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StartseiteForschung aktuellHilfe in der Arztdiaspora29.04.2011

Hilfe in der Arztdiaspora

Telemedizin zieht in den Alltag ein

Medizin. - In Mannheim treffen sich Deutschlands Kardiologen zur großen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Schon lange ist Telemedizin ein spannendes Thema an der Grenze zwischen Informationstechnologie und Kardiologie. Nun zieht sie in den Alltag der Herzpatienten ein. Wenn am Körper getragene Sensoren die Herz-Kreislauf-Werte ständig überwachen und Patienten aus der Ferne kontrolliert werden können, käme dies dem Alltag der Herzpatienten besonders nahe.

Von Klaus Herbst

Telemedizin-Konzepte setzen sich nur langsam durch. (Siemens)
Telemedizin-Konzepte setzen sich nur langsam durch. (Siemens)

Rund zwei Millionen Deutsche leiden an Herzinsuffizienz, jedes Jahr kommt es zu 300.000 Neuerkrankungen. Vor diesem Hintergrund wird Telemedizin in der Herztherapie immer wichtiger. Die Kardiologen wollen vorbeugen:

"Dass ein Patient zum Beispiel ein schweres Lungenödem bekommt, dass er keine Luft mehr bekommt, dass er vielleicht maligne Rhythmusstörungen entwickelt. Wenn wir das rechtzeitig noch vorhersehen können das wäre sehr spannend, um ihn dann auch therapieren zu können","

sagt der Mediziner und Physiker Wolfgang Rudolf Bauer von der Medizinischen Klinik der Universität Würzburg. Neue Schrittmacher, Therapiegeräte und Defibrillatoren beeinflussen die elektromechanischen Funktionen des Herzens. Sie reduzieren die Sterblichkeit und könnten Routinekontrollen eventuell ganz vermeiden. Das Prinzip ist einfach: Lange vor dem Notfall messen Sensoren diverse Daten eines Patienten. Sie übertragen sie über Mobilfunk zum Hausarzt.

""Wie gut pumpt sein Herz, welche Herzfrequenz hat er, wie ändert sich diese Herzfrequenz im Laufe der Zeit, wie aktiv ist dieser Patient? Also man ist in der Lage, immer komplexere Sensoren inzwischen zu entwickeln, um letztendlich ein umfassendes Bild über den Patienten zu erhalten. Und damit ist man in der Lage, dass man Patienten rechtzeitig identifizieren kann, bevor es ihm so schlecht geht, dass er ins Krankenhaus kommen muss."

Wenn das Herz Probleme macht, erfährt der Hausarzt dies über so genannte Remote Devices, also über telemedizinische Geräte. Dann greift er zum Telefonhörer und gibt dem Patienten wichtige Ratschläge, welche Medikamente beispielsweise Blutdruck und Herzschlag verbessern und ob es etwa eilt mit der nächsten Routinekontrolle. Als besonders anspruchsvoll und wichtig gilt die Messung der Kardialen Dekompensation, der Beginn der Herzschwäche. Ein wichtiger Indikator dafür ist das Lungenwasser. Auch das kann man nun telemedizinisch erfassen - je mehr Wasser umso geringer der elektronische Widerstand zwischen Muskeln, Herz und Lunge.

"Ein anderer wichtiger Sensor ist zum Beispiel die Veränderlichkeit der Herzfrequenz. Je starrer die Herzfrequenz ist, umso kranker ist der Patient. Dagegen das gesunde Herz hat größere Schwankungen, dass es auch ein wichtiger Parameter, der sogar ziemlich einfach zu messen ist mit den heutigen Geräten."

Geräte, denen es auch nicht entgeht, wenn die Vitalität eines Herzpatienten alarmierend nachlässt. Wolfgang Rudolf Bauer:

"Man sieht zum Beispiel, wenn der Patient nicht mehr so aktiv ist, weil er sich schlechter fühlt, weil er zum Beispiel Luftnot hat, dass dann dieser Sensor anschlägt."

Ein Thema der Grundlagenforschung sind biochemische Sensoren. Bis sich Systeme am menschlichen Körper zum automatischen Chemielabor vernetzen, wird es allerdings noch eine Weile dauern, erwarten die Experten. In etwa fünf Jahren könne man den gesamten menschlichen Stoffwechsel telemedizinisch kontrollieren. Mehrere Anbieter von Medizintechnik haben ein Interesse an der Vermarktung. Alleine ökonomische Zwänge bremsen die Technik noch aus. Der Nachweis der Kosteneffizienz durch entsprechende Studien steht aus, konstatiert der Kardiologe Eckart Fleck vom Deutschen Herzzentrum Berlin.

"Zunehmend gibt es Techniken, die so günstig und so preiswert sind, dass man sie also gar nicht spezifisch dafür mehr braucht, sondern die einfach einsetzen könnte. Und sie setzten sich nicht durch, weil letztlich der Nachweis der Kosteneffektivität fehlt. Die eigentlichen Vorteile liegen wahrscheinlich eben nicht in den Bereichen, wo ohnehin die Arztdichte so hoch ist, dass es eigentlich da ein Verdrängungswettbewerb stattfindet."

So sieht Fleck eine Domäne zunächst in dünn besiedelten Gegenden mit niedriger Arztdichte. In Großstädten mit Maximalversorgung sei Telemedizin zurzeit kein Thema.

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