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Hilfe als Business

Linda Polman: "Die Mitleidsindustrie". Campus Verlag

Dass Entwicklungshilfe nicht immer weitsichtig ist, das hat die niederländische Autorin Linda Polman beim Blick hinter die Kulissen internationaler Hilfsorganisationen festgestellt. Und auch um die Neutralität der Helfer ist es oft nicht gut bestellt.

Von Brigitte Kols

"Mitleidsindustrie" ist eine Reise zu den Schlachtfeldern moderner Rettungsaktionen. (AP)
"Mitleidsindustrie" ist eine Reise zu den Schlachtfeldern moderner Rettungsaktionen. (AP)

"Da muss etwas geschehen", sagen Sie, wenn Bilder von Krieg, Hunger, einer Naturkatastrophe im Fernsehen zu sehen sind. Sie stellen einen Scheck aus für eine der vielen Organisationen, die zupacken sollen, wo gerade Not herrscht. Der humanitäre Impetus hat seinen Preis, das wissen Sie. Aber denken Sie auch an Hilfe um jeden Preis? Die niederländische Autorin Linda Polman lässt ihre Leser nicht mit dem Scheckbuch davonkommen. Sie zwingt sie bereits im ersten Kapitel, sich in die Helferrolle zu versetzen und schreckt gerade Deutsche mit diesem Szenario auf:

Nehmen wir einmal an, es ist 1943. Sie sind Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. Das Telefon klingelt. Es sind die Nazis. Sie dürfen Hilfsgüter in ein Konzentrationslager bringen, aber die Lagerverwaltung darf bestimmen, wie viel davon ans eigene Personal und wie viel an die Gefangenen geht. Was tun Sie?

Wer das für eine absurde Frage hält, sollte weiterlesen. Der unglaubliche Vergleich spielt darauf an, dass das Internationale Rote Kreuz 1942 vom Holocaust wusste, aber schwieg, um kein Verbot seiner Arbeit im Nazimachtbereich zu riskieren. Polman wirft der "modernen Hilfsindustrie" vor, mehrfach wiederholt zu haben, was die Genfer Organisation später einen "tragischen Fehler" nannte. Sie habe als "unfreiwilliger Kollaborateur" von Diktatoren oder Rebellenhäuptlingen agiert, ob in Äthiopien 1984 oder in Darfur in unseren Tagen. Ihr Buch ist in ihrer Heimat unter dem Titel "Die Krisenkarawane" erschienen. Die englische Ausgabe trägt den Titel "War Games", also: Kriegsspiele. Es geht um eine Branche, in der sich weltweit 37.000 Organisationen tummeln, weil, wie Linda Polman schreibt, "jeder seinen Laden aufmachen kann". An manchen Krisenschauplätzen sind es bis zu 1000 Hilfswerke, die um Geld und Aufträge konkurrieren. Denn sie sind es, die den Job für die Geberstaaten machen. So ging es im Jahr 2008 um 11,2 Milliarden Dollar staatliche Nothilfe. Extrageld wie nach dem Tsunami oder für Militär-Hilfe in Frontstaaten des "Kriegs gegen den Terror" ist in diesen Jahresbudgets noch gar nicht mitgerechnet. Ganz zu schweigen von Hunderten Millionen an Privatspenden. Polman empören die realen Kosten für das "Produkt" Hilfe:

Rund um humanitäre Hilfe ist eine wahre Industrie entstanden, Karawanen von Organisationen, die mit den Geldströmen reisen und in immer wieder neuen humanitären Räumen um einen möglichst großen Teil der Milliarden konkurrieren. Für die kämpfenden Parteien sind das Geld und die Hilfsgüter der humanitären Hilfsorganisationen ebenfalls Business. Hilfe ist fester Bestandteil der Kriegsstrategie geworden.

Eben deshalb knöpft sie sich das Label der Neutralität vor. Schon vor 150 Jahren stritten sich der Rot-Kreuz-Gründer Henri Dunant und die im Krimkrieg berühmt gewordene Krankenschwester Florence Nightingale über Neutralität und Politik. Den Streit hält Polman in Zeiten neuer Kriege innerhalb von Staaten mit vorwiegend zivilen Opfern für wichtiger denn je. Sicher retten die heutigen Helfer viele Leben, doch ihr geht es um die "Kollateralschäden" einer Rettungsarbeit, die auch dann schweigend getan wird, wenn ihr Missbrauch neue Opfer fordert:

Humanitäre Krisen sind fast immer politische Krisen oder Krisen, die nur politisch überwunden werden können. Wenn Geber, Armeen und Milizen mit humanitärer Hilfe Politik machen, dann können NGOs es sich nicht erlauben, apolitisch zu sein.

Die 51-jährige Reporterin kennt, was sie kritisiert. Seit 20 Jahren ist sie in Krisenzonen unterwegs. Sie lebte in Sierra Leone, wo sie sich mit Alleingängen bei der Recherche Respekt verschaffte. Unabhängigkeit gilt ihr als journalistisches Muss. In den Niederlanden hat sie die Nominierung ihres Buchs für einen Preis abgelehnt, den das Entwicklungshilfeministerium finanziert, weil dieses nicht "die Qualität journalistischer Arbeit" benoten sollte. "Mitleidsindustrie" ist eine Reise zu den Schlachtfeldern moderner Rettungsaktionen. Vieles ist gar nicht neu, aber ihr Augenzeugnis ist die Stärke des Buchs. Sie zeichnet ein genaues Bild der Flüchtlingslager in Goma, wo nach dem Völkermord in Ruanda die Täter, die Hutu-Milizen, das Sagen haben. Einen dort arbeitenden Helfer zitiert sie, es habe die Regel gegolten:

Füttere die Mörder oder geh als Hilfsorganisation selbst zugrunde.

Linda Polman besucht einen Rebellenchef in Sierra Leone, der prahlt, mit dem Abhacken der Gliedmaßen von Zivilisten das Land gerettet zu haben: "Ohne den Amputiertenfaktor", erzählt er ihr, "wärt ihr nicht gekommen". Sie mischt Reportage, Fakten und Analyse. Am Ende des Marsches von Biafra über Äthiopien, Somalia, Ruanda, Sierra Leone, Sudan bis Afghanistan hängt die Fahne der Neutralität recht zerfetzt herunter. Die Autorin glaubt, eine bessere Hilfe sei möglich. Sie bietet aber keine Patentlösung an. Dafür appelliert sie an Spender und Journalisten, den Rettern im Hilfsgewerbe harte Fragen zu stellen. Etwa, ob sie Hilfe auch mal verweigern sollten. Fragt sich, ob der normale Spender so wissbegierig ist. Oder der Journalist, der oft im Schlepptau eines Hilfswerks reist. Und auch Polman weiß: Der einsame Ausstieg einzelner Organisationen aus Hilfsoperationen ändert nichts an der Abhängigkeit der Helfer von den Machthabern.

Konkurrierende Organisationen springen nur zu gern ein. Medicins sans Frontière hat den Absprung mehrmals gewagt: wegen der Zwangsumsiedlungen in Äthiopien in den achtziger, in Goma in den neunziger Jahren und 2004 nach dem Tsunami, weil die Spenden nicht mehr sinnvoll einzusetzen waren. Linda Polman befürchtet, dass Hilfsorganisationen künftig noch stärker einem politischen Kalkül unterworfen sein werden. Zunehmend bestimmten politische und militärische Interessen die Entscheidung der Regierungen, wo geholfen wird und wo nicht. Gerade deshalb müssten sich Hilfsorganisationen ihre Unabhängigkeit von Regierungen zurückerobern. Da kommt ihr Buch in Deutschland gerade zur rechten Zeit. Hier wehren sich die "Nichtstaatlichen" bereits gemeinsam. Ihr Dachverband Venro bietet Minister Dirk Niebel Paroli, der ihre Aufbauarbeit in Afghanistan mit dem Bundeswehreinsatz verzahnen will.

Vor der nächsten Spende zur Lektüre empfohlen: "Die Mitleidsindustrie – Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen". Linda Polman hat das Buch geschrieben, es ist im Campus-Verlag erschienen, hat 264 Seiten und kostet 19,90 Euro, ISBN: 978-3593392332 .

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