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StartseiteBüchermarktHimmelsöhi, hilf! Über die Schweiz und anders04.11.2002

Himmelsöhi, hilf! Über die Schweiz und anders

Ammann, 120 S., EUR 12,-

<em>Irgendwo brennt es immer, flammt etwas auf. Heimat hat also etwas Brenzliges, einen Feuergeruch. Zumindest in meiner Generation haben am 1. August die Höhenfeuer gebrannt, das ist eine uralte eidgenössische Einrichtung. Diese Heimatfeuer haben mir als Kind gezeigt, was dieses Land überhaupt ist – es war ja der einzige Tag, wo man das Land gefeiert hat. Es war das erste Mal, wo ich patriotische Reden hörte und verbunden mit dem Feuer das Wort Heimat hörte. Später lernt man, dass Feuer und Fackel und Heimat auch eine ganz andere Verbindung haben – dass was früher ganz selbstverständlich nur schön, etwas Gespenstisches bekommen kann. </em>

Werner Bloch

Das Feuer, der ganz diskrete Brandgeruch der Heimat, das ist das Leitmotiv in Thomas Hürlimanns neuem Buch. Himmelsöhi hilf, so der Titel, ist eine Art literarisches Stoßgebet, der ironische Ruf nach einem Retter in der Not. Denn die Schweiz leidet; ja sie brennt sogar, meint Hürlimann - und findet dafür viele Belege in der Schweizer Literatur:

Wenn Sie zum Beispiel die Literatur nehmen, da brennt es dauernd. Am Schluss von Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch brennt die ganze Stadt. Keller wollte seinen Martin Salander (darüber gibt es allerdings nur Entwürfe und Absichtserklärungen) in einer großen Feuersbrunst enden lassen. Wenn man den Grünen Heinrich liest, stößt man dauernd auf Feuerwehrübungen oder Brände. Es empfinden viele Heimat mit Feuer.

Feuer sieht Thomas Hürlimann auch in der Realität seines Landes. Im letzten Jahr reihten sich dort die Katastrophen aneinander: der Absturz der Swissair, der Amoklauf in der Gemeinde Zug, bei dem ein Arbeitsloser mit seinem Armee-Sturmgewehr Abgeordnete des Kantonsparlaments erschoss, der Großbrand im Gotthardtunnel – nicht etwa zufällige Katastrophen, sondern, so Hürlimann, Ereignisse, die die Tiefenstruktur der Schweiz, ihre Risse und Spaltungen offenlegen:

Dieser Brand im Gotthard, dass da im Wurzelgrund der Heimat, wie der Gotthard-Tunnel bei seiner Eröffnung gefeiert wurde, dass es da gebrannt hat, dass man da nicht mehr durchkam, das ist etwas ganz Symptomatisches. Also im Innern des Landes brennt es. Tunnelbrände gab es ja auch am Mont Blanc oder in Österreich, aber die Schweiz hat auf diese Katastrophe ganz anders reagiert, weil in diesem Feuer etwas signifkant wurde. Also es ist nicht nur die Katastrophe, sondern sie steht für etwas, genau so wie der Absturz, das Grounding der Swissair. Natürlich sind der Brand im Gotthard oder das grounding symptomatisch für etwas, das schon länger passiert ist, aber jetzt wurde es sichtbar. Jetzt hat es sichtbar gebrannt.

Was da gebrannt hat, meint Hürlimann, ist die Lebenslüge der Schweiz. Das Land hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst als eine fast revolutionäre liberale Demokratie selbst geschaffen. Doch nach dem Ersten Weltkrieg war es vorbei mit der radikalen Demokratie. Die Grenzen wurden geschlossen, ein Mythos vom "Sonderfall Schweiz" aufgebaut:

Man hat gesagt: es war unsere Armee, die die Grenzen geschützt hat, man hat nicht gesagt, wir waren die Banken des Dritten Reiches. Man hat also versucht, sich zu einer Art Widerstandsvolk zurechtzulügen. Diese Lüge hat der Schweiz langsam den Boden unter den Füßen weggezogen. Das hat dazu geführt, dass man ein falsches Bild von sich aufgebaut hat. Wenn etwas verbrannt ist, war es diese Lüge.

In der Lüge sieht Hürlimann den unmittelbaren Grund für die Katastrophen der Gegenwart. Die Schweiz habe sich der Wahrheit nicht gestellt, vielmehr eine Art Doppelleben geführt: sie gab sich nach innen heimelig, abgeschottet und ländlich-intakt, als befinde man sich noch in einer vorindustriellen Idylle. Dabei waren die Schweizer Industriellen und ihre Banken längst aktive Player in einem globalen Spiel geworden, ja sie standen sogar stand an der vordersten Front der Globalisierung. Eine Schizophrenie:

Daraus sind zwei verschiedene Geschwindigkeiten entstanden: die Leute blieben noch in ihrem alten Trott, während sich da eine kapitalistische Beschleunigung ereignet hat. Diese beiden Geschwindigkeiten konnten die einzelnen nicht mehr in sich vereinigen. Dass dann plötzlich ein Verrückter in das Stadtparlament eindringt und zu seinem Sturmgewehr greift und vierzehn Menschen erschießt, das kann ich mir nur so erklären, dass die untergründige Katastrophe immer schon da ist, dass dieses Nichtmehrvereinbarkönnen von zwei verschiedenen Zeiten eines Tages sichtbar werden muss, in die für alle sichtbare und fühlbare Katastrophe übergehen muss.

Für die stille, verlogene, etwas absurde Schweiz findet Hürlimann in seinem neuen Buch ein wundervolles Bild. Er deutet ein Drama des griechischen Dichters Aristophanes als eine Parabel der Schweiz. Bei Hürlimann heißt sie "Heimatluft. Wie Aristophanes die Schweiz erfand."

Zwischen Griechenland und der Schweiz, zwischen Athen und Zürich sieht Hürlimann nämlich Parallelen. Unentschiedenheit und Halbherzigkeit, dazugehören wollen aber andererseits auch nicht – all diese Merkwürdigkeiten und Zerrissenheiten finden sich schon im Stück "die Vögel" von Aristophanes, uraufgeführt im Jahre 434 vor Christus. Ein Sinnbild des ewigen Patts und der ewigen Kompromisse, ein Wolkenkuckucksheim, eine Stadt zwischen Himmel und Erde:

Aristophanes hat ein vollkommen verrücktes Stück geschrieben, "Die Vögel", und da muss ich etwas über die Verrückten in der Schweiz sagen. Heiner Müller war mal im Musee de l’Art pur in Lausanne, wo die Kunst von psychisch Kranken ausgestellt wird. Dann sagte er plötzlich zu dem Regisseur Mathias Langhoff: "Die Schweiz hat die besten Verrückten". Deshalb ist so ein verrückter Theaterschreiber wie Aristophanes, der auch völlig verrückte Figuren auf die Bühne bringt, die aber in ihrer Verrücktheit wieder ganz bieder sind, das sind Hoffegut und Ratefreund, zwei Athener, die ihrem Athen entfliehen wollen und dann zusammen mit den Vögeln einen neuen Staat bauen, kommen dem, was Schweizerische Eigenart ist, ganz nahe. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Polis, der kleine griechische Stadtstaat, relativ eng, wo jeder jeden kennt, so weit nicht entfernt ist von der Schweiz, wo jeder jeden kennt, so weit nicht entfernt ist. Auch da hören Sie genau die gleichen Sätze: Wir halten es hier nicht mehr aus, Paul Nizon hat darüber ein ganzes Buch geschrieben, "Diskurs in der Enge", d.h. Nizon oder Hoffegut und Ratefreund fliegen dann weg, und meinen irgendwo zwischen Himmel und Erde, einen neuen Staat errichten zu können, und vergessen natürlich, dass sie sich selber mitnehmen, so dass sich, was sie da gründen, in nichts von dem unterscheidet, was schon vorher unten auf der Erde war. Da gehöre ich dazu, ich bin auch so ein Hoffegut oder Ratefreund, der dann zu großartigen Ausflügen ansetzt und letztlich immer da landet, wo er schon gewesen ist. Das sehen Sie in allen unseren Büchern. Aufschwünge gelingen nicht, es gibt ein Grounding. Wir Schweizer haben uns da irgendwie einen Vogel bewahrt, wir haben einen, und deshalb sind die Vögel auch unser Stück.

Hürlimann deutet die Schweizer Gegenwart aber auch mythologisch. Schon früh hätten die Schweizer eine eigene Mythenmaschine angesichts der deutschen Bedrohung entwickelt, um ihr Verhalten z.B. gegenüber den Juden von 1933 bis 1945 zu entschuldigen. Heute besäßen die Amerikaner das Monopol auf die Mythenmaschine – wenn man sieht, wie sie ihr eigenes Versagen am 11. September mit einem Hollywood-Mythos kompensierten, sich selbst über ihre Feuerwehrmänner zu Helden stilisierten - zum Mythos vom Feuerwehrmann, der sein Leben gibt und dann wie ein Phönix aus der Asche als strahlende Figur wieder auftaucht. Arnold Schwarzenegger vor einer Leni-Riefenstahl-Kulisse – eine problematische, fast faschistische Ätsthetik, meint Hürlimann, die in Europa nicht denkbar wäre.

Schade übrigens, dass der Feuerwehrmann als nationaler Mythos von Amerika okkupiert ist. Denn gehört nicht der Feuerwehrmann eigentlich in die Schweiz? Gäbe es einen treffenderen Mythos für ein Land, in dem es ja nach Hürlimann allenthalben brennt? Dessen Literatur von Bränden kündet? Dessen Heimat das Feuer ist, und dessen Katastrophen immer neue Feuer hervorbringen?

Diese Art von Zerrissenheit, das Gefühl, dass es so nicht mehr weitergehen kann, das produziert Geschichten. Das hat die Katastrophen produziert, von denen wir gesprochen haben, aber diese Katastrophen sind ja letztlich auch Geschichten. Je mehr die einzelnen diesen Riss in sich spüren, desto mehr geraten sie in Geschichten hinein. Diese Geschichten müssen erzählt werden und werden auch erzählt.

Das einzige, worum man sich keine Sorgen machen muss, meint Hürlimann, ist die Zukunft der Literatur. Denn sie hat von den künftigen Bränden zu erzählen. Ja vielleicht wird sie sogar, indem sie davon erzählt, neue Brände verhindern:

Literatur ist der Versuch, eine Heimat, die einem abhanden gekommen ist, zu bewahren. Das gilt für Musils Mann ohne Eigenschaften oder für Die Blechtrommel, da könnten wir die halbe Weltliteratur jetzt vornehmen. Es ist meistens eine Heimat abhanden gekommen, und in der Literatur überlebt sie. Da ich davon ausgehe, dass uns jetzt auch eine Heimat abhanden kommt, wird das für die Literatur eine gute Zeit werden.

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