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StartseiteBüchermarktHinter den Glitzerfassaden von São Paolo14.01.2013

Hinter den Glitzerfassaden von São Paolo

Luiz Ruffato: "Es waren viele Pferde". Assoziation A

Luiz Ruffatos Roman über seine Heimatstadt São Paolo hat in Brasilien bereits kurz nach dem Erscheinen im Jahr 2001 zwei wichtige Literaturpreise erhalten. Jetzt ist das Buch auch auf Deutsch erschienen.

Von Eva Karnofsky

Brasiliens Megacity São Paolo (AP)
Brasiliens Megacity São Paolo (AP)
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Geschichten von Menschen außerhalb des Booms

Man braucht einige Seiten, um sich einzufinden in Luiz Ruffatos Vignetten-Sammlung "Es waren viele Pferde". Doch sehr schnell erkennt der Leser dann, dass die 68 fortlaufend nummerierten und jeweils mit einem Titel versehenen Vignetten ein Ganzes ergeben, das man durchaus als Roman bezeichnen kann, als einen Roman über Ruffatos Heimatstadt São Paulo. Er hat die schlechten Nachrichten eines Tages, genauer des 9. Mai 2000, wie er gleich zu Beginn mitteilt, zu einer literarischen Momentaufnahme dieser Stadt verdichtet. Es geht darin um die so unterschiedlichen Lebensumstände in der brasilianischen Metropole mit ihren 20 Millionen Einwohnern, um die so unterschiedlichen Sorgen und Nöte der Menschen, aber auch um menschliche Schwächen wie Geldgier. Und immer wieder um Gewalt. Ein allwissender Erzähler schaut in eine Armenhütte des Elendsviertels Jardim Irene:

"Das zerbrechliche Körperchen, mumifiziert zwischen stinkenden Fetzen, reagiert, ein Beinmuskel zieht sich zusammen, die Lungen blähen sich auf zu einem Schrei, bringen ein Wimmern hervor, ein Stammeln von zerschundenen Lippen, ein kurzes Zucken. Das noch verhaltende Licht des Morgens dringt ungelenk durch das löchrige Blechdach, die Ritzen in der Wand aus Plakatwänden. Doch noch immer liegt die Baracke im Dunkeln. Der schmutzige Schnuller, der zerfetzte Nuckel, an dem das Baby gekaut hatte, kullert ihm aus dem Mund und rollt unter die dreijährige Schwester, die am Daumen lutscht, unstillbar, wie damals an der Brust ihrer Mutter. Das Pfeifen auf ihrer Brust hat auch im Schlaf nicht aufgehört, sie hatte gehustet, geweint, denn in die dünne, zerknitterte Decke von den Kirchenleuten hat sich der sechsjährige Bruder gewickelt."

Die folgende Szene trägt sich dagegen in São Paulos reicher Oberschicht zu:

"Der gepanzerte Mercedes, marineblau, hält kurz in zweiter Reihe vor der Graduate School, aus der Menge der Schuluniformen löst sich ein Junge, springt ins Auto hinein und lässt die Hysterie des herannahenden Abends draußen – kreischende Kinder, neurotische Papageien, Motoren. Er drückt den anthrazitgrauen Armanisakko des Vaters, der ihm dafür verlegen über die dünnen schwarzen Haare streicht."

Mercedes und Armanisakko wurden übrigens mit Waffenhandel verdient. So wie die Lebenssituationen sich grundlegend unterscheiden, so wechseln auch Erzählperspektive und Stil. Einige Vignetten sind wie Anekdoten oder Kurzgeschichten aufgebaut, die am Schluss mit einer Pointe aufwarten, einige erinnern an eine Filmszene, andere an ein Prosagedicht. Der Autor bedient sich - folgerichtig – eines Dankgebets, um den Brauch der Paulistas zu karikieren, auch wegen Belanglosigkeiten Sankt Expedito zu bemühen, den Heiligen für gerechte und dringende Anliegen. Unter dem Gebet findet sich dann folgender Hinweis:

"Tausend dieser Gebete habe ich drucken und verteilen lassen zum Dank für die Wohltaten des großen Sankt Expedito und um ihn zu preisen. Lasse auch du unmittelbar nach der Bitte welche drucken."

Es folgt ein Firmenname, eine Telefonnummer und der Hinweis, dass in ganz Brasilien frei Haus geliefert wird. Mal arbeitet Ruffato ausschließlich mit Dialogen oder mit einem inneren Monolog, und wie er sich oft allwissender Erzähler bedient, kommen auch Ich-Erzähler zu Wort. Der Autor verzichtet gelegentlich auf Satzzeichen, als wolle er den Gedanken- oder Redefluss nicht unterbrechen, so in der Vignette über den belesenen, tugendhaften Jungen mit dem Spitznamen "der Schädel", die dessen Bruder, ein Dealer aus einer Favela, zum Besten gibt:

"wenn er liest sieht der schädel aus wie ein buddha
manchmal lade ich ihn auf ein bier ein
in einen guten Schuppen hinten nach campo belo raus
er kommt mit und sagt wir sind idioten
die ihren Kopf hinhalten und koks verkaufen die polizei im nacken
irgendwann fliegt ihr auf sagt er
und der typ in der villa in morumbi
der die ganze scheiße hier kontrolliert
wird immer reicher und schickt seine kinder ins ausland
ausländische gepanzerte wagen vorm haus wachleute
butler kindermädchen gärtner küchenhilfe köchin putzfrau
hat alle in der hand wegen dem Geld
und wie die fliegen auf scheiße
warten bis die ballerei losgeht wie ameisen in der schlange vorm ameisenbau"


In seiner Sprache passt sich Luiz Ruffato dem jeweiligen Milieu an, in dem seine kleinen Geschichten spielen. Ganz gleich, in welcher Gesellschaftsschicht die Vignetten angesiedelt sind: In der Mehrzahl spielt Gewalt eine Rolle. Direkte Gewalt wie Überfälle und Schusswechsel oder strukturelle Gewalt, also Armut und menschenunwürdige Lebensbedingungen, prägen das Bild São Paulos, das Luiz Ruffato zeichnet. "Es waren viele Pferde" vermittelt somit eine Stimmung der Aussichtslosigkeit und Angst, wie schon Paulo Lins´ 1997 erschienener Roman "Die Stadt Gottes", der in den Favelas von Río de Janeiro angesiedelt ist. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind von Angst und Aussichtslosigkeit geprägt, man belügt sich, betrügt sich und letztlich ist jeder auf sich allein gestellt. Von der Leichtigkeit des Karnevals und seinen Sambarhythmen, die wir gewöhnlich mit Brasilien verbinden, ist in Ruffatos São Paulo der Einsamkeit, der Alkoholexzesse und des Rassismus nichts zu spüren. In Ruffatos São Paulo halten Weiße Schwarze zunächst einmal für Verbrecher und Indianer für dumm.
Es waren viele Pferde – der Titel stammt von einer Vignette - ist ein bedrückendes und beeindruckendes Buch, das hinter die Fassaden der Glitzerwelt der berühmten Avenida Paulista blickt. Luiz Ruffato beschreibt eine soziale Wirklichkeit Brasiliens, die wie seine Prosa ihren eigenen Regeln gehorcht, und wie sie in den offiziellen Werbebroschüren für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele zwei Jahre später nicht vorkommt.

Literatur:
Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. Assoziation A, Berlin und Hamburg 2012, 160 Seiten, EUR 18,00.

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