Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteInterview"Gegenstände sind Teil unseres Ichs"13.08.2017

Historiker Trentmann über Konsum"Gegenstände sind Teil unseres Ichs"

Reihe: Qual der Wahl

"Ohne Gegenstände wären wir nur halb Mensch", meint Historiker Frank Trentmann. Aus 600 Jahren Konsumgeschichte könne man ableiten, dass der Mensch neben einem psychologischen und sozialen auch ein materielles Selbst habe. Im Dlf erzält Trentmann, warum er Konsumenten zwar für mächtig hält, Konsumkritik aber für weitgehend wirkungslos.

Frank Trentmann im Gespräch mit Jonas Reese

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Von oben sind mehrere Menschen auf einer Einkaufsstraße zu sehen, darunter zwei modisch gekleidete, junge Frauen mit Einkaufstüten in der Hand - aufgenommen am 26.05.2017 in Berlin im Stadtteil Steglitz. (dpa / Wolfram Steinberg)
Die großen Hoffnungen, dass Konsumenten allein über ihr Portemonnaie die Weltwirtschaft verändern können, hält der Historiker Frank Trentmann für zu weit gegriffen. (dpa / Wolfram Steinberg)
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In seinem Buch "Herrschaft der Dinge" beschreibt der Historiker Frank Trentmann das 15. Jahrhundert als Ausgangspunkt für die Geschichte des Konsums: Durch zunehmenden Handel habe damals in Teilen Europas und Asiens der "Kreislauf der Dinge" spürbar zugenommen, sagte der Historiker Trentmann im Dlf. Konsum und Besitzgegenstände hätten von den Eliten nicht nur zu den Händlergruppen ihren Weg gefunden, sondern auch zu Handwerkern und Bauern.

Das materielle Selbst

Aus 600 Jahren Geschichte könne man ableiten, dass der Mensch nicht eine rein psychologische Identität habe, sondern das Gegenstände in unserem Leben Teil unseres Ichs seien: Konsum erlaube uns, unsere eigentliche Persönlichkeit zu entwickeln. Neben dem psychologischen und sozialen Selbst gebe es auch ein materielles Selbst: "Ohne Gegenstände wären wir nur halb Mensch".

Die Möglichkeit aus einer Vielfalt von Produkten zu wählen hält Trentmann daher auch für wünschenswert. Menschen die etwas wählen und darüber reflektieren, würden sich klarer darüber werden, was sie eigentlich haben wollen.

Der Historiker räumt dennoch ein, dass ein Bürger nicht bei jedem Einkauf die Zeit habe, um wirklich jeder Kaufhandlung zu reflektieren: "Es gibt natürlich die Qual der Wahl" - daher werde häufig auch auf Gewohnheiten zurückgegriffen.

"Konsumenten haben über den Kauf schon Macht"

Trentmann räumt den Konsumenten durch Kaufentscheidungen auch eine gewisse Macht ein: Die Käufer hätten die Macht Entscheidungen zu treffen, welche Produkte gekauft werden - und könnten beispielsweise die Arbeitsbedingungen, die hinter den Produkten steckten, entweder belohnen oder bestrafen. 

Diese Macht müsse man aber relativ sehen: Die großen Hoffnungen, dass Konsumenten allein über ihr Portemonnaie die Weltwirtschaft verändern können, hält Trentmann für zu weit gegriffen.

Konsumkritik sei mehrere Tausend Jahre alt und habe "nicht sehr viel produziert": "Einfach den Konsum verteufeln, das gab es schon immer. Das hat aber wirklich nicht dazu geführt, dass unsere Konsumsucht zurückgegangen ist". 

Es sei unwahrscheinlich, dass kleine konsumkritische Gruppierungen wie die "Zero Waste"-Bewegung oder die der Konsum-Minimalisten große Effekte hätten, denn "die Gesellschaft um uns herum, "tickt zu einem ganz anderen Rhythmus".

Frank Trentmann: "Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute". 
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017. 1104 Seiten, 40 Euro

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