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Hilfreiche Geister?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Nationalsozialismus

Ging es um die Rolle der Wissenschaft im Nationalsozialismus, dominierte in der Geschichtsschreibung lange Zeit die Formel vom "Missbrauch der Wissenschaft". Politisch neutrale, reine Wissenschaft, so die Argumentationskette, sei ihren Schöpfern aus den Händen gerissen, umgedeutet und damit ohne Zutun der Wissenschaftler zum Werkzeug primitiver Ideologien und psychopathischer Gewalttäter gemacht worden. Schöpfer dieser Lebenslüge der deutschen Wissenschaft waren nicht zuletzt die beteiligten Wissenschaftler selbst.

Von Kay Müllges

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG unternimmt gegenwärtig bereits den zweiten Anlauf zur Aufarbeitung ihrer Geschichte während des Nationalsozialismus.  (AP Archiv)
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG unternimmt gegenwärtig bereits den zweiten Anlauf zur Aufarbeitung ihrer Geschichte während des Nationalsozialismus. (AP Archiv)

Erst in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben Historiker begonnen die Geschichte der Wissenschaft und der Wissenschaftler im Dritten Reich eingehender zu erforschen. Seitdem hat sich beispielsweise die Max-Planck-Gesellschaft historisch kritisch mit ihrer Vorgängerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft befasst, viele Universitäten haben begonnen ihre Geschichte während des Nationalsozialismus neu zu schreiben. Warum tut man sich mit der Aufarbeitung der finstersten Jahre deutscher Wissenschaftsgeschichte eigentlich so schwer? Der Historiker Rüdiger vom Bruch kennt den Grund:

" Es gibt so etwas wie eine Lebenslüge der deutschen Wissenschaft. Und diese Lebenslüge besteht darin, nach 45 erfolgreich die These vertreten zu haben, die deutsche Wissenschaft sei ihrem Kern nach reine Wissenschaft, Grundlagenforschung und daher nicht kontaminiert gewesen durch die Politik. "

Ein Beispiel für die lang fortdauernde Wirkung dieser Lebenslüge ist die Geschichtsschreibung über die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Nationalsozialismus. Beauftragt vom damaligen DFG-Präsidenten Wolfgang Frühwald legte der Frankfurter Historiker Notker Hammerstein 1999 eine umfangreiche Monographie über die DFG in der Weimarer Republik und im Dritten Reich vor. Darin heißt es:

Nur sehr wenige Professoren und Forscher verstanden ihre Tätigkeit als eine politische. Kaum jemand engagierte sich nachdrücklich für die Entwicklung einer spezifischen NS-Wissenschaft. Von Parteinähe kann nur in wenigen Fällen gesprochen werden - und diese Wissenschaftler waren zumeist alles andere als exzellent.

Hammerstein vertritt in seinem Buch die These dass die meisten Forschungsvorhaben aus jener Zeit noch heute als durchaus normal gelten könnten. Und schreibt daher weiter:

Die Entwicklung neuer Siedlungstechniken, technischer Erfindungen, verbesserter Produktionsmöglichkeiten und -materialien gehörten unbeschadet des möglichen Verwendungszwecks zu den konventionellen Aufgaben gelehrter Anstrengung. Ersatzstoffe oder neue Präparate, die die chemische bzw. pharmazeutische Industrie entwickelte, nutzten natürlich spezifischen Vorhaben der Machthaber - aber ebenso jedem kranken Konsumenten.

Diese Thesen waren schon 1999 heftig umstritten. Bereits ein Jahr später entschloss sich die DFG daher einen erneuten Anlauf zur Aufarbeitung ihrer Geschichte zu wagen. Der neu gewählte DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker beauftragte keinen einzelnen Historiker damit, sondern setzte gleich eine ganze Kommission unter der Leitung der Professoren Rüdiger vom Bruch von der Humboldt-Universität Berlin und Ulrich Herbert von der Universität Freiburg ein. Untersucht werden seither die Jahre 1920 bis 1970. Doch wozu ein so langer Untersuchungszeitraum? Soll mit der Einbettung der zwölf Jahre des tausendjährigen Reiches etwa die Besonderheit der nationalsozialistischen Epoche relativiert werden? Rüdiger vom Bruch weist solche Kritik zurück:

" Also unser Ziel war es in der Tat, wenn wir diese verschiedenen Epochen vergleichen, zu fragen, wo liegen Verbindungslinien, wo gibt es entschiedene Zäsuren. Insgesamt schält sich folgendes heraus, das zwischen der Weimarer Republik und dem Dritten Reich von den politischen Zielen keine großen Unterschiede bestanden. Hier war im wesentlichen alles angelegt bis hin zu Kulturbodenforschung, Ethnisierungspolitik, Autarkiepolitik, Rüstungspolitik. Nur die Radikalisierung durch die Nazis das war ein Novum. "

Ein Befund der durch über 20 Einzeluntersuchungen, die die Wissenschaftler in den vergangenen Jahren durchgeführt haben, gestützt wird. Ergebnis: die 1920 gegründete DFG unterstützte von Beginn an Forschungen, die die Konturen eines deutschen Volks- und Kulturbodens in Polen, in der Tschechoslowakei, im Baltikum und so weiter nachzeichnen sollten. Sie finanzierte Studien, die eine generelle Überlegenheit der Deutschen über die slawischen Bevölkerungen behauptete. Herausragend war beispielsweise das Projekt "Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums" als interdisziplinäre Gemeinschaftsarbeit von mehreren hundert Wissenschaftlern, mit dem revanchistische Forderungen unterstützt wurden.


Nach ihrer Machtübernahme im Januar 1933 machten die Nazis mit unliebsamen Wissenschaftlern kurzen Prozess. Weit über tausend Forscher wurden aus rassischen oder politischen Gründen aus den Hochschulen und Instituten vertrieben, ohne dass es zu nennenswerten Protesten gegen diese Willkürmaßnahmen gekommen wäre. Im Gegenteil: die große Mehrheit der Wissenschaftler wurde nicht gleichgeschaltet oder missbraucht, sondern mobilisierte sich selbst aus freien Stücken für das NS-Regime. DFG-Präsident Friedrich Schmidt-Ott beispielsweise verfasste im November 1933 ein Rundschreiben, in dem neue Aufgaben für die Forschung im Sinne des nationalen Staates genannt wurden:

Neben der anthropologischen Erhebung, den anthropologischen, erbpathologschen und soziologischen Forschungen in geschlossenen Bezirken stehen die Arbeiten, die der empirischen Erbprognose dienen. Eine neue Arbeit, die der erbbiologischen Erforschung der neurologischen und neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen gilt, soll das Material für die praktische Eugenik und die neuen Aufgaben der Gesetzgebung erweitern.

Ohne jede Not unterstützte der Generalsekretär der DFG so das Programm der Nazis zur massenhaften Vernichtung so genannten unwerten Lebens. Ihm selbst nutzte das übrigens nichts. 1934 wurde er von seinem Posten entfernt und durch den Physiknobelpreisträger und Altnazi Johannes Stark ersetzt. Stark organisierte die DFG strikt hierarchisch nach dem so genannten Führerprinzip. Seine selbstherrliche und aufbrausende Art führte allerdings schon 1936 im Zusammenspiel mit Intrigen innerhalb des NS-Machtapparates zu seiner Ablösung durch den Chemiker Rudolf Mentzel, ebenfalls ein alter Kämpfer. 1937 wurde der Reichsforschungsrat gegründet. Diese Institution übernahm von der DFG die Förderung der Agrar- Natur- und Technikwissenschaften, die gezielt in den Dienst der Rüstungs- und Kriegsproduktion gestellt wurden. Mentzel kontrollierte auch die Arbeit des Reichsforschungsrates und definierte dessen Aufgaben so:

" Es ist klar, das eine solche Wissenschaftsorganisation um so wirkungsvoller arbeiten kann, je mehr sie sich der Idee eines wissenschaftlichen Generalstabes nähert, da nur auf diese Weise die Gesamtleistungsfähigkeit der deutschen Wissenschaft auf ein Maximum gebracht werden kann. Hierauf kommt aber alles an. Denn wenn Wissenschaft ein Mittel darstellt, um das allgemeine Kulturniveau eines Volkes zu heben, ihm bessere Lebensbedingungen zu schaffen, dann gehört dazu auch die Selbstbehauptung im Kriege. In einem modernen Kriege entscheidet nicht allein die Genialität der Führung, sondern auch die Qualität der Waffen. Diese wird aber, nächst dem Fleiß und Können des Rüstungsarbeiters, in erster Linie durch die Genialität des Wissenschaftlers und Konstrukteurs bestimmt. "

Der Reichsforschungsrat sollte also als eine Art Generalstab der Wissenschaft fungieren. Die Angehörigen dieses Generalstabes waren die so genannten Spartenleiter, ausgewiesene Wissenschaftler auf bestimmten Gebieten, über deren Schreibtisch sämtliche Anträge auf Fördermittel und ähnliches gehen mussten. Finanziert wurden so beispielsweise die Menschenversuche Mengeles im Konzentrationslager Auschwitz. Einer der einflussreichsten Fachspartenleiter war der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer. Wie Rudolf Mentzel hatte er in Göttingen studiert, war schon früh in die NSDAP eingetreten und verfügte über ausgezeichnete Kontakte zum Reichsführer SS Heinrich Himmler. Seine große Stunde schlug mit Kriegsbeginn.

Unmittelbar nach der Niederlage Polens begannen die Nazis mit der Germanisierung der eroberten Gebiete. Die polnische Bevölkerung sollte vertrieben und durch deutsche Siedler ersetzt werden. Mit der Leitung dieser Operation wurde SS-Chef Heinrich Himmler betraut, der sich flugs zum Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums ernannte. Himmler beauftragte Meyer damit eine wissenschaftliche Grundlage für die nationalsozialistische Siedlungspolitik zu erarbeiten. Ab 1940 begann Konrad Meyer damit, Forscher für seine Planungen zu rekrutieren, berichtet Isabel Heinemann von der Albert-Ludwigs Universität Freiburg:

" Das sind einerseits Mitarbeiter aus seinem Berliner Institut für Agrarwesen und Agrarforschung, sind aber andererseits auch, quer über das Reich verteilt, Experten zu bestimmten Teilbereichen, wie Recht, Verkehrswege, Ostsiedlung und so weiter, die er dann konkret für bestimmte Projekte beteiligt an diesem Forschungsprojekt. "

Zwischen 1940 und 1943 erarbeiteten die Wissenschaftler um Konrad Meyer insgesamt fünf Varianten zur gewaltsamen Umgestaltung Osteuropas, zusammen bilden sie den so genannten Generalplan Ost. Er bildet die wissenschaftliche Grundlage für die deutsche Besatzungspolitik im Osten, deren Ziele Reichserziehungsminister Bernhard Rust auf einer Veranstaltung im April 1941 in Posen, polnisch Poznan, so beschrieb:

" Auf allen Gebieten des völkischen Lebens wird hier mit höchstem Einsatz und allerhöchster Hingabe an der Festigung des deutschen Volkstums und an der Erschließung des wiedergewonnenen Raumes gearbeitet. Deutsches Land und deutsches Volk verwachsen auch hier zu einer unlösbaren Einheit. Deutsche, die der Führer aus Nordost, Südost und Osteuropa heimführt ins Reich verbinden ihre Kraft mit dem bodenständigen, kampferprobten Deutschtum dieses Raumes und des Altreiches zu gemeinsamer völkischer Leistung. Hier entsteht neues deutsches Volkstum auf altem deutschen Volksraum. "

In diesem Volksraum sollte für Nichtdeutsche kein Platz mehr sein. Dass die in den eroberten Gebieten lebenden Juden nach Kriegsende verschwunden sein würden, davon gingen die Macher des Generalplans Ost ganz selbstverständlich aus. Doch auch den nichtjüdischen Einwohnern der besetzten Gebiete drohte ein bitteres Schicksal. Sie sollten deportiert, umgesetzt und durch immense Zwangsarbeitsprojekte dezimiert werden. Darüber hinaus entwarfen die Wissenschaftler um Konrad Meyer die Vision eines leistungsfähigen Agrarraums mit dezentralisierten Industrie- und Siedlungsstrukturen. Verkehrswege sollten neu organisiert, Orte und Städte umgebaut oder neu geschaffen werden, Anbauflächen sollten neu zugeschnitten und die landwirtschaftliche Produktion gesteigert werden. An diesen Planungen waren ganz unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen beteiligt. Entscheidend dabei ist: die Wissenschaftler nahmen nicht einfach zur Kenntnis, was die Nazi-Größen wollten, sondern sie selbst formulierten die Ziele. Finanziert wurde all das in nicht unerheblichem Umfang von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, wie Isabel Heinemann weiß:

" Konrad Meyer erhält von der DFG in den Jahren 1941 bis, das letzte Jahr ist 1944/45, wo noch ausgezahlt wird, insgesamt 510.000 Reichsmark, immer in jährlichen Tranchen von 100.000 bis 150.000 Reichsmark. Das klingt zunächst nicht einmal furchtbar viel, wird es aber, wenn sie bedenken, das der Gesamtetat der DFG 1942 sechs Millionen Reichsmark sind. Das heißt also, wenn man dann im Jahr 150.00 Reichsmark bekommt, sind das 2,5 Prozent des Gesamtetats, wenn ich mich nicht verrechne. "

Der Generalplan Ost wurde nie Realität. Er blieb in weiten Teilen eine Vision für die Zeit nach dem Endsieg. Doch vor allem im besetzten Polen gingen die Nazis durchaus erste Schritte zu seiner Realisierung.

Zwischen 1940 und 1944 wurden über 700.000 Deutsche in Westpreußen, dem Warthegau und Oberschlesien angesiedelt. In der gleichen Zeit wurden etwa 800.000 nicht-jüdische Polen aus ihren Wohnungen vertrieben, um Platz für die deutschen Siedler zu schaffen und etwa 1,7 Millionen Menschen als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert. Und in ganz Polen wurden drei Millionen Menschen jüdischer Herkunft zunächst in Ghettos eingepfercht und später in den Vernichtungslagern ermordet.

Natürlich waren es nicht die Wissenschaftler selbst, die diese Drecksarbeit machten. Aber ihre Denkschriften und Vorträge halfen den Tätern vor Ort sich als Vollstrecker eines einheitlichen deutschen Volkswillens zu sehen. Vertreibung und Massenmord wurden legitimiert als notwendige Mittel zur Erreichung des Ziels einer für die Deutschen glänzenden Zukunft. Konrad Meyer wurde nach dem Krieg 1947/48 in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse angeklagt- Er verteidigte sich mit dem Argument, bei den Planungen habe es sich doch nur um unpolitische Grundlagenforschung für die Zeit nach dem Ende des Kriegs gehandelt. Und wurde in den wesentlichen Anklagepunkten freigesprochen. Es ist ein Verdienst der Forschungsgruppe zur DFG-Geschichte dies als reine Schutzbehauptung enttarnt zu haben. Die Forschungen über Konrad Meyer und den Generalplan Ost sind zwar nur ein Teil der Arbeiten der Forschergruppe, aber ein wichtiger, weil sie die aktive Rolle deutscher Wissenschaftler in der Vernichtungspolitik beleuchten. Auch in anderen Bereichen ist man in der Forschergruppe zu wichtigen neuen Erkenntnissen gekommen, meint Rüdiger vom Bruch:

" Was man nicht mehr sagen kann ist, das der Nationalsozialismus wissenschaftsfeindlich gewesen sei. Unsere Forschungen im Rahmen des Projekts Geschichte der DFG zeigen vielmehr, das es zwar heftige Reibereien zwischen den Machthabern gegeben hat, also dem Minister Rust vom Reichserziehungsministerium, dem Amt Rosenberg und Heinrich Himmler. Das aber gerade auch im Reichserziehungsministerium, das bisher wenig beleuchtet war, vor allem in der zweiten Garde, auf der zweiten Ebene hoch motivierte Referatsleiter ständig neue Pläne entworfen haben, für eine nationale Akademie der Wissenschaften, für eine effizientere Einbindung der Wissenschaft in die Rüstungspolitik und vieles andere mehr. "

Stück für Stück entsteht so in den letzten Jahren ein neues Bild der Wissenschaft im Nationalsozialismus, das weit entfernt ist vom jahrzehntelangen Totschweigen der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Nazigrößen. Das aber auch einseitige Vorstellungen, wie die Nazis seien prinzipiell wissenschaftsfeindlich gewesen oder hätten nur Pseudowissenschaft betrieben, korrigiert. Die Forschergruppe zur DFG-Geschichte wird ihre Arbeit im März nächsten Jahres mit einer großen Abschlussveranstaltung beenden. Die Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Wissenschaftsgeschichte wird aber auch danach sicher weitergehen müssen.

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