibt ja unglaublich viele Menschen, die unsere Bundeskanzlerin lieben. Da darf man sich auch fragen: Warum?"

Wecker weiß natürlich, dass es nicht nur an deren Lächeln liegt. Dessen vertonte Antwort nach Angela Merkels tiefschnittigem Auftritt in der Oper von Oslo würde aber wohl nicht jeder Sender ausstrahlen. Das und so manches andere übernimmt jetzt der Störsender. Ein Störsender in klassischem Sinn.

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