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StartseiteBüchermarktHinter der Idylle der Schrecken03.12.2003

Hinter der Idylle der Schrecken

Jürgen Becker über Schnee in den Ardennen

<em> Und da ist plötzlich auf der langen Welle, in einer Ecke, wo kein Sender mehr auftaucht, nachts, eine so magische, mysteriöse Stimme zu hören. Und der Zuhörer weiß nicht, was diese Stimme bedeutet. Das ist eine große Faszination, die von diesem Massenmedium ausgeht, daß da plötzlich nur eine Frauenstimme mit Zahlen zu hören ist, die irgendwann abbricht und in der nächsten Nacht wieder anfängt. </em>

Thomas Böhm

Jürgen Becker,  "Schnee in den Ardennen", Coverausschnitt (Suhrkamp)
Jürgen Becker, "Schnee in den Ardennen", Coverausschnitt (Suhrkamp)

Leser, die mit Jürgen Beckers Texten vertraut sind, wissen, daß es nicht die Dramaturgie, der Plot dieser Geschichte ist, für die sich der Autor interessiert. Es ihm vielmehr an den Konstellationen gelegen, an dem Ineinander-Verwobensein von der persönlichen Erfahrung des nachts am Radio Drehenden und der bundesdeutschen Historie, vom subjektiv erlebtem Moment und der Zeit als solcher. Für diese Konstellationen, für die Risse, Brüche, Übergänge und Veränderungen, die der Mensch in seiner räumlichen wie zeitlichen Umgebung wahrnehmen kann, sucht Jürgen Becker seit seinem berühmten programmatischen Aufsatz "Gegen die Erhaltung des literarischen status quo" aus dem Jahre 1964 literarische Formen. In Schnee in den Ardennen sind es zunächst kurze Prosastücke, Miniaturen zu unterschiedlichen Themen: Die Geschichte der nächtlichen Frauenstimme steht neben Impressionen aus dem alltäglichen Leben in einem Dorf mit Blick auf die Rheinische Bucht, neben Rückblicken in die Geschichte dieses Dorfes, in das Leben wie das Haus des Erzählers. Dazu kommen Naturbeschreibungen wie die der Vögel vorm Fenster, die sich um das Futter balgen.

Ich gehe einfach von meinem Erfahrungsbereich aus, von dem, was ich im Alltag wahrnehme. Das ist dies auch die Erfahrungen von Nachbarn sind, von anderen Menschen, das setze ich voraus. Es geht mir nicht darum, den Leser auf etwas hinzuweisen, was er schon kennt, sondern ich fange bei mir an, bei dem, was sich mir alltäglich so zeigt. Die Beschreibung von Alltag führt oft zur Entdeckung von etwas nicht Geheurem.

An vielen Stellen des Buches ist diese Entdeckung die des Schreckens, der hinter der Idylle lauert. So auch auf dem Foto, das, wie Becker im Gespräch erwähnt, den Schreibimpuls zu seinem neuen Buch ausgelöst hat. Es zeigt eine Gruppe von Menschen auf einem Schneefeld in den Ardennen. Mit der Kenntnis der Kontexte setzt das Erschrecken ein: Es handelt sich um die 101. US-Luftlandedivision, die in diesem Augenblick im Winter 1944 von der 15. Panzergrenadierdivision der Reichswehr umstellt ist.

Wie in allen und zwischen allen Büchern Beckers steht ein solches Motiv nicht für sich allein, sondern ist vielfältig verbunden mit anderen: Die 101. US-Luftlandedivision war auch am Irakkrieg beteiligt. Eine historische Kontinuität, mit der Becker sich einem großen historischen Bruch nähert: dem 11. September. Statt jedoch – wie viele seiner Autorenkollegen – in einen Wettstreit mit den Medien einzutreten, einen Wettstreit der Beschreibung, Analyse oder des Kommentars zum damaligen Geschehen, beharrt Jürgen Becker auf den Eigensinn, auf das Terrain der Literatur. Sein Erzähler überlegt, Gesine Crespahl, die in New York lebende Hauptfigur aus Uwe Johnsons "Jahrestagen", anzurufen, um zu erfahren, wie sie den Tag der Anschläge erlebt hat. Es gehört zum Gestus der Texte Jürgen Beckers, daß selbst um eine künstlerisch so überzeugende Passage kein rhetorischer Aufwand betrieben, keine Spannung erzeugt, das Lesen nicht zum Ausnahmezustand gemacht wird.

Dem Prinzip der Leerstellen und Übergänge folgend, schließt sich an den ersten Teil des Romans, der, wie gesagt, aus zahlreichen kurzen Prosastücken unterschiedlicher Thematiken besteht, ein zweiter Teil an, der eine einzige, durchgängige Erzählung enthält. Das alter ego des Autors, der schon aus vorigen Büchern Beckers bekannte Jörn Winter, trifft auf einer griechischen Insel den Künstler Achim, der seit Jahren als verschwunden gilt. Achim nennt Jörn Winter die Gründe für seinen Ausstieg, erzählt von den künstlerischen Sackgassen, in die er geraten ist. Im Kontrast zum ersten Teil des Romans scheint man es hier mit einer Figur zu tun zu haben, die sich von Geschichte und Geschichten befreit hat. Becker baut diese Figur des seine Biographie radikal neuschreibenden Achim jedoch nicht zu einem utopischen Gegenentwurf aus.

Er weiß, daß er sich etwas vormacht. Aber, daß gehört ja zu unserer Lebenserfahrung, daß gehört vielleicht sogar zu unserer Lebenskunst, daß man imstande sein kann, innerhalb einer Selbsttäuschung so zu leben, als sei diese Selbsttäuschung etwas völlig Reales. Das kann ein leben lang gut gehen. Ein Leben lang kann man seinen Tagtraum verwirklichen.

Schnee in den Ardennen ist in diesem Bereich zwischen Täuschung und Selbsterkenntnis, zwischen momentanen Zuständen und großen Lebensentwürfen angesiedelt. Das verdeutlicht bereits die Gattungsbezeichnung, die Becker wählt: "Journalroman".

Der Roman erzählt etwas, etwas Erfundenes, etwas Imaginiertes. In jedem Fall ist es das klassische Genre, das mit der Fiktion arbeitet, im Unterschied zum Journal, das das Authentische meint, das täglich Passierende. Der Roman ist das Medium der großen langen Zusammenhänge. Das Tagebuch zeichnet Augenblicke auf. Und so verstehe ich das Buch als einen Beitrag zur Geschichte der Augenblicke.

Eine Geschichte der Augenblicke wird die Lektüre von "Schnee in den Ardennen" insbesondere dank der Komposition des Buches. Im dritten Teil, nach der Erzählung über den seine Lebensgeschichte verwischenden Künstler, folgen erneut kurze Prosastücke, von denen der Leser schon bald merkt, daß sich jedes von ihnen auf einen entsprechenden Text im ersten Teil bezieht, ihn fortschreibt, pointiert, mit ihm korrespondiert. Diese Konstruktion ist gleichsam einfach wie literarisch meisterhaft. Durch sie wird das Vergehen der Zeit wie auch das Entstehen von Fiktion im Lesevorgang selbst erlebbar. Außerdem finden sich neue Perspektiven und Stimmungen ein, wird Becker zuweilen auch als stiller Humorist erkennbar. So antwortet auf das Protokoll eines Traums im ersten Teil, in dem der ehemalige Deutschlandfunk-Redakteur Becker sich von seiner Sekretärin sagen lassen muß, daß er nicht mehr in der Lage wäre, unter den Gegebenheiten der computerisierten Büros und Aufnahmestudios beim Funk zu arbeiten, im dritten Teil lakonisch das Notat der Internetadresse www.dlf.de

Mit der Konstruktion von Schnee in den Ardennen spannt Becker aber auch einen Bogen innerhalb des eigenen Werkes, schreibt Motive, Geschichten, Beobachtungen und auch ein Konstruktionsprinzip fort. Bereits in seinem ersten Buch, dem 1964 erschienenen Band "Felder" enthielt das letzte Feld Anspielungen, Verweise auf alle vorangegangen Felder.

Man muss diese Bezüge innerhalb von Beckers Werk nicht kennen. "Schnee in den Ardennen" ist wie jedes Buch des Autors auf Augenhöhe des Lesers geschrieben, ist eine Einladung, sich auf literarische Momente einzulassen und dadurch mit einer neuen, vielschichtigeren Wahrnehmung der Welt bereichert zu werden. So sehr bereichert, daß man nach der Lektüre nur einen Mangel empfindet: dieses so einmalige Werk in der deutschen Literatur nicht seit dem Erscheinen von Beckers erstem Buch kontinuierlich mitgelesen und mitgelebt zu haben.

Jürgen Becker
Schnee in den Ardennen
Suhrkamp, 185 S., EUR 19,90

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