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StartseiteForschung aktuellWo ist der Witz?17.12.2013

HirnforschungWo ist der Witz?

Hirnforscher bemühen sich schon seit Langem zu klären, welche Reize welche Hirnregion ansprechen. In Göttingen haben Experten jetzt die Fragestellung umgedreht. Sie wollen wissen, was Hirnreaktionen über die Reize aussagen - anhand von Witzen.

Von Remko Kragt

Weiterführende Information

Hirnforschung | "Musik macht uns widerstandsfähiger" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 9.12.2013)

Schwerpunktthema: Das Ich im Hirnscanner (Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 10.10.2013)

Hirnforschung | Dem Denken zuschauen (DRadio Wissen, Hörsaal, 2.11.2013)

Bastian Mayerhofer versucht empirisch zu klären, wie Texte emotionale Reaktionen hervorrufen können.

"Und im Zuge der Recherchearbeiten hatten wir uns dann sehr schnell darauf geeinigt, dass es spannend wäre, Prozesse beim Witzeverstehen und Humorerleben zu untersuchen."

In einem Vortest prüfte Bastian Mayerhofer zunächst mehrere Hundert Witze auf ihre Eignung. 45 von ihnen erwiesen sich schließlich als witzig genug. In die engere Wahl kamen Witze nur, wenn sich die Pupillen der Probanden beim Lesen merklich weiteten - auch wenn sie nicht lachen mussten. Außerdem erfüllten die für gut befundenen Witze auch ein einheitliches Aufbaukriterium: Die Pointe steckte immer erst im letzten Wort. Genau wie im folgenden Beispiel:

"Der Arzt sagt zum Patienten: 'Es tut mir leid, ich kann die Ursache Ihrer Beschwerden nicht erkennen. Ich glaube aber, das liegt am Trinken.' Dann sagt der Patient: "Gut, ich komme in einer Woche wieder, vielleicht sind Sie dann nüchtern."

Es sind Witze, deren Pointe sich aus der sogenannten "erzwungenen Neuinterpretation" ergibt. Ihre Wirkung aufs Gemüt beruht darauf, dass wir Menschen in der Lage sind, in Bruchteilen von Sekunden vier gedankliche Schritte zu machen.

"Diese Prozesse sind die, die wir bei der Art von Witzen untersuchen, eben eine Erwartungsverletzung, Brechung des Sinnzusammenhangs eines Textes, Neuinterpretation, indem man Inhalte suchen muss, die dem textuellen Input wieder einen neuen Sinn geben, und löst dann eine emotionale Reaktion aus."

Für ihre Studie legten Bastian Mayerhofer und seine Kollegen den Probanden die Witze in jeweils drei Varianten vor: eine Fassung mit einem sinnlosen Abschluss, die zweite Version mit einem erwartbaren, also nicht witzigen Ende und schließlich eine dritte, eben mit der witzigen Wendung. Was bei der Verarbeitung der Texte im Gehirn passiert, erfassten die Forscher  anhand von EEG-Kurven.

"Die ersten 200 Millisekunden sind einfach nur Buchstabenverarbeitung, nach 200 Millisekunden findet dann tatsächlich der Zugriff auf die Bedeutungsebene eines Wortes statt und ab 200 Millisekunden sieht man dann, wie sich die Mittelwerte beginnen zu unterscheiden."

Mit dem Humor ist das so eine Sache

Die Kurven zeigten, dass der weitere Verarbeitungsprozess in den folgenden Millisekunden je nach Textart unterschiedliche Hirnregionen ansprach. Insbesondere die Wirkung auf Hirnregionen, die mit geistiger Verwirrung in Verbindung gebracht werden, unterschied sich deutlich: Bei sinnlosen Texten dauerte die Verwirrung signifikant länger als bei verstandenen Witzen.

"Daraus lese ich ab, dass diese Verletzung bei Witzen sehr viel früher durch andere Prozesse wieder ersetzt wird, die eben diese Neuinterpretation darstellen."

Diese Leistung, einer eigentlich sinnlosen Geschichte blitzschnell einen neuen, überraschenden Sinn zu geben, honoriert seinerseits das limbische System, das die Emotionen steuert, mit erleichtertem Lachen oder Schmunzeln. Allerdings zeigen sich diese Reaktionen nur statistisch und nicht immer bei jedem Menschen und bei jedem Witz, sagt Bastian Mayerhofer:

"Mit Humor ist das so eine Sache, das sind ganz viele unterschiedliche Blickwinkel, die man auf dieses Phänomen werfen kann und einer der essentiellen Faktoren ist der soziale Kontext, in dem das stattfindet."

Fazit: Texte oder Witze zu verstehen ist Ergebnis eines Zusammenspiels unterschiedlicher intellektueller und emotionaler Prozesse. Wer einen Witz erzählt, verunsichert die Hörer zunächst, aber er bietet auch eine Lösung an. Diese zu erfassen ist die Leistung der Zuhörer. Das alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Wer diesen Prozesse wissenschaftlich erforschen will, muss einen ziemlich hohen Aufwand betreiben. Humor zu erforschen, das ist eben eine sehr ernsthafte Angelegenheit.

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